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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Staatsprüfungen

Ein Berliner Weinreisender klapperte seine Tour ab in einem fabelhaften Land, links vom Äquator. Er gab sich dort im Wirtshaus für den deutschen Gesandten aus. Aber er habe viele Fässer Kreuzberger Nordseite unausgetrunken liegen und wolle die edle Berliner Marke seinen neuen Freunden gern zum Selbstkostenpreise ablassen. Dazu schwadronierte er, daß es eine Art hatte.

Der Gastwirt hatte den Auftrag, es bei Hofe zu melden, wenn Fremde von Distinktion bei ihm abstiegen. Und weil er ein Gastwirt war, hielt er den Weinreisenden für einen Fremden von Distinktion. Sofort kam auch der Fürst des fabelhaften Landes herbeigelaufen und setzte sich mit den anderen Honoratioren an der Wirtstafel um den Fremden herum. Denn der Ruf der großen deutschen Erfolge war auch bis zu ihnen gedrungen, und weil er der Fürst des fabelhaften Landes war, hätte er gern was gelernt.

Er fragte viel nach Bismarck und dem heiligen Stephan, der durch wunderbare Tauben Ölzweige und andere Nachrichten im Lande herumtragen lasse; es durften auch die anderen Honoratioren sich satt fragen, nach den neuen Gewehren und dem Aussehen der Prinzessinnen. Der Weinreisende war nie um eine Antwort verlegen und verkaufte zwischendurch ganze Stückfässer des berühmten Kreuzberger Nordseite zum Selbstkostenpreise. Endlich sagte der Fürst:

»Können Exzellenz mir auch die wichtigste Frage beantworten? Ich denke mir nämlich, daß bei einer so ungeheuren Verwaltung der Staat doch eine große Verantwortung auf sich lade. Er muß wohl an die hunderttausend entscheidende Männer anstellen als Ärzte, Richter, Trauungs- und Gerichtsvollzieher, Soldatenabrichter, Minister, Nachtwächter, Schutzleute und andere Lehrer. Wie kann nun der Staat bei so vielen Männern in wichtigen Stellungen wissen, ob der Beamte tauglich sei für sein Amt?«

Denn der Fürst des fabelhaften Landes war ein gewissenhafter Monarch.

»Majestäteken,« sagte der Berliner Weinreisende, »det is die einfachste Sache von der Welt. Wer sich zum Amt meldt, wird jeprüft. Wer durchfällt, jeht zur Opposition; wer die Prüfung besteht, wird berappt, det heißt, er kriegt Kies, det heißt, er bekommt ein Amt und Jeld.«

»Ah,« machten alle Honoratioren, »das ist wirklich sehr einfach. Das müssen wir bei uns nachmachen.«

Der Fürst aber schüttelte den Kopf und sagte:

»Bequem mag das sein, Exzellenz, aber gerecht dürfte man die Einrichtung schwerlich nennen. Wer prüft denn die Prüfenden daraufhin, ob sie tauglich sind für ihr Amt? Das müßte eigentlich der Fürst des Landes tun. Der kann aber unmöglich ein Gelehrter in allen Fächern sein.«

»Unmöglich,« nickte der Weinreisende. »Hebeammen werden ooch jeprüft.«

»Exzellenz sehen das ein. Und dann, wenn auch alle Prüfenden tüchtige und gerechte Männer wären, sie müssen doch dem Genie und dem fleißigen Schwachkopf die gleiche Note geben; da wissen doch die Ansteller nachher nicht, wer zumeist gefördert werden sollte?«

»So ist es, Majestäteken. Sie sind nich uf den Kopf gefallen.«

»Und noch eins,« sagte der Fürst, »es müssen doch da Millionen Menschen sein, die sich zu gar keiner Prüfung melden können, weil sie zu arm sind, um die hohen Schulen zu besuchen. Und wer kann wissen, ob unter ihnen nicht die begabtesten Gehaltbezieher zu erziehen wären?«

»Prost. Majestäteken!«

»Exzellenz zum Beispiel sind Gesandter und Weinhändler, und haben davon ein sehr gutes Auskommen. Prosit, Exzellenz, lassen Sie mich aber ausreden. Wonach regelt sich das in Ihrem Lande, daß Exzellenz zum Beispiel so viel Wein trinken dürfen, als Sie mögen, und viele andere nie im Leben einen Tropfen Wein zu schmecken bekommen?«

Der Reisende hatte schon zu viel getrunken. Lallend sagte er:

»Sire, Sie sind ein Schlauberger. Als Jesandter und Weinreisender brauche ich wirklich keine Prüfung abzulegen. Det wird man jewöhnlich durch seine Geburt. Aber mit dem Trinken is det anders. Sire, geben Sie keine Trinkfreiheit. Aufs Trinken wird jeprüft. Wer die feinste Zunge bei uns hat, der kriegt die besten Weine. Wer die feinste Nase hat, raucht die besten Zigarren, und wer die Weiber am besten versteht, kriegt von Staats wegen den schönsten Harem einjericht.«

Der Fürst sprang auf und rief: »Gott segne die Trunkenheit Ihrer Exzellenz, daß Sie mir das große Geheimnis verraten haben. Ja, das ist ein herrlicher Gedanke, und den will ich auch in meinem Lande zur Tat werden lassen.«

Der Fürst ging rasch ans Werk. Arbeiten mußten alle Bürger des fabelhaften Landes ohnehin; und da für alle Tätigkeiten ein mittlerer Verstand genügte, so führte der Fürst gar keine Beamtenprüfungen ein. Wohl aber ließ er alle seine Untertanen und sich selbst auf die Genußfähigkeit prüfen, und unerbittlich wurden von da an die Naturalgüter der Erde nach der Fähigkeit verteilt, ihrer froh zu werden. Vielen Grafen wurden ihre Gärten und Schlösser abgenommen, nur ihre Pferde, Hunde und Viehmägde wurden ihnen gelassen. Viele Bankiers mußten ihre Bildergalerien und ihre Köche hergeben und bekamen dafür Spielkarten, so viel sie haben wollten. Junge Arbeiter erhielten plötzlich der eine eine junge Komtesse, der andere einen Weinkeller, der dritte die erlesensten Zigarren, und ein armer Steinklopferssohn sogar eine Bildergalerie, die er erst zwei Jahre später sehen lernte. Es war ein furchtbares Durcheinander. Ein armer Graf, der zu seinem angestammten Besitz noch eine herrliche Waffensammlung und eine große Bibliothek hinzubekam, und ein Finanzmann, dem der Staat zwei Pariser Köche bezahlte und außerdem ein großes Palmenhaus mit den seltensten Pflanzen, wurden mit den Fingern gezeigt. Dafür nahm der Staat unzähligen Bauern auch noch das bißchen Wäsche aus den Truhen ihrer Frauen fort und ließ sie auf faulem Stroh schlafen.

Die Kirchenplätze wurden an alte Frauen vom Lande verteilt.

Am deutlichsten konnte man den Umsturz in den Schauspielhäusern beobachten. Da behielten nur wenige Abonnenten ihre guten Sitze. Junge Leute, die noch vor kurzem zweifelhafte Hemdkragen gezeigt hatten, jetzt aber freilich in Batist einhergingen, saßen in den Proszeniumslogen. Junge Mädchen mit den üppigsten Rosen im Haar lauschten im Parterre des Opernhauses. Und wenn diese Zuhörer die Augen schlossen, so taten sie es nicht, weil sie schliefen.

Gar viele Bürger des fabelhaften Landes wanderten aus. Früher, als das Urteil noch bei den Gastwirten war, hatten sie für Leute von Distinktion gegolten.

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