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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Der Traum im Herbstwald

Unter den rötlichen Kronen, zwischen grauen Buchenstämmen lag er auf Waldmoos, matt und selig und gedankenfrei. Sein Kopf ruhte auf dem Schoß der Geliebten.

Seine Augen blickten auf ihr schönes Gesicht. Sie streichelte sein Haar und lächelte. Da schien ihm das Lächeln leer, und er schloß die Augen.

Sie sagte:

»Mein geliebtes Herz.«

Da klang ihm ihre schöne Stimme hohl. Er schloß sein Gehör. Er schlief ein und träumte.

Er war ein edles Pferd, schwarzmähnig und ungezäumt. Die Geliebte saß auf seinem Rücken rittlings und hatte zwei dicke Strähnen seiner schwarzen Mähne um ihre weißen Finger geschlungen und spornte ihm die Flanken blutig. Sie lachte und spornte ihn und schlug ihn mit der Gerte um die Augen und um die Ohren. Da wollte er sie abschütteln und konnte nicht. Sie war eins mit ihm, nie konnte er sich von ihr trennen. Da faßte er sich einen Mut und jagte den Felsen hinauf und sprang mit einem furchtbaren Satz vom Stein hinunter ins Meer.

Er tauchte unter, und er war ein Delphin. Die Geliebte aber haftete an ihm als eine glänzende Schuppe. Die war mit Glasnägeln befestigt. Er schwamm zum Schwertfisch und bat ihn; der Schwertfisch sprengte die Schuppe von ihm los. Da saß die Geliebte auf einer Korallenbank am Meeresgrunde und hatte Korallen in den Haaren und Korallen um den Hals. Sie hielt eine Angel von Korall in ihrer Hand, daran hing eine Schnur aus schwarzen Pferdemähnenhaaren, und an der Schnur hing ein goldener Angelhaken mit einem lebendigen zuckenden Herzen. Der Delphin verschlang das Herz und fühlte den Angelhaken schrecklich sein Inneres zerreißen. Er wollte seinen Leib ausspeien, um sich zu befreien.

Da lachte die Geliebte, und er fühlte, daß der Haken in seiner Seele saß. Und mit einem Jammerruf spie er seine Seele aus.

Seine Seele aber flog bis an den Meeresspiegel und wurde dort ein blauer Schmetterling. Am Ufer im Sande saß seine Geliebte und hielt ein Netz von stählernen Spinnenfäden in der Rechten und eine Nadel in der Linken und lachte boshaft. Sie stand nicht auf und bewegte sich nicht, aber wo immer er ans Ufer flattern wollte, da saß sie und wartete mit dem Netz und der Nadel.

Endlich wandte er sich und flatterte meerwärts, bis er kein Land mehr sah und in den Wellen ertrank.

Als seine Seele ertrunken war, wachte er auf. Immer noch ruhte sein Kopf im Schöße der Geliebten, und er weinte bitterlich.

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