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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Sancho Pansa

Don Quichote, der edelste der Menschen, war gestorben, ein Märtyrer seines tapferen und guten Glaubens. Sancho Pansa aber, weil er klug und gemein war, blieb am Leben, und Sancho Pansa wurde der Erbe Don Quichotes.

Als nun Don Quichote, der edelste der Menschen, begraben war, weinte um ihn Sancho Pansa eine ehrliche Träne; dann sann er nach in seinem dicken Schädel, wie er Nutzen ziehen könnte aus dem Erbe seines Herrn.

Zuerst veranstaltete er eine Versteigerung, in welcher die Rüstungsstücke, die Lanze und der Helm des Ritters zu kaufen waren. Und weil sehr viele Leute lebten, welche zu dem Märtyrer Don Quichote als wie zu ihrem himmlischen Wohltäter aufblickten, so hatte Sancho Pansa aus den Gewandstücken einen guten Erlös. Das verleitete ihn freilich, eine ganze Handlung von alten Kleidern und altem Eisen aufzukaufen und all die Lumpen und die zerbrochenen Lanzen als echte Reliquien Don Quichotes von Zeit zu Zeit auszuwürfeln. Den glücklichen Gewinnern machte die Fälschung nichts. Denn sie schrieben den armen Habseligkeiten des edlen Ritters wunderbare Kräfte zu; das morsche Zeug aus dem Trödelgeschäft aber war um nichts weniger wirksam als die echten Waffen.

Da Sancho Pansa nun sah, daß man seinen guten Herrn als wie einen Wundertäter verehrte, war er nicht dumm und gründete daraufhin eine große Heilanstalt in derselben Gebirgswüste und an derselben Stelle, wo der edle Don Quichote einst auf dem Kopf gestanden hatte.

Er versandte lange Briefe an alle Kranken und Bresthaften Spaniens und versprach ihnen schnelle Genesung, wenn sie in seine Heilanstalt kämen nach der Wüste, fleißig beteten und Geld mitbrächten. Die Kraft der Heilung sei an den geweihten Boden gebunden, außerdem besitze er, der Direktor der Heilanstalt, noch die allerwirksamsten Reliquien: die vier Hufe des Rosinante. Nur die vier Hufeisen hätte er verkauft und sich mit Gold aufwiegen lassen. Die vier Hufe aber seien gut gegen Pest und Aussatz, gegen Fluß und die fallende Sucht, besonders aber gegen die übrigen Krankheiten.

Durch solche Klugheit wurde Sancho Pansa dermaßen reich, daß er seiner geringen Herkunft vergaß. Er sprach von seinem edlen Ritter nicht mehr als wie von seinem Herrn, sondern mehr wie von seinem Dienstknecht. Er fing an, sich wie ein Fürst zu kleiden und trank zur Erinnerungsfeier an Don Quichote nur noch aus goldenen Bechern.

Da ereignete es sich, daß ein schwarzer Handelsmann aus Afrika die Grabstätte Don Quichotes erwarb und dort eine noch viel größere Heilanstalt aufmachte. Und den Kranken aller Weltteile Genesung versprach durch den Zauber der Knochen Don Quichotes. Nun wurde Sancho Pansa wild, so dick er schon geworden war. Er gürtete sein Schlächtermesser, und es begann eine jahrelange Rauferei um das Grab Don Quichotes. Bei diesen Unruhen verloren sowohl Sancho Pansa als der schwarze Handelsmann aus Afrika viel von ihrem Vermögen. Da kamen beide eines Abends heimlich zusammen und trafen eine Verabredung. Die Rauferei sollte weitergehen, aber zu ihrem Nutzen. Auf jeder Seite des Grabes baute einer von ihnen ein Wirtshaus und verkaufte seinen rauflustigen Parteigenossen schlechte Getränke.

Durch solche Klugheit wurde Sancho Pansa immer nur noch reicher und dicker. Er faßte den Entschluß, sich Spanien anzueignen. War er schon einmal Statthalter einer Insul gewesen, so hoffte er auch als König gut zu bestehen. Er warb mit seinem Golde Tausende von Knechten, welche runde Schädel hatten wie er, Esel regieren konnten wie er, und sich wie er auf das Braten von Gänsen verstanden. Da hatte er eine gute Wahl getroffen. Mit ihren runden Schädeln rannten sie die Leute mit den hohen Stirnen über den Haufen, die Esel regierten sie vortrefflich, und zum Braten gab ihnen Sancho seine Feinde. Durch solche Klugheit wurde er am Ende mächtiger als der König von Spanien.

Bald nach diesen Erfolgen stellte es sich heraus, daß auch unter seinen Gefährten einige ehrliche Leute waren, die über seinem Triumph den edlen Don Quichote nicht vergessen hatten. Die rotteten sich zusammen und stellten eine neue Lehre auf. Don Quichote habe keinen runden Schädel gehabt, habe es geliebt, ein edles Roß zu regieren und habe seine Feinde nicht gebraten. Sancho Pansa überlegte nicht lange. Er trieb die Aufrührer aus seinem Reiche hinaus und machte seine Anschauung von den Schädeln, den Eseln und der Braterei zum Gesetz, bei Todesstrafe. Seitdem wurde in Spanien der Name Don Quichote kaum mehr genannt.

Sancho Pansa geht jetzt mit dem Plane um, sich aus eigener Machtfülle zum Sohne des edlen Ritters zu ernennen und seine eigenen Sanchokleider, seine eigenen Sanchoknochen und die Hufe seines eigenen Esels für wundertätig zu erklären.

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