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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Der Löwe

Da der Löwe noch jung war, gefiel ihm die Tigerkatze und er nahm sie zu sich in die Höhle. Dort sorgte er für sie wie ein großer Herr. Sie hatten aber keine Kinder, und so war die Tigerkatze niemals recht zufriedenzustellen. Sie war eine unverstandene Tigerkatze.

»Du bist nicht schön genug,« sagte sie einmal, als sie eines Nachmittags, von der Sonne bestrahlt, auf einer Felsenstufe von rotem Granit aufwachte. Und als der Löwe vergnüglich dazu aufbrüllte, fügte sie hinzu: »Sag, was du willst, gestreift bist du doch nicht. Ich denke mir mein Löwenideal gestreift.«

Ein andermal, als der Löwe gegen Mitternacht heimkehrte, schweißbedeckt und blutbefleckt – er hatte das Schaf zwischen Wachtfeuern über Plankenzäune und unter den Flinten der Jäger herausgeholt, seufzte die Tigerkatze gelangweilt auf und sagte:

»Ich danke für Schaf. Ich esse heute nicht. Du bist nicht recht tapfer. Du traust dich ja nicht durch das ganze königliche Heer hindurch in den Schloßturm zu dringen und mir die kleine Prinzessin zum Nachtmahl zu schaffen. Nicht einmal auf dem Magnetberg bist du gewesen, um mir den goldenen Paradiesvogel heimzubringen. Der soll gut schmecken, mit Prinzessinnenhirn farciert. Schaf mag ich nicht. Und das will ein Mann sein!«

Der Löwe zuckte von den Schultern bis zu den Flanken, leckte sich das Blut ab und fraß das Schaf allein auf. Für Kinder hatte er ja nicht zu sorgen.

Ein drittes Mal war er die ganze Nacht fortgeblieben, die Jagd war beinahe verfehlt. Endlich des Morgens kam er schweren Ganges heran, einen mächtigen schwarzen Büffel schleppte er heim. Die Tigerkatze lobte den Braten und aß des Büffels Augen und die beiden Lungenbraten. Dann putzte sie sich das Fell und sagte nicht unfreundlich:

»Wie bist du zu dem Stück gekommen?«

»Nu, eben so. Aufgespürt, aufgejagt. Wies die Hörner, mußte ihn tüchtig ins Genick beißen. Na, und da ist er.«

Die Tigerkatze streckte die glänzenden Glieder und sprach:

»Du bist doch nicht so stark, wie ich mir den Löwen vorgestellt habe. Du solltest mit einem Schlag deiner Tatze die Pyramide umwerfen können, du solltest mit deinen Zähnen die Kette durchbeißen, die den Mondwolf an die Erde bindet. Du solltest...«

»Ach was! Du solltest, du solltest!« brummte der Löwe verdrießlich. »Ich will! Sollen ist für die Tigerkatze!«

Da zog sich die Tigerkatze schmollend in den Winkel der Höhle zurück. Und sagte nur noch leise:

»Mag alles sein. Aber dir fehlt die Güte.«

Da vermochte der Löwe nicht einzuschlafen. Langsam fraß er weiter am Büffel, die schlechteren Teile, und dachte darüber nach, warum ihm die Güte fehle. Um des Weibes willen hätte es ihn gefreut, auch die Güte zu haben.

Da fing die Tigerkatze Streit an. Die Höhle war ihr bald zu hell, bald zu dunkel. Der Büffel hatte nicht das richtige Alter und war nicht in der richtigen Saison erlegt. Die Gegend war zu einsam.

Der Löwe erwiderte nichts; solche gereizte Worte hatten bisher immer mit Koketterie geendet, auch wenn es bis zu tätlichen Neckereien gekommen war. Heute aber war die Tigerkatze wie außer sich. Sie beschimpfte ihn. Er sei ihr verächtlich durch seine Schwäche. Und sie bleckte ihn an, biß ihn heftig in die Ohren und zerkratzte ihm das Gesicht. Langsam stieg in ihm der Zorn auf. Und als sie ihm plötzlich und unversehens mit der kralligen Tatze über das linke Auge fuhr, daß er um ein Haar des Auges Licht verloren hätte, da brüllte er kurz auf und schlug ihr mit der furchtbaren Kraft seiner Pranke das Rückgrat ein, daß sie tot war. Die Nacht über sann der Löwe mühselig nach. Bei Sonnenaufgang schmiß er den Leichnam den Berg hinunter und begann zu trauern, solange als es um ein Löwenliebchen üblich ist.

Später heiratete er eine gesunde Löwin und hatte mit ihr zwei allerliebste Kinder. Jetzt mußte er noch fleißiger auf Nahrung ausgehen und mehr Vorrat schaffen, obwohl die Herden seltener geworden waren und noch besser bewacht wurden. Oft, wenn er erst beim hellen Sonnenscheine mit der Beute heimkehrte, todmüde oder gar wund, lehnte er es ab, sofort zu ruhen und sich pflegen zu lassen. Stundenlang durfte die Löwin ihm erzählen und die Löwenkinder ihn zausen. Dann kam das Gespräch wohl auch auf seine Vergangenheit und auf seinen Charakter.

»Nein,« meinte dann die Löwin oft recht wohlwollend, »das muß dir der Neid lassen; schön bist du und tapfer und auch ziemlich stark für einen Löwen, von meinem Standpunkt. Ich bin eine einfache Frau. Natürlich, was man als Mädchen geträumt hat... aber wirklich, ich bin nicht unzufrieden. Gott, die Güte, die fehlt dir freilich.«

Der Löwe, dessen Flanken noch vor Anstrengung flogen, und an dessen Mähne die Kinder zerrten, daß es schmerzte, sann wieder nach. Und weil ihm das schwer wurde und er also dazu die Augen schloß, bemerkte er gar nicht, wie listig und dankbar zugleich ihn die Löwin anblinzelte.

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