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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Die Göttin Vernunft

Aller Völker verstorbene Götter leben auf einer goldenen Sonnenwolke. Die Wolke ist seltener Art. Sie kann nur blitzen und donnern, regnen kann sie nicht.

Die Götter sind müßig wie abgesetzte Fürsten.

Tausend Jahre hausten auf der goldenen Sonnenwolke die Götter der Griechen, froh, roh und behaglich. Sie liebten und freuten sich miteinander.

Da ging das Wolkentor wieder einmal auf und ein verstorbener Gott trat müde lächelnd herein.

Alle blickten ihn an, als wollten sie seinen Namen wissen.

»Mitleid,« sagte er leise, und bleich war er von Wunden und Mitleid.

»Gott war sonst anders!« rief Apollon erstaunt; Zeus ließ den Bizeps seiner Rechten spielen, und Wotan, der herangetreten war, schmunzelte:

»Sie haben dich gut zugerichtet. Du siehst wahrhaftig einem Menschen ähnlich. Komm! Ruh' aus! Ich mach' dir Platz.«

Wieder verging einige Zeit. Da öffnete sich das Wolkentor und die Göttin kam, die in Europa gerade hundert Jahre lang nach dem Mitleid geherrscht hatte.

Auf die fragenden Blicke erwiderte sie:

»Bin die Vernunft.«

Da lachten alle Götter und Göttinnen, denn die Vernunft sah aus wie eine Rechenmaschine.

»Ein Einmaleinsspiel,« sagte Sphinx und lachte.

»Sie kann nicht einmal lieb haben,« sagte Buddha und lachte.

»Sie ist den Strohtod gestorben,« sagte Wotan und lachte.

»Sie hat nie eine Dummheit getan,« sagte Zeus und lachte.

»Sie ist Vegetarierin,« sagte Moloch und lachte.

»Ich habe die Menschen glücklich gemacht!« rief die Vernunft.

»Ja, ja,« schrie Hephaistos und lachte lauter als alle übrigen. »Sie hat eine große Erfindung gelehrt. Sie hat einen Nachttopf erfunden, der zu gleicher Zeit als Tintenfaß zu benutzen war. Patent!«

Da wandte sich die Göttin Vernunft an Pallas Athene.

»Schwester, warst du nicht auch...«

»Ich?« rief Pallas entrüstet. »Ich eine Rechenmaschine? Dumm war ich freilich, damals mit Paris. Aber eine ehrliche Göttin. Meine Athenerstadt habe ich beschützt vor Persern, Spartanern, Philistern und vor der Vernunft. Mit dir habe ich kein Mitleid. Geh doch zu dem.«

Da ging die Vernunft zum Gott Mitleid, der sagte lächelnd:

»Ich habe Mitleid mit allem Lebendigen. Nicht mit dir, denn du lebst nicht.«

So wurde die Vernunft einstimmig aus dem Wohnsitz verstorbener Götter ausgewiesen.

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