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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Der Donner

Ein greiser Derwisch war sein Leben lang fromm gewesen; darum glaubte er mit Allah auf besonders gutem Fuße zu stehen. Und als er hundert Jahre alt geworden war, verlangte er sogar, mit Allah in näheren Verkehr treten zu dürfen.

»Sprich zu mir!« rief er ganze Nächte lang. Da flog einmal ein Dschin zu ihm heran und sagte:

»Allah spricht nicht mit dir.«

»Wenn er meine Sprache nicht spricht, will ich ihm entgegenkommen, ich will seine Sprache lernen. Hebräisch, Griechisch, Lateinisch oder Arabisch? Welche Sprache ist die seine?«

»Allah spricht nicht. Allah ist stumm.«

»Unverschämter Dschin!« rief der Greis. »Allah wird doch mehr können, als du und ich. Warum sollte Allah nicht sprechen können?«

»Allah ist stumm. Er braucht unsere arme Sprache nicht. Er ist kein Bettler.«

Sieben Jahre lang kämpfte der fromme Greis damit, daß Allah stumm sei. Dann verlangte es ihn wieder mit ihm zu verkehren.

»Höre mich wenigstens!« rief er ganze Nächte lang. Da erschien der Dschin wieder und sagte lächelnd:

»Allah hört dich nicht.«

»Was muß ich tun, damit er mich höre? Soll ich seine Feinde vergiften? Soll ich meinen kleinen Enkel schlachten?«

»Allah hört nicht. Allah ist taub.«

»Warum?« schrie der Derwisch entsetzt.

»Allah ist taub. Er braucht unser armes Gestöhne nicht. Er ist kein Bettelvogt.«

Da verlor der fromme Greis seine Vertraulichkeit mit Allah. Er begann ihn zu fürchten. Und wenn es donnerte, versteckte er sich und vermeinte, den drohenden Schrei eines Taubstummen zu hören.

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