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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Die Palme und die Menschensprache

Am niederen Ufer des Kongo standen zwei Palmen, eine alte, hohe, mit Früchten behangene, nicht weit ab eine junge, schlanke, nicht größer als drei Menschenzwerge, und die blühte zum erstenmal. Die junge Palme dachte gar nichts, denn sie blühte. Die alte sann seit Jahren nach und wollte etwas sagen. Doch alles, was sie durch Biegen und Rauschen zustande brachte, war doch immer nur: Es ist schwül, es regnet, und so ähnlich. Da beneidete sie die Menschen, die so schön schwarz waren, auch um ihre geläufige Sprache.

Eines Tages kamen Mwato und Nganya mit Spaten heran und begannen die junge Palme mit allen Wurzeln aus der dunklen Erde zu graben. Die alte Palme hatte die Empfindung, nun könnte es hier still werden. Und sie wunderte sich, daß der Jüngling und das Mädchen nicht unaufhörlich plauderten, da sie es doch konnten. Die aber gruben nur immer tiefer.

Als die heiße Mittagstunde nahte, legte Mwato zuerst den Spaten fort und Nganya folgte ihm. Er holte Nüsse herbei, und sie brachte Wasser. Sie hielten eine Mahlzeit und dann begannen sie zu sprechen.

Nganya: Hat der weiße Mann dir das Geldstück schon gegeben, ich meine den Lohn, weil wir die junge Palme ausgraben?

Mwato: Er hat es mir versprochen. Versprechen ist dasselbe, wie geben.

Nganya: Kannst du mir sagen, zu welchem Zauber die weißen Männer die Palme brauchen?

Mwato: Das kann ich dir ganz genau sagen. Sie sind Priester des Kaisers, der kein Land hat und auf dem Wasser herrscht. Ich verstehe sehr gut ihre Sprache. Es ist Englisch, was soviel heißt wie die Göttersprache. Der Kaiser dieses Landes hat gar kein Land. Aber dort ist es das ganze Jahr so kalt, daß das Meer so hart wird wie Stein. Darum kann er auf dem Wasser herrschen. Auf dem harten Wasser wachsen aber nur Jamwurzeln und Reis, nicht Bananen und Datteln. Der Kaiser aber wird böse, wenn er nicht Bananen und Datteln hat, und findet er keine in der längsten und kältesten Nacht des Jahres, so muß der Himmel einstürzen, und das harte Wasser wird in Trümmer geschlagen, und ihr oberster Gott, der kein Wasser vertragen kann, muß ins Meer stürzen.

Nganya: Das ist Bitterwasser.

Mwato: Bitterwasser kann er auch nicht vertragen. Nun kamen die weißen Priester sorglich zu uns, um für ihren Kaiser Bananen und Datteln zu holen. Jetzt aber holen sie sich schon junge Bäume und wollen sie ganz und gar auf ihr gefrorenes Wasser pflanzen.

Nganya warf sich auf den Rücken und strampelte vor Vergnügen mit ihren schwarzen Beinen. Sie lachte unbändig. Dann sprang sie auf, umrankte mit ihrem schlanken Leib die junge Palme und rief unaufhörlich: »Ich will dich wärmen, du sollst nicht frieren!« – Und dann lachte sie wieder und sagte zu Mwato: »Soll ich auch dich wärmen?«

Mwato: Sie wird nicht frieren. Der oberste der weißen Priester hat mir alles genau erzählt, und ich habe alles genau verstanden. In der Hauptstadt des gefrorenen Wasserlandes steht ein großer Tempel, und seine Wände sind hart wie Eisen und durchsichtig wie Luft.

Nganya: Du lügst!

Mwato: Ich nicht. Es ist der Tempel der Palmen. Dorthin schaffen sie Erde vom Kongo und senken die Palmen mit Wurzeln ein. Dort auch – so sang mir der erste der Priester – schüren des Tempels dienende Brüder ein ewiges Feuer im Palmendienst. Und die Sonne scheint durch die luftigen Wände und vermählt sich drin mit dem ewigen Feuer und ruft die Palmen hinauf in die Höh'.

Nganya: Weißt du noch mehr so Märchen? Was geschieht sonst in dem Tempel der Palmen?

Mwato: Des Morgens sieht man dort junge Mütter mit ihren Säuglingen und Lehrer mit den Knaben. An den Palmen lernen die Knaben lesen.

Nganya: Lesen? Was ist das?

Mwato(nachdenklich): Ich weiß nicht gewiß. Ich glaube so ungefähr gefrorenes Sprechen.

Nganya: Und dann?

Mwato: Dann kommt in der Dämmerstunde wohl ein Lehrer und eine junge Mutter allein unter die Palmen und empfangen die Weihen für das Geheimnis der Liebe.

Nganya: Liebe?

Mwato: Naja, das ist wieder gefrorene Freude bei ihnen; wie zum Beispiel, wenn wir beide erfroren wären und uns doch umarmen wollten.

Nganya warf sich lachend auf Mwato und schrie: »Ich bin nicht erfroren, ich liebe dich nicht.« Dann hielt sie plötzlich inne und sagte:

»Nein, es muß doch schön sein, sich vorher dazu weihen zu lassen. Womit werden sie geweiht?«

Mwato: Mit Kleidern.

Nganya: Kleider? Was ist das schon wieder?

Mwato: Bunte Matten. Wer dort keine solchen Kleider auf dem Kopfe trägt, der heißt ein Heide und wird verbrannt.

Nganya (weinend): Ich will nicht hin! Ich will mich vom Kleiderpriester nicht weihen lassen! Mir wird kalt!

Und sie warf sich schluchzend mit den Augen auf Mwatos Kniee.

Die alte Palme aber, die hoch hinausragte über den Urwald und viel gesehen hatte, wiegte sich leise und merkte, daß die weißen und schwarzen Menschen einander nicht verstanden.

Nach einer Weile flüsterte Nganya:

»Wie gut du bist!«

Mwato antwortete:

»Nein, du bist gut !«

Die alte Palme sah ihnen in die Augen und vernahm, daß sie beide sagen wollten:

»Ich bin glücklich.«

Mwato und Nganya waren glücklich alle zwei beide. Aber die alte Palme wußte jetzt, daß auch gleichfarbige Menschen einander nicht verstehen, selbst dann nicht, wenn sie sich verstehen wollen, und sie beneidete die Menschen nicht mehr um ihre arme Sprache.

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