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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Die hundertjährige Aloe

Es war einmal eine Gegend, nicht zu heiß und nicht zu kalt, hübsch in gemäßigter Lage. Im Sommer wurde das Getreide ziemlich reif, wenn's nicht gerade ein schlechter Sommer war, im Herbst flogen die Blätter eilig von den Bäumen und die Vögel nach dem Süden, im Winter hatte man gute Kachelöfen und im Frühling gar ...

Im Frühling hatte die Gegend Hochzeit, überall, fast alle Finger breit, schoß ein grünes Grashälmchen aus dem Boden, und die Bäume, die das gewohnt waren, bedeckten sich fast mit grünen Blättchen. Nur wenige Nachtfröste störten das Vergnügen. Die Sonne erhob sich ein hübsches Stückchen höher und blieb ein Stündchen länger sichtbar. Die Menschen zündeten keine Kohlen mehr an, und die Jüngeren unter ihnen machten sogar die Fenster ihrer Häuser auf und lachten, wenn ein Menschlein anderen Geschlechts vorüber kam. Dann sagte das eine: Du, du!, und das andere antwortete: Du, du!

Man nannte das den Lenz oder das Verliebtsein. Das war aber noch gar nichts gegen das Tütü der Vögel in den Zweigen. Sie waren alle in dieser Gegend zu Hause, und wenn sie den Winter über anderswo ihrer Nahrung nachgegangen waren, so kehrten sie jetzt zurück, machten Tütü, bauten sich Nester nach dem Muster der Kachelöfen und legten zwei bis drei Eierchen hinein. Einige selbst fünf bis sechs, aber die wurden schon mißtrauisch betrachtet. Sie seien nicht von der ehrsamen einheimischen Art.

Das war das Frühlingsfest der Gegend.

Mitten in der Gegend, nicht weit von einem alten Gemäuer, lebte eine Aloe. Beinahe hundert Jahre steckte sie schon da im Sande. Unbewegt von Wind und Stürmen starrten ihre starken Schwertblätter wie Eisenwaffen in die Gegend. Unheimlich zeichnete sich ihr Schatten des Abends vom Gemäuer ab. Kein Grashalm wuchs im Umkreis ihrer Blätter, kein Vögelchen nistete auf ihrem Haupt, und der gefräßigste Esel ging scheu an ihren Stacheln vorüber.

Und die Aloe dachte:

»Das ist keine Sonne. Das ist nur ein Widerspiel des Glanzes, den ich meine. Das ist eine Spielsonne für Kinder. Mich friert in dieser Kindersonne. Das ist keine Wiese, das ist Hungergras. Das ist das Hungergras, das bei uns zu Hause wuchs, vor Jahren, damals, als unsere Sonne zerbrochen war und der Feind Salz auf die Erde gestreut hatte. Das ist kein Vogelgesang, das ist kein Vogelgefieder. Entfärbt ist der Flaum, krank ist der Gesang. Sie frieren wohl alle wie ich. Und das ist keine Liebe, das Dudu der Menschen. Das ist verhungertes Liebesspiel. Darum sind sie auch so ängstlich dabei und verstecken sich. Sie frieren alle!«

Die kalte Nacht brach herein, und die Aloe verlor das Bewußtsein. Mit dem Tage wachte sie wieder auf. Es war der wärmste Frühlingstag der Gegend, ein Sommertag. Die Aloe zitterte und dachte:

»Mich friert. Hundert Jahre in diesem schlechten Sand. Ich wollte, ich wäre auf meiner Südseeinsel, in meinem warmen, fetten, tiefen, eigenen Boden. Ich wollte, die Kindersonne ginge für immer unter und die echte Sonne stiege auf über mir, lotrecht, und sie überschüttete mich mit ihren schwersten Strahlen. Schwarzglühend, dicht und fest. Wie würd' ich baden in der Sonne, baden, auftauen, mich recken und strecken, ihr entgegenwachsen, gebären. Ja, ich weiß, das könnte ich. Über Nacht einen Blütenstengel so stark und so hoch, wie drüben der harte Eichbaum. Einen Baum über Nacht und ihn einhüllen in hunderttausend Blüten, und duften, duften zu deinem Preis, heilige Sonne, daß die ganze Gegend sich daran berauschen müßte. An mir allein, an meiner Blüte sollten sie alle sich berauschen, die armen, hungrigen Grashälmchen und die grauen, kranken Vögelchen. Und für alle Vögel und Schmetterlinge schüfe ich Raum auf meinem einen Blütenbaum. Das wäre mir ein Glänzen und Jubilieren. Und auch die armen, bleichen Menschen würde ich zwingen zum Rausch, zu Ringeltanz und Opferschmaus, und sie eine, eine Frühlingsnacht lang maßlos beglücken mit unserem allerheiligsten Du, mit der echten Liebe, der heißen Sonnenliebe.«

Im kommenden Sommer wären die hundert Jahre der Aloe vielleicht um gewesen. Da kam aber ein Bauer und hob sie mit dem Pfluge aus dem Sand und warf sie auf den Mist. Sie störte ja mit ihren kalten Schwertblättern den Frühling der Gegend.

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