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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Nazis letzter Wunsch

Der Schneider Nazi lag in den letzten Zügen. Es sah wüst in der Stube aus, denn er hatte keinen Kreuzer mehr übrig für den Arzt oder für seine Pflegerin. Essen konnte er schon gar nicht mehr. Auf seiner geblümten Bettdecke lagen aber noch zwei Zehnguldenscheine. Neben dem Pfühl, auf dem einzigen Stuhle, saß der gute, rundliche Pfarrer. Am Fußende stand der Nachtwächter und hielt eine Trompete in der Hand.

»Nazi,« sagte der Pfarrer, »es ist dein letztes Stündlein. Schenk's der Kirchen, ich rat' dir gut, deine zwanzig Gulden. Dann les ich dir eine Messen, und du hast dafür die ewige Seligkeit. Sonst bleibst leicht in der Höllen.«

»Ich will nichts gegen Hochwürden sagen,« brummte der Nachtwächter. »Aber du weißt, Schneider, was du haben kannst: eine Musik zum Begräbnis und noch dazu in Uniform. Die kriegt nur, wer Mitglied der Bürgerwehr ist. Du bist nicht Mitglied, kriegst also keine Musik. Jetzt, lang hast nicht mehr Zeit, dir's zu überlegen. Gibst mir die zwanzig Gülden, springst jetzt noch ein, kannst übermorgen dein Bürgerbegräbnis haben. Zureden tu ich zu nix.«

Der Schneider dachte nach. Der Pfarrer murmelte Gebete, und der Nachtwächter blies aufmunternd die ersten Takte des beliebtesten Trauermarsches. Der Schneider horchte bald dahin, bald dorthin. Als der Nachtwächter plötzlich absetzte, griff der Schneider so rasch er konnte nach den beiden Zehnguldenscheinen und reichte sie zitternd ihm.

»Da, schreib mich ein. Ich will meine Musik haben.«

Der Nachtwächter rannte mit dem Gelde fort. Der Pfarrer wurde nicht zornig. Nur traurig schüttelte er das rote Köpfchen und sagte:

»Schau, Nazi, du tust mir leid. Jetzt wirst in der Höllen bleiben.«

Der Schneider röchelte. »Hochwürden ... ich hätte noch was ... da... unterm Kissen... leicht kommt ein Terno ... übermorgen ist Ziehung ... ich Hab' gehofft, es noch einmal zu erleben ... Hochwürden, nehmen S' den Lottozettel für sich.«

Der Pfarrer zog unter dem Kopfkissen den kleinen blauen Papierstreifen hervor und blickte zuerst auf die drei Nummern. Sie schienen ihm zu gefallen.

»Ist brav, Nazi, ist aber nichts Gewisses. Zehn Kreuzer Einsatz? Hm! Hm! Ich will dir was sagen, Nazi. Umsonst ist der Tod. Kommst raus mit dem Terno, kommst raus aus der Höllen, bleibst drin, bleibst drin.«

Der sterbende Schneider faltete die Hände und betete zu Gott, daß sein Terno herauskommen möchte.

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