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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Praktisch

Ein reicher Onkel hatte einen armen Neffen. Der arme Neffe saß in einem Amt und verzehrte sich in Sehnsucht nach Kenntnissen, nach Kunst und Freude. Dabei tat er seine Pflicht und schrieb endlose Zahlen ins Buch, ohne sich je zu irren. Als er sich aber genügend abgezehrt hatte, legte er eines Tages die Feder hin, setzte seine Mütze auf, ging auf die Straße, krampfte die Finger zusammen, warf mit der letzten Kraft seinen Stolz auf das Straßenpflaster und trat ihm ins Genick. Er wurde ganz bleich von der Anstrengung. So bleich ließ er sich bei seinem reichen Onkel melden, nahm die Mütze ab und faltete die Hände.

Der reiche Onkel war guter Laune. Vielleicht wurde was aus dem Jungen, so einer, von dem es dann in den Zeitungen heißt, daß ihn sein Onkel hat ausbilden lassen. Und so schenkte der Onkel seinem Neffen zum vorläufigen Lebensunterhalt einen guten Rat und drei harte Taler. Auch der Rat war hart: »Du mußt praktisch werden.«

Der Neffe sprang dankbar und glücklich die Treppe hinunter. Die Sonne schien, die Welt lag offen, und er nahm sich vor, praktisch zu werden.

Zuerst und für den ersten Taler kaufte er sich eine Flasche Wein. Denn er hatte keinen Hunger.

Dann und für den zweiten Taler kaufte er sich einen Rosenstock. Denn er hatte keine Geliebte. Wenn er aber eine fände, so wollte er den Rosenstock pflegen, und für sie jede volle Blüte abschneiden, solange es Sommer war.

Zuletzt und für den letzten Taler kaufte er sich eine persische Grammatik bei dem alten Trödler hinter dem Mühlendamm. Denn er verstand die persische Sprache nicht.

Wenn er aber alles andere erlernt hätte, unterstützt von seinem Onkel, Französisch und die Weltgeschichte, die Kunst und die Philosophie, dann wollte er ja auch Persisch lernen und in seligem Rausche mit dem winterdürren Rosenstock und der rosigen, jungen Geliebten nach Persien wandern, unter den Laubgängen der Rosengärten wohnen, persische Lieder singen, einen persischen Säbel verdienen und ihn ziehen an der Spitze des Perserheers im Kampfe gegen Rußland, und niederwerfen den Koloß und befreien das arme Europa von dem alten Alp und einziehen als Triumphator neben der Geliebten durch die Straßen der Heimat und dem Onkel die Schätze des Orients zu Füßen legen.

Am nächsten Tage kam er wieder zu dem reichen Onkel und drehte die Mütze und faltete die Hände und wurde hinausgeworfen. Da suchte er auf der Straße bis zum Sonnenuntergang seinen Stolz, dem er ins Genick getreten hatte. Als er ihn nicht mehr fand, fühlte er mit der linken Hand, ob er die persische Grammatik noch in der Tasche hätte, und sprang ins Wasser. Das war an der Oberfläche zum Schreien kalt. Als er aber in die Tiefe sank, wurde es wohlig, warm und hell und duftig und farbenschimmernd wie die Rosengärten von Schiras.

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