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Aus dem Leben eines Glücklichen

Heinrich Hansjakob: Aus dem Leben eines Glücklichen - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorHeinrich Hansjakob
booktitleErinnerungen einer alten Schwarzwälderin ? Kleine Geschichten
titleAus dem Leben eines Glücklichen
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
seriesAusgewählte Erzählungen
volumeFünfter Band
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3

Ich ging am folgenden Abend etwas früher in den Wald. Der alte Kerl hatte mir Achtung eingeflößt mit seinen Darlegungen. Ich mußte ihm Punkt für Punkt Beifall geben.

Ich war nun begierig, zu hören, wie er die Menschen taxieren und wie er sich und seine Lage ihnen gegenüber verteidigen würde.

Im Walde herrschte tiefes Schweigen. Kein Vögelein rührte sich in den Bäumen. Drüben auf der Wiese am Waldrand stand ein Reh und statt zu äsen, horchte es auf.

Die Tiere mochten ahnen, daß einer im Begriffe stehe, mit ihren Herrschern und Tyrannen ins Gericht zu gehen. Drum schwiegen sie, um kein Wort zu verlieren, wenn der Alte im grünen Röcklein seinen Spruch täte.

Dieser sah heute aus wie einer, der einen Freudentag hat, den ihm niemand trüben kann.

Ich hab' schon den ganzen Nachmittag – so hub er an – nach der Türe in der Mauer gespäht, ob deine lange, schwarze Gestalt nicht durch sie herauskäme; denn ich kann's nicht erwarten, bis ich dir dargetan habe, daß ich hienieden das glücklichste aller Geschöpfe bin und, was Glück betrifft, euch Menschen und Herren der Schöpfung ebenso hoch überrage, als ich in der Reihe der irdischen Wesen tief unter euch stehe.

Also höre mich an, und so dir, wenn ich zu Ende bin, etwas nicht paßt oder du eine Einwendung zu machen hast, so tue es ungeniert. Ich kann alles ertragen, ohne mich aufzuregen, und werde dir keine Antwort schuldig bleiben, denn ich hab' in meinem langen Leben was gelernt.

Ich habe namentlich auch die Menschen aller Zeiten kennen gelernt. Ich sah noch vor meinen Augen wandeln, leben und sterben die Männlein und Weiblein der Eiszeit. Es mögen wohl 5000 Jahre vergangen sein, seitdem sie eines schönen, kalten Tages in dieser Gegend erschienen und ihre Zelte aufschlugen auf dem Hügel, der heute die Karthause trägt.

In Renntierfelle gehüllt, humpelten sie daher, klein, blaß, hohlwangig und schwermütig. Man sah es ihnen auf den ersten Blick an, daß es ihnen nicht ums Lachen sei in ihrem Dasein. Sie kämpften einen schweren Kampf um ihr armseliges Leben. Kälte und Schnee, Stürme und Unwetter verfolgten sie, und mit Mühe und Gefahr suchten sie ihre tägliche Nahrung. Aber wo und in was? Im Morde der Tiere.

Als die Menschen kamen, ging das Sterbenmüssen unter den Tieren erst recht an. Hatte ich bisher nur gesehen, wie die Tiere einander, das Größere das Kleinere, auffraßen, so sah ich jetzt, wie der Mensch über alle Tiere herfiel, sie mit Lanze und Bogen tötete und über jedes Meister ward. Der Mammut, der Bär, das Elentier, der Wisent, der Ur fielen seiner List zum Opfer so gut wie der Alpenhase, die Gemse, der Polarfuchs und wie die Schneehühner, Ammern, Drosseln, Auerhähne, Enten und Schwäne.

Jetzt kam die Vergeltung auch über die größern, grausamern Tiere, die bisher ungestraft ihre Mitgeschöpfe gemordet. Der Mensch fällte nun auch sie selber.

Und alle, alle verzehrte er, wenn auch nicht roh, wie die Raubtiere es taten, sondern gebraten; denn er brachte das Feuer mit. Von ihm lernte ich dieses gewaltige Element kennen, erfuhr aber zugleich auch, daß selbst diese Kraft, die sonst alles verzehrt, mir nichts anhaben kann. Manchmal brieten die Eiszeitmännlein ihre Beute ganz in meiner Nähe. Die Flammen schlugen an mir hinauf, aber ebenso wirkungslos wie ein Windhauch. Ich war stolz darauf, daß selbst die Feuerflammen mein Wohlbehagen nicht zu stören imstande sind.

Was Haare und was Federn trug unter den Tieren – alles, alles tötete der Mensch, dieser Massenmörder, den ich ob seiner Grausamkeit verachtete. Es ist ja wahr, daß er sein Leben in dem damaligen kalten Klima, in dem nur Moose, Flechten, Fichten, Führen, Birken und Weiden gediehen, nicht anders fristen konnte, denn als Jäger.

Aber ich frage: Ist ein Geschöpf glücklich zu nennen, das sich nähren muß mit dem Blute und Leben seiner Mitgeschöpfe, die es unter Martern getötet?

Und was für ein hartes Leben führten sie trotzdem! Wie beschwerlich war die Jagd und wie gefährlich zugleich. Ich sah mehr denn einen von ihnen von Bären zerfleischt werden und unter Qualen sterben.

Wie mühsam mußten sie ihre Waffen und Werkzeuge herstellen aus Stein und Knochen! Wie litten sie unter der Kälte! Während des langen Winters krochen sie in Höhlen, wo der Rauch ihres Herdfeuers sie fast erstickte.

Ihr einziges Vergnügen, in freien Stunden mit Steinen die Knochen der getöteten Tiere aufzuschlagen und das Mark daraus zu saugen, war ein ekelerregendes.

Während ich bei allen Tieren beliebt war, fürchteten diese bald den Menschen wie das Feuer. Wo immer er sich blicken ließ, flohen sie entsetzt vor ihm davon. Sie kannten ihren größten Feind.

Noch die arme, verfolgte Tierwelt fand einen Rächer am Tod, der grausam mit den armen Menschen umging. Ich hörte sie in ihren Zelten und aus ihren Höhlen oft stöhnen in den Schmerzen des Todes. Und wenn die Lebenden dann weinend und jammernd hinter der Leiche des Toten dahinschritten, um ihn drunten im Tal ins Moor zu begraben, da hätte mich Mitleid mit ihnen erfassen können, wenn Mitleid nicht wehe täte und ich nicht frei wäre von jedem, auch dem geringsten Wehe. Oft aber sagte ich mir: Die Geschöpfe, so man Menschen nennt, müssen doch am meisten unglücklich sein: denn bei keinem andern Wesen, als bei ihnen, sehe ich Tränen.

Daß unsereiner, tränenlos und sorgenlos, glücklicher sich fühlte als die Menschen der Eiszeit, würdest du mir gewiß glauben, auch wenn ich es nicht sagte.

Ich sah sie auch langsam aussterben. Das Klima tötete sie. Der Tod war für diese melancholischen, freudelosen, frierenden Menschen eine Erlösung. Viele der Tiere, die sie gejagt, folgten ihnen im Tode für immer nach, so der Mammut und das Elentier.

Ich weiß nicht, wie lange ich wieder in meiner Einöde lebte, bis andere deines Geschlechtes kamen.

Eis und Schnee wichen mehr und mehr. Nur der Feldberg war bald allein noch ein Gletscher. Die Waldbäume, die bisher nur vereinzelt da gestanden, verdichteten sich durch neue Sorten zu Wäldern, und in den Tälern wuchs Gras statt Moos und Flechten.

Auch neue Tiere kamen, wie das Reh, der Hirsch, das Wildschwein.

Endlich rückten auch wieder Menschen an. Sie standen eine Stufe höher als die früheren. Sie trieben Ackerbau und Viehzucht und bauten Häuser. Aber das Glück brachten sie auch nicht mit. Im Gegenteil: während ihre Vorgänger ihr ödes Dasein friedlich unter sich verbrachten, sah ich jetzt, wie oft um des Eigentums willen ein Stamm über den andern herfiel, ihn plünderte, ihn verjagte und seine Hütten zerstörte. Dabei ging es nie ohne Tötung ab.

Bisher hatten die Menschen ihre Waffen nur gebraucht, um Tiere zu morden; jetzt kehrten sie ihre Lanzen und Pfeile auch gegen sich selbst.

Ist das nicht ein jammervolles, elendes Geschlecht, das sich selber mordet? Bären, Füchse, Luchse und andere wilde Tiere ziehen nicht herdenweise gegen sich selber zu Feld, wohl aber die Menschen. Dabei erfuhr ich noch eine schreckliche Untat, zu der nur der Mensch fähig ist. In meiner Nähe hatte sich eine Familie niedergelassen. Eines Tages war der Stammvater, ein alter, noch kraftvoller Bauer der jüngern Steinzeit, auf die Jagd gezogen. Als er am Abend heimkam, fand er die Seinen alle erschlagen, seine Hütte verbrannt und seine Herden weggetrieben.

In der Wut des Schmerzes und der Verzweiflung stieß er sich seinen hörnernen Dolch in die Brust und tötete sich selber. So was sah ich bei Tieren nie!

Wie namenlos unglücklich muß ein Geschöpf sein, das so was tut! Und jener Urbauer war nicht der einzige, den ich so enden sah.

Und ihr Menschen, von denen keiner sicher ist, daß er im Wahn oder in der Verzweiflung Aehnliches tut, wagt es, das Wort Glück auch nur noch im Munde zu führen? –

Du kannst von der Karthause aus das Dorf Kirchzarten sehen. Es ist der erste Ort, den die Kelten, welche die Menschen der jüngern Steinzeit ablösten, erbauten und ihm den Namen Tarodunum gaben, d. i. Burg des Taro.

Dieser Taro war ein Häuptling, den ich noch wohl kannte. Er hatte seine Sommerresidenz ganz in meiner Nähe, auf dem spätern Karthäuserberg, und ging oft in diesem Walde spazieren. Er war ein grausamer Mann und behandelte seine Untergebenen wie die Hunde. Er ließ sie schlagen und peitschen und töten nach der Willkür seiner Laune und verkaufte sie an andere Häuptlinge um schnödes Geld, wo sie als Söldner dienen und andere Stämme bekriegen mußten.

Ich lernte da kennen, was ihr Menschen euch alles gefallen lassen müßt von euren Herren, die von eurem Schweiß leben und noch dazu gar oft euer Blut vergießen.

Unsereins ist sein absolut eigner Herr, Freiherr von Gottes Gnaden. Bei uns kennt man keine Könige und keine Knechte, keiner befiehlt dem andern, und keiner dient dem andern. Alle sind wahrhaft frei und darum glücklich.

Aber auch jener Taro war kein glücklicher Mann und fand seinen verdienten Lohn. Eines Tages erstürmte ein fremder Häuptling seine Burg und erschlug ihn.

Bei den Kelten lernte ich wieder etwas ganz Neues kennen, ein Ding, das man auch wieder nur bei euch Menschen findet, die Religion.

Ich sah die Priester der Kelten, die Druiden, Altäre errichten und Opfer darbringen und hörte alles Volk flehentlich zum Himmel rufen.

Sie adelt euch, die Religion: aber, ehrlich gesagt, mir kam, so oft ich die armen Menschen so zu ihren Göttern flehen und rufen hörte, der Gedanke: Was müssen diese Geschöpfe an Schuld und Unglück zu tragen haben, daß es ihnen nicht genügt, ihre Tränen zur Erde fallen zu lassen; sie müssen auch nach einer andern Welt rufen um Gnade und Kraft und Hilfe!

Unsereiner, frei von Schuld und Sühne, frei von Leid und Schmerz, braucht keine Götter, die sich seiner erbarmen und ihm helfen sollen. Er dankt seinem Schöpfer durch sein stilles Glück in dem unscheinbaren Dasein, in das er ihn gerufen. - – –

Während der Alte so redete und ich, der Karthäuser, gespannt ihm zuhörte, war ein Gewitter vom Feldberg her ins Dreisamtal gezogen. Die Blitze zuckten und die Donner rollten und die ersten schweren Regentropfen fielen.

Da es bekanntlich gefährlich ist, bei Gewittern unter Bäume zu sitzen, und schwachnervige Leute, wie ich, ohnedies ängstlich sind, so wurde ich unruhig und bat den greisen Erzähler, seine Schilderung noch einmal zu unterbrechen und mich zu entlassen.

Dein Wunsch sei dir gewährt, so antwortete er. Ihr Menschen seid ja nirgends eures Lebens sicher und überall von Unglück bedroht, während unsereiner nichts, auch den Blitz nicht zu fürchten hat, weil er der einzigen Sorte von Geschöpfen angehört, die laut singen können: Kein Unglück schlägt uns je darnieder!

Also eile, um dem Gewitter aus dem Weg zu kommen. Ich will, wenn du an einem andern Tag wiederkommst, mein Lied vom Glück der Menschheit weiter und zu Ende singen.

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