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Aus dem Leben eines Glücklichen

Heinrich Hansjakob: Aus dem Leben eines Glücklichen - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorHeinrich Hansjakob
booktitleErinnerungen einer alten Schwarzwälderin ? Kleine Geschichten
titleAus dem Leben eines Glücklichen
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
seriesAusgewählte Erzählungen
volumeFünfter Band
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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2

Am folgenden Tage trat Regenwetter ein. Ich, der Schreiber, kam nicht in den Wald und mußte eine Woche lang warten, bis es wieder trocken war in seinen Gründen.

Als ich nach reichlich acht Tagen wieder unter meine Tannen mich setzte, hub mein glücklicher Freund alsbald an zu spötteln: Weiß, wohl, warum du nicht gekommen. Hast gefürchtet, einen Schnupfen zu holen in meiner Nähe, und ein Schnupfen ist schon ein halbes Unglück für viele Herren der Schöpfung. Unsereiner lacht ob solcherlei Kleinigkeiten. Und während euch tausendfach die Krankheit heimsucht, ist er kerngesund; und wenn alles, was lebt und schwebt, die Pest kriegt und an Cholera stirbt – unsereinem tut das so wenig als ein warmer Windhauch.

Doch setze dich jetzt, alter Seufzer und Kränkler, ich will dir weiter von meinem Glück reden, will's aber ganz kurz machen für heute, denn der Waldboden ist doch noch zu feucht für dich.

Ich habe dir das letztemal erzählt, daß ich mit keinem Tiere, weder groß noch klein, tauschen möchte; denn sie alle sind unglücklich, während ich glücklich bin, weil bewahrt vor all ihrem Leid und Schmerz.

Aber nicht bloß die Tiere, auch was sonst noch lebt in meiner Nähe, kann nicht, wie ich, von Glück sagen.

Als ich hierherkam, wuchsen mit den Jahren rechts und links von mir zwei Birken. Sie sind schon lange, lange tot, von Sturm und Alter gebrochen und verendet. Die Tannen, die du zu meinen Seiten siehst, sind schon die fünfzigste Generation, die neben mir wuchs, groß ward und starb. Ich aber bin der Gleiche geblieben, gleich frisch, gleich gesund und gleich jung, wie an dem Tage, da ich mich hier niederließ.

Und was hat ein Waldbaum alles mitzumachen! So lang er jung ist, nehmen ihm andere, größere das Licht, dem er zustrebt. Hat er sich bis zu diesem durchgerungen, so muß er mit den Stürmen kämpfen, die ihn zu brechen drohen; er muß, wenn die Donner rollen, die Blitze fürchten, die ihn spalten wollen; er muß es dulden, wenn schädliche Käfer an ihm nagen und ihm langsam den Tod bringen.

Ich für meine Person danke für das Vergnügen, ein Baum zu sein und, groß geworden, den Aether des Himmels zu küssen. Dies kurze Glück ist mit Sorgen erkauft, die unsereiner nicht kennt.

Und wenn ich die Blumen und die Gräser betrachte, die unter den Bäumen aus der Erde sprießen, grünen und blühen, so erfaßt mich wahrlich auch kein Neid.

Kaum freut sich das Gras seiner üppigsten Lebenszeit, so kommen die Tiere des Waldes und verzehren es samt seinem Leben. Und die Blumen haben kaum einige Tage das Licht der Welt erblickt, so müssen sie ihre Kelche neigen und sterben.

Im Sommer gehen sie oft qualvoll an Durst zugrunde, und im Herbst tötet sie der Frost.

Und was nützt es dem schönen Blümlein, wenn Schmetterlinge kosend es umflattern und Bienen schmeichelnd es umsummen? Sie wollen es ja nur küssen, die Falschen, um ihm seinen zartesten Schmelz und sein, süßes Herz zu stehlen und dann für immer von ihm zu scheiden und es allein sterben zu lassen.

Nein, nein, ich möcht' fürwahr keine Blume sein!

Wo immer ich hinschau', ist Sterben und Vergänglichkeit. Siehst du jenes Sonnenlicht, wie es im Laube und im Moose spielt? Es lebt und bringt Leben. Doch bald kommt die Nacht, und es muß sterben. Ich aber bin Tag und Nacht der Gleiche, und Licht und Finsternis können mir weder Freud, noch Leid bringen.

Fühlst du den weichen Hauch des Abendwinds, wie er sanft und leise alles küßt auf seinem Weg, wie ein junger Friedensgott?

Es erhebt sich ein Sturm und der packt den stillen Zephyr, verschlingt ihn und jagt mit ihm hinaus ins weite Luftmeer. Er ist dahin und kommt als solcher nimmermehr.

Und hörst du das Büchlein dort drüben schluchzen? Im Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt, da rauscht es stolz an mir vorüber, hinaus in die weite Welt, heute hat es nur noch Tränen; denn es ist am Sterben. Die heiße Sonne ist sein Totengräber.

Ich sehe es dir an, du gibst mir mehr und mehr recht und schaust achtungsvoll mich an, mich, dem der Schöpfer so wenig und doch so viel gegeben hat, daß er weder mit den Tieren des Waldes, noch mit den Vögeln des Himmels, weder mit den zum Lichte ringenden Bäumen, noch mit den duftenden Blumen, weder mit dem lichten Sonnenstäubchen, noch mit den leisen Zephyren und mit den rollenden Bächlein tauschen möchte. Sie alle, alle müssen leiden und sterben, ich aber nicht.

Du wirst sicher noch mehr und erst recht an mein Glück glauben, wenn ich dir Vergleiche bringe zwischen mir und euch Menschen. Doch das gibt ein langes Kapitel für unsere nächste Zusammenkunft. Ich schließe drum heute und rufe dir zu: »Auf Wiedersehen, Unglücklicher erster Klasse!«

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