Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Aus dem Jahrhundert der Revolution

: Aus dem Jahrhundert der Revolution - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/hildebra/jahrrevu/jahrrevu.xml
typetractate
authorKarl Hillebrand
titleAus dem Jahrhundert der Revolution
publisherVerlag von Karl J. Trübner.
seriesZeiten, Völker und Menschen
volumeFünfter Band
printrunDritte Auflage
year1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101203
projectid8a76f1a2
Schließen

Navigation:

VI. Henry Costa de Beauregard.

I.

Wer sich einmal recht lebendig den Abstand zwischen der Denk-, Handlungs- und Gefühlsweise des vorrevolutionären und des heutigen Adels vergegenwärtigen möchte, dem sei das Buch Herrn Costa de Beauregard's empfohlen, in welchem derselbe die Lebensgeschichte, oder genauer zu reden, die wichtigste Episode aus der Lebensgeschichte seines Urgroßvaters erzählt. Un homme d'autrefois, souvenirs recueillis par son arrière-petit-fils, le Marquis Costa de Beauregard. (Paris. 1878). Die dreibändigen »Mémoires historiques sur la Maison de Savoie« (Turin 1816), welche merkwürdiger Weise hier gar nicht erwähnt werden, sind wohl ein Werk des »Mannes von ehedem«; der Standpunkt des Verfassers ist jedenfalls derselbe. Allerdings ist diese vergleichende Belehrung auch der einzige Vortheil, den man aus dem Umstande ziehen kann, daß der Urenkel, anstatt uns die Briefe und Denkwürdigkeiten seines Ahnen einfach mitzutheilen, geglaubt hat, er müsse sie mit einem fortlaufenden Kommentar begleiten – und was schlimmer ist, denn den Kommentar kann man am Ende überschlagen – er brauche uns die interessantesten Stücke nur im Auszuge mitzutheilen, d. h. er dürfe seine Prosa an Stelle der Worte des Marquis Henry setzen. Uns ist aber das keineswegs gleichgültig; denn es besteht zwischen dem Stile des Vorfahren und des Nachkommen derselbe Unterschied wie zwischen ihrer Denkart. So einfach, natürlich belebt, witzig angehaucht und tief erregt die Sprache des Ersteren ist, so gesucht, so modern, so aus Balzac und allen neueren Stilverderbern Frankreichs zusammengelesen ist die Sprache des Zweiten. Dies macht den der neuen Mode ungewohnten Leser namentlich da besonders ungeduldig, wo der Herausgeber, nachdem er einen Brief aus dem Jahre 1793 oder 1794 wörtlich angeführt, denselben amplifizierend in's Französische von 1878 übersetzt, welcher scheinbar unschuldige Zeitvertreib immerhin den Platz wegnimmt, der besser mit so vielen, hier weggelassenen Stellen aus jenen Briefen und Tagebuchblättern ausgefüllt wäre, die der Herausgeber dann abzukürzen gezwungen ist, wie er z. B. den inedierten Originalbericht seines Ahnen über den Waffenstillstand von Cherasco, d. h. über Napoleon Bonaparte's erstes Auftreten als Diplomat nur im Auszuge gegeben hat.

Unser Zeitgenosse ist – so sagte ich – eben so entfernt von der einfach unbefangenen Gesinnung seines Helden, als von seiner Sprache. In der That dient jener seinem König und folgt ihm, wenn nicht wie Joinville seinem heiligen Herrn als ein ergebener aber brummender Sancho Pansa, so doch wie der getreue Johannes, der alle Übel kommen sieht, sie verhindern möchte, sein Leben und sein Liebstes opfert, oft verkannt, am Ende aber doch als treu erfunden wird, ein tief- und weitsehender, hochgebildeter Mann, der es seinem Kopfe nie erlaubt, seinem Herzen dreinzureden und ihn an seiner Pflicht irre zu machen; dessen Pflicht aber einfach die ist, auszuharren bei seinem Könige, selbst da, wo sein Verstand nicht alles billigen kann. Der Urenkel dagegen glaubt königlicher als sein König sein zu müssen. »O savoyische Fürsten,« ruft er, »was würde heute Euer alter Diener von Euch sagen? In seiner fernen Verbannung folgte er Euch mit seinem Herzen und seinen Hoffnungen; er würde Euch verleugnen in der Stunde wo ihr Sieger seid und allmächtig. Ihr habt die Wiege Eurer Kindheit zurückgestoßen; Ihr habt die Männer verkannt, deren Blut Tropfen um Tropfen den Rubin Eurer Königskrone gebildet, Männer, die nichts über Euch kannten als ihr Gewissen und Gott. Sie haben sich von Euch gewandt, als sie sahen, daß Euer Schlachtroß gen Rom blickte.« Verzeihung, Herr Marquis! Ihr Ahne würde seinen Herrn nicht verleugnet haben: er würde seufzend, aber entschlossen den Gräbern von Hautecombe den Rücken gewandt haben; er würde, kopfschüttelnd vielleicht, aber ohne Zaudern, sein Rößlein südwärts gewandt haben, sobald Viktor Emanuel das seine gen Sanct Peter gewandt. Da liegt ja gerade der Unterschied zwischen dem Edelmann der Überlieferung, welche die große Revolution zerstört, und dem Edelmann der Theorie, dem man hinterher ein monarchisch-religiöses System hergerichtet, worin Alles zu finden ist, außer der einfach treuen Hingabe an den Monarchen und an Gott. Der Marquis Henry war der nächste Freund Joseph de Maistres; aber er ließ sich durch keines jener Sophismen des Systematikers von Thron und Altar bestechen, denen der Urenkel, so wenig wie die große Mehrheit des Adels im »wahren Frankreich, dem katholischen Frankreich«, dem er ja jetzt angehört, zu widerstehen gewußt hat. Unberechenbar aber ist das Übel, das die große Revolution so angerichtet hat, indem sie den intelligentesten und besten Theil des Adels in jenen Geist engherziger Reaktion warf, welcher der Aristokratie des vorigen Jahrhunderts so fremd war und heute die in erster Linie zur Staatslenkung berufenen Kreise tatsächlich fast ganz unfähig zu diesem ihrem Berufe macht.

Über jene große Revolution nun enthält der vorliegende Band höchst wichtige und lehrreiche Auskunft, namentlich über das Auftreten derselben als Propaganda und über die Behandlung, welche der Provinzadel erfuhr. Diese Auskunft bestätigt wieder einmal vollauf alles von Taine über diesen Punkt Beigebrachte, wie ja auch die vor Kurzem veröffentlichte, noch interessantere Korrespondenz des Grafen Fersen Alles bestätigt, was der jüngste Geschichtsschreiber der Revolution über die Versailler und Pariser Zustände jener Zeit gesagt hat. Im Grunde nämlich greift der Marquis Costa de Beauregard nur die zehn Jahre von 1790-1800 heraus, während er die erste Lebenshälfte, sowie die vierundzwanzig letzten Jahre seines Helden in wenig Seiten abthut. Immerhin bleibt sein Werk ein unschätzbarer Beitrag zur Geschichte der großen Revolution und der Auflösung Piemonts. Noch höher ist das psychologische Interesse des Buches, das uns den Mann, den wir aus Joseph de Maistre's Briefwechsel nur sehr oberflächlich kannten, menschlich so nahe bringt.

II.

Der Marquis Henry Costa de Beauregard ward im Jahre 1752 als der erste Sohn des Marquis Alexis Costa de Beauregard auf dessen Schlosse Villard in Savoyen geboren. Die Familie lebte fern vom Turiner Hofe, wo ihr alter Adel und die geleisteten Dienste ihr eine glänzende Stellung gesichert haben würden; allein Unabhängigkeitssinn sowohl als das Bedürfnis, die etwas zerrütteten Vermögensverhältnisse durch Sparsamkeit wiederherzustellen, hielten den Marquis in seiner Alpeneinsamkeit zurück. Doch der Geist des Jahrhunderts drang bis in diese Einsamkeit, wo man ihm indeß im Ganzen feindlich gegenüberstand. Das Leben auf Schloß Villard war ein schlichtes patriarchalisches; es war kein rohes Nimrodleben. Alte Verwandte und adlige Freunde, ein Abbé, ein Rechtsbeistand gehörten mit zur Familie und ihre nicht immer ganz übereinstimmenden Ansichten regten zu lebhaften Debatten an. Man las viel, wenn auch nur, um über die Gottlosigkeit des Jahrhunderts zu klagen – heute macht man es sich bequemer in jenen Kreisen, man klagt über die Gottlosigkeit Voltaire's, und Renan's, ohne sie zu lesen. Eine zahlreiche und gewählte Bücherei, eine treffliche Gemäldesammlung, deren Stamm ein Vorfahre von seiner Gesandtschaft in den Niederlanden heimgebracht, wirkten bildend auf die heitere Kinderschaft, die sich im unzugänglichen Bergschloß herumtummelte. Als der siebenjährige Henry einmal ein paar Tage in Chambéry zubringt, schreibt er heimwehgerührt an seine Schwester: »Man lebt nur in Villard, hier vegetiert man.« Die fast unkindliche Frühreife, die aus diesen Worten spricht, klingt aus allen Jugendbriefen des Knaben wieder: »Sage Herrn Girod,« schreibt er zwölfjährig aus Beauregard, einem der Familie gehörigen Schlosse am Genfer See, »sage ihm, Domenichino sei ein Rindvieh gewesen, ehe er ein Engel geworden;« und zwei Jahre später aus Moulins auf seiner Pariser Reise: »Ich bin ausnehmend zufrieden mit dem Mausoleum des Herzogs von Montmoreney. Man sieht ihm an, daß der Künstler seine Antike vortrefflich besaß; im Kopfe der Charitas habe ich die Züge und Charaktere der Venus von Medicis wiedererkannt; ich bin fast geneigt zu glauben, daß sie zu gut sind.« Und aus Paris, über den ersten Kunstkritiker der Zeit, dem er in der Werkstätte von Greuze vorgestellt wurde: »Herr Diderot hat von meinen Bildern mit viel Geist gesprochen, aber mit wenig Urtheil, wie es bei Leuten seiner Art der Fall zu sein pflegt«. Die Suffisance würde unerträglich sein, wenn die besonderen Umstände sie nicht erklärten und milderten.

Der Knabe hatte früh ganz ungemeine Anlagen für Zeichnen und Malen an den Tag gelegt und schon mit vierzehn Jahren sein Talent so trefflich ausgebildet, daß er in Paris nicht nur in allen kunstliebenden Salons, sondern auch in allen Ateliers als ein Wunderkind, dann als ein gefährlicher Rival aufgenommen war. Glaubte doch Greuze selbst, nachdem er den Knaben bewundert, eifersüchtig auf ihn werden zu müssen. Er hatte den gefeierten Meister bei Gravelot kennen gelernt, »dem Kupferstecher, du weißt, der mit seinen herrlichen Kompositionen die garstigen Werke Voltaire's bereichert hat«, schrieb der kleine Altkluge an seine Mutter. Es hatte sich nämlich die Gelegenheit geboten, den Knaben mit einem noch jugendlichen Onkel, der an den Hof reiste, nach Versailles und Paris zu schicken, und die Eindrücke, welche Stadt und Hof auf ihn machen und die er in seinen täglichen Briefen niederlegt, sind in ihrer Art ebenso charakteristisch, als diejenigen, welche wir von dem edel-einfachen Landleben auf Schloß Villard empfangen, wo der Grund zu der manchmal etwas engen, stets aber hohen Weltanschauung, zu der eigenthümlichen sittlichen Schönheit gelegt wurde, die den Mann auszeichnen sollten. Nach wenig Monaten der Abwesenheit, in welchen der naseweise Junge fast zum Manne und zum Künstler gereift war, kehrte er zu seiner angebeteten Mutter, seinen Geschwistern, den alten Hausfreunden und Lehensleuten in Villard zurück. Wie scharf der Jüngling sah, wie echt sein Kunstsinn, wie entschuldbar sein anscheinend übertriebenes Selbstgefühl den französischen Berühmtheiten der Zeit gegenüber – von Boucher's Bildern schrieb er als von »Unrath, der jetzt an der Mode sei, aber die Malerei entehre« – das erhellt aus dem Umstande, daß er die Palette an den Nagel hängte, sobald er die wirklich große Kunst gesehen. Er war siebzehn Jahre alt, als er mit seinem Vater Italien bereiste, wo er wie trunken von Palast zu Palast, von Kirche zu Kirche ging. Als er heimkam, schrieb er auf die letzte Seite seines Albums: »Hier mache ich einen Punkt. Ich bin böse auf Titian und wüthend auf Raphael. Sie sind zu sehr über den Menschen, als daß Jemand nach ihnen noch einen Pinsel zu halten wage.« Es ist mehr wahres Kunstgefühl in diesen Worten und dieser Handlung des von ganz Paris bewunderten jungen Dilettanten, als in manchem angestaunten Werke unserer Künstler vom Fach. Und Henry hielt Wort: er gab die Malerei auf. Daß ihm aber nicht die Namen, sondern die Leistungen imponierten, dafür haben wir einen Beweis darin, daß er den damals kaum genannten Sodoma fast eben so hoch schätzte als Raphael, und eines seiner, wie man sagt, vollendetsten Werke aus einem Fleischerladen, wo es als Tisch diente rettete, indem er es mit seinen Ersparnissen für Villard ankaufte.

Nach der Gewohnheit seines Standes trat Henry mit achtzehn Jahren in's Heer, wo er bald die Aufmerksamkeit der Oberoffiziere auf sich zog; aber das Garnisonleben widerte ihn an und als die Familie ihm vorschlug sich zu verheirathen, zögerte er nicht einen Augenblick, obschon die ihm bestimmte Braut, seine Base, die er aber kaum kannte, weder schön noch jung war und selber etwas Angst hatte, der »junge Gelbschnabel, der zu hübsch war, um nicht von den Frauen verhätschelt zu sein«, werde nicht allzueifrig werben. Die Angelegenheit war bald im Reinen und es dauerte nicht lange, so führte Henry seine Gemahlin in feierlichem Zuge unter Glockengeläute, Flintenknallen, umgeben von allen Pfarrern und Landleuten der Gegend, nach Villard. Hier half er seiner Ehehälfte vom Maulthier; sie machte dem versammelten Landvolk eine Reverenz und klopfte dann dreimal mit dem Fächer an das geschlossene Thor der Veste. »Plötzlich öffneten sich beide Flügel und der alte Marquis Alexis erschien im großen Hofkostüm, begleitet von seiner Frau, seinen Kindern und allen seinen Dienern. Zwei Jäger trugen ein silbernes Becken und einen goldenen Napf. Der Marquis ging vor bis in die Mitte der Terrasse, ließ einen Becher füllen, entblößte sein Haupt und brachte das Hoch des Königs aus, dann das seiner Schwiegertochter, endlich das aller versammelten Freunde. Dreimal leerte der Marquis sein Glas unterm Hochrufen der Menge und das Fest begann. Acht Tage lang war offene Tafel in Villard, auf dem Schlosse selber und unter den hohen Bäumen der Terrasse. Den achten Tag war das Fest der Armen: Jeder erhielt ein Kleid und einen kleinen Thaler. An diesem Tage aber bedienten Henry und seine Frau selber die Gäste, wie es alte Sitte des Hauses war, wenn der Erstgeborene heirathete.«

Wenig Liebesheirathen sind wohl je so gut ausgefallen, als diese Konvenienzehe. Vierunddreißig Jahre lebten die Gatten in einer ungetrübten Einigkeit, voll gegenseitiger zärtlicher Liebe, Achtung, ja Bewunderung: die Innigkeit des Verhältnisses leuchtet aus jeder Zeile der herrlichen Briefe, die uns hier mitgetheilt werden, ohne daß man sagen könnte, welcher von den beiden Gatten mit mehr Wärme und Treue am Andern hange. Die edelsten Tugenden vereinten sich bei beiden mit liebenswürdigem Naturell, lebhaftem Geiste und gediegener Bildung, und bildeten zusammen eine stets strömende Quelle inneren Reichthums, der keinen Überdruß aufkommen ließ; vier muntere vielversprechende Knaben die ihnen erwuchsen, die Sorge um Beauregard, das sie kurz nach der Heirath bezogen, und das nicht nur wohnlich eingerichtet, sondern auch als Ertragsgut zu verwalten und zu verbessern war, füllten das Leben genugsam aus, um keine Leere aufkommen zu lassen. Ein einziger der reizenden Briefe, den Henry seiner Gattin schrieb, als sie einmal auf einen Monat das Paradies am Genfer See verlassen, mag ein Bild des Lebens in Beauregard geben. Ich übersetze das vous durch Du; unser Sie, wie's Schiller z. B. Wallenstein der Herzogin gegenüber in den Mund legt, giebt das französische vous zwischen Gatten nicht wieder: es ist zu steif und es ist eben nicht mehr deutsch; auch das alte Sie der Kinder gegen die Eltern hat eine andere Schattierung, Das französische vous ist mit der größten Zärtlichkeit verträglich. Es war in vornehmen Familien so allgemein und natürlich als das englische you, und hat sich in solchen meist noch heute erhalten; das tu klang allzusehr nach dem Alkoven. Es ist ganz irrig zu glauben, es gehöre eine Art von sozialer Selbstbeobachtung dazu, vor den Leuten, vor allem vor den Kindern, das in der Intimität gebrauchte Du nicht anzuwenden; es ist dies den daran Gewöhnten ebenso natürlich, als sich in Gesellschaft der Kosenamen gegen seine Frau zu enthalten, was doch unter gesitteten Menschen als eine Pflicht des Anstandes und des Schamgefühls gilt.

»Ich habe, meine Beste, eben beim Heimkommen alle meine Jungen wohlauf gefunden; die armen Kleinen haben mich auf's Reizendste empfangen. Sie waren mir, soweit sie nur mit ihren Beinchen laufen konnten, entgegengekommen und ihre Jubelrufe, sobald sie meiner ansichtig wurden, sind mir sehr zu Herzen gegangen. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr Du ihnen fehlst. Wir werden uns gar schwer daran gewöhnen, Dich nicht zu sehen, denn Du bist doch recht eigentlich die Seele des Völkchens. Vorgestern, um das Unglück vollzumachen, stürzte der große Tisch in der Mitte des Speisesaales mit furchtbarem Krachen zusammen, alles Porzellan des Hauses, das man darauf gestellt hatte, mit sich reißend, so daß kein Stückchen davon übrig blieb. Eugen, der bei diesem Unglück zugegen war, fing an bitter über meinen Ruin zu weinen, den er als die nothwendige Folge ansah. Ich lief herbei in Schrecken über das Geräusch, über das Schreien namentlich, das sich hineinmischte, und konnte mich des Lachens über Eugens Verzweiflung nicht erwehren, welche sich seinen Brüdern mitgetheilt hatte. Ich nahm sie alle Vier auf meine Knie und erzählte ihnen die Geschichte Hiob's, dessen Angelegenheiten nicht besser gingen als meine, und der noch überdies die Krätze hatte und eine böse Frau, um ihm die Ohren voll zu schreien. Im Übrigen, mein Schatz ( ma mie), haben wir uns den Tag so eingetheilt: ich stehe sehr früh auf und schreibe bis meine lieben Kleinen aufstehen. Ich frühstücke mit ihnen, worauf ich hingehe wo zu thun ist. Wir essen zu Mittag und zu Abend und gehen zu Bette zur selben Zeit und zwar sehr früh; denn ich richte mich nach ihnen. Nach dem Mittagessen haben wir lange Unterhaltungen mit einander, ein wenig Lesen; oft essen wir Kirschen zum Nachmittag, indem wir uns allerhand unterhaltende Geschichten erzählen; bei Sonnenuntergang gehen wir plaudernd zum See hinunter, sicher, unser Nachtessen bei der Heimkehr bereit zu finden.«

Der älteste, Eugen, zeigte große Anlagen und war fast noch frühreifer, als der Vater es gewesen. »Kaum lallte Eugen ein paar Worte,« sagte Joseph de Maistre, der berühmte Hausfreund von Beauregard, »so lieferte ihm ein rascher Geist schon glückliche Ausdrücke, welche eine kräftige Intelligenz voraussagten.« Wer in der That würde glauben, ein sechsjähriger Knabe habe seiner Mutter schreiben können: »Was mich glauben macht, daß ich etwas taugen werde, ist, daß ich die verschiedenartigsten Handwerke treibe. Bald Schäfer, bald Fischer, bald Märchenleser, bald Flötenspieler, bald Zeichner schlechter Köpfe nach Camille (dem jüngsten Bruder), und am Ende von alledem der Katechismus jeden Morgen.« Nichts aber an diesem Ton war gemacht: der Geist des Knaben war natürlich, wie sein Gemüth. »Wenn die Jungen,« schreibt der Vater einmal, »eine Anwandlung von Empfindsamkeit haben, was Gott sei Dank selten vorkommt, so gehört ihnen diese Empfindsamkeit ganz eigentümlich an, wie ihr gesunder Menschenverstand und die Lebhaftigkeit, die sie manchmal in ihrer kleinen närrischen Phantasie haben. Ihre Antworten sind erstaunlich. Früh Morgens fand Simon neulich eine Börse am Ufer des Sees. Siehst Du da, sagte ich zu Eugen, den Vortheil früh aufzustehen!« – »›Aber, Papa,‹« antwortete er, »›der, der die Börse verloren hat, war ja noch früher aufgestanden.‹« Liebte der Vater die Empfindsamkeit nicht, so suchte er früh das Mitgefühl zu wecken und zu entwickeln. »Gestern bin ich mit meinen vier Jungen nach Tougues gegangen, um der Müllerin einen Besuch zu machen, die ganz allein in ihrer Mühle einer Prinzessin genesen ist. Jeder trug seine Gabe; als der wenigst Unbeholfene ging ich voran mit einem Topf Fleischbrühe. Eugen folgte mit einer Flasche Wein für den Braten der Wöchnerin; dann kam Victor mit einem großen Laib Brot, den er auf seinem Kopfe äquilibrierte, endlich Camille mit einem Stück Zucker.«

In dieser Umgebung, oft besucht von Joseph de Maistre und dem witzigen Onkel Murinais, angebetet von allen Nachbarn, Bauersleuten, Pächtern und Dienern, vor Allem aber vom treuen Comte und der guten Chagnot, verlebten die Gatten die glücklichsten Jahre ihres Lebens. Als der Älteste heranwuchs, zog man im Winter nach Genf, um seine Erziehung zu beendigen und in der That besaß der Junge mit dreizehn Jahren eine so ausgedehnte als feste Bildung und bestand sein Militärexamen, das keineswegs leicht war, in Turin auf's Glänzendste. Ende 1789, noch nicht vierzehn Jahre alt, war er Unterlieutenant. Es dauerte keine zwei Jahre, so sollte er Vaterhaus und Mutter verlassen, um sie nie wiederzusehen. Der Krieg aber, der den Knaben rief, zerstörte das ganze Gebäude des Glückes, das sich der Marquis auf den Grund der alten Ordnung auferbaut: denn diese Ordnung selber wankte und stürzte, und wenig half es dem Edeln, nicht »zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt« zu sein.

III.

Der savoyische Adel hatte die französische Revolution mit lebhaftem Interesse verfolgt, wie er der französischen Literaturbewegung des vorigen Jahrhunderts eine theilnahmvolle Aufmerksamkeit zu schenken nicht aufgehört hatte. Die Lage der französisch redenden Länder, welche nicht zum Königreich gehörten, war eine eigenthümliche: man fühlte sich, da die moderne Nationalitätsdoktrin noch nicht erfunden war, staatlich ganz getrennt, während man in jeder andern Hinsicht sich als Franzose fühlte. In keiner Provinz war dies mehr der Fall als in Savoyen, welches nicht nur durch die Sprache, sondern auch durch seine ausgesprochen geographische Lage und seine Religion nach Frankreich hinneigen zu müssen schien. Nirgends aber, selbst nicht in der Schweiz trat die scheinbar willkürliche Macht des Staates klarer zu Tage als hier: für den Savoyarden war der französische König der Erbfeind. Als der kleine Henry die Statue Ludwigs XIV. auf der Place des Victoires erblickte, war er »empört zu sehen, wie der hochmüthige Sieger alle Nationen Europas mit Füßen tritt und unser armes gefesseltes Savoyen ihm fast die Schuhe putzt.« Schreiber dieses erinnert sich noch, alte Edelleute aus der Freigrafschaft gekannt zu haben, und sie ist doch seit genau zwei Jahrhunderten französische Provinz, welche ganz ähnlich von dem Eroberer sprachen und die spanisch-habsburgische Zeit noch nicht vergessen hatten.

Die Theilnahme Henry's an den großen Ereignissen im Nachbarlande war eine aufrichtige und während sein Freund Joseph de Maistre sich von Anfang an feindlich dagegen stellte, begrüßte der Marquis sie als die Morgenröthe eines neuen, schöneren Tages. Nicht als ob er eine besonders vertrauensselige Natur gewesen; aber ihm ward es schwer zu glauben, daß die gewaltige Begebenheit, welche die Anstrengungen und Bestrebungen des ganzen Jahrhunderts herrlich hinauszuführen versprach, auch nicht Einen, oder doch nur Einen Mann hervorbringen sollte, der ihrer würdig wäre, dieser Eine aber durch seine Vergangenheit und durch die Unzuverlässigkeit seines Königs außer Stand gesetzt werden würde, die Ereignisse zu leiten. J. de Maistre sah nichts als Verderbtheit und Unfähigkeit, seinem vorurtheilsvollen Geiste war Mirabeau nicht mehr als Camille Desmoulins. Der Ton seiner Briefe ist durchaus pessimistisch von Anbeginn an. Auch in Bezug auf die Form ist man etwas enttäuscht; vertrauliches Sichgehenlassen scheint eben nicht in der Natur des Mannes gelegen zu sein; seine Sprache ist gezwungen und anspruchsvoll: er glaubt sich selbst vorm Publikum und seine Selbstbewunderung guckt überall zwischen den Zeilen hervor. Wie ganz anders die Briefe seines Freundes. Der hatte kein System über Papst und Monarchie, Revolution und Unglauben; sein Herz aber schlug für alles Schöne und Gute, er war unbefangen gläubig, wie er unbefangen treu war. Ein richtiges Urtheil über Menschen und Dinge, eine wahre Bescheidenheit gepaart mit genügendem Selbstvertrauen und dabei eine natürliche Anmuth im Ausdruck erobern ihm noch heute alle Herzen, wie im Leben die anspruchslose Anmuth seines Auftretens ihm überall Freunde gewann. Doch würde man sich sehr irren, wenn man ihn für banal hielte: er war im Gegentheil sehr zurückhaltend, ruhig vornehm und verbarg seine Verachtung der Schmeichler und Höflinge keineswegs. Auch darf man nicht glauben, man habe es hier etwa nur mit einem ehrlichen und anstelligen Landedelmann zu thun: der Marquis war ein sehr feiner Kopf und nicht ohne Witz; er schrieb seine Sprache mit einer äußerst seltenen Eleganz, hatte ein scharfes Auge für die Schattierungen der Dinge und besaß eine tiefe Weltanschauung, im Grunde eine tiefere, als dem logischen System seines berühmten Freundes zu Grunde lag.

Man kann sich denken, daß seine Begeisterung für die große Revolution sich bald abkühlte, wie bei so vielen hochherzigen Männern jener Zeit. Hatte doch selbst der Tyrannenfeind Alfieri seit 1792 nur noch Worte des Unwillens für die »neunhundert Könige« in Paris, während der Befreier Korsikas, dem der Dichter seinen »Timoleon« gewidmet, Pasquale Paoli, und den die Nationalversammlung so hoch gefeiert, schon 1790 einsah, daß sich die Freiheit nicht an einem Tage gründen lasse, und daß sie nur allzubald wieder verschwinden würde ( Arrighi, Vie de Paschal de Paoli. Vol. II. Appendix). Nur natürlich war's, daß bei einem loyalen Vasallen, wie Costa, die Begeisterung in's Gegentheil umschlug, als die Revolution sich auch der Geister in Savoyen bemächtigte und gar als die Propaganda drohte, sein Vaterland der sardinischen Krone zu entreißen. Er zögerte nicht einen Augenblick, seinen Erstgebornen an die Fronte zu schicken und den vierzehnjährigen Lieutenant selber hinzubegleiten. Das war nicht leicht. Der Marquis war Kammerherr honoris causa, und die Kammerherren durften nicht im Heere dienen: endlich gelang es ihm doch, seinen Schlüssel gegen den Degen des Freiwilligen einzutauschen, und am 18. Mai 1792 stand der Hauptmann Marquis Henry Costa de Beauregard mit seinem jungen Lieutenant im Felde. Im ersten Augenblicke sah der künftige Generalstabschef alle Fehler der Führer und die Aussichtslosigkeit des Kampfes, so lange man sie gewähren ließ. Aber er hielt aus: »Sei starken Herzens, meine Liebe! Ich bin ruhig trotz alledem und mein Gewissen ist in Frieden. Pflege und schütze die Schwachen der Familien, ich will die Starken führen.« Bald darauf ergoß sich der Strom der Revolutionsheere über Savoyen und die königliche Armee zog sich in die Berge zurück. »Unsere Liebe zum König hat uns gezwungen, Generalen zu folgen, die feige ihren Posten verlassen haben; wir sind geflohen vor einem Feinde, der sich nicht einmal herabgelassen, uns zu schlagen und sich begnügt hat, uns zu plündern.« Mit Zähneknirschen marschierten die Truppen unter strömendem Regen, auf unwegsamen Straßen in wilder Unordnung zurück. Die Entbehrungen, welche dem zarten Knaben auferlegt wurden, waren furchtbar: und es war erst der Anfang. Bald kamen Verwundungen, dann Krankheiten hinzu: ohne die treue Seele Comte's, der seinem Herrn in den Krieg gefolgt, wäre Eugen, der überall voran war im Gefecht wie auf dem Marsche, schon jetzt unterlegen. So brachte man den Winter in den Alpen zu: »Wenn man mir nur einen groben Pelz schaffen könnte, damit mein Kleiner nicht erfriert! Das Übrige ist uns einerlei,« schrieb der Vater.

Savoyen war verloren; Henry's Güter, seine Familie, sein alter Vater blieben in der Hand der Sieger, die alle savoyischen Offiziere, welche die Sache ihres Königs nicht verließen, zu Emigrierten erklärten, und man weiß was das bedeutete. Henry schwankte nicht einen Augenblick: »Es gehört zur Moral aller Zeiten und aller Länder, daß man in Kriegszeiten die Fahne nicht verläßt, der man in Friedenszeiten gefolgt ist.« Und an seine Frau, die noch in Genf weilte: »Oh meine Liebste, fliehe, wenn Du's noch kannst; es handelt sich um Ruin oder Tod. Für uns, meine Einzige, ist alles fertig; aber ich bleibe; spoliatis arma supersunt. Lassen wir wenigstens dem Kinde, zu dessen Adjutanten ich mich gemacht, die Ehre unseres Hauses unversehrt.« Auch Maistre drang in die Marquise, nach Lausanne zu flüchten. Es kam sie hart an, unter fremde Menschen zu gehen: »Ich will Niemanden sehen,« schrieb sie an ihren Gemahl; »ein Menschengesicht, zu dem ich nicht von Dir reden könnte, thut mir weh. Ich bin böse auf die, die Dich nicht lieb haben, d. h. auf die, die Dich nie gesehen haben. Ach, aber ich gehe morgen, um die zweite Station meines Golgatha zu erklimmen.« Lausanne war überfüllt von Emigranten. Ganz ohne Mittel, richtete sich die Marquise ein, so gut sie konnte, gegenüber dem savoyischen Ufer des Sees, auf dem ihr Beauregard stand. »Du fragst mich, wie meine Wohnung ist,« schrieb sie. »Ach, ich weiß es kaum; ich kenne sie nicht. Seit einem Monat habe ich sie nicht angesehen. Chagnot, glaube ich, hat ein Dachstübchen, wo sie schläft, wo sie kocht. Ich bewohne sammt den Kindern ein Zimmer mit Backsteinfußboden, verschossenen Vorhängen, drei Strohstühlen, einem alten weißen Ofen mit Blumen und dem kleinen Tisch, auf dem ich Dir schreibe. Eine alte Schweizerin sieht mich aus ihrem Rahmen an; ich will sie gegen die Wand kehren; ihr Blick und ihr Lächeln thun mir wehe; sie weiß nichts von der Verzweiflung Deiner Frau. – Da unter meinem Fenster habe ich einen Rosenstock, der zufällig da gewachsen ist unter den Nesseln, wie Dein Bild unter meinen Thränen, mein geliebter Mann ... Die Kinder sind voller Andacht bei einem Töpfer, der seine lackierten Töpfe neben mir macht. Manchmal gehe ich mit ihnen hin und bewundere, und Stunden lang sehe ich zu, ohne zu wissen, was ich sehe; aber ich kann nicht mehr so leben, heiß mich zu Dir kommen ...«

Wohl nährte man sich mit thörichten Hoffnungen in diesem Exil: bald war's der Friede, der vor der Thür stand, bald ein großer Sieg, den Europa über die Revolution erfochten; aber die Tage vergingen und die Wochen, die Monate und die Jahre und keine der Hoffnungen verwirklichte sich. Immer neue Zuzügler des Elends kamen in die nahe Zufluchtsstätte. »Gestern sind Mme. d'Argouges und Mme. de Talmont hierher verschlagen worden, in Holzschuhen, ohne Wäsche, ohne Diener, in einem Karren auf Fässern gehockt: es war ein Elend zu sehen; ich mußte weinen. Ich habe sie gleich besucht und heute verschaffe ich ihnen einen Beichtvater. Die Mutter namentlich ist unendlich groß in ihrem Unglück. Mme. de Talmont hat mich gebeten, ihr Arbeit zu verschaffen; sie brennen kleine Talgendchen, die sie selbst mit mehr Muth als ich angreifen und hantieren.« Auch die Marquise selber, deren Briefe nur die Sehnsucht nach dem Gatten athmen, die Leere ohne ihn schildern, hatte materiell zu leiden, zu entbehren. Die gute Chagnot arbeitete für sie und brachte ihr ihren sauern Erwerb. Die Kinder wuchsen auf ohne Unterricht, weil sie zu niedergebeugt war, sie selber zu unterrichten und das Schulgeld fehlte. Ihr Mann tröstete sie, bitter genug, über diese bittere Nothwendigkeit: »Die armen Kleinen, sie sind im Alter, wo man alle Falten annimmt; sie werden sich noch dran gewöhnen, keine vornehmen Herren zu sein. Laß sie sorglos und munter, laß sie Esel bleiben, was liegt dran? Wenn man sich mit der Gabe des Eselthums nur nicht herausnimmt, sich in große Dinge zu mischen, so macht man mit dem Eselssattel schon ganz gut seinen Weg in der Welt.«

Die Anspielung geht auf die österreichischen Generale, welche das brave piemontesische Heer von Rückzug zu Rückzug führten, die besten Gelegenheiten versäumten aus Leichtsinn, Trägheit, Mangel an Einsicht, vielleicht auch auf höhere Weisung. Jedenfalls brachte der österreichische Obergeneral, M. de Vins, heitere Tage mit seiner Geliebten in Turin zu, während der Marquis mit seinem Knaben im Bivouac schlief, seine Gemahlin mit ihren Kindern in der Verbannung darbte, oft ohne Brot für den nächsten Tag, der alte Vater, die Verwandten im Gefängnisse von Chambéry der Guillotine entgegenschmachteten, die Stammschlösser in Rauch aufgingen, – diese Schlösser, von denen stets nur milde Thaten, edle Beispiele, reine Gefühle und hohe Gedanken ausgegangen waren. Denn das waren keine Adligen, welche den Adel im Besitz und im blauen Blute allein sahen; als Henry erfuhr, daß man die Familienwappen und Familienpergamente in Villard verbrannt, schrieb er: »Thöricht die, welche glauben mit uns fertig zu sein, weil sie unsere Wappenbilder zerbrachen und unsere Archive den Winden preisgegeben. So lange sie uns das Herz nicht ausgerissen, können sie's nicht verhindern, für Tugend und Größe zu schlagen, noch die Wahrheit der Lüge, die Ehre allem Übrigen vorzuziehen; so lange sie uns die Zunge nicht ausgerissen, können sie uns nicht hindern, unsern Kindern zu wiederholen, daß der Adel nur in dem erhöhten Gefühle der Pflicht besteht, in dem Muthe, sie zu erfüllen, und im unerschütterlichen Festhalten an den Familienüberlieferungen. Auf dem Gipfel des kleinen Saint Bernard und in der Lappländer Hütte, von der ich Dir schreibe, sind diese Gefühle ebenso am Platze, als in den Tuilerien, und der ist der Adlige, dessen Leben und Tod ihnen am gemäßesten ist.« Und als er erzählte, wie auf einen Ruf ihrer Obersten alle beurlaubten Soldaten auf Schleichwegen, über die Berge, durch ausgetretene Flüsse, durch die feindlichen Vorposten durch, an der Stelle erschienen, die ihnen angewiesen: »Ich sagte mir, als ich alles das erfuhr, daß, wenn der König mir glauben wollte, er gewissen hohen Herren meiner Bekanntschaft ihre Sterne und Bänder abnehmen würde, um sie auf diese Kittel zu heften, unter denen wohl die adeligsten Herzen schlagen, die ich kenne.«

Während dessen tanzte man in Turin und organisierten die Prinzen Komödie über Komödie in der Hauptstadt: da kam wie ein Donnerschlag die Nachricht von Ludwigs XVI. Tod. Jetzt eilte alles zur Armee, voran Seine k. Hoheit der Herzog von Montferrat, mit fünfzig Personen Dienerschaft, von denen zwei ausschließlich, um den allerhöchsten Kaffee zu bereiten. Die Bauern standen auf für ihren König; man ließ sie im Stich; zu Hunderten wurden sie von den Volksbefreiern niedergemetzelt, während M. de Vins strategische Operationen plante, die nie zur Ausführung kamen. Endlich Ende August 1793, nachdem die beste Gelegenheit verloren war, ging's vorwärts. Der erkrankte Marquis folgte, bis ihn endlich das Fieber Halt zu machen zwang, während sein Sohn in vorderster Reihe heldenmüthig kämpfte, und der treue Comte hin und wieder ging zwischen dem Schlachtfelde und dem Krankenbette, um den Vater zu versichern, der Sohn sei noch nicht getroffen. Dieser kecke Widerstand aber der Nachhut, in der er diente, rettete die Armee, die diesmal ihre Winterquartiere in Asti bezog, wo Vater und Sohn sich etwas ausruhen und wieder zu Kräften kommen konnten. Ein gleichalteriger Vetter, der ebenfalls im Heere diente, stieß zu dem jungen Lieutenant, dem die für einen Augenblick der Angst um ihn befreite Mutter aus Lausanne schrieb: »Wie glücklich bin ich über all das Gute, das ich von Dir höre ... Ich bin stolz in Gedanken, daß die 70 Livres und 10 Sous, die der König Dir monatlich zahlt, Vater und Sohn ernähren. Du mußt glücklich über dies kleine Vermögen sein. Gott wird Dir's wiedergeben, mein Kind, und ich auch; denn der Tag wird kommen, wo ich Dich wieder in meine Arme und an mein Herz schließe. Ich weiß, Du bist sehr mit Deinem Dienst beschäftigt; wenn ich etwas davon verstände, spräche ich gern mit Dir von Deinem Korporal und Deinem Sergeanten. Aber ich behalte mir's vor für die Zeit, wo Deine Brüder auch Soldaten sein werden. Victor stirbt schon vor Ungeduld nach all den Vergnügen, von denen Du ihm erzählst. Sylvain kann ja Pfeifer sein und dann folge ich der Kompagnie, um Euch die Gamaschen zu flicken, Euch Sonntag den Zopf zu flechten und die Rechnungen zu machen. Nicht wahr, das wird schön sein?«

Aber lange wußte sie die trüben Ahnungen nicht so wegzuscherzen. »Victor«, schrieb sie bald darauf von ihrem zweiten Sohne, diesmal an den Gatten, »Victor brennt zu Euch zu gehen: sobald das Brevet da ist, wird sein Glück vollkommen sein: dann die Kugel und alles aus! .. Und Eugen! Armes Kind, das ich nicht wiedersehen werde! Warum muß ich mich so gedrückt fühlen?« Um dieselbe Stunde, am 27. April, streckte eine Kugel den sechzehnjährigen Jüngling in den Schnee. Der Vater bringt ihn hinter einen Felsen, vertraut den Verwundeten zwei vorübergehenden Soldaten an und eilt zurück in's Feuer: »Das Opfer Abrahams war verdienstlicher als meines; denn er hoffte nicht wie ich, daß ihm ein Schuß die Qual ersparen würde, seinen Sohn sterben zu sehen.« Der Sieg in diesem kleinen Gefechte ward im amtlichen Berichte dem Muthe des Marquis Costa de Beauregard zugeschrieben. Der Knabe wurde nach Turin gebracht unter der Obhut des treuen Comte, der ihn nie verließ: den Vater hielt die Pflicht im Lager zurück, wo er den Tod des innig geliebten Sohnes erfuhr, für den allein er noch gelebt hatte. Weder er noch die Marauise erholten sich je von dem Schlage: Maistre arbeitete an einer Rede in Bossuets Manier über den Tod Eugens; das Werk gilt noch heute als ein Meisterstück des Genres: »Er hat mir etwas davon vorgelesen,« schrieb die Marquise; »ich finde, er hat den Zauber seiner Kindheit nicht genug hervortreten lassen; die Politik ist zu sehr die Grundlage seiner Arbeit. Ich glaube, Maistre hat nicht Gemüth genug.« Oh Mutterherz, welcher Kritiker hätte besser herausgefunden, was da fehlte!

IV.

Henry klagte nicht: »Besser ein Loch, als ein Flecken in unserm Wappen,« sagte er; er war gebrochen und schwieg. General Colli jedoch, der am Tage von Saccarella, an dem die tödtliche Kugel Eugen getroffen, das Oberkommando des Armeekorps übernommen hatte, wußte was der Hauptmann Costa werth war. Er stellte dem König vor, wie er seit zwei Jahren, obschon durchaus mittellos, unentgeltlich diene, seinen Erstgeborenen der guten Sache zum Opfer gebracht und jetzt eben seinen zweiten Sohn an seine Seite gerufen, um den Degen, der seinem älteren Bruder entsunken war, in die Hand zu nehmen. Der König ertheilte ihm sofort Majorrang und Gage; Colli nahm ihn zu seinem Generalstabschef und behielt ihn auch in dieser Eigenschaft bei sich, als er zwei Jahre später den Befehl über die ganze Armee erhielt. Es war Costa, welcher in dieser Eigenschaft nach Mondovi (sprich Mondovi) den Waffenstillstand von Cherasco mit Bonaparte abschloß (1796), und als nach Novi bessere Tage für Piemont kommen zu wollen schienen, Mitglied der Regentschaft ward. Seine Beförderung machte den Marquis nicht zum Höfling, noch verblendete ihn seine Treue gegen König und Königshaus über die Fehler seines Herrn. Seine Briefe aus Turin im Winter von 1795 bis 1796 sind eine lange Anklageschrift gegen die Leiter des Staates und gegen die österreichischen Freunde, die er mit dem ganzen Haß des Savoyers haßte, einem Haß, der auch in den Zeiten des scheinbar innigsten Bündnisses noch fortglimmte. Nannte doch J. de Maistre das Haus Oesterreich nicht anders als »den schlimmsten Feind der Menschheit und seiner eigenen Verbündeten insbesondere «. S. Brief vom 15. August 1794 an Vignet (Lettres et opuscules inédits. I 27.) Eine wohlbegründete Anklage: das unwürdige Spiel, das Österreich mit Piemont spielte, ist hier unbarmherzig aufgedeckt und auch in dieser Beziehung sind die Mittheilungen ans Marquis Henry's Nachlaß von großer Wichtigkeit für die Geschichte. Kein Wunder, wenn er sich weigerte, nach Wien zu gehen, um über einen neuen Feldzugsplan zu verhandeln! Wußte er doch, daß sein König schon im Voraus verrathen war. Und was hätte der neue Feldzugsplan genutzt, gegen den Mann, der jetzt eben auf die Bühne der Weltgeschichte trat als Oberbefehlshaber der französischen Armee d'Italie?

»Salicetti (damals Civilkommissär der Republik in Genua), unzufrieden mit der Zauberei und den Klagen Scherer's, hat, so scheint's, an das Direktorium geschrieben, daß man für das italienische Unternehmen keine alten Leute brauchen könne, sondern nur junge, kühne Generale. Er meint, ein entschlossener Wille, verbunden mit Jacobinermoral müsse genügen, um alle Hindernisse zu überwältigen. So kündet man denn der Armee einen neuen Oberbefehlshaber an. Er heißt Bonaparte, ist korsikanischen Ursprungs wie Salicetti; und war Artillerieoffizier unterm alten Regime, folglich Gentleman; aber er ist wenig gekannt im Heer, wo er nur als Artillerist bei der Einnahme von Toulon verwandt worden. Man hält ihn nicht für einen Jacobiner; er ist ein Mann von Erziehung und Lebensart. Man sagt, er sei genial, voll großer Ideen.« Keine vier Wochen waren vergangen, so existierte die piemontesische Armee nur noch dem Namen nach und Costa schrieb seiner Frau: »Ich habe eine furchtbare Nacht zugebracht. Ich habe auf Befehl des Königs einen Waffenstillstand mit General Bonaparte unterzeichnet unter den demüthigsten und gefährlichsten Bedingungen. Wir mußten uns dem Rechte des Stärkeren beugen ... Suche mir, meine Beste, ein anderes Handwerk. Das meine ist zu greulich, wenn man's so schlecht treibt.«

Die Beschreibung des Hauses, in dem der General um Mitternacht die piemontesischen Unterhändler empfing, der Umgebung Bonaparte's, Bonaparte's selber, ist höchst lebendig: jedes Wort, das berichtet wird, verräth schon den zukünftigen Herrscher Europas, so sicher bei dieser seiner ersten Unterhandlung mit einem besiegten Feinde, als achtzehn Jahre später, da er selber als Besiegter mit Europa unterhandelte. Als ihm Costa's Kollege vorstellte, gewisse Zugeständnisse, die er forderte, könnten ihm wenig nützen, antwortete er schon ganz in seiner harten Weise: »Als mir die Republik den Oberbefehl einer Armee anvertraute, glaubte sie, ich hätte Einsicht genug, um zu beurtheilen, was in ihrem Interesse ist, ohne daß ich nöthig hätte, meinen Feind um Rath zu fragen.« Und als die beiden Piemontesen noch immer zögerten: »Meine Herren, ich theile Ihnen mit, daß der allgemeine Angriff auf zwei Uhr anberaumt ist; und wenn Coni nicht vor Tagesanbruch in meinen Händen ist, wird dieser Angriff um keinen Augenblick verzögert. Es kann mir vorkommen Schlachten zu verlieren; aber nie wird man mich Minuten verlieren sehen aus Vertrauen oder Trägheit.« Nach der Unterzeichnung kam die Rede auf die Hilfe, welche die französische Armee aus den revolutionären Umtrieben in Feindes Land ziehen könnte. »Mit Ihrem Talent und den Ihnen zu Gebote stehenden Mitteln, sagte der Marquis, werden Sie doch so treulose Waffen verachten?« ... »Das Kriegsrecht, antwortete Bonaparte, ermächtigt vielleicht nicht, seinem Feinde alles erdenkliche Übel zuzufügen; aber es schreibt vor, kein Mittel zu vernachlässigen um ihn niederzuwerfen und zu knebeln.« »General, sagte Henry zu ihm, als er ihn beim Morgengrauen verließ, warum kann man Sie nicht lieben, wie man gezwungen ist, Sie zu bewundern und zu achten!«

Dem Waffenstillstand folgte der Frieden. Savoyen war verloren und, was schlimmer war, die Edeln, die für ihren König gefochten, für ihn Gut und Blut geopfert, waren dem Feinde ausgeliefert. Es war nicht die Zeit, wo man die Bewohner eroberter Provinzen »optieren« ließ: jeder Savoyarde in des Königs Dienst mußte Piemont binnen vierzehn Tagen verlassen, wenn er nicht in französische Dienste treten wollte. Mit blutendem Herzen wanderte der Marquis Costa in die Verbannung. »Ich weiß nicht, ob der König, als er sich von mir trennte, das Herzweh empfunden hat, das ich empfand, da ich mich von meinen guten treuen Dienern trennen mußte, die ausgewandert waren, um mir zu folgen. Ich habe mit der Trennung nicht warten wollen, bis ich sie nicht mehr zahlen konnte. Das ist die Wirkung des Elends.« Comte folgte auch ohne Zahlung. Nach vier Jahren sahen sich die um zwanzig Jahre gealterten Gatten in Lausanne wieder. Es war ein herzzerreißendes Wiedersehen. Doch es kamen bessere Tage; wohl war die Entbehrung groß: der Marquis gab Zeichnenstunden, um nur knapp das tägliche Brot für die Kinder zu finden; bald aber riß sie die unerwartete Erbschaft eines bayrischen Onkels wenigstens aus dem Elend, wenn nicht aus der Armuth. Aber es duldete Henry nicht, dem Schloß, in dem er die schönsten glücklichsten Jahre seines Lebens zugebracht, gegenüber zu wohnen, ohne es wiederzusehen, und obschon er sein Leben dabei auf's Spiel setzte, fuhr er eine Nacht hinüber in Begleitung Maistres und seines unzertrennlichen Comte. Alles war zerstört, nichts erkennbar mehr in den Räumen, wo er mit seinen Knaben gespielt, sie unterrichtet hatte. Überwältigt von dem Eindruck, blieb er unbeweglich sitzen auf den Trümmern seines Glückes, als eine jähe Stimme ihn aus seinen Träumen weckte: »Ich bin hier Herr«, rief's, »ich bin hier Herr; fort mit Euch!

Qu'un sang impur abreuve nos sillons!

Es war Jacques, ein armer Simpel, den der Marquis einst aus Barmherzigkeit aufgenommen und ernährt hatte, und der seit der Emigration der einzige Herr von Beauregard war, in dessen öden Mauern er die Marseillaise sang.

Geschichtlich, wenn nicht psychologisch am wichtigsten sind die, freilich sehr bruchstückartigen, Mittheilungen über die vier kommenden Jahre – wie das verstümmelte Königreich, eingezwängt zwischen die französische, die ligurische und die cisalpinische Republik, aufgewühlt durch republikanische Propagandisten, erst zur Allianz mit dem Feinde gezwungen wird, wie man es geschickt, nach hundert Reizungen, denen es widersteht, in's Unrecht zu versetzen weiß, um ihm neue Zugeständnisse abzuzwingen, wie man erst die Citadelle von Turin besetzt, um den König gegen die Unruhestifter zu schützen, dann sich der Stadt bemächtigt, den König zur Abdankung nöthigt; wie mit Suwaroff's Siegen ein vielverheißender Sonnenstrahl auf's arme Land fällt, Marquis Henry in die Regentschaft, der König aus der Verbannung zurückgerufen wird – Alles damit, noch ehe ein Jahr vergangen, der Sieger von Marengo der Existenz Piemonts gründlich ein Ende mache. Hier geht uns nur das Individuelle an. Für eine Geschichtsstudie würde der Raum fehlen, selbst wenn hier die Stelle dafür wäre. Das Individuelle aber tritt in den Mittheilungen über diese vier Jahre ganz in den Hintergrund. S. über diese ganze Episode Augusto Franchetti's viel zu wenig gekannte » Storia d'Italia del 1789 al 1799«, ein Werk von umfassendster Gelehrsamkeit und sicherster Kritik.

Nach Marengo hört der Briefwechsel natürlich ganz auf, da der Marquis sich nicht mehr von seiner Familie trennte, die noch immer in Lausanne weilte. So hart es ihn ankam, er mußte seiner Frau, seiner Kinder halber, das Anerbieten seines Schwagers annehmen, der, da er nicht emigriert war, seine Güter im Dauphiné behalten hatte. Dort verlebte die Familie die langen Jahre des Konsulats und des Kaiserreichs. Dort traf Henry der härteste Schlag (1811): »Meine arme Frau hat heute ihr trauriges und heiliges Dasein nach einem Martyrthum von achtundzwanzig Tagen beschlossen ... An diesem traurigen Tage endet eine nie gestörte Verbindung, die vierunddreißig Jahre gedauert hat, und mit ihr endet alles Glück meines Lebens.« »Meine Gesundheit ist zerrüttet,« schreibt er bald darauf, »die Lampe in der alten Laterne ist dem Verlöschen nahe.« Ihr flackerndes Licht sollte bald ausgebrannt haben. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte der Greis in tiefer Geistesnacht, gepflegt von seinem treuen Comte. Der Marquis starb den 24. Mai 1824: im Tode lebte sein edler Geist noch einmal auf und er endete in einer That der Milde.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.