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Aus dem ewig-währenden Calender

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Aus dem ewig-währenden Calender - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrimmelshausen Werke II (Bibliothek der frühen Neuzeit Band 17)
authorHans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
year1997
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-66470-2
titleAus dem ewig-währenden Calender
pages357-410
created20000906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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LIII.
Längster Tag.

ER besuchte den 1. November einen von seinen beschädigten Camerathen / der klagte / daß jhm die Zeit so trefflich lang würde; Er antwortet / das lasse dich nit wundern / dann heut ists Allerheyligen Tag / biß nun jeder ein wenig davon hat / so muß er sich weit hinauß erstrecken.

 
LIV.
Geld lehnen.

SEiner Spießgesellen einer bath jhn / er wolte mit jhm zum Marquatenter gehen / allwo er jhn trefflich Gastiren wolte / wann er jhm hernach nur ein eintzig dutzet Thaler leyhen wolte; Weil aber Simplicissimus einen unrichtigen Zahler an jhm wuste / antwortet er / ach Bruder ich hab jetzunder weder Hunger noch Durst / jener hielt an / nur auff ein eintzigen Trunck: aber seine Antwort war widerumb / es dürst mich nicht; es dürst mich nicht; darvon vermuthen dieses zu einem Sprichwort worden.

 
LV.
Die Justitia.

ES fragte jhn einer warumb man die Justitiam mit verbunden Augen mahle; dem antwortet er / darumb daß sie die Schmiralia nit sehen soll.

 
LVI.
Jüdische Disputation.

ZU Philipsburg sasse ein Soldaten Weib und eine Jüdin beysammen die näheten und disputirten zugleich von der Religion / die Christin wolte etwas mit Simpl. beweisen / er aber antwortet / ich hielte vors best / daß jhr das disputirn bleiben liesset / weil jhr bereits im vornembsten Articul einig seyt / in dem jede viel vff die Aufferstehung deß Fleisches hält.

 
LVII.
Leibs Uberfluß.

SImplic. und sein Knan wurden von einen jungen Bawrs-Kerl der jhm wegen seines Weibs verwandt war / erbetten / den Augenschein im Kintzger Thal von der beschaffenheit einer reichen Tochter / die ermelter Kerl zuheyrathen gedacht war ein zunehmen; Weil nun Simplic. und sein Knan solche Heyrath vor seinen Vettern vor erwünscht hielte / brachte er soviel als das Jawort davon / und lobte zu seiner Widerkunfft den Vetter Hegel das Mensch über alle schwangre Bawrn hinauß verschwig aber darneben daß sie beydes ein Kropff und einen Buckel hatte / ja er schwur noch darzu / daß sie ohn einigen Leibsmängel sey; Als nun der Hochzeiter beydes den Kropff und den Buckel selbst sahe / verwise er Simplicissimo daß er jhm die Unwarheit vorgebracht; Jn dem er gesagt hätte sie wehre ohne einigen Leibsmängel / da er doch jetzt ein anders sehe; du unverständiger Knopff antwortet Simplic. diß seynd keine Leibsmängel sonder Leibsüberflüß.

 
LVIII.
Solares.

ER wurde gefragt warumb grosse Potentaten / Fürsten und Herrn Solarische Persohnen genandt würden; darauff war sein Antwort : dieweil sie (gleich wie die Sonn jhren vorgenommen Weeg fort passiere man mög sie gleich umb ein anders bitten / oder sie deßwegen schelten oder loben) in jhren vorhabenden Geschäfften fort fahren / der Bawr mög gleich saur oder süß drein sehen.

 
LIX.
Griechisch-Deutsch.

ALs einer sagte Philosophus hiesse auff teutsch ein Liebhaber der Pferdt / antwortet er / das mag wohl auff Griechisch also lauten / aber auff Teutsch bedeut es ein Cammer voller Flöhe.

 
LX.
Einfältiges Alter.

JN einem kurtzweiligen Gespräch wolten etliche behaupten / das einfältige Leuth nicht so bald mit grawen Haren und allerhand Kranckheiten beladen würden als andere; dannenhero vexirte einer Simplicissimum und sagte / auff solche weiß würde er dergleichen Beschwerlichkeiten lange Zeit überhoben seyn / weil er seinem Nahmen nach vor allen Einfältigen den grösten vortel hätte / Simplicissimus antwortet ein Esel / wie männiglich bewust / grawet zwar in Mutterleib / aber gleichwohl was die Kranckheiten anbelangt / kan man wohl erachten / daß mehr böse Feuchtigkeiten in viele: als nur in eine Falten gehen.

 
LXI.
Geld herauß.

ER halff einsmahls under den Philippsburgern ein Schiff auff dem Rhein plündern / auff welchen Stromm er under dem Nahmen Doctor / wohl bekandt war; auff selbigem Schiff befande sich einer den er schon bereits etlichmahl zuvor berauben helffen; zu demselben sagte er / Geld herauß? Ach Herr Doctor antwortet jener / ich hab jetzt warhafftig kein Geld; wie wehr jhm aber / sagte Simpl. wann ich dich in Rhein würffe / weil du keins zu dir genommen hast / lachte darauff / und liesse den Tropffen zufrieden.

 
LXII.
Fünff Batzenkundt.

WEil Simpliciss. seiner losen Händel halber zu Philippsburg gar offt ins Stockhauß kahm / sagte der Profoß einsmahls zu ihm / was gilts Doctor du würdest geschmeidig werden / wann du an statt eines Kopffstücks müssest ein halben Thaler Schließ- oder Stockgeld geben; Ja: antwortet Simpliciss. was wers aber alsdann / wann jhr an mir einen fünff Batzenkundten verliehrn: und keine halbe Thaler bekommen würdet?

 
LXIII.
Gut Pferdt.

DJe junge Fraw Profosin so in verdacht war / als pflegte Sie etliche Gefangene mit unterbettwerck zu versehen / wolte den Doctor auch bessern / und sagte / jhr hettet kein gut Pferdt geben / weil jhr euch so gar ungern zäumen last: aber jhr / antworttet Simpl. hättet euch besser geschickt / dann jhr last ja schon gern uffsitzen.

 
LXIV.
Mahler.

ETliche Persohnen discurrirten von allerhand künstlichen Mahlern / der eine lobt den Michaël Angelum, der ander den Albrecht Thürn / der dritte die Sanctus, der viert den Holbein und wolt je einer den seinigen den er vor den besten hielte / den andern alle vorziehen / als nun Simpl. Meynung auch gehört werden wolte / sagte er / er hette nie keines künstlichern Mahlers wahrgenommen als deß Frühlings / und Vorsommers / welche den gantzen Erdboden mit den allerschönsten Blumen zierten / so lasse er sich auch nicht überreden daß ein geschwinderer Mahler sey als der Winter / welcher in einer Stund es sey gleich Tag oder Nacht unsern gantzen Horizontem übermahlen und weissen könte.

 
LXV.
Doctor und Narr.

EIn Trommelschlager / von welchen man im Krieg sagt / jhrer 99. geben 100. Narren / fragte Simplicissimus zu Philippsburg bey einer Zech / ob er auch wüste / was vor ein Unterscheid zwischen einem Doctor und Narren wäre / weil man damahlen Simpl. einem Doctorem nante: er antworttet / man sagt zwar von einer Maaß Wein / aber jetzt ist kein anderer Unterscheid zwischen mir und dir als der Tisch / daran wir beyde sitzen.

 
LXVI.
Beständigkeit.

EJn Unterofficier der ererst seinen Altteutschen Bart in Französisch verwandlen lassen / hat uff der Wacht deß Conrad Vettern beständiger Luther / und lasse darinn die Zeitzu passiren / wann er nun so einen schmitz herunder gehawen / so fragte er mit verwunderung die Anwesende / ob auch jemahlen ein unbeständiger Wetterhan in der Welt gewesen wäre? und machte endlich deß Dings so viel / und Simplicissimum dardurch so müth / daß er jhm antworttet / er seye so unbeständig: und wie jhr sagt / so leichtfertig gewesen als er immer beschrieben wird / so hat er sich doch gleichwohl sein lebtag nur mit einerley Art und Manier von Bärthen betrogen.

 
LXVII.
Eine Musterung.

SImpliciss. Compagniæ darunter er zu Philipsburg ein Musquedierer sein muste / war starck uff dem Pappier und hingegen schwach uff den Beinen / damit nun sein Hauptmann bey bevorstehender Musterung bestehen möchte / überredet er etliche darunter auch Simpl. war daß sie sich nach beschehener Musterung zu Beth legten und sich vor kranck außgaben / welche falsche Krancke der Commissarius Persöhnlich visitierte / und jhre falsche Nahmen in der Musterroll notierte / auch jedem selbst ein Monathsolt darreichte: deß waren gemeiniglich in specie zwo Ducaten: Simpl. empfing unter seinen beyden auß deß Commissari übersehen ein Württenbergischen doppelte Ducat / brachte also 5. zusammen / da jhme vor dißmahl nur zwo gebührt hätten: da sagte Simpl. nach deß Commissari Abscheid zu seinem Wirth / was vermeint jhr wohl was unser Krieg vor ein Außgang gewinnen werde / in welchem man einem vor die Kriegsdienste nur zwo: und vor ein eintzige Schalckheit und Untrew drey Ducaten giebt / wäre einer wohl zu verdencken wann er sich umb so gut Belohnung willen künfftig aller Büberey befliesse?

 
LXVIII.
Wacht

HJerauff soff sich Simplicissimus in seinem Quartier uff deß Commissari Gesundheit voll / und legte sich unangesehen denselben Nachmittag die Wacht an jhn kam / ins Beth / da ihn nun der Feltwebel miessete / und hin kam jhn wie breuchlich mit einem Brügel zuholen / sagte er / Herr Feltwebel jhr werdet ja keinem Krancken nichts thun (welches nachgehents zu einem Sprichwort erwachsen) da lig ich wider mein Willen uff deß Hauptmanns Befelch Kranck / und hab ererst eine Artzney eingenommen worzu mir der Commissarius selbst daß Geld hergeben / was wolt dann ihr mich zeyhen? Herr Doctor / sagt der Feltwebel / stehe uff und scheer dich uff die wacht oder ich will dich uffheben: daß mag der Doctor thun antworttet Simplicissimus als welcher Heut gesund durch die Musterung gangen / dem Martin Pfaffen aber / der bereits in vielen Jahren keine Herrn-Dienst mehr versehen können / und Heut dem Hauptman zu ehren und gefallen kranck da liegt / werdet jhr nichts zumuthen können / solches muste der Feltwebel auß Forcht der Betrug möchte vor den Commissarium kommen / und der Hauptmann darüber einbüssen / geschehen lassen und einen andern Kerl an Simpl. Statt uff die Wacht commendiren.

 
LXIX.
Apollo.

EJn guter Deutsche Poet geistlichen Stands / der sich mit Weib und Kind im Saurbrunnen befande / und die Chur brauchte / schriebe bey vertrüßlichen langwürigen Regenwetter in daß Brunn-Hauß ach scheine liebe Sonne / daß uns wohl schmecke der Brunne / den Krancken dienen zur Artzney / den Gesunden auch nicht schädlich sey: Simplicissimus schriebe darunter / wer wolt sich mehr verwundern daß die Americaner heutige Tags die Sonn anbetten wie die alte Heyden gethan / seintemahl solches unter uns Christen geschihet?

 
LXX.
Der Umbgesattelte.

EJner klagte Simpl. mit grossem Vertruß und Wehemutigkeit daß einer von seinen liebsten Freunden abgefallen unnd Calvinisch worden sey; dem antworttet er / laß jhn glauben was er will / der Catholisch Himmel wird seinetwegen nicht lehr verbleiben / so wird er dir auch kein Ohr abglauben.

 
LXXI.
Alte.

EJner fragte / warumb doch die alte Leuth so ungern stürben! Simplic. antwortet / darüber ist sich nicht zu verwundern weil sie deß Lebens schon lange Zeit gewohnt seyen.

 
LXXII.
Hencken.

ALs es vor den Obristen kam daß sich Simplic. kranck gestellt und den Commissarium und also auch dem Käyser selbst betriegen helffen / liesse er jhn in daß Stockhauß setzen / und predigt jhm vom hencken; als einen der an seinem Herrn vntrew und meinäydig worden ob nun zwar Simpliciss. zu selbigem Regiment nicht würcklich geschworen wessentwegen ihm dann auch kein Meinäyd zu gelegt werden konte so brachte er jedoch kein ander Entschuldigung vor / als daß er sagte / weil ein Soldat schuldig sey uff seines Officiers Befehl in Todt zugehen / so hätte er vermeint / er wäre auch Schuldig uff solches Commando sich kranck zustellen.

 
LXXIII.
Vergebliche promessen.

EJn Reformirter Hauptmann der selbst wenig übrig: gleichwohl aber / nicht weiß ich auß was vor einer Näigung Simplicissimum gern umb sich hatte; sagte einsmahls zu jhm / wann ich einmahl ein grosser Herr werde / so will ich dich zu meinem geheimen Rath machen: und ich / antworttet Simpliciss. wann ich Röm. Käyser werde / so solt jhr meine Trabanten Hauptmann seyn.

 
LXXIV.
Monsieur.

ER sagte offt und glaubte es auch vor ein Warheit / wann ein Teutscher den andern Monsieur nenne / daß er alsdann denselben nit gern uff rechtschaffen teutsch einen Herrn heisse / sondern vil lieber ein Narren hiesse.

 
LXXVIII.
Schönheit ohne Verstand.

ER pflegte von einen wunderschönen sonst aber sehr groben und ungeschlieffenen jungen Bawrn Kerl / welcher seines Weibs Schwester begehrte / zusagen / die Natur hette sehr gejrret / daß sie so ein groben Esel in eine solche schöne Herberg logirt hette / es wäre gewißlich seinem Vatter / der ein vierschrötiger garstiger Bawr gewesen / ein frembder Stier (deren es dann alle Jahr im Saurbrunnen zu-<...>men / der diß Meisterstuck zu keinem andern Ende verfertigt / als die Phisiognomisten damit zubetrügen / als jhm nun seine Geschwey Raths fragte / ob sie jhn nehmen solte? freylich sagte er wann jhr eine Haut nötig habt / Schreibtäfflein darauß zumachen.

 
LXXIX
Calender.

ER Speculierte einsmahls über einem Calender / und machte Grillen / von welchen er sich ungern zerstören liesse / mit dem kam die Wirthin und fragte jhn wann es Voll würde / da antworttet er wanns bald will überlauffen.

 
LXXX.
Leinenweber Handwerck.

ALs von dem Vorzug der Handwercker geredet wurde / Welchen nemblich solcher vor andern billich gebühre sagte er / ich weiß nicht / wann ich hierein sprechen solte ob ich den Schäbigen Leinenwebern nicht eben so bald den Vor- als Nachzug geben wolte / dann gleich wie die Abgestorbene mit einen Tuch ins Grab gefertigt werden / also werden auch gemeiniglich alle Newgebohrne zum aller ersten mit Windelen empfangen / damit tractirt und bewillkombt.

 
LXXXI.
Jtalianische Gesellschafft.

ER sahe bey den Schweitzern unterschiedliche Esell und Maulthier mit Citronen / Lemonen / Pommerantzen und sonst allerhand Wahren auß Jtalia über daß Gebürg kommen; da sagte er zum Hertzbruder / schawet umb Gotteswillen / diß ist der Jtalianer fruchtbringende Gesellschaft.

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