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Aus dem ewig-währenden Calender

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Aus dem ewig-währenden Calender - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrimmelshausen Werke II (Bibliothek der frühen Neuzeit Band 17)
authorHans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
year1997
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-66470-2
titleAus dem ewig-währenden Calender
pages357-410
created20000906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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XXIV.
Der Bildstock.

ALs jhn einer fragte warumb er diesen Bildstock an die Straß setzen lassen? da antwortet er / darumb dieweil ich zu arm bin eine Kirch oder Spittal zu stifften.

 
XXV.
Auff borgs Reden.

WAnn er jemand hörete grosse Promesse thun und demselben zugetrawte daß er solches nicht halten könte oder wolte / so pflegt er zusagen / dieser redet uff Borgs / und keiner bezahlt gern sein eigne Wort.

 
XXVI.
Ein essen Fisch.

ER begehrte einsmahls im Winter-Quartier an seine Wirthin / sie solte ihm ein gut essen Fisch kochen / dieweil sie aber keine hatte noch zubekommen wust / sagte sie ja wohl wo soll ich sie nehmen? deren antwortet er / es gilt mir gleich / jhr möcht sie bey den Köpffen oder Schwäntzen nehmen.

 
XXVII.
Die drey beste Ding.

BEy einer lustigen Gesellschafft wurde gefragt / was die beste Ding uff Erden wären / und als die Reye an Simplicissimum kam / seine Meynung auch zu öffnen / sagte er / essen trincken und schlaffen / dann wann uns deren eins entzogen würde / so wärs umb uns geschehen; Jhm hielte ein so genandter geistlicher Widerpart / und wolte behaupten daß liebe Gebett seye besser und nöthiger als wardurch sich die Seel zu GOtt erhebe / und jhren Ursprung nähere: Dem antworttet Simplicissimus jhr widersprecht mir zwar mit Worten / aber mit den Wercken bezeuget jhr / daß ich recht habe: Sintemahl jhr mehr und lieber meine drey Stück übet / als Betten / Fasten und Wachen

 
XXVIII.
Die gröste Stockfisch.

EJn zimblich gereyster Schweitzer sagte bey einer Gesellschafft (vielleicht damit man auch wissen solte / daß er weiter als ein Mühlkarrich kommen sey) er hätte nirgends mehr Stockfisch gesehen als in etlichen Seestätten: dem antwortet Simplicissimus so bistu in deinem eignen Haimet blind gesin.

 
XXIX.
Das kleine Brodt.

DJe Strahlbecken / sagten einsmahls sein Cammerrath backen das Brodt ja gar zu klein: erzörne dich nicht Bruder / antworttet Simplicissimus, es ist wenig Geträid im Land / damit nun jeden sein Theil darvon zukomme / müssen sie wohl kleine Portiones machen.

 
XXX.
Die Saw.

EJner wolte Simplicismi Rauff-Degen entlehnen / sich mit einen zuschlagen der jhme eine Saw gescholten: zu dem sagte er / Bruder er hat dich nicht geschmähet / sonder gelobt / weil eine Saw besser ist als du: seintemahl wann ich ein Haar von dir in der Speyse finde / ich tausendmal ehe kotzen müste / als wann hundert Säwhaar uff einen guten Schuncken stehen / den ich vor mir zu essen habe.

 
XXXI.
Der stoltze Bawer.

SImplicissimo wurde von einem groben Bawrn in einem halben Gezänck vorgehalten / wann er so lang im Krieg gewest wäre als Simplicissimus so wolte er ein Oberster oder wohl gar ein Enneral worden seyn: dem antwortet er / ja es hätt sein können / wann man gleich ein Regiment Knollfincken: oder eine Armee Plochhöltzen bey einander gehabt hätte.

 
XXXII.
Hoffnung.

VOn der Hoffnung pflegte er zusagen / sie seye zwar ein feine heilige Christliche Tugend / hingegen aber auch sehr betrogen.

 
XXXIII.
Corporal Esel.

DJe embsige Feder-Zeidery hat in der Collectanea verwunderlicher Sachen 1658. bey Andreæ Erffurt getruckt pag. 106. im andern Gebott von einem Chur-Bäyerischen Corporal uffgezeichnet / daß er in ein Esel verwandelt worden / und durch Herabreissung eines Rosenkrantzes den er einer Bawren Magd im Feld vom Kopff genommen / wider zu recht kommen sey: von diesem Corporal weiß ich diß / daß er deß Apulei güldenen Esel gelesen / und solche History anfangs etlichen unverstädigen Soldaten von seiner Corporalschafft vor die lange weil uff der Wacht erzehlet / die solches verstanden als von jhme Corpral solcher poß selbst widerfahren wehre / vff welcher Meinung er sie auch gelassen: Solches wurde bald ausgebreitet / und kam auch vor hohe Officier / die jhn bald da: bald dorthin zu Mahlzeiten beschickten / und in solche seltzame History vielmehr erzehlen liessen: Weil er nun sahe / daß er manchen Schlamp dardurch bekam / zumahlen niemand wider ihn disputirte, beschweret er drauff und gab beständig auß / daß er würcklich ein Esel gewesen sey: Er / als ein Soldat / wurde etlichmal von einem Kriegenden Theil zum andern gefangen / und dannenhero bey beeden Armeen entweder Persöhnlich oder durch hörsagen bekandt / da dann obiges sein vorgeben geglaubt worden: dieses Notire ich hieher / damit man sehe wie leichtlich ein gelehrter Mann / und mit jhm noch viel die seine Schrifften lesen / von einem der sich selbst vor einen Esel außgeben / auch nicht viel besser gewest / betrogen werden kan.

Dieses obige ist auch auß einem Butter-Brieff / den Simplicissimi Meuder zu Marck gebracht / und Simpl. hiebevor eigenhändig überschrieben / extrahirt worden / wie auch das negstfolgende.

 
XXXIV.
Platteyßlein.

NAch Eroberung Preysach rüstet sich Hertzog Bernhart von Weymar / auch Ofenburg Zubelägern / warinn der Käys. Obriste von Schawenberg commantirte, daselbst wurde damalen im Mühlbach ein Plateyßlein gefangen / welches der Orthen vor ein ohngewöhnliches Wunderwerck gehalten: Und dannenhero besagtem Obristen von den Fischern verehrt worden / der er auch verspeyset: aber ein noch sehr junger Mußquedirer von Geburt ein Gelnhäuser macht diese Außlegung drüber: Es würde / sagte er / die Statt Ofenburg so lang der Obriste lebt und darinn commandirte nicht eingenommen werden: weswegen der Jüngling zwar verlacht wurde: Es hatte sich im Werck befunden / daß er wargesagt / in dem der Obrist die Statt biß in den Fridenschluß erhalten: seynd demnach dergleichen Sachen nicht allemahl zuverachten.

 
XXXV.
Der lehre Magen.

SImpl. muste / wie in seiner Lebensbeschreibung befindlich / zu Philippsburg den Schmalhansen Hörbergen: Sein Oberster fragte jhn auff der Schiltwacht wie es stünde? Er antwortet mit mir stehet es allerdings wie mit den Verdampten in der Höll / jene haben ein immerwehrenden nagenden Wurm im Hertzen / ich aber empfinde dergleichen im Magen! Was hast du dann darinn stecken? fragte der Obriste / er antwortet nichts / dann wann ich etwas hinein zustecken hätte so würde mein Qual bald auffhören.

 
XXXVI.
Edelgestein.

ES wurde discurirt warzu die Edelgestein gut wehren / da nun einer diese der ander jene Krafft und Tugendt auß underschiedlichen Authoribus hervor brachte: sagt Simplicissimus sie wehren vor allerhand Mängel und Gebrächen gut / wann einer deren nur ein par Hüte voll zuverkauffen hätte.

 
XXXVII.
Der Melancholische.

ER hatte einen Cerl under seiner Compagniæ der sehr Melancholisch und zu Zeiten mit dem Miltzwehe behafft war / derselbe erzeigte nie kein grössere Andacht / als wann er einen Rausch hatte / von diesem sagte Simplicissimus er hätte grosse Ursach GOtt zubitten / daß Er jhn nach dem Trunck abforderte: vnd wann S. Paulus selbst noch lebte / vnd sein Pfarrer wehre / so könte er jhn mit guten Gewissen zur Nüchterzeit nit vermahnen.

 
XXXVIII.
Das liederlichst Handwerck.

DJe Frag gieng bey einer Gesellschafft / welches das liederlichste Handwerck wehre: als die Reye an Simpl. kahm / sagt er man müste die liederlichste Handierung nicht bey den Handwerckern / sondern bey den Künstlern suchen / darunder würde man die Musicanten am allerliederlichsten befinden / sie seyen gleich Vocal oder Instrumental; dann wann sie gleich eine Arbeit beym allerbesten außgemacht hätten / so seye sie doch so schlecht und liederlich / daß man nichts mehr davon sehe oder höre.

 
XXXIX.
Trost über ein Verstorbene.

EJn schlechter Mußquedierer zu Philippsburg klagte Simplicissimo, sein Weib were ihm an der Lungensucht gestorben / massen jhr das Gehenck entfallen / welchen schnellen Abscheyd er schier nicht erdulten könte: mein Freund antwortet er / du must gedencken wann sie etwas nutz gewest wäre / daß du sie nit bekommen hättest.

 
XXXX.
Der ander Alexander Magnus.

ALs er einem verstorbenen Mußquedirer mit Gebung einer Salve die letzte Ehr muste thun helffen / welcher in Lebzeiten ein schlechter Soldat gewesen / sagte er / wann er diesem seinem Bruder die Leich-Predig thun sollte / so wolte er jhn dem Alexandro Magno vergleichen: dann gleich wie nach dessen Tode durch seine Fürsten / biß sie die eroberte Länder undersich getheilet / mehr Blut vergossen worden als bey Alexandri Lebzeiten geschehen / also hätten sie bey dieser Leich mehr Pulver verschossen / als der Verstorbene sein Lebtag verschiessen dörffen.

 
XXXXI.
Ungleich Pahr.

EJn alter Greiß / und junge Dirn giengen miteinander zu Kirchen sich Copulirn zulassen; da sagte einer Simpl. mein was gedencket diß junge Blut? Er antwortet / sie gedenckt jhr bey bösen Nächten gute Täg zuschaffen / und endlich umb ein alten Keßler ein newen zukauffen / darauff sagte jener der Hochzeiter ist aber so reich nicht; so gedenckt sie / sagt Simpl. jhn mit Hörnern zuziern; was gedacht aber der Alt / fragte jener wider; Simpl. antwordet / an nichts wenigers als an solche Crönung.

 
XXXXII.
Der zierlich Bart.

EJn alter Schuelfuchs hatte neben seinem jungen Weib auch einen schönen breiten Bart mit welchen er wie ein Pfaw mit seinem Schwantz prangte; Einer vergliche jhn deßwegen den alten Patriarchen; Ja sagte Simplicissimus wann jhr ererst auch seine Hauptziert sehen köntet / so würdet jhr jhn gar dem Moyse vergleichen.

 
XXXXIII.
Ohnnöthige Wacht.

ZU Philippsburg hatte Simplicissimus einsmahls gern zu Nacht gessen / weil er aber weder zubeissen noch zubrechen hatte / verfügte er sich zu einem Burger vnd warnete jhn trewlich / das etliche vorhabens wehren jhm selbige Nacht einzubrechen und jhn zubestehlen / wardurch er einen Schmauß bekam und sich fütterte / der Burger aber mit seinem Gesind die gantze Nacht wachend zugebracht; Deß morgends erzehlte er Simplicissimo, daß er vergeblich gewacht hätte; O das ist nichts / ich habe schon manche Nacht wachen müssen in deren gleichwohl kein Feind kommen.

 
XXXXIV.
Die abgeschlagen Beltz.

SEine Matresse die er im Sawrbrunnen carresirt, deß jungen Simplici Meuter / bettelte bey ihm umb einen Beltz den er jhr kauffen solte / weil er aber jhrer müth war und nichts mehr zu spendirn gedachte / sagt er / ach Schatz was wird er mir vor ein Frewd geben / jhr werd jhn ja allzeit ausziehen / wann ihr euch bey mir befindet / ey / sagte sie / ich kan jhn ja wohl anbehalten / nein antwortet Simpl. jhr wist daß ich euch allzeit am allerliebsten nackend gehabt habe.

 
XXXXV.
Ein selbst Mörder.

ALs jhm gesagt wurde es hätte sich einer an ein zehenfüderichs Faß voll Wein erhängt; sagte er das ist wohl ein Narr gewest / wann er ja sterben wollen / daß er sich in den Wein nicht ertränckt hat.

 
XXXXVI.
Ein widerwillige zufriedenheit.

EJn geitziger Officier blieb bey Wittenweyr an einem Musquetenschuß todt / da sagte Simplicissimus dieser war niemahlen mit vielen Geld zubefridigen / nunmehr aber hat er sich nun mit zwey Loth Bley vergnügen lassen.

 
XXXXVII.
Ursprung der Vorsichtigkeit.

SImpl. pflegte zusagen / alle Tugendten hätten einen löblichen Ursprung / allein die Vorsichtigkeit wurde von einem schändlichen Vatter / nemblich dem Mißtrawen / und von einer abschewlichen Mutter / nemblich der Widerwertigkeit geboren.

 
XXXXVIII.
Warzu die Speisen dienen.

WAnn er jemand hörete eine Speiß verachten oder sagen / daß solche nicht gar gekocht oder sonst nit gut sey / so sagte er friß nur dapffer zu / du machst doch nur S. V. Dreck drauß / wann es gleich Feldhüner weren.

 
XXXXIX.
Gestreng.

EJn geborner Baron so ein Hauptman war / wurde von Simpl. Jhr Gestrengigkeit Titulirt / weil er jhn nit kandt: der Hauptman so lieber jhr Gnaden genandt war / antwortet jhm der Hencker sey streng / weil er jhn aber nichts zu commendirn hatte / sagte er; Ey gnädiger Herr das wehre jmmer schad / wann sonst niemand als der Hencker der alten edlen teutschen Helden ritterliche Schwerter und Ehrentitul Ererbt haben solten.

 
L.
Ein Potagrämer.

SImplicissimus hatte zu Philippsburg mit Artzneyen ein solchen Nahmen bekommen / weil er den Kindern die Würm / und den alten Weibern das Zahnwehe vertreiben könten / daß jhn auch einsmahls ein Cyprianer umb Hilff und Mittel ansprach / dem antwortet er / Christus selbst hat zwar allerley Kranckheiten geheilet / aber man findet nicht daß Er jemahlen einen Potagramischen / oder einen Narren gesund gemacht hab / was wolt jhr mir dann zumuthen?

 
LI.
Narrenschellen.

EJn künstliche Tafel darauff auch under andern Persohnen ein Narr gemahlet war / wurde von jedermann gelobt: Ein Spehvogel ruffte Simpl. auch herzu / und sagte weil er auch in einem Ey ein Haar finden könte / so er solte sagen was dieser Tafel mangle / oder worinn der Mahler gefehlet hätte / da wise Simplicissimus vff den Narren und sagte sihe da / er hat dich in deinem Conterfaith nicht recht troffen / und dir die Schellen an die Ohren gemahlt welche billiger an der Zung stehen solten / weil man dich mehr an der Redt: als am Gehör erkennet.

 
LII.
Tabacksauffen.

EJner fragte jhn / was er vom Tabacktrincken hielte / der Meinung zuvernehmen / warvor ihm Simplicissimus gut zuseyn hielte; Er aber antwortet / man lehrnets auß fürwitz / treibts auß gewonheit und lästs bleiben worinn man gefährlich Kranck und gar Todt ist.

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