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Aus dem Böhmerwalde

Josef Rank: Aus dem Böhmerwalde - Kapitel 9
Quellenangabe
authorJosef Rank
titleAus dem Böhmerwalde
publisherunbekannt
year1917
firstpub1843
translator
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180107
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Josef Rank

Dasselbe veröffentlicht im Augustheft 1916 der »Deutschen Arbeit«, S. 597-603. Dazu: J. Rank, Erinnerungen aus meinem Leben; Jahrbuch »Libussa« für 1858 und Paul Meßner, Drei deutsche Böhmerwalddichter, Prachatitz 1902. Daten dieser drei Quellen konnten mehrfach richtiggestellt werden.

Von Prof. Karl Wagner (1916)

Josef Rank trat gleichzeitig mit seinem um ein Jahrzehnt älteren, größeren Landsmann Adalbert Stifter in die Literatur ein; während Stifters Dichtername von Jahr zu Jahr heller leuchtet, führt Rank in den landläufigen Literaturgeschichten ein bescheidenes Dasein, kaum dass er mit Namen genannt wird. Er ist, mit Unrecht, einstweilen ein Vergessener.

Bewegter als bei Adalbert Stifter und reichhaltiger nach außen hin ist Ranks Lebensgang. In dem kleinen Dorfe Friedrichstal, etwa zwei Wegstunden westlich des Städtchens Neuern im Böhmerwalde, wurde er am 10. Juli 1816 als das siebente Kind von dreizehn dem Besitzer des »Paulihofes« geboren, wo noch heute (um 1910) ein Neffe des Dichters, eine trotz seiner siebzig Jahre noch immer prächtige Bauerngestalt, für die drei Kinder seines im Herbst 1914 in Galizien gefallenen einzigen Sohnes von Neuem rüstig schaltet und waltet. Im nahen Hirschau besuchte der kleine »Beberl« die Dorfschule, ein verwandter Lehrer in Depoldowitz bildete ihn zunächst für das Lehramt vor, indem er mit ihm die Anfangsgründe im Klavier- und Violinspiel vermittelte, endlich aber wussten Lehrer und Geistliche unter Hinweis auf Josefs Begabung die Bedenken des Vaters wegen der Kosten des Studiums zu zerstreuen, und der Knabe, der inzwischen 14 Jahre alt geworden war, wurde von dem Rotenbaumer Pater Steinbach für das Gymnasialstudium vorbereitet. Nach glücklich bestandener Prüfung im Kapuziner-Kloster zu Taus brachte ihn das wohlbepackte Wägelchen des Vaters am 1. Oktober 1830 nach der damals noch deutschen Kreisstadt Klattau. Bald kann er sich durch Stundengeben so viel verdienen, dass er seine Eltern ganz entlastet, verständige Anleitung seiner Lehrer und gute Lektüre wecken seine dichterische Begabung, und als er im Jahre 1836 die Anstalt verlässt, darf er bei dem feierlichen Schulschlusse, der sogenannten »Klassenlesung«, eine der Festreden halten, wobei er ein selbstverfasstes Gedicht »Abschied von Klattau« unter dem Beifall und den Tränen der Zuhörer vortrug.

Im September desselben Jahres wandert er, mit 12 fl. in der Tasche, voll frohen Mutes und Selbstvertrauen zu Fuß nach Wien, wo er zunächst bei seinem ältesten Bruder Andreas, der eben den höheren Kurs an der josefinischen Akademie vollendete, Wohnung nahm. Aber schon im Oktober übernimmt er auf Empfehlung Theodor von Planers, der zwei Jahre lang sein Mitschüler auf dem Gymnasium gewesen war, die Hofmeisterstelle bei dessen drei jüngsten Brüdern im Hause des Hof- und Gerichtsadvokaten Ritter von Planer, ein Umstand, der für Ranks Entwicklung von großer Bedeutung war. Der äußeren Sorgen enthoben, lebt er sich hier in die feineren Lebensformen ein, bald wie ein Kind des Hauses behandelt, darf er bei keinem Familienvergnügen, bei keiner Festlichkeit fehlen, wird mit den neuesten Erscheinungen auf dem Büchermarkte bekannt und ist überglücklich, wenn ihm der Chef des Hauses eine Freikarte für den Besuch des Hofoperntheaters schenkt. Nachhaltiger als die Oper jedoch wirkt das Drama auf ihn, damals getragen und verkörpert von Korn, Costenoble, Wilhelmi, La Roche, Löwe, Fichtner, Frau Rettich und vor allem Anschütz, dessen Darstellung im »Othello« und »König Lear« seine Bewunderung für Shakespeare entscheidet, der fortan seine Lieblingslektüre und sein fortgesetztes Studium bleibt.

Unter solchen Umständen regt sich bald seine eigene Muse, andere für die Literatur und Kunst empfängliche Studiengenossen werden seine Vertrauten, man legt sich die schüchternen Versuche zur gegenseitigen strengen Beurteilung vor, das Beste ihrer Arbeiten wird in Monatsheften zusammengeschrieben, in einem Archive aufbewahrt und auf besonderes Verlangen den bevorzugten Kollegienfreunden zum Lesen anvertraut. Die mutigeren poetischen Genossen wagen sich endlich in die Öffentlichkeit und geben damit auch Rank ein Beispiel. Das damals von L. A. Frankl geleitete »Österreichische Morgenblatt« bringt im Oktober 1840 zwei humoristische Skizzen, zu denen ihn die Betrachtung von Kupferstichen William Hogarths, des berühmten englischen Sittenmalers aus dem 18. Jahrhunderte, angeregt hatte. Als Rank hierauf Frankl persönlich dafür dankt, fordert dieser ihn auf, das Volksleben der Böhmerwaldheimat zum Gegenstande von Schilderungen zu machen. Was er bisher für unmöglich gehalten, die Brauchbarkeit seines heimatlichen Lebens zu schriftstellerischen Zwecken, wird ihm zur eigenen Überraschung beim ersten Versuch klar, und mit einem Schlag stehen die Sitten und Bräuche seiner bisherigen unbekannten Waldheimat in frischen Bildern vor seinem Auge, die, kaum niedergeschrieben, auch abgedruckt werden und ihm bei allen Lesern ermunternde Anerkennung eintragen. So entsteht sein Hauptwerk »Aus dem Böhmerwalde«, 1843 bei Einhorn in Leipzig erschienen, da sich ein Wiener Verleger nicht finden wollte. An dieses Werk knüpft sich Ranks unvergängliches Verdienst, denn er steht damit an der Schwelle einer neuen Zeit, indem er den Anstoß zur volkskundlichen Erforschung unserer Heimat gibt.

Mit dem Fachstudium war es nun ein für allemal aus; er hatte zwar nach den zwei philosophischen Jahrgängen die juridischen Studien begonnen, jedoch noch vor Ablauf des ersten Jahrganges davon abgelassen und such ausschließlich der Literatur zugewandt.

Nun steht er auch sofort mitten in dem regen literarischen Treiben jener Tage. Er tritt mit den jugendlich aufstrebenden Talenten, wie Moritz Hartmann, der sich um jene Zeit eben von Prag nach Wien begeben hatte, Alfred Meißner, Hieronymus Lorm, Eduard Mautner, Siegfried Kapper, Kompert, Nordmann und Ferdinand Kürnberger, in lebhaftem Verkehr und gerät in das politische Fahrwasser jener Kreise, denen die Anbahnung von Reformen zur Verjüngung Österreichs am Herzen lag. In seinen zwei nächsten Werken, den Romanen »Vier Brüder aus dem Volke« (1844) und dem verworrenen, unlesbaren »Waldmeister« (1846), worin Napoleon auf seiner Durchreise durch Deutschland nach Russland durch eine Theatervorstellung zur Anerkennung der Freiheit der Völker und zu größerer Menschlichkeit bekehrt werden soll, entlädt sich, als echten Erzeugnissen seiner Sturm- und Drangzeit, der Groll gegen das System, ja er wagt sogar namentliche Ausfälle gegen Metternich selbst. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn Sedlnitzky bis 1846 alle Ämter in Bewegung setzt, um den kühnen Freigeist zur Verantwortung zu ziehen. Rechtzeitig gewarnt, begibt er sich im November 1843 nach Pressburg. Vom März des folgenden Jahres bis Juli weilt er unentdeckt in Döbling bei Wien, als er aber Ende Juli von Teplitz aus die sächsische Grenze zu erreichen sucht, schickt ihn der dortige Kurkommissär auf Grund einer höheren Weisung mit Marschroute nach Prag zurück, wo er wegen Zensurvergehens – er hatte jene beiden Romane ohne österreichische Zensurbewilligung im Ausland drucken lassen – zwölf Tage in Untersuchungshaft zubringt. Der Prager Magistrat sprach ihn jedoch wegen eingetretener Verjährung der Angelegenheit frei. Ebenso glimpflich kam er das zweite Mal im Mai 1846 bei dem Wiener Magistrat davon, denn auch den »Waldmeister« hatte er mit Umgehung der österreichischen Zensurbehörde in Leipzig verlegt, wohin er sich, jetzt durch Vermittlung des Ministers Graf Kolowrat, mit einem ordnungsgemäßen Pass versehen, im April 1845 gewandt hatte, um anfangs August wieder nach Wien zurückzukehren. In Leipzig, dem damaligen »Eldorado junger Österreicher«, schloss er auch Freundschaft mit Berthold Auerbach, seinem erfolgreicheren Nebenbuhler auf dem Gebiete der Dorfgeschichte.

Die peinlichen Unannehmlichkeiten mit der österreichischen Zensurbehörde mögen ihn wohl veranlasst haben, in den nächsten Schriften, den »Neuen Geschichten aus dem Böhmerwalde« (1847) (Hofer-Käthchen, Irrker und sein Weib, Friedländer, Ein bewegter Tag) und »Weißdornblüten« (1848) (Wartl, das Knechtlein, O Mütterlein, ich denke dein, Die Wirtschaft im Walde), alles Politsche auszuschalten und wieder zur tendenzlosen Schilderung dörflichen Lebens zurückzukehren, wozu ihm der Aufenthalt in seiner Heimat im Sommer 1847 neue Anregungen bot.

Der gewaltige Freiheitssturm, der im Jahre 1848 Österreichs Grundfesten erzittern machte, ergriff auch Ranks erregbares Herz mit unwiderstehlicher Macht. Er ist Leutnant einer Kompagnie Studenten in der akademischen Legion, wohnt den Beratungen eines Komitees bei, das ein der Regierung vorzulegendes Pressgesetz entwerfen soll, ist Mitglied eines Vereines, der die Interessen der Deutschen in Böhmen zu vertreten strebt und für die Nationalversammlung in Frankfurt Einfluss nehmen soll, endlich ist er Redakteur des Blattes »Der Volksfreund«, das, volkstümlich geschrieben, auf die große, gesunde Masse des Volkes in Stadt und Land aufklärend und mäßigend im feinsinnigen Geiste einwirken sollte. Als die Gegensätze der einzelnen Parteien eine immer schärfere Gestalt annahmen, entführte ihn eine wohlwollende Hand des Schicksals vom Schauplatze der Verwirrung; seine Heimatgenossen wählten ihn nämlich am 14. August 1848 zu Bischofteinitz als Abgeordneten für das Parlament in Frankfurt am Main, nachdem er kurz zuvor bei der Wahl für den österreichischen Reichsrat dem tschechischen Gegenkandidaten hatte weichen müssen, der um vier Stimmen mehr erhielt als er. So hatte ihm seine Heimat die Dankesschuld abgestattet dafür, dass er ihr durch sein Schaffen Liebe und Achtung in weitesten Kreisen zuwendete.

Der zweitjüngste Abgeordnete, vertrat er als Großdeutscher eine gemäßigte, liberale Richtung, kam in Angelegenheiten seiner Heimat zweimal zum Wort, den Anspruch auf politische Geltung hat er indes nie erhoben. Nach der Sprengung des Frankfurter Parlamentes hielt er an Uhlands Seite auch noch treu beim »Rumpfparlament« in Stuttgart aus, bis drohende Waffengewalt dem schönen Traume vom Morgenrot deutscher Freiheit ein Ende bereitete. Er hatte eine gewaltige Schule der Erfahrung hinter sich, als er, um ein Gutes ruhiger und reifer, die Schwelle des Parlamentes verließ.

Die nächsten Jahre sehen wir ihn Südwest-Deutschland nach allen Richtungen durchwandern. Zweimal ist er mehrere Wochen hindurch ein gern gesehener Gast in Uhlands Hause, durch den er mit Professor Baur und Köstlin sowie mit dem Ästhetiker Vischer bekannt wird, ebenso verbringt er manch angenehme Stunde bei dem Liedermacher Karl Mayer und lernt auch die anderen schwäbischen Dichter wie Gustav Schwab, Kerner, Hermann Kurz u.a. kennen. Schriftstellerisch war Rank in jenen Tagen vor allem in Stuttgart mit der Erzählung » Moorgarden« (1851), einem Zeitbild aus den letzten Tagen des Metternich'schen Polizeistaates auf dem Boden seiner Heimat, und mit der Durchsicht und Zusammenstellung der ersten Gesamtausgabe seiner Werke (F. A. Brockhaus, 1851) beschäftigt, die das Unmittelbarste und Frischeste seiner ersten Schaffensperiode enthält. Dort gibt er im Juni 1851 auch der Erzählung » Eine Mutter vom Lande« (1848), womit er seiner eigenen Mutter ein Denkmal setzte, dramatische Form (1 Aufzug), scheidet aber deren unorganischen politischen Bestandteil aus.

Als er im Sommer 1851 seinen Aufenthalt wieder für längere Zeit in Frankfurt am Main nimmt, wo die Erzählung » Florian« und die » Geschichten armer Leute« entstehen, macht er bald darauf die Bekanntschaft mit einer Rheinpfälzerin, der Tochter des kgl. bayerischen Steuerkontrolleurs Jakob Koplitz, und vermählt sich mit ihr am 4. September 1852, wodurch er mit der Familie des bekannten Verlagsbuchhändlers Freiherrn von Cotta in Stuttgart verschwägert ward.

Den Frühling und Sommer des folgenden Jahres verlebt er mit seiner Frau in heiterer Stille in seinem Elternhause auf dem Lande, den Winter in der nahen Kreisstadt Klattau, wo ihm am 25. Jänner 1854 sein erster Sohn, Emil, geboren wurde. Schon beschäftigte er sich mit seiner Übersiedlung nach Wien, als die Nachrichten vom drohenden Krimkrieg und die zunehmende Teuerung ihn bewogen, sein Vorhaben wieder aufzugeben und Umschau nach einer anderen »Interims-Station« zu halten. Nach einigem Schwanken zwischen Dresden und Weimar erhielt Letzteres das Übergewicht. Gegen Ende August 1854 übersiedelte er nach der berühmten Musenstadt in der Hoffnung, auf dem klassischen Boden unserer Literatur zu mancher poetischen Schöpfung angeregt zu werden, was auch in Erfüllung ging, »insofern er diese Anregung in sich selber fand«.

Von Werken entstanden in der österreichischen Heimat die längere Erzählung » Schön-Minnele«, weiter stellt er für das Kobersche Album » Sage und Leben« zusammen, welches Büchlein die von dem fingerfertigen Wiener Dramatiker Friedrich Kaiser unter dem Titel: » Die Frau Wirtin« dramatisierte Erzählung »Klärchen, die Wirtin von Dreieichen« enthält. In Klattau schrieb er den zweibändigen Roman aus der Zeit von Deutschlands tiefster Erniedrigung unter Napoleons Herrschaft, » Die Freunde« (für das Kobersche Album), in dem auch seine Erlebnisse während der Untersuchungshaft in Prag poetische Verklärung gefunden haben, und vollendete sein bedeutendstes dramatischer Werk, Karl Gutzkow gewidmet, das historische Schauspiel in 5 Akten » Der Herzog von Athen« (1854), dessen Plan und einige später benützte Stellen noch in der Wiener Studentenzeit fallen. Es schildert den Sturz des Franzosen Walther von Brienne, genannt Herzog von Athen, der sich verräterischerweise zum Tyrannen von Florenz aufgeschwungen hatte – wir denken dabei sofort an Schillers »Fiesko« –, durch die freiheitsliebenden Bürger und Frauen der Stadt. Als Quellen dienten ihm die »Florentinischen Geschichten« von Macciavelli sowie Karl Hopfs Lebensbeschreibung des Titelhelden. Am 13. und 19. Mai 1855 ging das Drama über die Bretter der Weimarer Hofbühne, wobei er für die zweite Aufführung auf den Rat des Kritikers einige Streichungen vornahm.

Bald nach seiner Ankunft in Weimar begründete er das »Weimarer Sonntagsblatt« für Belehrung und Unterhaltung des thüringischen Landes, das er im Verlage des um das dortige Kunstleben vielverdienten Hermann Böhlau vom Anfang Dezember 1854 bis 24. Juni 1855 leitete. Mannigfache Arbeiten, mehr vielleicht noch bevormundendes Eingreifen des Verlegers in die Redaktionsgeschäfte, bestimmten ihn, von seinen Lesern so bald Abschied zu nehmen.

Der geringe Umfang des Blättchens (ein halber Bogen wöchentlich) lassen schon von Vornherein keine besonderen Erwartungen erhoffen. Rank selbst steuert nur Weniges bei, darunter die kurzen Erzählungen » Behäbig! Bild aus dem Leben« und » Hans Bluhmer und seine Knechte. Bild aus dem Volksleben«, beide nachher in seine gesammelten Werke aufgenommen. Auch ein Abdruck der Sagen » Des Kindes Weinen« und » Waschweibel« (Aus dem Böhmerwalde) ist darin enthalten. Von Mitarbeitern seinen nur Uhland, Hoffmann von Fallersleben, mit dem Rank sich an engsten von allen damaligen Weimarer Größen befreundete, B. Auerbach, Bechstein und Peter Cornelius genannt.

In dem Streit zwischen Letzterem und Franz Dingelstedt, der mit Beginn Oktober 1857 aus München zum Intendanten des Weimarer Hoftheaters berufen worden war, ergreift Rank Partei für seinen alten Gönner, der ihm, wie einst für seinen literarischen Erstling, so auch jetzt wieder zu Verlegern verhilft, und bricht manche Lanze für ihn in der »Augsburger Allg. Zeitung« sowie in der Zeitschrift »Deutschland«. Sein tapferes Einsetzen für Dingelstedt entsprang nicht minder dem Gefühle der Dankbarkeit, als es ein Zeichen kluger Voraussicht war, denn Dingelstedt verfolgte schon damals den Plan, an eine der Wiener Hofbühnen zu kommen, was mit seiner 1867 erfolgten Berufung zum artistischen Direktor des k.k. Hofoperntheaters auch gelang; dadurch wurde er, wie wir bald hören werden, Ranks unmittelbarer Vorgesetzter.

Am Neu-Weimarer-Verein, den wöchentlichen Zusammenkünften aller damals in Weimar wirkenden Künstler und Schriftsteller, die in Franz Liszt ihr Haupt und ihren beseelenden Geist ehrten, nahm auch Rank teil. Die hervorragendsten Mitglieder waren außer Liszt noch Hoffmann, der Komponist und Schriftsteller Raff und der Germanist Schade, Herausgeber der »Weimarischen Jahrbücher«, Peter Cornelius, der geniale Landschafter Preller, sodann die Virtuosen Singer und Cossmann, endlich Schüler Liszts: Pruckner, Bronsart und Schreiber. Bei den Zusammenkünften saß Rank, wie in Cornelius' Briefen zu lesen ist, mit Raff, dem Hofschauspieler Eduard Genast, Schade und auch wiederholt auf der berühmten »Altenburg« der Fürstin Wittgenstein ein.

Als am 10. Mai 1855 von Dresden aus der Aufruf zur Gründung der Schillerstiftung erging, fiel die Anregung in den Weimarer Kreisen sofort auf fruchtbaren Boden. Zur Förderung der Zwecke des Vereins, dem Rank nachher manche Unterstützung verdanken sollte, hielt man dort Vorträge, an denen sich auch unser Dichter im November 1856 mit einem solchen über das Volkstümliche in Schiller beteiligte, der wohl das Publikum befriedete, nicht aber Cornelius' Gnade fand. Viele Jahre später veröffentlichte ihn Rank in der Zeitschrift »Die Heimat« (1882) unter der Überschrift » Das Volkstümliche in Wissenschaft und Literatur mit besonderer Berücksichtigung des Volkstümlichen in Schillers Dramen«.

An schöpferischer Tätigkeit ist die Weimarer Periode reicher als jede frühere. Es entsteht dort die Erzählung » Sein Ideal«, ein persönliches Selbstbekenntnis. Einen besonderen Erfolg hatten – im Jahrzehnt der Schillerbegeisterung verständlich – » Die Schillerhäuser«, eine Beschreibung der wichtigsten Wohnstätten des großen Schwaben, die er während seines Aufenthaltes in Württemberg besucht hatte. Ferner stellt er aus älteren und neuen Bildern und Erzählungen (darunter » Klärchen, die Wirtin von Dreieichen in 2. Auflage« eine Art Dorfchronik unter dem Titel » Von Haus zu Haus« zusammen und besorgt die zweite Auflage seines Romans » Die Freunde«. Endlich wurde dort eines seiner bedeutendsten Werkt, der zweibändige Volksroman » Achtspännig« (1857) entworfen und ausgeführt, der sich auf der Linie von Pestalozzis »Lienhard und Gertrud« bewegt und das Motiv von W. Schmidtbonns »Die Letzte« und R. H. Bartschs »Steirische Weinfuhrmann« vorwegnimmt.

Am 18. März 1858 erlebte sein einaktiges Schauspiel » König Manfreds Kinder« eine Aufführung, das, bereits in Wien entstanden, von der Befreiung der von dem grausamen König Karl von Anjou in schmählicher Kerkerhaft gehaltenen Kinder des tapferen Hohenstaufen Manfred handelt und an Beethovens »Fidelio« gemahnt.

Der lebendige Verkehr mit der Bühne weckte wieder die nie ganz erstorbene Liebe für das Dramatische; denn im Jahre 1857 wurden noch zwei kleine Stücke: » Ein Befreier. Historisches Schauspiel« und das heitere Volksstück » Heidenglück« vollendet, welch Letzteres als reizvolle Erzählung in den Gesammelten Werken (Glogau 1860) zu finden ist, in der Wiener Zeit erfuhr es neuerdings eine Umarbeitung, indem er nach F. Raimunds Vorbild allegorische Geistergestalten in das Leben des Kleinhäuslers Huber eingreifen lässt und jetzt die dramatisierte Volkssage in zwei Aufzügen » Der Geistergouverneur« betitelt.

Im Jahr 1859 finden wir Rank in Nürnberg als Redakteur des »Nürnberger Kurier« tätig. Nach einer Notiz der »Bohemia« (Nr. 187 vom 9. August 1861) kam dort in jener Zeit sein Schauspiel in einem Aufzug » Der Mann von Hersfeld« an zwei Abenden hintereinander mit Beifall – der Dichter wurde wiederholt gerufen – zur Aufführung. Der Stoff des Dramas, allgemeiner bekannt aus der Erzählung J. P. Hebels, ist die Rettung Hersfelds in Hessen, das wegen einiger Reibungen der Bürger mit französischen Soldaten von Napoleon (20. Februar 1807) dem Untergange preisgegeben war, von dem Oberstleutnant Lingg aber, der mit seinem Bataillon badenscher Jäger in Hersfeld lag, auf wahrhaft patriotische und ergreifende Weise gerettet wurde. Er vollführte und umging zugleich den französischen Befehl, die Stadt zwei Stunden lang zu plündern und dann an vier Enden anzuzünden. Ausgezeichnet durch raschen Gang der Handlung und lebendigen Dialog, hätte es jedenfalls im Erinnerungsjahr 1913, da man jene große Zeit überall festlich beging, eine Auferstehung erlebt, wenn es eben nicht als Manuskript gedruckt und somit unbekannt wäre. Im Übrigen war der Nürnberger Aufenthalt mit der Zusammenstellung seiner Ausgewählten Werke (Verlag Karl Flemming, Glogau 1860) ausgefüllt, die fast alle Früchte seines Schaffens in den fünfziger Jahren enthalten. Im selben Verlag erschien 1861 auch die vortreffliche Erzählung » Ein Dorfbrutus«, worin er einen bäuerischen Dickschädel zeichnet, der als der jüngste von drei Brüdern und einer Schwester durch zähe Ausdauer und scheinbare Härte den infolge der andauernden Misswirtschaft der Eltern herabgekommenen »Dasselhof« rettet.

Nach langer Wanderzeit ging endlich 1861 sein sehnsüchtiger Wunsch in Erfüllung, in Wien, seiner zweiten Heimat, dauernden Aufenthalt zu nehmen. Zuerst als Chefredakteur der »Österreichischen Zeitung« tätig, bot sich ihm bald Gelegenheit, eine seinen Neigungen und Kräften angemessene Stellung zu finden, die die Versorgung seiner Familie (sie hatte sich inzwischen um einen Sohn, Georg, geboren 1855, und eine Tochter, Lina (1856-1905), vergrößert) für die Zukunft sicherte. Am 19. November 1862 übernahm er provisorisch das Sekretariat am k.k. Hofoperntheater, das er sein 1. April 1865 definitiv unter den Direktionen Matteo Salvi, einem Schüler des Friedberger Simon Sechter, Franz Dingelstedt und Johann Herbeck innehatte, allgemein geschätzt und hochgehalten von den Direktoren und der Generalintendanz der kaiserlichen Theater, welch letzteres Amt seit 12. Juli 1867 als erster Friedrich Halm drei Jahre lang bekleidete, der Rank schon bei seinem ersten Auftreten als Schriftsteller einen schönen Beweis seiner Aufmerksamkeit gab, indem er ihm auf Stifters Vorschlag von einem für junge Dichter bestimmten Legate einen namhaften Teil ohne Ansuchen zukommen ließ. Als anfangs Mai 1875 mit dem Direktor Franz von Jauner ein Sparmeister in die unter Dingelstedt (25. Mai 1869) eröffneten Räume des neu erbauten Hofoperntheaters einzog, wurde »Dr. Josef Rank« am 1. Juli desselben Jahres, da die von ihm versehene Stelle infolge der am Hofoperntheater durchgeführten Geschäftsvereinfachung entbehrlich war, in Disponbilität und »über sein Ansuchen« mit 1. Juli 1876 nach einer fast vierzehnjährigen Dienstzeit in den zeitlichen Ruhestand versetzt. Man erkannte, dass er durch seine ernsten Bestrebungen auf dem Gebiete der Ästhetik und Geschichte, seine nützlichen Erfahrungen im Bühnenwesen sowie durch Vorträge über Ästhetik, Literatur und Kunstgeschichte an der Hofopernschule der Hofbühne ersprießliche Dienste geleistet habe.

Diese wertvollen Kenntnisse ließ daher der gewiegte Theaterpraktikus Heinrich Laube nicht ungenutzt auf dem Markte stehen, sondern erwarb Rank 1876 als Generalsekretär am Wiener Stadttheater, dessen Steuer er im Sommer 1875 zum zweiten Mal ergriffen hatte. Aber dieses Kunstinstitut sollte bald trotz Laubes Bemühungen im ingrimmigen Wettkampf mit dem Burgtheater unterliegen, indem es im Mai 1880 meistbietend verpachtet wurde. Als Laube mit einer Vorstellung seines »Statthalters von Bengalen« vor brechend vollem Hause seinen letzten Abschied vom Publikum nahm, um weiterhin nur noch als Privatmann in Wien zu leben, folgte auch Rank seinem Beispiel. Der aufreibende Kampf, das Institut zu retten, hatte bei ihm ein Nervenleiden herbeigeführt, das ihm unbedingte Ruhe zur Erholung und Kräftigung des Gesundheitszustandes auferlegte. Denn neben seiner Berufsarbeit hatte auch die dichterische Tätigkeit nicht geruht. So lebte er manch anziehende Erlebnisse in dem Bändchen » Aus meinen Wandertagen« (1864) nieder, in dem Zeitbild aus der Mitte des 18. Jahrhunderts » Burgei oder die drei Wünsche« (1865) (1881 zu Görz als Schauspiel in vier Aufzügen unter dem Titel » Burgei oder das Schwert der Gerechten« erschienen) kämpft er für den Sieg der Aufklärung gegen abergläubischen Hexenwahn, 1867 erscheinen, außer der Wilderergeschichte » Johannes Volkh«, vier Bilder aus dem Stadt- und Volksleben unter dem Titel » Steinnelken«, aus denen die von mild-heiterer Entsagung durchtränkten Novellen » Die Geschwister« und » Die Nachbarn zur Rechten und Linken« als zwei Kabinettstücke deutscher Erzählkunst hervorgehoben seien, in Technik und Stil an die fein abgetönte Kunst eines Ferdinand von Saar gemahnend. Diesen zwei genannten wäre an Kunstwert noch die » Liebeserbin« (1876) an die Seite zu stellen. Den Gipfel seines Schaffens hat er endlich mit dem Roman » Im Klosterhof« (1875) erklommen, einem zeitgeschichtlichen Kulturgemälde von hohem dichterischen Wert, in dem er die Summe seiner Lebensweisheit niederlegt und veranschaulicht an einer ganzen Kette geistreich und humorvoll gezeichneter Gestalten aus den verschiedensten Gesellschaftskreisen. Als obersten Lebensgrundsatz aber stellt Rank hier auf: »Der Mensch ermüde nicht, sein Herz zu veredeln, seinen Geist zu bilden und in jeder Lage würdig zu handeln. Denn höher als zu einem trefflichen Menschen bringt es keiner! Kaiser, Könige, Kirchen und Staatslenker, so blendend ihre äußere Macht und Stellung sei, unterstehen keinem anderen Urteil als der einfache Bürger und Tagwerker; zur Würde eines trefflichen Menschen zu gelangen, sind nur die äußeren Mittel verschieden. Die einen setzten weltgestaltende Kräfte in Bewegung, die anderen sind auf ihre Einsicht und ihrer Hände Kraft beschränkt!«

Mit dem ergreifenden kleinen Lebensbild » Muckerl, der Taubennarr«, 1878 anschließend an das » Birkengräflein« (früher » Der Stauffer« genannt) in Reclams Universalbibliothek (Nr. 1077) veröffentlicht, wird nach längerer Unterbrechung wieder die Erinnerung an seine Heimat lebendig.

Während eines zweijährigen Aufenthaltes bei vollkommener Rast in Görz besserte sich sein Befinden sichtlich, so dass er nach seiner Rückkehr nach Wien bereitwillig der an ihn ergangenen Aufforderung, zugleich mit Ludwig Anzengruber die Redaktion des angesehenen Familienblattes »Die Heimat« zu übernehmen, Folge leistete (1. April 1882). Als Mitarbeiter des Blattes jedoch finden wir ihn schon seit dessen Bestande. So enthält der I. Jahrgang (1877) unter dem Titel » Volksgestalten aus dem Böhmerwalde«: » Bartel der Springer«, dem wir wieder in seinen » Erinnerungen aus meinem Leben« begegnen, der Jahrgang 1880 bringt den » Glücks-Kobold. Eine Geschichte aus den Tagen des Aufschwunges«, 1882 steuert er das kurze Bild aus dem Leben » Magelone und ihr Edi«, dann eine biographische Skizze über Wilhelm Ritter von Braunmüller und den oben erwähnten in Weimar gehaltenen Vortrag bei. Im folgenden Jahrgang (1883) finden sich zwei kurze Erzählungen in der Art Hebels: » Zwei Lebenswege« und » Kleine Lebensgeschichte eines großen Taugenichts« (schon in »Von Haus zu Haus« enthalten), weiter » Ein deutscher Dichtersitz. Erinnerung an Wieland«; 1885 bringt » Aus einer Sommerwanderung durch den Schwarzwald. Die Klosterruine Hirsau« sowie » Wildbad und Baden-Baden«. Mit diesen Kleinigkeiten sind seine eigenen Beiträge erschöpft, in den folgenden Bänden (bis 1890) begegnen wir seinem Namen nicht mehr.

Als verantwortlicher Redakteur hatte er die schwerste Arbeit zu leisten, den Einlauf lesen. Sein altes Nervenübel meldete sich daher wieder, und so schied er im Anfang des Jahres 1884 aus der Redaktion aus, Anzengruber die Bewältigung der ganzen Arbeit überlassend.

Nun zieht sich der nahezu Siebzigjährige gänzlich von der Öffentlichkeit zurück und bringt, von einem vorübergehenden Aufenthalt in Gmunden abgesehen, die letzten Lebensjahre in strengerer oder minderer Abgeschiedenheit in der Nähe von Wien, zuerst in Mödling, dann in Hietzing zu, mit voller Geistesfrische noch manches schaffend, so insbesondere das literarisch und literaturhistorisch bedeutende Memoirenwerk » Erinnerungen aus meinem Leben«, das Professor A. Sauer 1896 als 5. Band der Bibliothek deutsch Schriftsteller in Böhmen herausgab, und das » Volksleben der Deutschen im Böhmerwald« (1895) für die »Österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild«.

So lassen sich die Worte, die sich Grillparzer mit Beziehung auf Goethe 1836 in Frankfurt notierte: »Von wo der Mensch ausgeht, dahin kommt er endlich zurück«, auch auf Rank anwenden.

Schwer traf ihn noch der zwei Jahre vor seinem eigenen Abgang erfolgte Tod seiner Gattin, die ihr ältester Sohn als eine außerordentlich gütige, unausgesetzt für das Wohl ihrer Familie besorgte Frau und als Muster einer sparsamen Hausfrau schildert. Den Verlust suchte die aufopfernde Pflege seiner Tochter Lina zu ersetzen. In einer gewissen Rüstigkeit feierte er noch den 80. Geburtstag, als ihn plötzlich ein Schlagfluss traf, der ihm schwere Leiden brachte, von denen ihn am 27. März 1896 der Tod befreite. Auf dem Hietzinger Friedhofe ruht, was sterblich war an ihm.

 

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