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Aus dem Böhmerwalde

Josef Rank: Aus dem Böhmerwalde - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJosef Rank
titleAus dem Böhmerwalde
publisherunbekannt
year1917
firstpub1843
translator
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180107
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Ein Winterabend.

Spinnerinnen, Possen, Romanze, Erzähler.

Den ganzen Winter hindurch ist es Sitte, dass während des Tages die Mädchen sich in einer Bauernstube versammeln, jedes mit Rocken und Spinnrad. Täglich wird der Sammelplatz gewechselt, doch gibt es gewisse Häuser in jedem Dorfe, wo die Zusammenkünfte am häufigsten gehalten werden. Es liegt der Grund in der größeren Beliebtheit der Hausfrau oder Haustochter oder in der unterhaltenden Laune des Hausvaters. Um neun Uhr früh ist die Versammlung vollständig, um zwölf Uhr geht sie auseinander, um Mittagmahl zu halten, und notwendige häusliche Geschäfte zu besorgen. Spinnräder und Rocken werden zurückgelassen. Gegen zwei Uhr Nachmittags kommen alle wieder zusammen. Um diese Zeit finden sich auch die Burschen zahlreicher ein, als Vormittags, teils um den Spaß nicht zu versäum en, wie die Mädchen die Räderschnur entknüpfen, die sie denselben während ihrer mittägigen Abwesenheit in unzählige Knoten verknüpft haben, teils wegen

größerer Mußezeit. Die Unterhaltung besteht während des Tages in lustigen Schäkereien, besonders aber in Gesang. Die Spinnerinnen sitzen auf den Wandbanken herum, und bei großer Anzahl auch auf Stühlen mitten im Zimmer, die Burschen um den Tisch und auf der Ofenbank. Lustige und traurige Lieder wechseln, in die alle Anwesenden einstimmen. Ich will hier auch eine kurze Romanze anführen, die bloß gesprochen wird.

»Haz Ritta mö sprengts denn ollö To
Af engan troarÄn, schwoarz'n Ross,
Füra os engan fowoxna Gro (Grab),
Äffö in enga fwuntsch'ns (verwunschenes) Gschloss (Schloss)?

Kant i denn raua und bläm (bleiben) im Gro,
Wenn durt dös wäßköpfat Deanal (weißköpfige Mägdlein singt,
Deaft (Dürfte) i's fosammar an oizön To,
Doss mia nöd 's Hearz os da Taud'n trua (Totentruhe) springt?

Heid (Heute) i sched oamol dö guldanö Fräd (Freude),
Äf man troarön Taud'nhrit,
Brad (Brächte) I's sched oamol so wäd (weit):
Gang (Ginge) ma dös wäßkopfat Deanal mit!« –

Abends füllt sich die Stube immer mehr. Ein Erzähler nimmt seinen Platz ein unter den Burschen und Männern am Tisch, und nun beginnen Märchen, Volkssagen, Erzählungen, die man mit der allgemeinen Benennung: »Maln« bezeichnet. Man rückt näher, stemmt begierig das Kinn über die auf dem Tische liegenden Fäuste, gruppiert sich nach eigentümlicher Gemütsstimmung. Je schauerlicher die Erzählung ist, je mehr die Kinder ihre Füße auf die Bank hinauf ziehen, aus Angst unter dem Tische rege sich ein beschriebenes Ungeheuer, je mehr

selbst Männer auf den Tisch hinein hauen und ausrufen: »Nä! dös kant mö sost sält daschröckä – », desto lieber wird zugehört.

Ich nehme hier an, ich selbst sei der Erzähler, sehe mich zur Stubentür hereintreten, und mit lautem Zuruf empfangen:

»Fürä dö Säferl! Schom dö nöd! Lädlar, eiz weama wos Hea'n! Däzil! Däzil! Ruckts affö, Mona! Deandla, stad! Stad eiz! Franzl i wiaf dö ossö, wäst nöd afheast da knogatz'n und flenna! – Ollo eiz!« Her zu uns, Seperl! Schäm' dich nicht! Leute, jetzt werden wir was hören! Erzähl'! Rückt zusammen, Männer! Mädle still! Still jetzt! Franz, ich werf' dich zur Türe hinaus, wenn du nicht aufhörst dein Raunzen und Flennen! Allo jetzt! – – Drauf sage ich:

Dznagst: da bluadö Oö,
(Zunächst: Der blutige Mann)
a Ma'l.
Nocha: d' Häx'ndian
(Nachher: Die Hexenmagd)
wieda r a Ma'l.
Zon Drittn: »'s Schulmuaderl«,
wieda r a Ma'l.
Endlä: »Des Windes Weinen«,
wieda r a Ma'l.

Der blutige Mann (da bluadö Mo).

Märchen.

Einst an einem Sonntag früh gingen die Bewohner eines Dorfes in die entfernte Kirche, und nur Alter und zarte

Jugend blieben daheim. Eine Hausfrau übergab die Aufsicht des Hofes einer alten Magd, und zur Wiege befahl sie einen sechsjährigen Weißkopf mit den Worten: »Heärzal! Ma Micherl! Weigst du da Schwösterl hübsch, sö kaf a dar Öpfala und Läzaltl und Biala!« – Drauf sprengte sie Weihwasser und ging. Die Magd tunkte ihm Weißbrot in Milchrahm, und Micherl aß und sang: »Halo! Pumpaio! Tautauanidl tau! tau!« und wiegte gar fröhlich und fromm; und wie das Schwesterlein schlief, blieb Micherl sitzen bei der Wiege und spielte mit dem alten »Schnox«, dem Hund. Und zur Stubentür herein kam ein graues kleines Männlein, das am Eingange stehen blieb und allerhand Spielzeug hielt und klingelte und lockte: »Gei mit mia, Beiwl! kim mit mia!« Micherl sah und hörte das alles nicht; der Hund knurrte heftig und schlug den Schweif dem Knäblein ins Gesicht und in die Augen, und umsonst war des Graumännchens Gelock und Geklingel. Aber der unheimliche Gast kommt näher, und ruft und klingelt stark; der Knabe atmet schwer, und weint vor Beklemmung, indes sich der Hund heulend anschmiegt. Dem Knaben zuckt's und flimmert's im Gesicht, wie ein Netz bewegten Spinnengewebes, ein süß Ermüden lässt ihn dem Männchen in die Arme sinken, der Hund, sterbend, streckt sich am Boden, und wie um ihr Brüderlein weint das Kind in der Wiege; Blaufläm mlein, rotzuckende Funken Hüpfen um Diele, aus und ein durch die Fenster, violette Dunstwolken qualmen auf und ab; das Männchen wird eine flammende Gestalt und streut eine Flut goldner Körner über den schlummernden Knaben. Plötzlich in der Kammer betet die Magd:

»Heargotl, b'schütz uns foa Taif'l und Leid (Feuer),
Doß uns koa Rhowa (Räuber) ins Hos ena geid;
B'schütz uns foa Sünd'n und Wätznan (Geistern) wohl,
D'z Nocht und am To und im Hos übarol!
Half, Muadar-Annerl und Muaderl am Bear!
Wos füara Gschroa is dös, wos füara Gmer! Lärm)
Pfoara am Hauoltor! Sög'n unsa Hos,
Gog, wä's da Taif'l is, gog'n uns os!«

Wie sie aus der Kammer in die Stube tritt, lächelt das Kind in der Wiege, der Hund dehnt sich erwachend, der Knabe liegt schlummernd am Boden und hält ein wundervolles, farbiges Vogelhaus im Arme, und seine Wange glüht wie entzündet von schönen Träumen; aus den Fugen der Fenster zieht sich harmonisch klingend ein bläulicher Dunststreifen. »Micherlo! Micherlo! wohea host du dös scheinö Vöglhos, ha?« So weckte die Magd den Knaben, der nun verwundert die Augen aufschlug, dann aufsprang und mit dem Vogelhaus fortrannte und von der schreienden Magd und dem bellenden »Schnox« nicht mehr einzuholen war. Der bläuliche Dunststreifen flog und ringelte sich über ihm und zog ihn wundersam kräftig fort und fort, bis zwischen zwei Kornfeldern am Rain das Dunstwölklein über den Knaben niederstürzte, und ihn mit Duft und Blüten überschüttete. Der Knabe erblickte ein Nestlein vor sich, worin sieben goldene Vöglein mit glänzenden Flügeln ihm entgegen sangen, und freiwillig in seinen goldenen Käfig hüpften. Und wie er so freudig dasaß, hörte er plötzlich ein Brausen und Summen, wie ein Schwarm wütiger Bären brummen ringsher, die reifen Kornähren tönen wie leises Trompeten, im nahen Bächlein schreit's und platschert's wie schäkernde Mädchen im Bade, und aus dem Walde gellt ein Pfeifen und Fluchen und Jammern, wie wenn von Räubern Wanderer verfolgt würden. Dem Knaben bangt, und zu seinem Schrecken kriecht den Rain entlang daher ein graues Männchen, zottig und blutend am Scheitel und aus der Stirn, und stürzt nach ihm; der Knabe läuft quer durch das Korn; das Männchen wird zu einer grimmigen Wildsau und haut mit scharfen Zähnen nach ihm, und der Knabe weint und schreit:

Vodalo! Muadalo! Halft's!« Drauf verwickelt sein Fuß sich in den Halmen, und er stürzt. Und statt der Wildsau überfällt ihn ein Bienenschwarm, und zersticht ihm Hände, Nacken und Gesicht; er hilft sich jammernd auf, und eilt weiter und weiter, bis er im Walde müde niedersinkt und einschläft, immer im Arme den Käfig haltend. Die sieben goldenen Vögelein singen ihm vor, solange er schläft, und als er erwacht, sprechen sie mit wunderbarer Stimme:

»Büblein! Büblein! mach dich auf,
Fern im Morgenlande uns verkauf',
Einem Könige mächtig und groß,
Dort im prächtigen Wunderschloss!«

Der Knabe geht und wandert fort, seine Schritte sind Meilen, und nicht hungert und durstet ihn, bis er in einem

großen Walde brausen, die Bäume zauberhaft sprechen hört, und zwischen blühenden Zweigen ein goldener Palast hervorschimmert. Die Vöglein singen:

»Macht auf die Pforten hell,
Entflammet Fackeln schnell,
Ihr Diener groß und klein,
Auf! Auf! wir wollen ein!« –

Da springen die Tore klingend auf, tausend bunte Flammen jagen durch den Wald, Zwerge und Riesen, in Gold und Seide gekleidet, jubeln und singen. Ein König, alt und grau, wird aus dem Schlosse geführt, und taumelt mit ausgebreiteten Armen und schreiend dem Knaben mit dem Käfig entgegen, bei dessen Berührung dem Könige sieben blühende Prinzen in die Arme stürzen. Der Knabe sank in tiefen Schlummer. –

Den Tag nach jenem Sonntage schnitt man das Korn und fand den für verloren und tot beweinten Knaben in der Nähe des Raines liegen, im Korn; neben ihm wuchsen sieben goldene Ähren aus dem Boden, die, so lange der Knabe lebte, jährlich nachwuchsen und nur von ihm konnten gepflückt werden. Die sieben Königssöhne hatte ein böser Zauberer des Morgenlandes in die Gegend als sieben Vögelein gebannt, bis sie ein anderer entdeckt und durch den Knaben befreit hatte. Dieser erschien in der Gestalt des Graumännchens in der Bauernstube, der böse Zauberer zeigte sich im Korn zürnend und rächend. – Man schreckt noch immer Kinder mit dem Rufe: »Da bluadö Mo!« Der gute Zauberer soll noch bisweilen ein Geschenk armen Leuten in der Umgegend finden lassen.

Die Hexenmagd (d' Häx'ndian).

Eine Sage.

Ein wütendes Zigeunerweib lief einst in einem Dorfe schreiend und fluchend auf und ab, beschwor alle Rachegeister aus der Luft herab, dass sie ein Haus, in welchem sie beleidigt worden war, belagern, die Bewohner desselben züchtigen und plagen sollten. Scheu und entsetzt floh man das Begegnen der Zigeunerin, die vor ihrer Entfernung aus dem Dorfe noch dreimal um das verwünschte Haus kreiste, wilde Zauberformeln zwischen den Zähnen summte und darauf mit dem grimmigen Fluche verschwand: Allewig dem Hause kein Friede mehr!

Allewig die Herzen hier freudeleer!
Allewig hier Ungeziefers Plagen,
Allewig nur Fluchen und Zanken und Schlagen!
Das Kind empfinde zum Vater Hass,
Neid, Bosheit färb hier die Wangen blass,
Und was nicht stürzet Zwiespalt zusammen,
Das setze die Eifersucht in Flammen.

Die Klügeren lachten, nur der Nerve des Aberglaubens zitterte in mancher B rust. Ma n vergaß aber bald auf die Besorgnis irgendeiner Erfüllung auch unter den Abergläubigsten. Man lebte im Dorfe regsam und froh wie sonst, schäkerte und sang, tanzte und liebte. – In einer ruhigen Sommernacht schwärmte ein Schwarm Dorfburschen singend auf und nieder im Dorfe. Da schien es, als ob jenes Bauernhaus, wie durch und durch mit Öl getränkt, und dann in Brand gesetzt wäre. Prasselnd reichte die Flamme bis an die blassen Sterne, glühend roter Widerschein machte die Luft zu einem blutigen Meere, Menschen, Balken, Steine wurden in die Luft geschleudert, in zahllosem Gewimmel von Katzen und scheußlichen Tieren schoss es in und über den Flammen hin und her, und Jammer mengte sich mit zauberhaftem Gesänge. Die Burschen wollten Hilfe schreien und konnten nicht sprechen, gelahmt starrten ihre Glieder, dass sie nicht von der Stelle konnten, um die Dorfbewohner aus den Häusern zu pochen. Ein elektrischer Schlag betäubte plötzlich alle, das brennende Gebäude, das Dorf, Erde, Luft und Himmel, schien knallend zu bersten und in zischende donnernde Trümmer zu zerspringen. – Mit Sonnenaufgang lag jeder der Burschen in seinem Bette, ein leichter Schwindel und traumähnliches Erinnern war ihnen geblieben von dem, was sie in verflossener Nacht gesehen. Man erzählte sich bald überall die wunderbare Erscheinung und suchte umsonst eine bedenkliche Spur an dem Hause, das man nachts in vollem Brande gesehen. Die Bewohner desselben gestanden alle, tiefer und sanfter nie geschlafen zu haben als in dieser Nacht. Nur der junge rüstige Hausherr sprach von Träumen, die wüst, – sehr wüst gewesen wären, aber durchaus nicht in seiner Erinnerung zurückgeblieben seien. Er fing an, sein Weib hart anzuklagen, jenes hässliche Zigeunerweib beleidigt zu haben. – Die folgende Nacht versammelte viele Gaffer in der Nähe des verwünschten Hauses. Die Erscheinung wiederholte sich nicht wieder, aber ein Entsetzensschrei drang aus demselben, dass alle vor Schrecken erstarrten, die ihn vernahmen. Wenige wagten es, in das Haus zu dringen, und im Notfalle Rettung zu bringen. Als ein kühner, hübscher Dorfbursch in die Stube trat, kam wie eine Nachtwandlerin, aber schreiend und händeringend die Hausfrau aus der Kammer, und fiel ihm wimmernd um den Hals. Der erwachte Gemahl war ihr gefolgt und erschrak über die Treulosigkeit seiner Gattin, die nun begann, ihrer Ehe zu fluchen, viele Liebkosungen an den Burschen zu wenden, und dann zurück in die Kammer stürzte. Wütend wollte der junge Hausherr Rache nehmen an dem Burschen, der es wagte, sein Haus nächtlich zu betreten, allein der Bursche entkam ihm, und jenen fand man des andern Tags ohnmächtig auf einer Bank in der Stube liegen. – Man rief den Geistlichen, um durch heilige Weihe das Haus vor höllischen Anfechtungen zu befreien. Nach vollbrachter Segnung verließ der Geistliche das Haus. Doch kaum hatte er die Schwelle überschritten, so toste ein fürchterlicher Steinregen auf das Dach, schlug alle Fenster ein und schichtete um das Haus einen hohen Wall und füllte Stube, Boden, Keller, Kammer und Küche mit weißen, seltsam gestalteten Steinen. Da stürzte der Knecht blass und zornig herein und sagte, die Magd stehe in einem finstern Winkel des Stalles, schieße glühende Blicke hervor, summe Zauberworte und klappere mit kleinen Totenbeinen, die an einer roten Schnur wundersam gekettet waren; man solle sie gefangen nehmen, sie treibe ganz sicher diese Hexereien. Es geschah. Man riss die Magd, die sich krampfhaft wand, hervor, führte sie zum Richter des Ortes, um sie dann vor Gericht zu bringen. Allein da erhob sich ein fürchterlicher Orkan, ein Gewitter, das krachende Wolkenmassen daher wälzte, entsetzte die ganze Gegend; ein Wolkenbruch riss den Grund abhängiger Felder fort, Bäume wurden umgerissen. Blitze zündeten und verheerten, und man dachte das Jüngste Gericht zu erleben. Die Zaubermagd entfloh, und eilte in die Kirche. Kaum hatte sie die Schwelle betreten, als die ganze Schreckenserscheinung verschwand, und in seltsamer Verwunderung jedermann sich in einer Stellung fand, wie ihn eben Angst und Flucht hingestellt hatte. Die Magd betete und beichtete zwei Tage ohne Unterlass in der Kirche, und gestand, wie sie von der Zigeunerin in diese Zaubereien eingeweiht wurde, aber nicht das Mittel erlernt habe, nach Gefallen sich davon loszusagen. Nach ihrem ersten Versuche, wo das Haus in Flammen schien, musste sie, von einem unwiderstehlichen Drange getrieben, täglich, ja manchen Tag mehrere Mal eine solche, das Haus beunruhigende Zauberei vollbringen. Ihre Flucht in die Kirche hatte sie gerettet, und ihr alle Macht genommen. Von nun an schwieg sie gänzlich über die Art, solche übernatürliche Erscheinungen hervorzubringen, und lebte bis zum Tode in musterhafter Frömmigkeit. – In der Gegend zeigt man Gläubigen noch Steine von jenem Zauberregen

's Schulmuaderl

Sage.

Dichter Herbstnebel lag einst kühl und ruhig über dem Böhmerwalde. Durch den Nebel ging ein Knabe mit seinem Büchlein unter dem Arme, der Schule zuwandernd. Er sagte den Glückwunsch vor sich hin, für des Lehrers Geburtstag heute bestimmt. Weil es noch sehr früh war, begegnete diesem guten, weißköpfigen Knaben niemand. So schritt er denn fromm begeistert und allein weiter, kam in das nächste Dorf und bald in die Schule. Die große, noch dunkle Stube, machte ihn doch schüchtern, da er sich erinnerte, wie oft es geschehen sein sollte, dass das erste Schulkind in der Morgendämmerung plötzlich unter den Bänken ein Rauschen hörte, als triebe ein Luftzug alle Papierstreifen aus einem Winkel der Schulstube in einen andern und wie dann plötzlich auf dasselbe ein altes freundliches Mütterlein aus einer Ecke zugeschritten kam. Das Mütterlein habe dann Freude oder Unmut geäußert, wenn das Kind, dem es erschien, fleißig oder nachlässig war. Mein Gott, dachte der Knabe, wenn es nun käme und er hörte plötzlich das Rauschen unter den Bänken, dazwischen ein Klopfen, als würde mit dünnen Stäben an die Bankstützen geschlagen; die Fenster liefen dicht an, dass es fast völlig Nacht wurde in der Stube, und nach einem Schnalz, der dem Abspringen einer Saite glich, stand in einer Ecke wirklich ein graues Mütterlein mit einem Stock in der Rechten, einem wunderlich gelbflammenden Licht in der Linken. Freundlich lächelnd und etwas hinkend, kam das Mütterlein hervor, plauderte lustig und geläufig, Kluges und Närrisches, lobte und schäkerte: »Beiwl, ma Beiwl, kirnst a r a mol zo mia? A r a mol? No, und du bist o goa brav, jo goa brav! No, und wos moxt du? I hon dö rächt gean, jo rächt gean! I hea's o, weist ollö To globt weast, dös hearö durt os da Wend ... gi Ocht häd ... o wei! i mau wieda fu rt ... gi Ocht häd ... i weada scho halfa!« Bürschlein, mein Bürschlein, kommst auch einmal zu mir? Auch 'n mal? Nun, und du bist ja gar brav, ja gar brav! Nun, und was machst du? Hab' dich recht lieb, ja recht lieb! Hör's ja wohl, wie du alle Tag' gelobt wirst; das hör' ich dort aus der Wand … Gib acht heut' weh! Ich muss wieder fort! … Gib acht heut'! … Ich will dir schon helfen! – – Als das Mütterlein das gesagt hatte, rauschten die Papierstreifen wieder, das Klopfen mit Stäben pochte dazwischen; nach der Ecke zurückschreitend, woher es gekommen war, blickte lächelnd und plaudernd das Müttertein oft nach dem zaghaften Knaben um, und als es den Winkel erreichte, verschwand es wieder unter dem Schnalz. – Jetzt lichteten sich die Fenster auch wieder, und heller Tag drang in die Stube. Schulkinder eilten scharenweise dem Schulhaus zu. Aber aus demselben Dorfe, woher in Nebel und Dämmerung früher der weißköpfige, gute Knabe nach der Schule wanderte, kam jetzt ein rotköpfiger, mit pfiffigem Gesicht ebenfalls den Weg nach der Schule gehend. Er hatte ein Stück rohes Fleisch in den Händen, davon er kleine Teile schnitt und den Raben und Krähen auf den Weg streute, die krächzend hinter und über ihm nachflogen. Oft tastete er dabei an die Tasche, um die Dose mit Niestabak zu fühlen und zu hüten, die ihm zu einem Streich helfen sollte. Raben und Dose entzückten sein Herz. Schneller als sonst, wo er immer erst nach Anfang des Schulunterrichtes ankam, eilte er heute dem Schulhaus zu. Als er ankam, machte er sich freundlich an den guten Weißkopf, zeigte ihm die Dose, präsentierte – und wie freute es ihn, dass der arglose Weißkopf eine Prise in die Nase zog. Wie freute ihn das! O sieh da! indes trat eben der Lehrer ein. Frisch sprang der Weißkopf aus der Bank und begann seine Rede:

»So haben wir, hochschätzbarster«

(Er niest.) –

Lehrer: Macht nichts, mein lieber Knabe; es freut mich, fahre nur fort.

Weißkopf: »Herr Lehrer, den feierlichen – a – etzt!

Lehrer: Niese dich aus, mein Sohn, und fahre fort, mein Sohn.

Weißkopf: T a – a – a – gtzt!

Lehrer: O! da hast du mein Schnupftuch, lieber Knabe; reinige dich erst, und fange noch einmal an.

(Der Rotkopf präsentiert heimlich in seiner Bank die Dose weiter.)

Weißkopf: »So haben wir, hochschätzbarster Herr

Lehrer, den feierlichen Tag – tz!

Lehrer: Hm! –

(Schulkinder lachen.)

Wer lacht dort? Weiter, mein Sohn!

(In der Bank des Rotkopfs niesen mehrere.)

(Gelächter.)

Lehrer: Wen juckt dort die Nase? Still! Weiter, mein Sohn.

Weißkopf: Tz!

(Gelächter.)

Lehrer: Wie?

Weißkopf: Tz!

(Gelächter.)

Lehrer: Wie? –

Weißkopf: Tz!

(Gelächter.)

Lehrer: Wie? D u –

(Niesen in der Bank.)

Lehrer: Wartet, ich will euch den Lehrer zum Besten haben!

Weißkopf: Tz!

(Gelächter.)

Lehrer: Du –

(Niesen in der Bank.)

Lehrer: Ihr –

Weißkopf: Tz! Atz!

Lehrer: Auch du? Auch du! Das will ich strafen?

(Greift nach der Rute.)

Weißkopf: Ich bitte – tz!

(Der Lehrer zieht ihm die Hand aus.)

Lehrer: Warte!

(Niesen in der Bank.)

Lehrer: Gleich bin ich dort!

(Betäubendes Gelachter; der Rothkopf will sich aus dem Staube machen.)

Lehrer:

(haut nach des Weißkopfs Hand)

O, da kann ich nicht helfen!

(Der Rotkopf schreit an der Türe.)

Lehrer: Was gibt's dort? Ein neuer Unfug dort?

(Er haut wieder nach der Hand des Weißkopfs.)

Ja, da kann ich nicht helfen!

(Der Rotkopf schreit wieder und kauert sich, die Hände verbergend, in einen Winkel.)

Lehrer: Gleich komm' ich hin!

Weißkopf: Tz!

(und muss lachen, weil er keinen Hieb spürt.)

Lehrer: O! O! O! Nur Geduld! Noch lachen?

(Haut.)

(Der Rote schreit.)

Lehrer: Gleich!

(In der Bank Niesen; Gelächter.)

Lehrer: So will ich euch hauen, dass ihr blau werdet! Still, sag' ich!

Weißkopf: Tz! – ich bitte – Atz!

Lehrer:

(dreimal wütend auf dessen Hand hauend.)

Bösewicht! So? Taugt's?

(Der Rote schreit.)

Lehrer: Gleich!

(Niesen in der Bank.)

Lehrer: Gleich! O, wartet, ihr sollt das Rohr schmecken!

(Er haut mit dem Staberl über die Bank hinein auf Köpfe, Rücken, Hände, wo er hintrifft)

Da! Und da! Ich will euch lehren! Und da!

(Der Rote schreit und wälzt sich am Boden.)

Lehrer: Was dort? Spitzbub', was schreist du da? Was? He, was? O, steh' nur auf! Hast auch noch ein Leder, dem man beikommt! (Er zieht ihm die Hose an, und streicht ihm etwelche auf.)

Rotkopf: (kniend mit aufgehobenen Händen.) Jesus! O mein Gott, Herr Lehrer! Ich will's nicht mehr tun! Ich hab' ihnen Niestabak gegeben! O weh! O weh!

Lehrer: Du hast ihnen Niestabak gegeben?

Rotkopf: O weh! O weh! O Gott! O Gott! O Gott! Ich bitte! O weh! O weh!

Lehrer: Schrei nicht so! Du hast ihnen Niestabak gegeben?

Rotkopf: Ich hab' ihnen Niestabak gegeben! O weh! O weh! O weh!

Lehrer: Warum hast du ihnen Niestabak gegeben?

Rotkopf: Weil ich ihnen neidig bin – o weh! o weh! – weil sie Glückwünsche können – o weh! o weh!

Lehrer: So? Und nun hab' ich so viele Schlage Unschuldigen ausgeteilt?

Weißkopf: Herr Lehrer, ich habe keine bekommen. Ihre Rute ist gar nicht auf meine Hand gefallen.

Lehrer: Wie, mein Sohn?

Die Nieser in der Bank: Herr Lehrer, wir haben auch keine Schläge bekommen.

Lehrer: O ihr lieben Knaben, wollt ihr das leugnen, was eure Hände und Köpfe beweisen?

Weißkopf: Meine Hand hat keine Striemen.

Lehrer: Wahrhaftig!

Die Nieser in der Bank: Unsre Hände haben auch keine Striemen.

Lehrer: Wahrhaftig! Nun, wer hat denn die Striemen?

Rotkopf: Ich alle, Herr Lehrer! O Gott! O Gott! Ich alle, Herr Lehrer!

Lehrer: Wahrhaftig! Du hast also alle Striemen – Wie kommt das?

Rotkopf: Ich habe auch alle Schläge bekommen. Jeder Hieb auf die andern hat mich getroffen.

Lehrer: Ja, Kinder, so frag' ich euch, ist das natürlich? Nei –

Alle Schulkinder: Nein!

Lehrer: Was ist es also? Unna –-

Schulkinder: Unnatürlich.

Lehrer: Ja. Und da es unnatürlich ist, so –

Schulkinder: Sollen wir –

Lehrer: So sollen wir be –

Schulkinder: Beten.

Lehrer: Ja, da –

Schulkinder: Dass wir –

Lehrer: Dass es natürlich we –

Schulkinder: Werde.

Lehrer: Werde. Steht auf!

Nach dem Schulgebete erzählte der Weißkopf dem Lehrer die wunderbare Erscheinung des Schulmütterleins und es war erklärt, wer so wunderbar seltsam Gerechtigkeit in diesem Vorfalle geübt hatte. Seitdem ist das »Schulmuaderl« zwar in keiner Schule mehr erschienen, soll aber öfters den Lehrern im Traume erscheinen und ihnen offenbaren, wie sie unparteiisch und gerecht sein könnten. –

Des Windes Weinen.

Märchen.

In der warmen Stube auf den reinlichen Boden breitete die fromme, aber arme Mutter-Witwe ein Bett und setzte ihr einziges Kindlein darauf, dass es sicher sei in der weichen Vertiefung, nicht rückwärts oder vorwärts zu fallen. Die Mutter konnte außer sich und dem Kinde keine Wärterin nähren und musste auf den Hausboden, um Flachs zu hecheln. Kein Spielzeug für das Kindlein am Boden? Ein altes Bild, das heute von der Wand gefallen war, reichte die Mutter dem Kindlein hin, dass es damit spiele. Das zerbrochene Glas nahm sie erst weg und gab dem Kindlein die kleinen Figürchen bloß, welche, die Geburt Christi vorstellend, aus Wachs gebildet waren. Josef, Maria, Christkindlein und ein wieherndes Rösslein machten die geweihte Gruppe aus, die aber durch den Fall teilweise verstümmelt war. »Spiel! Spiel, ma Kinerl, o spiel!« sagte die Mutter und gab erst das Rösslein dem Kind in die Hand, küsste dies weinend, weil sie beide so allein und so arm waren; aber noch mehr, weil ihr verstorbener Mann die drei Tage, als er im Hause lag, immer mit offenen Augen dalag, die man mit aller Mühe nicht schließen konnte. Wer das in seiner Familie an einem Familienglied erlebt, muss selbst bald sterben, oder es stirbt ihm das Liebste und Nächste. »Wiad's o sched dösmol nöd woa sa! Wiad's o sched dösmol nöd woa sa!« (Wird's ja doch dies Mal nicht wahr sein!) Wird doch die Mutter dem Kinde nicht sterben! Wird doch der Mutter das Kind nicht sterben! So denkend und klagend, band die Mutter sich noch ein warmes Tuch um den Kopf, dass sie sich vor der Spätherbst-Witterung bewahre und ging aus der Stube. Das Rösslein in des Kindes Hand zuckte jetzt und atmete leise, regte ein Füßlein, schwenkte das Schweiflein voll glänzender Haare, die feurigen Äuglein drehten sich froh-lebendig, die Mähnen zart und leuchtend wie Sonnenstrahlen wogten fantastisch aufgeworfen hier und da am mutig gebogenen Hälslein wieder hinab; lustig spitzten sich die Ohren vor und zurück; welch' prächtiges Schimmlein lebte da und sprang plötzlich herum vor dem Kinde? Vor Freude schreiend, drückte das Kind die Fäustchen in das Bett, als wollte es sich aufhelfen, um das Pferdlein zu verfolgen, das nun auch, mit zwei Flügelchen am Rücken versehen, bald auf die Wandbänke, bald auf die Fenster, wieder hinab zum Kindlein aufs Bett sich schwang, klingend bei jeder Bewegung wie Töne der Äolsharfe. Erschreckt über ihr schreiendes Kind, wollte die Mutter eilen, zu sehen und helfen und trat zur Türe herein. Da sah und hörte sie alles: das Wunderpferdlein, lustig springend und klingend, und ihr freudig schreiendes Kind. Und ein rosiges Wölklein quoll aus dem Rahmen des Bildes, sich gestaltend zu einem schimmernden, lächelnden Kinde, das mit dem Kinde der Mutter spielte. Voll frommen Schreckens sank diese auf die Knie nieder, um das schimmernde, fremde Kindlein anzubeten, das aus der rosigen Wolke kam und mit ihrem Kinde spielte. Es war das Christkindlein. Laut betete die Mutter:

O Kristkindl! O Kristkindl! Ma Hearz und ollas
Will i dia frädö gö'm;
O Kristkindl! O Kristkindl! Ma Hearz und ollas –
Laust du sched uns zwoa lö'm!
(O Christkindlein! Christkindlein! Mein Herz und alles
Wlll ich dir freudig geben;
O Christkindlein! Christkindlein! Mein Herz und alles –
Lässest du uns zwei nur leben!)

Und wehmütig klingend dämmert und nachtet die Luft; lächelnd und spielend streicheln sich die Kindlein am Kinn, Herzen und küssen sich, und schweben nun, beide strahlend, auf dem Rücken des Pferdleins, das sichtbar nach Breite und Höhe sich dehnt, um geräumig für beide verklärte Kindlein zu werden. Leise singen sie nun, und schweben mit dem Pferdlein zum Fenster, das sich feierlich auftut, und schweben zum Fenster hinaus. Verwirrt und gefoltert von Trennungsschmerz stürzt die Mutter ans Fenster, um durch Schließen der Flügel ihr Kind noch an der Flucht zu hindern; da ist es zu spät, und sie verwundet das Kind an der Ferse. Beim heiligen Zug nach dem Himmel an diesen irdischen Schmerz gemahnt, wurde das Kind auch erinnert, wie in dunklem Traume, an Mutter und Erde, und wollte nicht scheiden vom Fenster, aus dem die Mutter klagte und weinte. Lange schwebte es vor den Augen der Mutter, immer strahlender sich samt Christkindlein und Pferdlein erhebend, bis Ohnmacht das Auge der leidenden Mutter schloss. – Seit jenem Tage hörte die Mutter täglich an der Spalte des Fensters leises Weinen ihres verschwundenen Kindes. Daher saß sie auch täglich und lange an der Spalte des Fensters, horchte und weinte hinaus, bis die leisen, leisen Klagen verschwebten. – Noch immer kann man jenes leise Weinen an Fenstern hören zur Erinnerung und Mahnung den Müttern, dass sie nicht durch zu großen Schmerz des Kindes Tod erschweren. Es heißt des »Windes Weinen.« –

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