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Aus dem Bilderbuche meines Lebens

Franz Keim: Aus dem Bilderbuche meines Lebens - Kapitel 8
Quellenangabe
typeautobio
authorFranz Keim
booktitleGesammelte Werke, Erster Band
titleAus dem Bilderbuche meines Lebens
publisherGeorg Müller Verlag
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080622
projectid97131da2
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Endlich gelang es mir, Kinder eines reichen Hauses zu unterrichten und auf diesem Wege eine bescheidene Stelle als Kontrollbeamter der k. k. priv. Südbahn in Wien zu erhalten.

Nun saß ich als geistiger Galeerensklave und Ziffernmensch in der »Jammerkanzlei«. Vergebliche Sehnsucht nach dem Meere und dem Süden, den ich verlassen, erfaßte mich hier täglich. Aber, so schrecklich diese Frone war, ich denke nicht ohne Dankbarkeit an diese bittere Schule meines Lebens, ja, ich segne sie, weil sie ein zweifach gutes Ergebnis für meine Zukunft vorbereitete. Einerseits stieg aus den trüben Wassern dieses dumpfen Sklavendaseins wie ein wohltätiges Licht mein nicht zu tötender Humor, wenn auch vorläufig nur schüchtern und mehr persönlich; anderseits öffnete sich vor meinen nur allzulang verschleierten Träumeraugen ein so schwindelhaft tiefer Abgrund von Menschennot und Elend, von Verkommenheit und Verzweiflung, daß mich jahrelang und jahrelang vom Morgen bis zum Abend nur ein einziger Gedanke verfolgte: »Du darfst nicht untergehn, du mußt dich retten.«

Aber die gütige Natur hatte mir auch in diesem geistigen Kerker nicht die Gabe versagt, das menschlich Versöhnende, das unbemerkt Gute, das harmlos Drollige zu bemerken und, gemäß einem Selbsterhaltungstriebe, es für mein Gestaltungsbedürfnis mir innerlich anzueignen.

Hier war eigentlich der Glühofen, aus dem manches Werkstück meines doch nie zu tötenden Humors zeitweilig zutage stieg. Und je ärmer unser Glückskreis war, um so dankbarer begrüßte ich die wenigen heiteren Gestalten, die durch Jahre meine engere Gesellschaft wurden. Immer bleibt dem Menschen das Wichtigste der Mensch. Wissen, Rang und Abkunft, Bildung und Reichtum sind wohl köstliche Güter. Aber, wo dieser Mantel fehlt, da bleibt als letztes – um mit König Lear zu sprechen – nur »das nackte, zweizinkige Tier« übrig. Und wir alle waren solche bis auf die Haut geschälte Rüben.

Karl Moor hätte Rekruten aus unsrer Bande werben können. Die Mehrzahl war ja ohnehin aus den »böhmischen Wäldern«. Und da gab es für den Menschenbeobachter ungeahnte Gegensätze, Licht und Schatten. Eigentlich eine diabolische Atmosphäre, in der die vom Schicksal verdammten besseren Seelen wie in einem Fegefeuer zappelten. Um mit dem Schatten zu beginnen, so fehlte da nicht der donnernde und blitzende oberste Chef der Kontrolle, der unnahbar blieb, über den ich jedoch niemals Ursache zu klagen hatte. Da fehlte nicht der durch Trunk und Schulden ganz verkommene Proletarier, der aus besseren Tagen »was er einmal war« nicht vergessen konnte, aber durch Lumperei vollständig stumpf war. Ein bildhübscher Kerl von dreißig Jahren, der zeitweilig mit prachtvoller Tenorstimme – wenn der Vorstand abwesend war – Triller und Hopser aus Wiener Walzern trällerte, sprach niemals je ein einziges Wort, so wurstig war ihm unsre Gesellschaft. Sprach man ihn aber ernsthaft an, sei es dienstlich, sei es persönlich, so gab er einen Ruf zur Antwort, der für die Eingeweihten eine Wortzusammenziehung bildete, die ich aus Höflichkeit und Takt nicht erklären kann, nur dem Ahnungsvermögen überlasse. Sagte man: »Wie geht es Ihnen?« So murrte er: ».....n ....rsch!« Er wurde später Sicherheitswachmann und verschwand spurlos. Er soll der Sohn eines Kammerdieners des weltbekannten Staatskanzlers Fürsten Metternich gewesen sein, hörte ich sagen. Hier fehlte auch nicht der unheimliche Wucherer. Ein gewesener alter Soldat, – jetzt ein graubärtiger, fast ehrwürdig aussehender, süß lächelnder Zahlenmensch mit kleinen, stechenden Augen, der immer mit Kollegen flüsternde, kurze Bemerkungen tauschte und heimliche Wechsel aus einer dicken Brieftasche zog. Er hatte ein häßlich geschminktes Weib, das ihn demütig um das tägliche Geld anfocht, und ein kränkliches, langbeiniges Kind, das als Statistin eines Theaters Brot verdienen mußte. Ich war so glücklich, niemals bei ihm pumpen zu müssen. Er hielt mich deshalb offenbar für anormal. Bat ihn einer um Geld, so sagte er laut: »Ich verlange gar nichts dafür.« Verstand der Unglückliche diese Umschreibung buchstäblich, so erhielt auch er »gar nichts«. Aber ein Wechsel – mit etwas geändertem Inhalt – öffnete sofort die Brieftasche der Barmherzigkeit. Es gab Geschöpfe unter uns, welche den ganzen Gehalt allmonatlich verpfändet hatten – durch Jahre – und nur das Federnpauschale von zwanzig Kreuzern bezogen.

Man denke sich diese Galgenstimmung! Man denke sich dazu den Kontrast: Die eingeschobenen Protektionskinder, die im Handumdrehen Inspektoren wurden, die Ritter des Großkapitals in jenen Tagen der großen Schwindelbanken und des Tanzes fast aller um das goldene Kalb. War ein Leichtsinn unter uns, so wurde er auch grauenhaft bestraft. Ich konnte diese Aermsten nur herzlich bedauern. Solch einem Unglücklichen, der gegen mich immer ein guter, lieber Kamerad gewesen war und der mir plötzlich Verdacht einflößte, weil er mir eines Tages alle Blumentöpfe, die er am Amtsfenster pflegte, mit feuchten Augen zum Geschenke machte, folgte ich in den Belvederegarten und entriß ihm dort die Pistole. Er entfloh und stürzte sich in die Donau. Ich will die Schatten dieser Unglückseligen, die ich noch in meiner Erinnerung trage, nicht weiter heraufbeschwören; sie mögen ruhen. Sie haben mich zwar oft in tiefste Melancholie gestürzt bis an die Grenze des Menschenhasses, aber sie vermochten nicht das wenige Licht zu ersticken, das in diesen Latomien leuchtete, das Licht possierlich gutmütiger, hie und da zwerchfellerschütternder Menschlichkeit und Allzumenschlichkeit. Drei Typen sind mir als Muster dieser Art kameradschaftlich näher getreten. Ich will versuchen, sie flüchtig wiederzugeben. Der Behäbigste und Liebenswürdigste unter allen war mein Freund Anton Rathgeb. Er war der Urtypus des Wieners »vom Grund«. Klein und untersetzt, von klugem Gesicht, mit Schnurrbart und Fliege überm Kinn, fleißig und witzig, schlagfertig in der Rede, guten Herzens, durch und durch »honett«, ein braver Sohn, vielleicht ein bißchen »Muttersöhnlein«, wohlhabend von Haus, vielfach angepumpt, aber nach einigen Erfahrungen humoristisch zugeknöpft gegen durchschaute Gauner, wurde er in diesem Panoptikum der Sonnenschein meiner Tage. Seine Schwachheit war, hübschen Mädchen nachzusteigen, einen guten Tropfen zu trinken und die zeitgemäßen Volkssängerlieder anzustimmen, die in jener Periode auf allen Gassen und in allen Gossen erklangen. Er hieß bei uns deshalb »der kleine Biz«. Er hatte auch wunderlich erweise den zweiten Spitznamen »der Pfarrer«. Es war dies eine kleine Bosheit unseres Kollegen Schmidtler, eines künstlerisch begabten jungen Mannes, vormaligen Klosternovizen, nachmaligen Opern- und Konzertsängers, Theaterdirektors, Chormeisters – und was weiß ich! Unser guter Rathgeb hatte durchaus nichts Geistliches an sich und in sich. Ursprünglich nur für den Kaufmannsberuf vorgebildet, hatte er bereits in einem Geschäfte gedient, diesen Beruf aber auf ärztlichen Rat aufgegeben wegen leichter Herzaffektionen. Ein noch boshafterer Kollege behauptete, »wegen Herzausdehnung beim Schwingen der Zuckerhüte vom Wagen ins Magazin hinein«.

Von der lateinischen Sprache hatte er deshalb mit Recht nicht den geringsten Begriff. Aber seine natürliche Darstellungsgabe und sein heiteres Nachahmungstalent ließen ihn auch ab und zu Gastrollen in der Wiedergabe kirchlicher Zeremonien versuchen. Er erteilte uns plötzlich den Segen. Er versuchte da zu unserm höchsten Gaudium den weihevollen Lateiner zu simulieren, wobei er ein unglaubliches Kauderwelsch zutage förderte. Die Schlußformel endete jedesmal mit dem Rufe »Ozolorum!«

Zu meiner Freude lebt »der kleine Biz« in Wohlsein und Verfettung heute noch im behäbigsten Ruhestande als alter Junggesell. Er ist ein reicher Mann und heißt bei seinen Nichten und Neffen »der Onkel Toni«. Er wird von seiner Wirtschafterin in seiner luxuriösen Wohnung gut gepflegt und sorgfältig gefüttert. Sein freundliches Gesicht ist von Wohlbehagen gerötet. Er hört ein bißchen schwer und geht abends in kein Konzert oder Theater mehr. Liest höchstens das Tagblatt. Jeden Vormittag jedoch sitzt er beim Frühschoppen in der Schwemme »Zum grünen Anger«. Im Sommer führt er das gleiche Leben in Windischgarsten; nur daß er dort auch Kegel schiebt. Es ist ein Ereignis, wenn er aus alter Liebe zu mir nach Döbling kommt. Sein Herz ist ohne Rost und Tadel geblieben. »Ozolorum!«

Der zweite aus dieser Heldenschar war Alois Fallenbichel. Er bildete körperlich den stärksten Gegensatz zum »kleinen Biz«. Er war alt. Schon über fünfzig. Er war bucklig. Sein Kopf war etwas Unbeschreibliches. Ich habe ihn wohl hundertmal gezeichnet; mit Worten aber ist dieses Kuriosum nur ahnungsweise wiederzugeben. Er war ein Spitzkopf mit krebsartig herausgetriebenen Augen hinter einer Brille. Seine Nase war hochschneidig von Rücken und dabei gebogen, als hätte sie einen Höcker, so wie ihr Herr. Das Bewunderungswürdigste an dieser Nase war, daß sie nicht, wie andere sterbliche Nasen ihre Wurzel zwischen den Augen, sondern über der Augenhöhe in der Stirne drinnen hatte; wie ein Gebirgskamm, der aus einer Fläche langsam aufsteigt. Da die Vorderzähne durch ihre Länge den Mund hinderten, sich völlig zu schließen, und im Profile eine Wölbung nach außen bildeten, so hatten sie den Anschein von Hauern und der Kopf glich dem Haupte eines Ebers. Das Gesicht und der ganze Mann waren aber durchaus gutmütig, ja jovial, solange man seinen Widerspruch nicht durch irgend etwas reizte. Er hieß in unserm engsten Kreise der Herr »Baron«. Warum? Das weiß ich eigentlich nicht. Wenn er jovial war, sprach er durch die Nase und drehte dabei seinen alten Siegelring. Sein Höchstes war ein »Pfiff« Wein und ein »Zigarrl«. Es ging bei uns die Sage, daß er draußen irgendwo mit einer »Geliebten« glücklich zusammenlebe, nachdem er sein böses und sündhaftes Weib von sich gejagt hatte. Die Bosheit des Geschickes bescherte ihm aber Zwillinge, die er altkatholisch taufen ließ und nach Vater und Mutter »Alois Anton« benannte, wie auch der altkatholische Pfarrer hieß. Dieses Original entzückte mich. Ich besang ihn in allerlei Balladen. Ich übersetzte seinen Namen in mehrere Sprachen in ähnlicher Weise, wie »der kleine Biz« sein Latein mißhandelte. Soviel ich mich entsinne, etwa: deutsch Fallenbichel, französisch Fallembüschell, italienisch Fallimpiccolo, englisch Fellenbötschel. Wenn es ihm zu dick wurde, sagte er ruhig: »Halt's Maul!«

Einmal nur sah ich ihn in rasender Wut wie ein gereiztes Wildschwein. Rathgeb hatte ihn durch irgend etwas beleidigt. Die Augen kugelten ihm aus ihren Höhlen, der Speichel spritzte zwischen den Eberzähnen heraus, die gekrallte Faust ergriff das große gläserne Streusandfaß – und eben noch konnte ich dazwischen springen, sonst hätte er's im tobenden Zorn gegen den Kopf des »kleinen Biz« geschleudert. Von dieser Stunde an waren die beiden unversöhnliche Feinde.

Mir blieb er bis zu unsrer Trennung gewogen. Ja, seiner Beihilfe verdanke ich in gewissem Sinne die Erleichterung meiner Erlösung aus diesen Verhältnissen. Wie das zuging, werde ich später darlegen.

Das dritte Original war Wilhelm Axt. Er war Beamter der Nordbahn und im Abrechnungsbureau mein Gegenarbeiter. Er war geborener Sachse, aber nicht von der geschmeidigen, ängstlichen, sondern von der unternehmenden Sorte. Was uns ursprünglich verband, war etwas durchaus Aeußerliches, der Besuch des Theaters. Wir hungerten lieber, als daß wir ein Kunstereignis versäumten. Weil ich aber stets das Bedürfnis hatte, mich im Theater während der Zwischenpausen, wenn auch nur flüchtig, über Werk und Wirkung auszusprechen, meine Begeisterung über Gelungenes, meinen Unmut über Mattes oder Geschraubtes in ein verständnisvolles Ohr zu gießen, so schulte ich ihn allmählich zu meinem auserwählten, sehr bereitwilligen Begleiter, der das, was ihm an Tiefe und Kunstverständnis fehlte, durch gesunden Verstand und natürlichen Witz ersetzte. Seine unglaubliche Behendigkeit in Erreichung vorgesteckter Ziele machte ihn förmlich zu meinem Famulus, besonders bei der glücklichen Erwerbung billiger Theaterkarten.

Die zahlreichen Fälle, wie er dabei für seine eigene Person, teils bittend, teils imponierend, das Bessere, ja selbst Freiplätze zu erobern wußte, vermag ich nicht mehr darzulegen. Aber ein ungewöhnliches Beispiel seiner Verwegenheit und Gefahrverachtung möge hier Platz finden. Ich hatte ihn beauftragt, uns Karten für die vierte Galerie des alten Hofburgtheaters zu Grillparzers »Weh dem, der lügt« zu verschaffen. Er stellte mir meine Karte pünktlich zu. Ich erstaunte, ihn diesmal gar nicht an meiner Seite, gar nicht in der vierten Galerie, überhaupt nicht im Theater zu erblicken. Aber nach Schluß des ersten Aktes tauchte er im Hintergrunde auf. Als wir am Schlusse der Vorstellung uns begrüßten und ich ihn fragte, warum er ohne Sitz im Hintergrunde stehengeblieben sei und mich nach dem gewohnten Ausgang wenden wollte, zeigte er mir eine mittlere Ausgangstreppe, welche direkt in den alten Turnierplatz der Hofburg hinabführte. Als wir da hinabstiegen, sagte er: »Diesmal bin ich ganz ohne Karte hier heraufgestiegen, aber natürlich erst nach Schluß des ersten Aktes. Mitten unter dem rauschenden Applaus, wo die Billeteure nichts hörten, trat ich ein, ohne Ueberrock, als hätt' ich draußen bloß Luft geschnappt. Man muß auch manchmal seinen Kunstgenuß gratis haben.«

Als dieser Sonderling sich verheiratet hatte und bei schmalem Solde auch kein Geld, wohl aber Kinder ins Haus gekommen waren, wurde er in der Beschaffung der notwendigsten Dinge so erfinderisch, daß die unglaublichsten Gerüchte von seiner Findigkeit uns umschwirrten. Gelegentlich eines Besuches, den ich ihm abstattete, setzte er mir eingesottenes Obst vor, von dem ich durchaus genießen mußte. Es waren Birnen, klein und ursprünglich etwas holzig, aber gut und weich bereitet. Als ich mein Lob darüber aussprach und seine Freigebigkeit rühmte, sagte er: »Mein Bester, das kostet mich gar nichts, als etwas Zucker und Wasser.« Als ich weiter fragte, von woher er die kleinen Birnen bezogen habe, gab er zur Antwort: »Von unserem Herrgott.« Weil ich den Kopf schüttelte und um nähere Erklärung bat, sagte er endlich: »Sie unpraktischer Mensch, das ist höchst einfach. Meine Hermine begleitet mich täglich in den tiefsten und entlegensten Teil des Praters hinab. Dort gibt es in den Auen hie und da halbwilde herrenlose Birnbäume und anderes Zeug. Ich erklettere solch einen Baum, die Hermine breitet unten ihr Tuch auf die Erde, ich schüttle und wiege mich im Wipfel, die Birnen fallen herab, wir sammeln sie, tragen sie heim und beschaffen uns fürs Haus unser Dunstobst.« Als die Kinder sich mehrten und die Ernährung des Kleinsten die Kraft der Mutter übermäßig in Anspruch nahm, erfand er eine neue Kriegslist. »Wissen Sie,« sagte er zu mir, »wie ich zeitweilig den Buben beruhige und die Frau schone? Das ist sehr einfach und hilft zeitweilig über den kritischen Augenblick hinweg. Der Bengel ist immer durstig und begehrt nach der Mutterbrust. Allzuviel ist ungesund. Wenn er nun mal zu recht ungelegener Zeit zu schreien beginnt, wenn die Hermine kochen oder außer Hause just was beschaffen muß, da heb' ich ihn einfach auf die Arme, knöpfe mein Hemd auseinander und lege ihn an die Vaterbrust. Der Kerl bildet sich ein, an der Milchquelle zu liegen, saugt und saugt – und wird beruhigt.« – Die Zahl solcher Erfindungen war endlos. Außer Art waren auch noch andere gute Gesellen in unserm Kreise, wie der schweigsame Lukas, der eine herrliche Baritonstimme besaß, nur sang und nie sprach. Diesem verdankte ich später die Bekanntschaft mit dem angehenden Opernsänger und fruchtbaren, hochbegabten jungen Tondichter Adolf Wallnöfer, mit dem mich eine dauernde Freundschaft verband. Er vertonte prächtig einige meiner Lieder, so den »Falkner«, ein Heidelbergerlied »Zu Heidelberg, da liegt ein Faß«, sowie in jüngster Zeit die Gesänge meines Schauspiels »Fridolin«. Ein gottbegnadeter Künstler.

Ein höchst trauriges Ereignis riß mich plötzlich aus dieser halben Kapitulation mit den scheinbar allmächtigen Verhältnissen heraus. Ein älterer Amtsgenosse, ein Pole, aus besseren Verhältnissen herabgekommen und tief verschuldet, vergiftete sich mit Phosphor und wurde von Fallenbichel sterbend in seine Kammer gebracht. Vom Leichenhofe des allgemeinen Krankenhauses, wo wir in der Kapelle unter Schmidtlers Leitung ein Grablied sangen, schritten wir hinter dem Sarge paarweise – Rathgeb und ich nebeneinander – zu dem Währinger Friedhof. Dort sank der Arme in ein Massengrab. Jeder von uns engeren Amtskollegen – es war kein Dutzend Menschen – warf ihm eine Scholle nach. Dieses Begräbnis wirkte auf mich wie eine Hinrichtung. Ich weiß nicht, wie es heute um jene Beamtenkreise steht. Damals aber herrschte unter uns Not und Aussichtslosigkeit, wenn man kein eingeschobener Günstling der oberen Zehntausend oder keine geriebene, falsche Kreatur war. Schlechter Hungerlohn, statt Beförderung meist Enttäuschung, Roheit und Unbildung, Eigennutz an der maßgebenden Stelle, herzbewegende Armut, erdrückende, geistlose Ziffernarbeit, dazu bei den zweifelhaften Elementen dieses heterogenen Kreises Sittenfäulnis, Trunksucht, Schulden und noch viel Schlimmeres, das wir mit dem Mantel des Vergessens bedecken wollen. In grauenvollem Gegensatz zu diesem Sklavenelend stand die Genußgier der Zeit, die Ueppigkeit der Wohlhabenden, die allgemeine Jagd nach Millionen, die Spielwut mit künstlich gesteigerten Papieren, der Größenwahn, die Geckenhaftigkeit und die Verlogenheit der öffentlichen Meinung. Längst schon hatte Oesterreich infolge von Königgrätz seinen Austritt aus dem historischen Zusammenhang mit Deutschland vollzogen und mit endlosen Experimenten sogenannter Neubelebung auf dem entgegengesetzten Wege, so mit der Zweiteilung der Monarchie, dann allmählich mit der schrittweisen Verzichtleistung auf die überlieferte Einheitlichkeit des Reiches geendet. Falsche Ratgeber und ehrgeizige Politiker wollten den Schwerpunkt der Macht nach – wie es jetzt hieß – Budapest verlegt wissen; und unter dem Vorgeben der Versöhnung aller Nationen der Monarchie und dem durchaus inhaltslosen Schlagworte allgemeiner Gleichberechtigung und Freiheit wurde nur der Millionenhunger, die Titelsucht und die Herrschbegierde einzelner oder geschlossener Gruppen begünstigt, das Volk belastet, das Reich zersplittert. An die Stelle des alten, von Adel und Klerus beherrschten Oesterreich trat ein vom Kapitalismus und der Phrase geknechtetes, durch nationale Streber verhetztes Staatengebilde. Auch unter uns Aermsten machte sich dieser Bildungs-, Sprachen- und Rassen-Gegensatz um so empörender geltend, als gerade wir deutschbürtigen Oesterreicher uns gegen jeden Fremden benachteiligt und zurückgedrängt sahen und keine Hoffnung bestand, diese bereits in der Staatsverwaltung herrschenden Zustände jemals aus dem Körper einer Privatgesellschaft getilgt zu sehen, einer Gesellschaft, deren Chef ein Franzose, deren Hauptsitz Paris war.

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