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Aus dem Bilderbuche meines Lebens

Franz Keim: Aus dem Bilderbuche meines Lebens - Kapitel 5
Quellenangabe
typeautobio
authorFranz Keim
booktitleGesammelte Werke, Erster Band
titleAus dem Bilderbuche meines Lebens
publisherGeorg Müller Verlag
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080622
projectid97131da2
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Aber es gibt eine Sorte von Liedern, welche geradezu eine Massenvergiftung unter jenen Gehirnen anrichtet, deren Konstruktion vom Hause aus ohnehin nicht die solideste ist. Je ungebildeter der Mensch, desto eingebildeter. Wer selbst ein Lump ist, der platzt vor Entzücken, wenn er versteckt oder offen, geschickt oder plump, mild oder gepfeffert irgendeine Lumperei in den Himmel erheben hört.

Aber auch dort, wo scheinbar das Gute und Edle des Wieners vom Sänger herausgehoben wird, spürt man manchmal so scharf den Pfeffer der Uebertreibung, daß die gute Absicht wieder vereitelt wird. So ist beispielsweise ein bis zum Unerträglichen aufgetischtes Thema gewisser Lieder »das goldene Wienerherz«. Was muß sich diese weinselige Versammlung über sich selber einbilden, wenn es hier in der Buschenschenke plötzlich belehrt wird, daß die ganze Welt ein Quark ist gegen das Geringste, was so ein »Wienerherz« im Spaß vollbringt.

Eitelkeit ist schon beim einzelnen Selbstverblendung. Wenn aber der Bänkelsänger die höchstgemischte Versammlung bombastisch in den Himmel hebt, so daß selbst der dumme Kerl und die falsche Gans sich als patentierte Mustermenschen fühlen, dann wird das unechte Volkslied zum echten Gift. Dahin gehört vor allem auch jener Gesang voll aufdringlicher Sentimentalität, der die Zärtlichkeit und Liebe einer Wienermutter zu ihrem kleinen Kinde schildert. Das wäre an und für sich etwas ganz Natürliches. Selbst die ans Lächerliche streifenden, aus dem seltsamsten Born der absonderlichsten Mundartgebilde herausplappernden Entzückungen gehören zur Mache, obgleich sie bombastisch sind und Sentimentalität und Komik sich unfreiwillig auf die Fersen treten. Das alles nimmt man hin als – Volksschmeichelei, wie sie in diesen Kreisen verzapft und vielleicht auch begehrt wird von Menschen, die im Leben durchaus nicht so übersentimental veranlagt sind. Nun kommt aber nach jeder Strophe ein Kehrreim, der an – sagen wir – Anmaßung das Höchste leistet. Sooft sich diese Wienermutter vom zärtlich heißen Unsinn ausgetobt hat, singt der Sänger:

»Das hat kein Schiller g'macht,
Das hat kein Goethe g'schrieben« – – –

Das hat natürlich nur so ein weibliches Wienerherz zu sagen verstanden, wie die Erklärung lautet.

Was muß sich der naive, was muß sich besonders der bildungslose Teil dieser schon weinseligen Versammlungen von diesen zwei dummen Kerlen, Goethe und Schiller, denken, die nicht einmal die blasseste Ahnung von der Mutterliebe hatten und sich erst hier beim Heurigen aus solchem Munde belehren lassen müssen! Ich habe dieses Lied immer als einen Faustschlag auf das gesunde Hirn unseres, der Bildung und Veredlung so bedürftigen und gewiß auch höchst zugänglichen Wienervolkes empfunden. Hat der naive »Dichter« so wenig das Leben und die Werke dieser Unsterblichen kennen gelernt, daß er so kühn ist, ihnen sein Geplapper als Kollegium über wahre Mutterliebe vorleiern zu müssen? Steckt etwa auch in ihm wie in vielen seiner wütenden Beifallklatscher die blinde Wut des literarischen Proletariers über die ihm unausstehlichen Klassiker?

Ich habe aber auch, – gottlob! – die Erfahrung gemacht, daß solche Entgleisungen der falschen Gemütlichkeit, die uns keine Ehre machen, unter die Ausnahmen gehören. Frischer Witz, kecker Humor, gesunde Empfindung sind der Grundzug des echten Volkssängertums, und Wurzel und Wipfel dieses Baumes leben und sterben nur mit dem Wienervolke selbst. Daß ich aber nicht der Wahrheit aus dem Wege ging und meine Warnung vor der Verderbnis dieses zweifelhaften Elementes unumwunden aussprach, wird mir jeder Freund des Volksgesanges danken, wenn er hört, daß selbst ein Peter Rosegger mir mit Bedauern versicherte, daß selbst die Urheimat des gottbegnadeten Volksliedes, die Almen Oesterreichs, Steiermarks und Kärntens bereits vielfach ihre edlen altheimischen Weisen und G'stanzeln mit jenen zotenhaften Bänkeln vertauschen, die vom Prater und den Heurigenschenken (nicht selten durch die naiven Soldaten) in das Land herausgetragen werden. Einst kam das Volkslied von den Bergen in die Stadt; die Millionenstädte senden ihre Bänkelbazillen wieder ins Land und Gebirg hinaus. Heil uns, daß die Volksliedervereine in neuester Zeit auf der Wacht stehen und daß auch die Poeten der engeren und ferneren Heimat die Reinheit und Schönheit der Mundart und ihrer poetischen Gedankenwelt hochhalten.

Bei solchen Verhältnissen und dem natürlichen Idealismus meiner Jugend konnte weder das Possen- und Operettenwesen der vorstädtischen Bühnen, noch das oben bezeichnete Bänkelgeleier und falsche Urwienerwesen mich erfreuen und anziehen. Ich will gar nicht weiter auf den Umstand eingehen, daß für den Sohn des bodenständigen, kerndeutschen Volkes ob der Enns der Wiener schon damals gar nicht jenen einheitlichen Volkstypus aufwies, wie ihn diese Lobredner unermüdlich darstellen wollen! Gewiß besitzt die Macht des gesellschaftlichen Lebens und Treibens, die Schule, die Verwaltung, die Sitte und Tradition einen ausgleichenden Einfluß. Vielleicht heute, im zwanzigsten Jahrhundert noch mehr, als in der zweiten Hälfte des neunzehnten; weil wir heute durch die Erkenntnis der ungeheuern Versäumnisse in sprachlicher, politischer und nationaler Beziehung aufgerüttelt und durch die tapfere Arbeit unsrer zahlreichen deutschen Schutzvereine wenigstens zum Widerstande organisiert sind. Aber in den sechziger Jahren gab es nur Gemütlichkeit oder eine »Hetz«; dazu – unbemerkt von uns allen – infolge der gedankenlos ausgegebenen Schlagworte von »Gleichberechtigung und Freiheit« eine leise schon beginnende Enteignung unsres alten, schlecht behüteten, geistigen und materiellen Besitzstandes in den Erblanden. Da liebte ich denn die einzige Insel der gediegenen deutschen Art und Kunst, das Burgtheater, mit doppelter Begeisterung. Und ich trug meinen letzten Heller hinein, um meine Seele nicht hungern zu lassen; lieber körperlich zu hungern. Es war ja die Zeit der großen Werke und Künstler. Grillparzers Dramen, durch Laubes Verständnis aus jahrezehntelangem Schlummer erweckt, wirkten wie ein heiliges Wunder. Die Wolter als Sappho und Medea erschien uns Jungen als die Priesterin der höchsten Kunst. Selbst Friedrich Halm, der nur ein formalistisches Talent war, wirkte durch den feinen Adel herrlicher Sprache. Die dialogische Feinkunst der besten Franzosen wußte Laube dem idealen Spielplan geschickt und praktisch einzuflechten, wodurch ein geistiges Gleichgewicht entstand, das immer Gutes, allen etwas brachte und jede Einseitigkeit ausschloß.

Da saß ich denn einmal und las in einem abgegriffenen Buche der Leihbibliothek auf der Bastei der Löwelgasse die Tragödie »Maria Magdalena« von Friedrich Hebbel. Sie ergriff mich so gewaltig, daß ich nun alles verschlang, was der mir noch unbekannte nordische Dichter vollendet hatte.

Ich las »Judith«, »Genoveva«, »Agnes Bernauer«, »Herodes und Mariamne«,»Gyges und sein Ring«, auch die zwei seltsamen Komödien und das erzählende Poem »Mutter und Kind«. Ich las die Gedichte und später Emil Kuhs Hebbelbiographie. Ich fühlte dunkel, daß hier etwas erschaffen war, das neben Schillers rhetorischer Darstellungskunst, neben Goethes edler behaglicher Schönheit etwas Ebenbürtiges, mindestens etwas Ebenberechtigtes bedeutete. Eine förmliche Hebbelraserei bemächtigte sich meines Innern. Ich fühlte dunkel, hier sei etwas dem neueren deutschen Geiste Tiefverwandtes, Männliches, ja Ehernes auferstanden, welches bisher allerdings nur einer kleinen Gemeinde verständlich und sympathisch war. Wenn ich bei meinen jungen Freunden herumfragte, sie kannten Hebbels Werke meist nur vom Hörensagen. Die sogenannten Gebildeten, die Bücherfreunde, die Damalsmodernen, soweit sie ihn kannten, fanden ihn grotesk, die Blasierten verrückt, die Dummen entsetzlich. Aber nun wollte ich Hebbel an der Quelle genießen, von der Bühne herab, deren geistiger Reformator er mir zu sein schien; vor allem im Burgtheater, wo im Sturmjahre 1848 seine »Judith«, seine »Maria Magdalena« Sensation erregt hatten – aber ich fand ihn da nicht mehr; nur sein Künstlerdrama »Michel Angelo« ging ab und zu einmal in Szene.

Emil Kuhs Buch belehrte mich, daß der nordische Poet, obgleich seit Jahren in Wien heimisch, in Wien vermählt mit der genialen Tragödin des Burgtheaters, Christine Enghaus, seit Laubes Antritt der Bühnenleitung Schritt für Schritt von dieser Kunststätte ausgeschlossen worden sei. Bis dahin hatte ich noch keine Ahnung von den Vorgängen, die sich teils psychologisch, teils prinzipiell, wohl auch ganz persönlich, von der Öffentlichkeit nicht beachtet oder nicht verstanden, manchmal zum Wohle, sehr oft zum Wehe eines großen Künstlers vollziehen. Obgleich die theatralische Atmosphäre damals noch lange nicht so erhitzt und vergiftet war, wie in unsrer heutigen Epoche, so hatte doch der Ehrgeiz, die Antipathie und die Reizbarkeit einzelner mächtiger Literaten so bedeutenden Einfluß, daß es dem Zusammenschlüsse solcher Elemente im Bunde mit einer ihnen ergebenen Presse möglich war, Dichtungen und Kräfte, welche an Genialität sie weit überragten, zu hemmen, zu entmutigen, ja bis zu einem gewissen Grade zu unterdrücken.

Die Natur hatte in Heinrich Laube und in Friedrich Hebbel zwei Gegensätze erschaffen, wie sie für den ersten in seiner allmächtigen Stellung nicht günstiger, für den zweiten nicht ungünstiger gedacht werden konnten. Der Leiter der ersten deutschen Bühne, in allem, was den künstlerisch praktischen Betrieb betrifft, ein unübertroffener Meister, aus ebendiesem Grunde ein Bundesgenosse der heterogensten Richtungen, sofern sie dem Zeitgeschmack huldigten und der Kasse nutzten, hatte kein Verständnis für die dämonische Einseitigkeit des anderen, der in völliger Verachtung aller Kompromisse bis zur Schonungslosigkeit alles Mittelmäßige förmlich zerstampfte, um nur zum höchsten Fluge die Schwingen seines Geistes zu erheben. Und was noch schlimmer war, Laubes Zurückhaltung und Kälte erhielt noch einen Bundesgenossen in der süßlichen Unterströmung der Zeit, die an Bauernfelds Salonstücken, an der »Grille« der Birch Pfeiffer und dergleichen Theaterprodukten, gespielt von beliebten Darstellern, mehr Gefallen fand, als an Hebbels Dramen mit ihrer dialektischen Schärfe und oft gewaltsamen Herbheit.

Ich bin weit entfernt, dem einen die Palme zu reichen und den andern ganz zu verdammen. Aber daß Laube im idealen Sinne des Wortes hier gewaltig irrte, weil seine Natur kein Organ für diese Größe und Strenge des andern besaß, das hat die Nachwelt, wenn auch spät, durch die höhere Wertung Hebbels dankbar und gerecht erledigt.

In jener Zeit hatte ich bereits der Jurisprudenz mich entzogen und als Hörer der philosophischen Fakultät mich inskribieren lassen. Was mich anlockte, war weniger die spekulative Philosophie, als vielmehr die ästhetischen, historischen und germanistischen Vorlesungen. Kant, Fichte, Schelling und Herbart ließen mich allerdings in meiner Richtung zum Konkreten, Bildlichen, Gestaltenhaften innerlich kalt.

Aber entzückt war ich von Schopenhauers »Welt als Wille und Vorstellung«, »Parerga und Paralipomena«, besonders von seinen tiefsinnigen Gedanken über die Kunst, Sein Pessimismus stand immer noch himmelhoch über den Paradoxen eines Nietzsche, den so viele in neuester Zeit für einen Pfadfinder erklärten und anbeteten.

Bei einem Besuche meiner obderennsischen Heimat erfuhr ich, daß der Dichter der »Maria Magdalena« bei uns in Gmunden ein Häuschen erworben habe und seit einigen Jahren seinen August und September dort mit Frau und Tochter verbringe.

Es war im Sommer des Jahres 1862. Ein Schwarm lustiger Sommergäste, wie sie alljährlich in unser liebliches Salzkammergut strömen, war von Gmunden aus nordwärts, entlang der stillen, waldumsäumten Aurach, zur sogenannten Rabenmühle gepilgert, die wie ein Schwalbennest am Fuße einer Felswand klebt, um naturfreundliche Sommergäste zu bewirten. Felsen, Wald und Wasser, dazu die grünen Wiesen das Tal entlang – es konnte kein entzückenderes landschaftliches Stimmungsbild geben.

Es war Sonntag und außer den Fremden ein zahlreiches Landvolk anwesend, das besonders auf der Kegelbahn zechte, schob und jauchzte. Ich saß mit einem jungen Buchhändler, einem strammen Danziger, bereits vor meinem Glase Bier im Grünen vor der Rabenmühle. Alles plauderte, zechte, lachte und lustige Schnaderhüpfel des Bauernvolks stiegen in die duftige Luft empor, da stieß mich plötzlich mein Genosse an und machte mich auf ein seltsames Gefährt aufmerksam, das eben aus der Höhe des Waldes den dunklen Hohlweg herniederfuhr. Ländliche Pferde, ein Leiterwagen und auf diesem die originellste Gesellschaft; Gestalten wie aus Goethes »Wilhelm Meister«. Es ist zu lange her, als daß ich all die Insassen, Männlein und Weiblein heute noch vollzählig bezeichnen könnte. Aber ich sah sofort, daß es Künstler seien, speziell Künstler des Hofburgtheaters. Der Recke Gabillon war darunter und Zerline, seine Frau. Ich glaube, auch Meixner und der damals sonnigjunge Baumeister. Aber dem Wagen entstieg noch eine Gestalt in grauem Sommergewand, mit lichtem Panamastrohhut. Wieder stieß mich mein Begleiter an und sagte: »Heut' hast du Glück. Schau hin, dort kommt dein Ideal; das ist Friedrich Hebbel!«

Das war Friedrich Hebbel. Und wie ich ihn damals sah, lebt er noch heute unauslöschlich in meiner Erinnerung. Das hellblonde, mit dem Silber eines zu frühzeitigen Alterns durchzogene Haupt- und Vollbarthaar, die hohe Stirne, der Scheitel schon kahl werdend, das nordseeblaue Auge, licht und sprechend, die hohe schlanke Gestalt, wiegend und sinnend, die lebhafte, helle Gesichtsfarbe, im Affekt sich lebensvoll rötend, die ganze hoheitsvolle Erscheinung, alles, alles verkündete: Das ist der nordische Dichter!

Nur mit den Augen genießend, aufrichtig andachtsvoll, blieb ich in der Ferne, ganz in seinen Anblick versunken. Ein Gefühl, von dem nur Jugendbegeisterung und bewundernde Liebe eine Ahnung hat.

Die Ankömmlinge verloren sich bald in der Menge irgendwo bei den vollbesetzten Tischen. Es blieb für heute bei dieser Erscheinung. Die Dämmerung brach bald herein und ich sah, abgelenkt durch allerlei Grußworte und Gespräche meiner nächsten Umgebung, nur noch den Karren mit seiner Künstlersippschaft im Halbdunkel den Hohlweg hinausholpern. Aber bald sollte ich in Gmunden selbst auf eine rasche Art dem großen Meister persönlich nähergeführt werden. Die nächste Veranlassung dazu bot ein etwas seltsamer und wunderlicher Kauz. Es lebte in unserem Städtchen ein alter Herr. Er trug einen Nasenklemmer oder eine Brille, den gefärbten Schnauzbart keck militärisch gewichst, stak er mit seiner dürren Gestalt stets in schwarzer eleganter Kleidung. Den Offiziersdienst hatte er seit Jahren quittiert und betrieb an der Seite seiner wohlhabenden, alten, über alle Maßen lebhaft geschminkten Gattin, die einen kreischenden Papagei besaß, eine höchst einträgliche Groß-Tabaktrafik. Er gab sich als freundlicher, wohlwollender Privatmann, Kenner der weiblichen Schönheit, eifrigen Sagensammler und -dichter. Er hieß Lechner. Fast jedermann erzählte er: »Ich war der schönste Mann im Regiment.« Damals setzte diese Versicherung allerdings schon einen starken Glauben voraus. Er war ein Original von literarischer Eitelkeit, die sich nach meinem Wissen doch nur auf poetisch angehauchte Lokalartikel im »Gmundner Wochenblatte« oder Aufsätze in der »Eleganten Zeitung« und ein Büchlein »Sagen« aus dem Salzkammergut beziehen konnte. Gegen mich war er äußerst liebenswürdig und zuvorkommend, ja zutraulich, was ich bei dem »stets eleganten« Manne um so höher einzuschätzen wußte, seit er mich mehrmals in gemütlichster Weise am hellen Tage in Schlafrock und Pantoffeln vom Seeplatz die steile Kirchengasse herauf im Gasthof zur Stadt Gmunden bloß auf eine Plauderei besuchte.

Dieser gute Mann hatte sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit bei Friedrich Hebbel als – Dichter eingeführt, wie ich aus dem Ton seiner Gespräche entnehmen mußte, welcher stets ein eisernes Selbstbewußtsein atmete. Wie ihn Hebbel hinnahm, ist mir nie bekannt geworden. Die Literaturgeschichte hat es nicht verbucht.

Eines Tages trat er plötzlich auf der Esplanade lebhaft auf mich zu, klopfte mich auf die Schulter und sagte scharf und kurz: »Hebbel ist hier, mein Guter. Wissen Sie das schon? Ich habe bereits ihren Besuch bei ihm angekündigt.« Ich war zu Tode erschrocken. Stets in meinem Leben ein bescheidener Mensch, war ich ohne mein Wissen und Wollen jetzt mit dem Schein der Zudringlichkeit behaftet, ein Zug, der meiner damaligen übergroßen Menschenscheu und Schüchternheit wahrhaft empörend widersprach. Ich machte ihm dies in meiner lebhaften Art bemerklich. Er suchte mich zu beruhigen. Ich beschloß, um keinen Preis das Hebbelhaus zu betreten. Der große Dichter aber, der eben auf dem Sonnengipfel seines Ruhmes stand und seit dem Erfolge seiner »Nibelungen« in Weimar in einer gütigen Königslaune lebte, lud mich durch meinen Vater freundlich in sein Haus. Wie einfach und schlicht war damals dieses später vielfach veränderte Hebbelhäuschen mit der Windenlaube und der natürlichen Quelle im Garten! Wie traulich das Erdgeschoß und der Wein an der Hauswand und darin das wohlbehütete Rotschwänzchennest! Also ging ich hin. Mit Herzklopfen zog ich die Klingel. Wußten doch damals die literarischen Klatschbasen und Ausspäher so mancherlei von der olympischen Unnahbarkeit des Dichters der »Judith« zu erzählen! Aber wie anders kam mir der damals schon leidende große Mann entgegen! Wie herzlich bot er mir die Hand und führte den unbeholfenen Gast in des Gärtleins Laube. Um mich zu ermutigen, trug er die Kosten des Zwiegesprächs größtenteils selber, so daß ich zu den Ehren dieser Stunde auch noch den Vorteil des Genusses seiner sinnenden und gedankenvollen Rede genoß. Teilnahmsvoll befragte er mich nach meinen Studien und Lebensplänen. Seine blauen Meeraugen leuchteten, seine Stimme steigerte sich lebhaft und seine Gedankenfülle wurde sozusagen zum Selbstgespräch. Das alles goß eine solche Wärme von Dankbarkeit, Bewunderung und Glücksgefühl über mich aus, daß ich meine Schüchternheit verlor und beinahe selbst beredt wurde. »Was studieren Sie?« fragte er. »Philisophie,« sagte ich. Er wiegte das Haupt: »Philosophie – hm! – Spekulation! Medizin sollten Sie studieren! Das ist die Wissenschaft aller Wissenschaften!« rief er feurig. Meine Vorliebe für die Germanistik, Sprache, Sitten und Ueberlieferungen unsres deutschen Volkes billigte er. Das Kegelschieben der Bauern vor der Rabenmühle verglich er mit der reckenhaften Freude an der körperlichen Kraft der Vorzeit. Meine Begeisterung für seine dramatischen Werke, besonders für die Nibelungentrilogie, die in der Tat nach Shakespeare die gewaltigste Wirkung auf mich geübt hatte, nahm er, als von einer jugendlichen Ehrlichkeit und Ueberschwenglichkeit freundlich und ruhig hin. Plötzlich aber sagte er: »Und doch! Nicht meine Dramen, aber meine Gedichte möchte ich der deutschen Jugend empfehlen.«

Zum Schlusse sprach er ein mir ganz unvergeßlich, scharfes, echt Hebbelsches Wort.

Als ich nämlich meiner Freude Ausdruck gab, daß nun auch gewisse große Blätter mit der Anerkennung seines Ruhmes und seiner Bedeutung für unsre Nation nicht mehr hinter dem Berge halten könnten, sagte er bedeutungsvoll: »Mein lieber junger Freund! Was man bei uns und in Deutschland in Kunst und Poesie die öffentliche Meinung zu nennen pflegt, das gehört zumeist – unter den Nachttopf.«

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