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Aus dem Bilderbuche meines Lebens

Franz Keim: Aus dem Bilderbuche meines Lebens - Kapitel 4
Quellenangabe
typeautobio
authorFranz Keim
booktitleGesammelte Werke, Erster Band
titleAus dem Bilderbuche meines Lebens
publisherGeorg Müller Verlag
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080622
projectid97131da2
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Manches Mal wurde er köstlich satirisch und witzig.

So hatte ich in der siebenten Klasse das Verbrechen begangen, an ein Zeitungsblatt der Stadt Wels ein Kneipgedicht einzusenden. Es sollte eine Verspottung der »Philister« sein, welche einen studentischen Kommers unglücklich nachahmten. Der Titel hieß » Quod licet Jovi, non licet bovi.« Das Blatt war in aller Händen. Ich hatte mich mit meinem Kneipnamen »Franz Moor« unterzeichnet, der dem Lehrkörper kein Geheimnis war. Jede Veröffentlichung eigener, nicht schulmäßiger Geistesprodukte war ein Delikt gegen die Statuten. Eine Rüge wurde mir nicht zuteil. Aber am Schlusse des Semesters, beim Examen, wurde ich gerufen und aus Homer geprüft. Maurus fragte mich plötzlich bei einer Vergangenheitsform: »Was ist das? Ist das der regelmäßige Aorist?« Ich sagte feierlich: »Das ist der poetische Aorist!« »Richtig!« ruft Vater Maurus; blickt mich höhnisch an und sagt mit erhobener Stimme: »Denn – Quod licet Jovi, non licet bovi!« Seine Nase pfiff ein hochgestrichenes »i« dazu – und alles lachte.

Ein hellbesonnter Schwarm von unvergeßlichen Gestalten zieht an mir vorüber, wenn ich jener frühen Jugendzeit gedenke. Was für ewige Freundschaften haben wir da nicht geschlossen! Wie viele goldne Hoffnungen haben wir da nicht gesät! Wo ist der Kreis der lustigen Gesellen? Wo sind die Hirngespinste und Phantasien, die des Lebens Nüchternheit, Klugheit oder Unbarmherzigkeit bei den meisten von uns vertilgt, geschwächt, oder in ihr Gegenteil verpfuscht hat! Wie wenige sind glücklich, wie wenige sich selber treu geblieben! Wie viele fanden längst ihr Grab! Einer aber lebt noch froh und guter Dinge! Diesem bin ich vor allen den herzlichsten Dank schuldig. Hätte mich mein Schulgenosse Johann Schauer – nachher ein gewaltiger Jurist und Bürgermeister, obendrein ein hochbegabter Maler – nicht vor dem Tode des Ertrinkens gerettet, dem ich schon verfallen schien, so wäre mein Dasein ein allzu früh vom Zweige gesunkenes, vergessenes Blatt geworden. Diese Tat gesegne ihm Gott!

Und ein zweiter ist mir lieb und treu geblieben bis an seinen Tod, mein Kollege Gustav Lott, der Frauenarzt. Also seid nochmals gegrüßt, ihr fröhlichen Schatten, besonders ihr, meine zeitweiligen Stubengenossen, Krako, du Schalk, später feiner Humorist und hochverdienstlicher Landesarchivar! Holter, du tapferer Achill im Kampf, jetzt Volkserwählter! Harant, grimmer Boxer, jetzt auf deinen Lorbeeren ruhender Rechtsanwalt, Stankerl Gruber, Spartaner, jetzt Vater magyarisch entfremdeter Kinder! Reidinger, du allzeit gemütlicher Tabakpfeifenraucher! Du bist später ein wackerer dichtender Dechant geworden! Freund Styr, du bist närrisch und elend gestorben! Wie gerne möchte ich euch alle noch einmal zurückbeschwören. Aber ihr kommt nicht mehr. Der Bürgermeister sitzt in Wels oder zu Linz im Landtag. Harant sitzt im Ruhestand zu Steyr. Mein lieber treuer Gustav Lott, der Hochschulprofessor und Frauenarzt, in Wien, der allein von allen mit mir in engster Berührung geblieben war, ist vor kurzem uns vorausgegangen zur ewigen Ruhstatt. Einen aber will ich noch emporrufen, obgleich er uns allen längst als Jüngling ins Grab vorausging, einen armen, guten Gesellen und – Dichter! – Josef Fehringer, ich gedenke dein! Ob sie in unsrer gemeinsamen Heimat dich nicht vergessen haben – ich weiß es nicht. Du warst zu jung, zu ärmlich und unstät, zu dämonisch verwildert durch Schicksale, als daß du uns ein Buch deiner landfahrigen, niemals gesammelten, am Wege verlorenen Lieder hättest hinterlassen können, bevor du, fern von deinem Vaterhaus, nahe bei Wien, ich weiß nicht wo, begraben wurdest. Einstmals, beim Wiedersehen – du kamst als Marodeur nach dem Feldzug von 1859 nach Kremsmünster zurück – gabst du mir zwei kleine Blätter, mit blasser Tinte beschrieben, kurz, eh wir uns wieder trennen mußten.

Ein einziges Gedicht, das du Heimatloser niederschriebst, will ich diesen vergilbten Blättern entnehmen und will es in diese Erinnerungen flechten als Lorbeerkranz treuen Gedenkens an dich, du Frühgeschiedener!

Andalusische Sehnsucht.

Könnt' ich wieder doch den blauen
Glutdurchwogten Himmel schauen
Von des Guadalquivir Strande!
Oed' und traurig ist's geworden
Mir im nebeligen Norden,
In dem feuchten, kalten Lande.

Möcht' ins Land der stillen Myrten
Wieder ziehn, wo's Lied der Hirten
Tönt zum Klang der Mandolinen; Wo auf luftigen Geleisen
Südens wollustreiche Weisen
Zitternd mählich meerwärts rinnen.

Wo Aegyptens braune Truppen
In phantastisch schönen Gruppen
Lagern auf den weichen Triften,
Und im holdgeschlungnen Reigen
Mädchen Wuchs und Schönheit zeigen,
Goldgegürtet an den Hüften.

Möcht' Sevillas Prachtpaläste
Wiedersehen, deren Feste
Rauschen, ambraduftumfächelt;
Wo dem festlichen Gepränge
Einer heitern Menschenmenge
Ewig rein der Himmel lächelt.

Wo in mitternächtiger Kühle
Schlummernd in dem Rosenpfühle
Die Alhambra Märchen träumt,
Wie an ihren prächtigen Toren
Einst die goldumflirrten Mohren
Ihre Schlachtenross' gezäumt.

O ihr Gau'n, ihr reizereichen,
Seid am besten zu vergleichen
Einem schön geschmückten Altar,
Drauf von Südens hehren Söhnen
Weihrauch duftet heitern Schönen
Von Murena bis Gibraltar.

Diese Verse eines Gymnasiasten, im Kolorite Freiligraths, lassen sie uns nicht erkennen, daß ein besseres Schicksal als Armut und Heimatlosigkeit, daß die glückliche Sonne eines längeren Lebens, Mannesreife und Erfahrung aus dem Schönbegabten, Vielversprechenden einen wahren Dichter erzogen hätten? Josef Fehringer, ruhe sanft! Dein Gedächtnis will ich heilig halten.

Und nun nehme ich von Kremsmünster Abschied, indem ich zum Schlusse noch jenes unvergeßlichen Kommerses gedenke, den wir Oktavaner und Septimaner zur hundertjährigen Gedächtnisfeier der Geburt Friedrich Schillers, mit löblicher Zustimmung des Lehrkörpers in unserer Stiftskneipe festlich begehen durften. Man hatte mir das Präsidium übertragen und ich eröffnete das Fest mit eigenen Versen. Der große Gedanke deutscher Zusammengehörigkeit, der damals die ganze gebildete Welt durchbrauste und das Jahr 1859 zu einem Markstein unseres Volksbewußtseins erhob, zitterte auch durch unsere jungen, frohen Herzen und wirkte das erste große Wunder in meiner Brust, das die folgenden, zweifelvollen, oft bitterbösen Jahre nicht mehr verdunkeln konnten: die Ahnung, daß wahre Kunst und Nationalgefühl Zwillingsschwestern sind.

Als ich im Herbste 1860 die Wiener Hochschule bezog, war ich mir am allerwenigsten darüber im klaren, was ich eigentlich werden sollte. Für ein Brotstudium hatte ich nicht den geringsten Geschmack. Von Hause aus ein bißchen verwöhnt, unbekannt mit den Härten des Lebens, vollständig ohne Programm, ließ ich mich in die juridische Fakultät eintragen. Ein Phantast und Träumer, wußte ich nicht, was ich tat. War es die Trockenheit dieses Studienzweiges, war es die Monotonie der Vorträge, ich fühlte mich angeödet, abgestoßen und bis zur Verzweiflung niedergedrückt. Ich floh den Hörsaal, der mir keine Anregung bot, ich schauderte vor den Paragraphen des bürgerlichen Gesetzbuches und stürzte mich nach dem Ziele meiner großen Sehnsucht, – dem Hofburgtheater, um mich selbst zu finden.

Noch lebten meine Eltern in verhältnismäßig nicht ungünstigen Verhältnissen. Waren sie auch inzwischen nach Gmunden übersiedelt und besaßen statt des Schlosses einen bescheidenen Gasthof, – ein junger Mensch von zwanzig Jahren mit Phantasie und Lebenshoffnung rechnet nicht, bevor die Not des Lebens ihn dazu zwingt. Und meine gute Mutter ließ es mir, solang sie es vermochte, an nichts fehlen. Also floh ich das Korpus juris und besuchte um so eifriger die Leihbibliothek Last und das Theater.

Ja das Burgtheater! Das alte Burgtheater! Wer ein Anbeter des heutigen Zeitalters ist, wer das meist schnodderige, aufgedonnerte, nervenaufreizende Theaterwesen von heute als Kunst betrachtet oder als Vergnügen besucht, der ist mit seiner Seele von allen Himmeln des wahrhaft Schönen ausgeschlossen. Es war und ist und bleibt mein hohes Glück, daß ich jene Blütezeit unserer heimischen Bühnenkunst und Bühnendichtung durch Jahre in reichen, vollen Zügen genießen durfte.

Heinrich Laube stand noch im Zenit seines Theaterregimentes und alle Künstler, die wir später »die Alten« nannten, blühten noch oder wirkten mit noch ungebrochener Kraft.

La Roche und Löwe, Anschütz und Wagner, Fichtner und Meixner, Hartmann, Lewinsky, Baumeister und Gabillon; bald auch Krastel. Von den Frauen die Rettich, Bognar, Heizinger, Gabillon; bald auch die Wolter und zuletzt die unvergeßliche Wessely.

In den dramatischen Dichtern war ich wohlbelesen. Ich hatte die meisten längst per nefas in der Mittelschule studiert. Kaum in Wien eingetroffen, nahm ich sofort den größten der Großen, Shakespeare, aufs Korn. Alle Kommentare, wie sie Gervinus, Kreißig und andre nach ästhetischen Theorien vom Stapel ließen, warf ich jetzt unter den Tisch und studierte die großen Tragödien und Komödien in ihrer Lebensfülle von der ersten deutschen Bühne herab. Den gewaltigsten Eindruck empfing ich vom König Lear des herrlichen Anschütz. Damals saß ich, oder vielmehr ritt ich auf der hintersten Lehne der hintersten Bank der vierten Galerie des alten Burgtheaters. Vier Stunden stand ich bis zum Einlaß, drei Stunden saß ich auf der Schneide der eben bezeichneten Banklehne – und zauberhaft belebt stürmte ich nach Schluß vom Theater ins Michaelerbierhaus, um da noch bei Gerstensaft und »gerösteter Leber« mein irdisches Teil zu kräftigen. Solche Abende waren mein Himmelreich. Sie nährten das verborgene Feuer, bis es später aus mir hervorbrach.

Meine literarische Bildung war von Haus aus nicht schlecht bestellt. Die lyrische Periode, die man meist um das zwanzigste Jahr durchmacht, hatte ich, der Zeitperiode entsprechend, absolviert. Uhland hatte mich erfreut, Lenau begeistert, Heine frappiert. Herzlich erquickte ich mich an Viktor Scheffels urwüchsig deutscher Dichtung. Kinkel, Freiligrath, Geibel, alles was singend und klingend war, hatte ich in meine empfängliche Seele aufgenommen. Schillers und Grillparzers feierliche Lyrik aber wirkte minder tief auf mich. Dagegen wie ein voller Glockenton – Goethe.

Mit strengster Gerechtigkeit darf ich aber von mir selbst behaupten, daß ich mich von jeder frühzeitigen Verseschwelgerei und unfertigen Eigendichtung mit unerbittlicher Selbstkritik fernhielt. Ich hatte längst an befreundeten Talenten, ja an bewährten Tagesgrößen die Wahrnehmung gemacht, daß sie von Lieblingsautoren gleichsam geistig so viel verschluckt hatten, daß sie es – ahnungslos – als Eigenes von sich gaben, während ich fühlte, daß es nur Anempfundenes und Anreflektiertes war. Wie hatte beispielsweise das edle Motiv Gretchens, Faustens und Mephistos in Heines Phantomen und Bizarrerien zur gesuchten Karikatur sich verwandelt! Wie wurde Heines besserer Teil, das Buch der Lieder, von allen lyrischen Zeitgenossen schwächerer Sorte verzapft und verwässert. Ein gleiches geschah ja auch Scheffel und seinen Zwillingsbrüdern Baumbach und Wolff mit ihren kecken Spielmannsweisen und ungereimten, vierfach gehobenen Trochäen in der poetischen Erzählung.

Goethes großes Beispiel, nicht ohne ein inneres Erlebnis zu dichten, hätte manchen Epigonen zum ewigen Schweigen verdammt, wenn er nicht das Roß beim Schwanz aufgezäumt und sich selbst Beziehungen und Ereignisse angedichtet hätte, die de facto gar nicht vorhanden waren. Diese Sucht, sich selbst herauszustellen, sich literarisch ins Schaufenster zu stecken, erkannte ich bald als die schlimmste Krankheit unserer Zeit, als die Mutter des Feuilletons, welches dann auch immer besonders von den Halbgeistern und literarischen Handlangern reichlich gepflegt wird. Wer selbst nichts Ausgesprochenes erschaffen kann, der schwätzt oder krittelt beständig über andere. Diese Sorte von Talenten sind die wahren Eckensteher in der Residenz des Geistes; die Hausierer mit angeblich öffentlicher Meinung, die Messerschleifer der literarischen Unsicherheit.

Wie mir dann sehr frühzeitig bemerkbar wurde, daß der täglich hunderttausendfache Verschleiß dieses Lesefutters durch die Zeitungen nicht nur bei der ungebildeten oder halbgebildeten Menge, nein auch in der sogenannten besseren Gesellschaft, ja vielfach bei den oberen Zehntausend das Verlangen nach guten Büchern völlig wettmachte. Das Pikante, das Sensationelle, ja das Perverse waren ein gesuchtes Vergnügen.

Derselbe Geschmack beherrschte, mit Ausnahme der Hofbühnen, wenn auch unter dem Zügel einer oft nicht sehr weisen Zensur, die meisten Theater der Wiener Vorstädte. Ausstattungsstücke wie die Eselshaut, blöde Travestien berühmter Werke und eine wahre Operettenflut, in welcher als populärste Nixe »Die schöne Helena« Offenbachs am lustigsten plätscherte, rissen das liebe Wienervolk in Scharen zu den Possentempeln hin, während wir jungen Schwärmer die klassischen Vorstellungen der Hofbühne zu unserem Erstaunen äußerst lau besucht fanden.

Der gediegene aber nüchterne Altmeister Laube, der im Julius Cäsar, im Coriolan, im Macbeth oder in Schillers und Goethes Dramen mit alten, oft überehrwürdigen Kulissen arbeitete, lockte nur die Feinschmecker des dichterischen Wortes, nicht den großen, rohen Haufen der Zeittotschläger ins Theater. Die späteren Bühnenleiter erst beuteten diesen verderblichen Hang systematisch aus und ihre Nachfolger sind einzig und allein die Vergifter des Geschmacks geworden aus Gewinnsucht.

Schillers unsterbliches Wort vom »Volk der Phäaken« lernte ich leider gründlich verstehen, wie Grillparzers Anspielung auf das »Capua der Geister«. Und gerade deshalb, weil ich vom Vater her Blut von diesem Blute bin, ohne ein eingeborener, parteiischer Wiener zu sein, weil ich das Leid und Weh, Not und Niedergang meines Volkes an der Donau mitempfunden und mitgelitten habe, fühle ich es als meine Pflicht, hier ein offenes Wort zu sprechen.

Nichts hat dem ursprünglich guten und verständigen Charakter des echten Wienervolkes mehr geschadet, als jene verderbliche, niemals aussterbende Sorte von Volksschmeichlern, welche in Wort und Schrift nicht müde werden, die Volksseele teils durch verdeckte, teils durch grobe und aufdringliche Verhimmlung zu belügen und einzulullen. Gediegene Schriftsteller wie Ferdinand Kürnberger haben dies öffentlich gegeißelt, haben auch dargetan, daß dieser Dunst jenen selbstgefälligen Nebel verbreitete, der, gesteigert durch die blödesten Ausfälle der dümmsten Witzblätter auf alles, was nicht österreichisch, ganz besonders, was preußisch war, uns in jene verkehrte Politik nach außen und nach innen führte, welche uns dem Rande des Verderbens näher brachte, als unsere blinden und programmlosen Weisen sich träumten.

Da ich aber mit der Politik mich gar nicht auseinanderzusetzen habe und – Gott sei es gedankt! – die Logik der Tatsachen mit eisernen Rädern über die Köpfe dieser schlimmen Ratgeber hinwegging, auch die »deutsche Treue« uns nicht nur über schwere Krisen hinweggeholfen, sondern uns auch über unseren geschichtlichen Weg für die Zukunft belehrt hat, so kehre ich auf mein ausschließliches Gebiet, die Literatur, wieder zurück.

Die Volkssänger, sofern man sie zur populären Gattung einer allerdings geschäftsmäßigen Literatur rechnen muß, spielten zu allen Zeiten in Wien eine durchaus nicht einflußlose Rolle.

Wer jemals auf den grünen Gründen draußen in Neustift, Sievering, Grinzing oder Nußdorf bei einem guten Tropfen in heiterem Kreise bei Sang und Klang einen Abend verbracht hat, der wird gewiß an Leib und Seele ein wohltätiges Wunder empfunden haben, das ihn auf kurze Zeit befreite und enthaftete vom Drucke des Alltags. Wer etwa gar so glücklich war wie ich, dort in einem Kranze von Künstlern, schönen Frauen und Mädchen das auserwählte Wien zu finden und geniale Musik mit Herz und Ohr zu trinken, der wird das nie vergessen. Dieser Genuß des »Heurigen« ist auf der ganzen Erde einzig.

Aber wer kein solches Sonntagskind ist, wer in Staub und Schweiß als kindergesegneter Ehemann, als müder Arbeiter, als durstiger Tropfenfreund, als zufälliger Bummler die Wallfahrt zur Heurigenschenke unternimmt, um seinen Obolus für Wein und Volksmusik zu opfern, der bekommt außer dem körperlichen Dusel auch manches Mal einen poetischen Fusel, der nicht entstanden ist wie jener ewig junge Wein des ländlichen Volksliedes draußen in den Wäldern und Bergen, wo jedermann singt aus Gottes Gnaden, sondern künstlich gefärbt und geschwefelt ist nach klugen Geschäftsmaximen, von denen die oberste zu lauten scheint: Sänger, du mußt am Wienervolk grundsätzlich alles, sogar das Dümmste loben! Ich bin ja selbst ein Humorist und weiß, daß beispielsweise in Heiligenstadt beim Heurigen unmöglich lauter Heilige sitzen können. Ich habe das Lied vom »Alten Drahrer«, ohne selbst einer zu sein, in bester Laune mitgesungen. Denn guter Humor steckt an.

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