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Aus dem Bilderbuche meines Lebens

Franz Keim: Aus dem Bilderbuche meines Lebens - Kapitel 3
Quellenangabe
typeautobio
authorFranz Keim
booktitleGesammelte Werke, Erster Band
titleAus dem Bilderbuche meines Lebens
publisherGeorg Müller Verlag
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080622
projectid97131da2
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Um aber nochmals auf meine Gymnasialzeit zurückzukommen, so bekenne ich gerne, daß mir nach so idyllischen Sommerferien die Rückkehr nach Kremsmünster und in den Hungerturm in den ersten vier Jahren geradezu schrecklich war. Der Gegensatz zwischen Freiheit und Überwachung, Heimat und Fremde, Bummelei und Schulzwang hat wohl für jedes junge Geschöpf etwas Unfreundliches. Meine Natur hatte aber etwas Ueberspanntes, Exaltiertes – Liebe oder Haß – etwas Drittes verstand ich nicht. Und so fühlte ich mich oft sehr unglücklich. Aber die Zeit hat eine unbemerkt gewaltige Macht. Abgesehen von den Veränderungen, die sich später in meiner Familie zu entwickeln begannen, übte das Zusammensein mit guten, lieben, auch originellen Kameraden einen immer mehr wachsenden Zauber. Waren wir das Jahr über in unserer Vorstellung Gefangene, so bewährte sich allmählich das Sprichwort an uns: Geteilter Schmerz ist halber Schmerz. Bald sollte es bedeuten: Gemeinsame Spitzbüberei ist Seligkeit!

Die Umgebung von Kremsmünster ist ein fruchtbarer, ländlicher Garten. Am Saume der Felder und auf den Wiesen um die Bauernhöfe gab es eine Fülle von Baumfrüchten. Nach dem Sprichwort: »Ein Student und ein Hund frißt jede Stund'« benützten wir unsere freien Spaziergänge zu kleinen Raubzügen. Daß uns das Landvolk mit seinem angeborenen Mißtrauen oft sehr unfreundlich verjagte, ist nicht zu verwundern. Ein gewisser »Leister«, dessen Geistesgegenwart in kritischen Augenblicken unter uns berühmt war und der später höchst würdevoll zu einem hochgeachteten Pfarrherrn sich entwickelte, soll sein Feldherrntalent der Sage nach bei folgender Gelegenheit erprobt haben. Einige Jungens in seiner Begleitung erkletterten einen hohen Baum, um ihn zu plündern, will sagen, die Früchte herabzuwerfen. Der Baum stand dicht neben einem Ackerfelde, wo gearbeitet wurde, weshalb der Raubzug in möglichster Stille und Unbemerktheit vollbracht werden sollte. Leister stand als Wachtposten am Fuße des Baumes. Das Knacken der Aeste aber und vielleicht einige unvorsichtig herabgerufene Worte lockten die mißtrauische alte Bäuerin vom Felde herbei, nachzusehen, was es da gebe. Auf einen Wink Leisters hielten sich die Jungens vorsichtig in der Baumkrone still geduckt und versteckt. Hätte sich ein Einziger gerührt und verraten, so hätte die Alte Lärm geschlagen und die Arbeiter wären herbeigelaufen. Als sie Leister ruhig stehen sah, trat sie an ihn heran und fragte ihn, was er da stehe und sehe. Mit philosophischer Ruhe faßte sie der Schlaue an der Schulter, drehte sie mit besorgter Miene nach der entgegengesetzten Richtung des Ortes, deutete mit dem ausgestreckten Arme in die Ferne und sagte mit stoischer Ruhe: »Da schau' hin, Weiberl, hast's auch gehört? Geh' heim! Ein fürchterliches Wetter kommt dort unten herauf von der Donau.« Während die Alte abgewendet und ganz verblüfft nach der Donau (die übrigens gar nicht in der Gegend von Kremsmünster fließt), zu schauen gezwungen war, stieß er einen Pfiff aus, die Jungens rutschten und sprangen blitzschnell wie Eichkätzchen vom Baume, und ehe die Alte zur Besinnung kam, war die kleine Rotte verschwunden samt ihrem Führer.

So gerecht die Entrüstung dieser Bäuerin gewesen sein mag, so ungerecht und empörend erschien uns das Benehmen der sogenannten »Major-Jettel«. Diese Alte – ich weiß nicht mehr, ob Frau, ob Jungfer, bewohnte ein buchstäblich vom »Zahne der Zeit« zernagtes, mit faulen Schindeln gedecktes, abschreckend (wie sie selbst) häßliches Häuschen mit einem Nutzgärtlein davor. Der elende Staketzaun, zermürbt und geflickt, hätte schwerlich unsere hurtigen Füße oder Hände gehindert, rasch einige der frischen Rosen, Nelken oder Fliederblüten zu erhaschen, wenn nicht ihr ewig wachsames, böses Auge sozusagen Tag und Nacht auf der Lauer und ihre noch böseren, bissigen, blaffenden und quiekenden Pintscher auf der Wacht gewesen wären. Ohne daß wir auch nur den Zaun berührten, ging jedesmal bei unserer Annäherung ein wütendes Gebell und Gefletsche ihrer Bestien los, und wie die Hexe von Endor erschien sie selbst augenblicklich hinter dem Fenster und schrie in den höchsten Tönen eine Sturmsalve von Drohungen und Schmähworten heraus, daß wir, nicht aus Furcht, sondern aus natürlichem Abscheu vor dieser Hexe kehrtum machten.

Viel bedenklicher aber entwickelte sich unser Verhältnis zu den Gesellen und Lehrlingen des bürgerlichen Gewerbes. Die Rauflustigen unter uns, die diesen Kindern der körperlichen Arbeit den Spottruf »Philister« entgegenwarfen, entzündeten die Feindschaft bis zu gegenseitigen Kämpfen und Ueberfällen, welche, als ein Student in die Tiefe eines Steinbruches gestürzt worden war, sogar das Eingreifen des Gerichtes herausforderten.

Da ich körperlich kein Riese war, und eigentliche Roheit mir allzeit verhaßt blieb, wurde ich in keinen Kampf verwickelt. Wohl aber kam ich einst bei undurchdringlichem Herbstnebel einigen Kameraden, welche von solchen »Knoten« umzingelt standen, durch mein Komödiantentalent und meine Stimmgewalt in komischer Weise zu Hilfe. Sofort erkennend, daß hier eine Minderzahl eingeschlossen sei, stimmte ich ein förmliches Kriegsgeheul an, simulierte in allen Tonarten ermutigenden Zuruf, schrie jedem »Knoten« ins Ohr: »Hallunk, wir haben dich! Kameraden! Sieg! Bravo! Kameraden, herbei! Alles niedergeschlagen! Studenten, heraus! Viktoria!« – wodurch »der Freiheit eine Gasse« entstand, der Ring sich löste, und die Befreiten selber glaubten, ich hätte sie mit einer Hilfsschar herausgehauen. Im Nebel zogen wir unbehelligt davon.

Es geziemt sich wohl, mit einigen Worten unserer Lehrer zu gedenken. Die Dankbarkeit gebietet mir, zu bekennen, daß, wie mangelhaft auch die alte Methode, wie knöchern die vorherrschende Drillart des mechanischen Büffelns, wie vernichtend für manchen die launenhafte Despotie des herrschenden persönlichen Regiments auch war, wir dennoch gerade in der Macht der ausgezeichneten Persönlichkeit einzelner unvergeßlicher Jugendbildner einen Trost und eine Förderung fanden, welche hoch über den bureaukratischen, von Jahr zu Jahr wechselnden Methoden und Vorschriften eines späteren Erziehungsjammers stand.

Wie schmerzlich wir auch unter dem Drucke und der Reizbarkeit einzelner Pedanten und Choleriker leiden mußten, diese wenigen hochgebildeten und edlen Männer, ohne Zweifel selbst nicht glücklich, und jedenfalls wenig verstanden, retteten uns Gemüt und Geist und dürfen und können, wie lange sie auch dahingegangen sind, in meinem Herzen nie begraben werden.

An erster Stelle nenne ich meinen geliebtesten Lehrer, den Germanisten Amand Baumgarten. Alles, was in mir schlummerte an Sehnsucht und Anlage für das schöne lebendige Wort, für Rede und Rhythmus, für Sinn und Fabel, für Ernst und Andacht, für Hohes und Tiefes, für Fröhliches und Trauriges, sein richtiger Blick, sein liebevoller Eifer, sein strenger Ernst, sein edles Beispiel hat es erweckt, hat es gepflegt, hat es entwickelt. Nur die Verständnislosen konnten seine Geduld, seinen Eifer, seinen gerechten Zorn wunderlich nennen. Sind wir im großen und ganzen nicht alle wunderlich? Um nur ein kleines Beispiel seines unbefangenen Geistes seinem Schüler gegenüber vorzubringen, so erinnere ich mich oftmals seiner wiederholten Aufforderung, ich möge ihm kleine poetische Versuche vorlegen, zu einer Zeit, wo ich mir derlei selbst noch nicht zugetraut hätte. Er mochte nur aus der Natur meiner deutschen Aufsätze derlei vermutet haben. Als ich einst eine kleine Ballade vollendet hatte, oder richtiger, eine Romanze, deren Held Kaiser Karl der Fünfte war, welcher nach der siegreichen Schlacht von Mühlberg und nach dem Tode Martin Luthers aufgefordert wurde, das Grab dieses »Ketzers« zu zerstören, da ließ ich nach der Ueberlieferung den Herrscher diese Tat streng von sich weisen:

Und hab' ich den Lebenden vormals bekämpft.
Nicht soll mir's der Tote entgelten.

Ich weiß nicht, wie ein katholischer Ordenskapitular von heute solch' ein halblutherisches Gedichtlein aufnehmen würde. Mein Meister Amandus, die Naivität und Ahnungslosigkeit meiner Natur kennend, tadelte und lobte nur Fehler und Vorzüge der Arbeit, nicht den Stoff, und ermunterte mich weiter. So hoch stand sein Geist und sein Herz über der damaligen dumpfen Unduldsamkeit und blinden Glaubensbeschränktheit, ohne aber im geringsten anderseits von jenem falschen Liberalismus verdorben zu sein, der unsere geistreichen Kreise später zu willigen Knechten eines internationalen Nihilismus gemacht hat. An solch einen Lehrer denkt die Erinnerung mit unauslöschlicher Dankbarkeit zurück.

Ueber seine gelehrte Disziplin in germanistischen Fragen war die damalige Unterrichtsleitung von solcher Hochschätzung erfüllt, daß sein Urteil stets von Gewicht war. Als edler, lyrischer Poet und verdienstvoller Sagensammler wird er seinen Ehrenplatz dauernd bewahren. Mir war er ein Erlöser.

Eine zweite, unbedingt Ehrfurcht gebietende Persönlichkeit, die den Stempel des echten Genius auf der geistvollen Stirne trug, war unser Klassenvorstand in der Ultima, Beda Püringer.

Er war ein ausgezeichneter Historiker und Philolog. Als Lehrer betätigte er sich zu meiner Zeit im Obergymnasium nur in den Fächern der lateinischen und griechischen Sprache. Und diese Stunden waren unsere höchste geistige Erhebung und Erquickung.

Hatte uns sein Vorgänger Edmund, ein kleines, dürres Männchen mit einer Warze auf der Nase, der niemals lachte, mit seinen grammatikalischen Paradigmen und Notizen, seinen Mördergruben von Ausnahmen und Unregelmäßigkeiten der Grammatik zur hellen Verzweiflung gebracht und mir einen förmlichen Abscheu vor den geschundenen Klassikern beigebracht, weil auf jede Zeile Textes zehn Zeilen grammatikalisch syntaktisch philologisch historisch dialektischer Beherzigungsnotizen folgten, die absolut gebüffelt werden mußten, – so wußte uns Beda mit kurzen wesentlichen Winken, ohne jeden pedantischen Ballast in den Geist und die Schönheit der antiken Dichtung einzuführen. Spielend ging er, wo es sich geziemte, über den Rahmen des Schulhorizontes hinaus und suchte durch Heranziehung sinnverwandter Beispiele aus Kunst und Geschichte uns in eine höhere Region des Verständnisses und der Empfindung zu erheben. Und hier zeigte sich, daß die Jugend für wahre geistige Wohltaten Verständnis und Dankbarkeit besitzt. Während manche unserer Lehrer mit komischen, einige sogar mit wahrhaft greulichen Spitznamen bedacht waren, erhielt und behielt er den Ehrennamen » Beda venerabilis«.

Ueber seiner Vergangenheit lag, wenigstens in jener Konkordatsperiode, für uns ein verhüllender Schleier. Er soll im Jahre 1848 als Abgeordneter in das deutsche Reichsparlament gewählt worden sein. Die Betschwestern behaupteten, er habe dort für die Aufhebung des Zölibates gestimmt. Ich kann es nicht verbürgen. Ebensowenig Sicherheit besitzt eine mündliche Mitteilung, daß er, von dort zurückgekehrt, bei seinen Obern in tiefe Ungnade fiel, auf sein geliebtes Lehramt verzichten mußte und auf entfernte Bauernpfarren verschickt wurde.

Im Buchhandel längst vergriffen ist seine Dichtung »Der Christbaum«, ein Poem im Geiste von Schillers Glocke, welches das gesamte menschliche Leben darstellt. Es ist Görres gewidmet.

Bei der damaligen strengen Reaktion und dem unduldsamen Klostergeiste konnten wir nur einige lateinische Gedichte und eine 1850 als Gymnasialprogrammarbeit erschienene musterhafte Abhandlung, betitelt »Ueber das Wesen der Dichtung«, kennen lernen. Später, nach vielen Jahren, wurde mir von einem Landsmanne mitgeteilt, daß Beda, der mittlerweile Gymnasialdirektor und später Bibliothekar des Stiftes geworden war, nahe daran war, mit Bewilligung seines Abtes (Coelestin Ganglbauer) bei Buchhändler Fink in Linz seine gesammelten Schriften in Druck herauszugeben. Zu früh erlag er jedoch einem Herzleiden.

Das geistige Eigentum des Dichters und Gelehrten ist verschollen. Und nun folge das geistige und leibliche Gegenbild Bedas.

Ein untersetztes, wohlbeleibtes Männchen, zuckend und nervös im Gesicht, mit einer blechernen, schnarrenden Stimme, ewig schwankend zwischen halber Verlegenheit und plötzlich ausbrechendem Zorn, immer in Angst um seine Autorität, aber auch maßlos in Rache, so steht Siegmund Fellöcker, der Physiker, dessen Lehrbuch wir büffeln mußten, unauslöschlich in meiner Erinnerung. Er trug den Spitznamen »der Bauch«. Wie oft er sich an meinen langen Haaren vergriff, wenn er mich in der Zwischenpause außerhalb der Schulbank traf, habe ich glücklich vergessen.

Seine Aufgabe war es, uns zu physikalischen Experimenten in den hiezu eingerichteten altberühmten astronomischen (oder, wie er im Volksmund hieß) mathematischen Turm zu führen.

Die Stunde, in der er das Sonnenmikroskop zur Darstellung zu bringen pflegte, war für ihn die gefährlichste Probe seiner Autorität, für seine Schüler die süßeste Rache für unwürdige Behandlung. Im Hochpunkte dieses, bei verschlossenen Fensterladen in schwärzester Dunkelheit sich vollziehenden Experimentes kam – wenn auch ohne Schaden – sein nicht allzusehr beliebtes Bäuchlein in ängstliche Bedrängnis. Wieso? wird man fragen. Versetzen wir uns also in jene denkwürdige Lehrstunde hinein. Am oberen, schmalen Ende einer langen Tafel, deren Längsseiten beiderseits von den Schülern in dichter Reihe umstellt sind, steht der Professor, das Gesicht gegen die Tafel, den Rücken gegen das hohe Turmfenster gekehrt; neben ihm, als hilfreicher Famulus, der dienstbeflissene »chemische Josef«.

Die blecherne Stimme ruft scharf und fast drohend, während er an die Brille greift und mit der Oberlippe nervöse Zuckungen vollzieht: »Also, jetzt aufpassen und ordentlich achtgeben! Wo stehen Sie denn schon wieder, Keim? – – Josef! Schließen Sie die Fensterbalken! – Ich werde durch diese Lichtritze des Fensters einen Floh und eine Laus vergrößert an die gegenüberliegende Wand projizieren.«

Nochmals warf er einen funkelnden Orientierungsblick auf die Reihen der Schüler rechts und links. Alle standen so fest und ruhig da, jeder an seinem Platz, wie eine Mauer. Der chemische Josef schloß gehorsam die massiven, schweren Fensterladen. Aegyptische Finsternis erfüllte den hohen Raum, so daß keiner seinen nächsten Nachbar erblicken konnte. Nur eine schmale Ritze, dort, wo sich der Floh und die Laus im Fensterladen auf Glas eingestellt befanden, ließ von draußen einen hellen Strahl des Sonnenlichts herein gegen die bezeichnete Stelle hin und malte das gewaltig vergrößerte Bild des Flohes und der Laus gleich Lindwürmern an die Wand. Eine Zauberei, die uns alle für wenige Minuten fesselte und regungslos zusammenhielt. Aber die Häupter der Verschwörung wollten den günstigen Augenblick nicht gänzlich ungenützt vorüberziehen lassen. Von den beiden Enden her rückten sich, wie auf Kommando, die beiderseitigen Reihen, erst kaum um Fußesbreite, dann um einen halben Schritt gegen den Platz des Professors zusammen. Ein Drängen, wieder ein Ruck, halb freiwillig, halb unfreiwillig, jetzt ein Druck und die gellende, zornängstliche Stimme des gequetschten Professors rief befehlend: »Josef! Die Laden auf! Licht!« Der im Dunkeln selbst bedrängte Josef sprang zu Hilfe, riß die Holzladen auf und helles Licht erfüllte den Raum. Alles stand festgenagelt an seinem Platz, nur der Physikus fuchtelte, ergrimmt über die Ellenbogen, die im Dunkeln sein würdiges Bäuchlein nur ganz zufällig berührt hatten. Es hat sich die Sage gebildet, daß dieses seltsame Experiment oft zwei- bis dreimal durch den Schlachtruf: »Josef, Licht!« unterbrochen werden mußte. Niemals aber ist es vorgekommen, daß ein Mensch mit Bestimmtheit schuldig gesprochen werden konnte. Alle Schuld hatte offenbar – nur das Sonnenmikroskop. Mit der Wissenschaft ist nicht zu spaßen! –

Und hier steigt in meiner Erinnerung eine zweite originelle Gestalt empor, die ich wohl hundertmal schneller und erkenntlicher mit dem Bleistift konterfeit habe, als es mit Worten möglich. Eine groteske, aber eine durchaus gutherzige Gestalt. Es ist Maurus, unser Direktor, unser Geschichts- und Griechisch-Professor. Wir nannten ihn Hinz oder auch Murner. In der Ferne hatte er allerdings etwas Aehnliches mit einem Katzenkopf. Gottfried August Bürgers Ballade »Der Kaiser und der Abt« schilderte etwas von seiner Erscheinung in den Versen:

»Wie Vollmond erglänzte sein feistes Gesicht,
Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht.«

Auf dem Kopf trug er eine Perücke. Die Augen waren klein, grau und ewig triefend hinter der Brille, die er beim Lesen oder bei intimem Gespräche auf die Stirne schob. Die Nase war stumpf und durch beständiges Schnupfen etwas emporgeschoben. Sie, sowie das ganze gerötete Gesicht durch Blatternarben gleichsam porös wie ein Schwamm. Der Mund mit dem falschen Gebiß war breit, aber sehr sprechend, mit Krümmungen je nach Bedürfnis: feierlich, verächtlich, sprachlos, schlau lächelnd, wohlwollend gerührt. Das Kinn doppelt. Die Ohren fleischig massiv. Ein Gesicht, das die Unsterblichkeit verdient hätte durch Stift und Pinsel.

Er selbst nannte sich in großen Momenten, so beim Abschiede der Maturanten, »Vater Maurus«. Er war eine eruptive, dramatische Natur, nicht so sehr im Geiste, als vielmehr in der Körperlichkeit. Alles an ihm war sprechend. Die hohe Gestalt, die feisten Hände, der Blick, das stöhnende Atmen, die Tonskala der Rede, ganz besonders aber die Nase. Da er nämlich alle zehn Minuten eine tüchtige Prise mit dem Daumen in ihre stets gefüllten Löcher schob, so entbehrte sie fast beständig der nötigen Luft und rächte sich dadurch furchtbar, daß sie, sobald er pathetisch wurde und beim Vortrage in einen Furor geriet, laut zu pfeifen anfing und ganz vernehmlich den Jubelruf »i« ausstieß. Das war keine geringe Respektsprobe für die Neulinge seines Hörsaales. Um das Lachen zu verbeißen, verschwand mancher Kopf anfangs unter der Schulbank oder hinter dem Rücken des Vordermanns. Auch sprach er gern in Hyperbeln. Bei Ludwigs des Sechzehnten Hinrichtung ließ er »tausend Trommeln« wirbeln. Ja, der böse Leumund behauptete hartnäckig, er habe eine Stelle aus Homer, um heftiges Weinen hervorzuheben, mit den Worten übersetzt: »Er brannte eine Träne los.« Verbürgen kann ich das allerdings nicht. Wenn man zu ihm ex offo kam, so ließ er den Besucher oftmals vergeblich klopfen, bis ein majestätisch gedehntes »Herein!« den Eintritt gestattete. Aber auch dann blieb er über seinen Schreibtisch gebeugt in emsiger Arbeit sitzen und sagte nur wohlwollend: »Etwas Geduld! Ich habe nur noch an die hohe Statthalterei zu berichten.«

Er gebärdete sich bei solcher Gelegenheit gerne als etwas an den Augen leidend. Und da wurde denn folgende Anekdote erzählt. Er berief einen gewissen Schüler Liedel. Als dieser klopfte, rief er: »Herein.« Liedel trat vor und verneigte sich. Da schob Maurus die Brille unter seinem grünen Augenschirm empor, wischte sich mit dem großen blauen Sacktuch die chronischen Tränen hinweg, blickte den Schüler zwinkernd an und sagte majestätisch: »Ja, wer sind Sie denn eigentlich? Ich kenne Sie ja gar nicht, Liedel!« Liedel stand sprachlos.

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