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Aus dem Bilderbuche meines Lebens

Franz Keim: Aus dem Bilderbuche meines Lebens - Kapitel 14
Quellenangabe
typeautobio
authorFranz Keim
booktitleGesammelte Werke, Erster Band
titleAus dem Bilderbuche meines Lebens
publisherGeorg Müller Verlag
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080622
projectid97131da2
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Daher irrten manche meiner heißblütigen Freunde, wenn sie im Feuer edler Gesinnung und rüstigen Unmutes über Taktlosigkeiten oder Torheiten, die sich jedem öffentlichen Wirken in den Weg stellen, mehr Aufhebens machten, als solche unschöne Spezialitäten verdienen. Im Gegenteile! Die Welt ist nicht blind, ist nicht taub, ist nicht ohne Gedächtnis. »Lügen haben kurze Beine« sagt ein Sprichwort. Und Goethes herrlicher Erfahrungssatz, der da lautet: »Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle«, hat sich, wenn ich gerecht bin, an mir schon vor Eintritt des individuellen Alters erwiesen. Haben doch nicht bloß meine engeren Landsleute meines 50. Geburtstages gedacht durch Veranstaltung einer festlichen Feier, an der alle Kreise der Gesellschaft aus Nah und Fern sich beteiligten, des Grußes aus dem Sachsenboden Siebenbürgens nicht zu vergessen. Meine lieben Landsleute in Oberösterreich aber ehrten mich am herzlichsten am Ostermontag des Jahres 1897 durch Enthüllung einer Gedenktafel an meinem Geburtshause in Altlambach (heute Erholungsheim für Bahnbedienstete, nahe der Westbahnhaltestelle Stadel Baura). Die Tafel aus schwedischem Syenit enthält nur die Worte »Franz Keims Geburtshaus«.

Ganz im Geheimen war die schöne Feier zu meiner Ueberraschung vorbereitet worden. Ich sollte sie erst sozusagen in letzter Stunde erfahren. Ein Kollegium von sechs kunstfreundlichen Männern bildete den Festausschuß. Keiner der Herren war mit mir in persönliche Berührung bis zu diesem Tage gekommen. Seit meinem dreizehnten Lebensjahre hatte ich nicht mehr in der alten Heimat Lambach verweilt. Kein einziger meiner Jugendgenossen war mehr am Leben. Es war die neue Generation, die mir diese Liebe und Ehre erwies. Ganz besonders, wie ich erfuhr, hatte sich für die Verwirklichung dieser Huldigung der edle und verdienstvolle Herr Oberlehrer Karl Parys eingesetzt. Mit rührendem Eifer beteiligten sich die Herren: Hochwürden Dr. theol. Pius Schmieder, Senior des Stiftes Lambach, Hermann Deppermann, Fabrikdirektor, Hermann Neubacher, Oberlehrer, Friedrich Schlechter, Oberingenieur und Streckenchef, Josef Schilcher, Bürgermeister und Realitätenbesitzer, Johann Pharl jun., Bräuhaus- und Realitätenbesitzer. Als ich aus Gmunden vom Krankenlager meines Bruders mit meiner Frau und Dr. Ferdinand Krackowizer am Festplatze eintraf und den Bahnzug verließ, sah ich eine wimmelnde Volksmenge, wurde von festlicher Musik, dem Ausschusse, Deputationen, dem Gesangverein, dem Banner, einem Ehrentrunk, Blumen für meine Frau von einem allerliebsten Fräulein, endlich dem Festordner Oberingenieur Schlechter weihevoll begrüßt. Ueberwältigt durch die Macht dieser Stunde, umgeben von den alten Fichten meines heimatlichen Waldes, mußte ich, wie betäubt meiner toten Eltern und Schwestern gedenken und konnte – in plötzlicher Ergriffenheit nur beteuern, daß ich mir keines Verdienstes, nur einer Gnade Gottes bewußt sei. Ich schloß mit den Worten: Eines aber war ich und bin ich bis heute geblieben: ein »alter Stadlingerbua!«

Da ging ein Brausen und Juchzen durch die Menge der wetterfesten Gestalten, der einstigen Flözer und Traunfahrer und mit dem Juchzen flogen die grünen Filzhüte in die Luft. Ein ergreifendes Schauspiel.

Nun marschierten wir in fröhlichem Zuge ins Wirtshaus nach Stadel Baura, während aus den ärmsten Hütten kleine Sträußchen als Blumengrüße mir entgegen flogen. Fröhlich begann der Kommers. Städte und Märkte hatten ihre besten Vertreter gesandt. Auch Wien war vertreten, Klosterneuburg, Krems, Steyr und Graz. Ueber hundert Grüße aus nah und ferne, einer aus München, flogen herbei. Das Linzer Meisterquartett im Anschluß an die herzhaften Tischreden hob uns in die Regionen des Wohlklangs edler Musik. Und nun erlebte ich eine unvergeßliche, freudige, musikalische Ueberraschung. In genialer Vertonung wurden am Flügel einige meiner Lieder vorgetragen, die ich einst meiner Braut Hermine gewidmet hatte. Der mit Jubel begrüßte Komponist war mein junger flotter Landsmann, der Jurist Dr. Julius Berger, seit jener Stunde längst ein schneidiger, gesuchter Rechtsanwalt, allzeit mein rastlos werktätiger Freund, den das Schicksal offenbar um seiner Schneidigkeit und seiner sonstigen Tugenden willen zum glücklichen Gemahl einer der edelsten und schönsten Frauen Europas gemacht hat. Zu seinen Passionen gehört eine treusinnige Verehrung der salzburgisch-bayerischen Gebirgswelt, die nach Versicherung sachverständiger Kenner am schönsten im stimmungsvollen königlichen Bräustübel zu Berchtesgaden in edler Gesellschaft genossen wird. Daher nenne ich meinen lieben Freund Julius den »Erzengel von Berchtesgaden«. –

Einen düsteren Gegensatz zu dieser Lichtgestalt bildete der unlängst und plötzlich verstorbene Komponist Franz Josef Beer. Ich lernte ihn gelegentlich einer Sommerkur kennen und bald sehr lieb gewinnen. An einem Herzleiden kränkelnd, hatte er sich in bescheidener Beamtenlaufbahn bis zum Oberrechnungsrat emporgearbeitet, während er die spärliche Zeit freier Muße der Tonkunst widmete. Zahlreiche Lieder, Chöre und einige Operetten hatten ihm einen ehrenvollen Namen erworben. Ganz besonders entsinne ich mich eines ergreifenden Tonwerks »Walther von der Vogelweide«, das im großen Musikvereinssaale lebhaften Beifall fand. Beer war ein von seltener persönlicher Herzensgüte ausgezeichneter Mensch. Er klagte viel über künstlerische Zurücksetzung, über traurige Kunstzustände. Ich bemühte mich redlich, den Armen aufzurichten. Für die Ursachen seiner Klagen durchaus nicht blind, ja selbst vielfach schwer geschädigt, vermochte ich doch immer wieder durch mein sanguinisches Temperament und meine lustige Verachtung alles Unschönen unserer Zeit, ihn für Stunden wieder aufzuheitern, ja mit meinen Tollheiten zu einem herzlichen Lachen zu bringen. Wir hatten sogar kleine Zukunftspläne flüchtig entworfen. Er ging nach Wiesbaden, wurde kränker und kränker und starb allzufrüh – an gebrochenem Herzen. Unsere musikalischen Kreise dürfen nicht vergessen, daß sie dem Toten eine schwere Ehrenschuld abzutragen haben.

Zu den unvergeßlichen Erinnerungen zähle ich die gastlichen Stunden, welche ich auf Einladung des Herzogs Elimar von Oldenburg im Schloß Erla an der Südbahn verbrachte. Die Herzogin, eine hohe, schöne Frau, gewährte mir Einblick in ihr Maleratelier, das ein Oelbild Bauernfelds von ihrer Hand enthielt. Pfarrer Formey und Frau, die mich dahin geleitet hatten, vereinigten sich nach der Tafel zu einer hübschen Hausmusik mit dem Schloßherrn. »Haben Sie schon einmal meinen Hund singen gehört?« fragte mich der Herzog. Als ich das verneinte, wies er auf seinen am Boden hingestreckten Bernhardiner, der zu schlafen schien, setzte sich ans Pianino und griff zwei Töne einer Oktave abwechselnd. Der Hund, halbträumend und gleichsam wehleidig, winselte sofort kräftig genau in derselben Tonart nach. Das Experiment wurde nach der chromatischen Skala fortgesetzt und vom Hunde, wie von einem Echo, winselnd beantwortet. In keinem Bürgerhause habe ich jemals so schlichte Vornehmheit, so herzgewinnende Einfachheit, so viel Güte bei soviel Geist gefunden. Wie gerne hätte ich der herzoglichen Aufforderung beim Abschiede, bald wieder zu kommen, Folge geleistet – es blieb ein Traum, denn der edle Schloßherr, der Künstler und Kunstfreund, der tapfere Mitkämpfer im großen deutschen Kriege wurde kurz nachher vom allerhöchsten Kriegsherrn in das ewige Wallhall abberufen. –

Indem ich jetzt auf die schlimmste Leidensperiode meines körperlichen Daseins zu sprechen komme, auf die Zeit, wo mich zum dritten Mal der Engel des Todes mit seinen schwarzen Flügeln überschattete, muß ich eines andern Schlosses und seiner gastlichen Insassen gedenken. Ich hatte gelegentlich eines improvisierten Wohltätigkeitskonzertes im Marktflecken Haag in Niederösterreich im Kreise der Mitwirkenden den Sohn des Kommerzienrates Hauschka, Herrn Hugo Hauschka kennen gelernt, der mit seinem Musiklehrer, Professor Kirschbaum am Flügel uns alle entzückte. Der sehr ernste junge Mann fühlte sich von meiner damaligen Ulkigkeit offenbar so erheitert, daß ich kurz nachher von seinem Vater, einem kunstliebenden Originale, energisch in seine Wiener Villa geladen, ebenfalls als Original behandelt und – ohne mein Verdienst – wie ein alter Hausfreund gehätschelt wurde.

In den Sommerferien, so wollte es der alte Herr, mußte ich auf mindestens eine Woche samt meiner Frau auf die Familienbesitzung Schloß Trautenburg in Steiermark kommen. Und wir kamen über Graz und Ehrenhausen dahin. Der Sohn des Hauses, eine mehr in sich verschlossene Philosophennatur, und dessen stille, sanfte, bejahrte Mutter bildeten einen interessanten Gegensatz zum alten Schloßherrn, einem impulsiven, heftigen Manne, der bei feinster äußerlicher Beherrschung sein vulkanisches Inneres verschloß. Der Sohn, der seinen Vater als unberechenbar kannte und schon mehrmals Zeuge gewesen war, daß der alte Titan so rapid mit seiner Gunst und Ungunst wechselte, daß mancher heute als sein Begnadeter zu Bette ging und morgen wegen eines Nichts als Gnadenloser über die Schwelle flog, zitterte unwillkürlich für mein Schicksal in des Alten Gunst.

Aber ich hatte das Glück, daß hier gewissermaßen zwei närrische Ströme ineinanderflossen. War schon unser Empfang im Schlosse Trautenburg ein ungewöhnlicher, so wurde unser Verkehr ein durchaus herzlicher und mein späteres Unglück entflammte sein Mitgefühl zu leidenschaftlicher Freundschaft. Unser Empfang offenbarte so recht seine Originalität.

Als wir die Schloßtreppe erstiegen hatten und den Flur des ersten Stockwerkes, den sogenannten Waffengang, betraten, sahen wir vor uns einen weißen Elefanten, auf dem ein graubärtiger Turbanträger saß, der einen blanken Hantschar in der Rechten schwang. Der Halbmond über dem Turban war allerdings bei näherer Betrachtung ein großes Kipfel vom Bäcker; der prachtvoll gekleidete Moslim war der Schloßherr selbst, der uns mit improvisierten Versen begrüßte und mit den Worten vom Elefanten sprang:

»Willkommen hier! laßt euch vor mir nicht grausen,
Und tretet ein und setzt euch zu der Jausen!«

Und nun geschah etwas Außerordentliches. Der Elefant löste sich in seine Bestandteile auf. Seine Haut, ein weißes Linnen, fiel zu Boden und enthüllte den Professor Kirschbaum, der mit gebeugtem Rücken stehend, Sitz und Hinterbeine des Tieres vorgestellt hatte, während seine vorgestreckten Arme auf den Schultern seines Sohnes ruhten, der den Kopf und die Vorderbeine des Tieres fingierte und den langen Rüssel als gewickeltes Linnen vor sich schwenkte. Vom Boden aber erhob sich eine prachtvoll geschmückte Odaliske, die sich unter herzlicher Begrüßung als die sechzigjährige Tante des Hauses zu erkennen gab. –

Hugo, der Sohn und künftige Schloßherr, den ich später Ugolino getauft habe, war in jener Zeit ein ganz unbarmherziger Weiberfeind. Wollte man ihn vertreiben und in sein Junggesellenzimmer zurückscheuchen, so durfte man nur den Besuch einer jungen Dame aufs Programm setzen. Wenn er heiratsfähige Mädchen witterte, zog er sich sogleich in seine Klause zurück.

Um so unvergeßlicher blieb mir folgendes Ereignis. In der Küche des Schlosses waltete eine gefühlvolle windische Köchin. Nahe schon dem sogenannten gefährlichen Alter, das von der Liebe nicht Abschied nehmen will, hatte sie die Wohlgestalt und männliche Erscheinung des jungen Herrn so heftig in ihr Herz geschlossen, daß sie auf alle weiblichen Wesen des Schlosses in Eifersucht entbrannte, vom hübschen Stubenmädchen angefangen bis zur sechzigjährigen Tante. Ugolino pflegte jeden Samstag mit der Tante, welche die Hausverweserin war, abzurechnen. Da dies bei geschlossener Türe geschah, entstand im Busen der Köchin Verdacht und Aufruhr. Ein Gewitter gefährlicher Natur lag in der Luft, das folgender Art zum Ausbruche kam. Die ahnungslose Tante trat plötzlich in die Küche und erlaubte sich, irgend eine Rüge auszusprechen. Die liebeskranke Köchin, durch diese Sprache gereizt und schwer beladen mit einer Säule aufeinandergeschichteter Teller, warf mit erhobenen Armen den ganzen babylonischen Porzellanbau der entsetzten Dame vor die Füße. Noch war man im Hause über die Ursache und die Richtung ihrer Tollheit nicht im Klaren. Die Aufklärung trat plötzlich und drastisch ein. Als nämlich die würdige, sanfte Schloßfrau selbst eines Morgens die Küche betrat, fiel ihr die arme Hysterische schluchzend um den Hals und rief: »Gnädige Frau, ich kann nicht anders, ich muß den jungen Herrn heiraten. Ich liebe ihn!«

Ugolino, der die Bedenklichkeit der Situation am schnellsten begriff und verhindern mußte, daß uns die Rasende in ihrem Unglückswahn nicht alle mit Rattengift vertilgte, griff in seinen Beutel als nobler Junker, kündigte ihr den Dienst auf der Stelle und bestand auf ihrer sofortigen Abreise. Sie schied gerührt, sandte ihm aber andern Tages einen zarten Liebesbrief mit dem Angebot eines Stelldicheins in Graz. –

Es waren wunderschöne Tage im Schloß zu Trautenburg gewesen! Der alte Herr lud an Kaisers Geburtstag die ganze Gemeinde des Marktes Leutschach ins Wirtshaus zu Tanz und Schmaus; die Feuerwehr mußte uns mit Fackellicht zurück ins Schloß begleiten, worauf ich um Mitternacht auf des Festgebers Wunsch noch unter der alten Gerichtslinde eine unsinnige Galgenrede hielt, wobei ich mehr die tollgewordenen Hunde des Ortes als die beduselten Menschenkinder in Rührung versetzte. Es gab noch einen entzückenden Ausflug nach der Trümmerburg Schmierenberg hinter ihren vielhundertjährigen Edelkastanienriesen und sogar einen Bergstieg zum Wallfahrtswirtshause »Zum heiligen Geist«, wo wir kein Wort windisch verstanden, kein deutsches Wort verständlich aufgenommen sahen und des nachts beinahe von den zahllosen Bettflöhen gefressen wurden. Wer hätte damals geahnt, daß dieses freundlich-stille Schloß Trautenburg mir noch verhängnisvoll werden sollte. Am Morgen des 5. September 1893 nahmen wir Abschied von unsern so liebevollen Gastfreunden, bestiegen den Landauer und überließen unser Schicksal dem prachtvollen Sonnenschein, dem steifen Kutscher und den jungen, allzufeurigen Grauschimmeln, die uns in raschem Trabe durch den Markt Leutschach die ansteigende Bergstraße hinan entführten. Dreiviertel Stunden erstreckt die Windung dieser Straße sich aufwärts aus dem tiefgelegenen Trautenburger Tale. Oben angekommen, stutzten und scheuten plötzlich die Pferde. Baustämme, die ein umgeworfener Wagen neben der Straße verloren hatte, mochten die jungen Tiere erschreckt haben. Sie bäumten sich. Wäre ich ein ängstlicher, ja nur ein vorsichtiger Mensch gewesen, ich hätte den Angstruf meiner Frau befolgt, mit einem einzigen Schritte wären wir beide auf sicheren Boden aus dem Wagen getreten. Aber ich beruhigte meine Frau. Meine Gedanken waren weit von der gefährlichen Stelle, waren in der Stadt Graz, wo meine lieben Freunde zu meiner Begrüßung eine Vorstellung meiner »Spinnerin am Kreuz« im Stadttheater veranstaltet hatten für diesen Abend.

Der Kutscher stieg vom Bock. Anstatt aber die Pferde vorn beim Gebiß zu fassen, trat er mit langen Zügeln nach rückwärts und konnte so nicht hindern, daß sie plötzlich, wie toll nach rechts zur Seite sprangen. Wir fühlten einen Stoß, mit dem sie den Graben übersetzten, der Kutscher ließ die Zügel seinen Händen entgleiten und blieb zurück, während die tollen Tiere in weitem Bogen über ein zu Tal abfallendes Brachfeld immer tiefer und tiefer, immer wilder und wilder mit uns in den Abgrund hinunterrasten. Meine arme Frau warf sich an meine Brust, während ich, starr vor Schrecken, noch so viel Besinnung hatte, zu rufen: »Halte dich ruhig, Hermine!« Es waren nur Minuten, daß ich so die Pferde mit fliegenden Mähnen sah, daß ich die Räder zerkrachen hörte unter uns, bis eine letzte, plötzliche Wendung die Nabe eines Rades so heftig in den Ackerboden bohrte, daß wir beide plötzlich hoch in die Höhe geschnellt und samt dem vor uns im Wagen aufgebundenen Reisekoffer mit Gewalt aus dem zertrümmerten Gefährt hinunter auf die Erde gehauen wurden. Ich sage gehauen, weil wir platt und so schmerzhaft hart nach vorne hin aufschlugen, daß wir eine Weile ohne Besinnung und ohne Fähigkeit uns zu erheben, zwischen Glasscherben, Splittern und Trümmern neben dem Koffer in dem Stoppelfelde lagen.

Als ich endlich versuchte, mich aufzuraffen, war mein rechtes Bein so schmerzhaft, daß es zusammenknickend, mich wieder zu Boden warf. Meine Frau schien noch viel gefährlicher verletzt und klagte, ob nicht ihre Füße gebrochen seien. Das eine Pferd hing in den Aesten eines niederen Obstbaumes, das andere lag auf dem Rücken im nächsten Kleefeld. Die Deichsel war gebrochen, der Wagen zertrümmert. Als wir uns endlich aufrichten wollten, kam über das weite Brachfeld von der hochgelegenen Straße der Kutscher herab und rief: »Jesus Maria und Josef! Meine – Rösser!« »Ja,« sagte ich, »und wir sind auch noch da!«

Windische Bauern auf der Höhe, die ich anrief, uns ein Ochsengespann zu beschaffen, lachten und gingen des Weges weiter.

Endlich erbarmte sich ein altes Weiblein, lief zum nächsten Hof und verschaffte uns einen mit Ochsen bespannten Leiterwagen, auf den ich meine Frau hob und mich selber streckte. Ein zweites Paar Ochsen schleppte den kranken Landauer hinweg; der Kutscher lenkte die unverletzten Pferde hinter uns die Höhenstraße zurück ins Schloß.

Anfangs befürchtete ich am meisten für meine Frau. Herz und Nerven waren bei ihr so furchtbar erschüttert, daß sie die Angst eines neuen Sturzes gar nicht los werden konnte. Vierzehn Tage verbrachten wir teils im Bette, teils im Zimmer. Der alte Schloßherr war wie rasend über den Knecht, den ich zu entschuldigen Mühe hatte. Ugolino und seine Mutter ließen es an keiner Sorge fehlen. So erholten wir uns und konnten, mit etwas Schmerz und allen Farben einer Palette auf den betroffenen Körperstellen die Reise nach Hause antreten.

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