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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 9
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von den Reparatur- und Flickanstalten der Natur

Eines der größten Wunder im Getriebe des menschlichen (tierischen und pflanzlichen) Leibes ist die Wiedererzeugung verloren gegangener, zerstörter oder geschädigter Teile. Es gibt etwas wie eine Reparatur- und Flickanstalt in allen Lebewesen, deren Arbeiter natürlich die Zellen, diese Universalbaumeister, darstellen, von denen wir die weißen Blutkörperchen als die kleinen Helden im Kampfe mit den eingedrungenen Bakterien feiern müßten. Aber jede Zelle hat in sich einen Auftrag, sich immer von neuem wieder zu erzeugen, so daß man berechnet hat, daß z. B. der Leib des Menschen innerhalb sieben Jahren sich ganz und gar buchstäblich mit Haut und Haaren aus sich selbst heraus neu erzeugt. Welch ein Trost für Leidende, Büßende, Verzagende und für die mutwilligen Verschwender ihrer Kräfte, zu wissen, daß die gütige Natur in staunenswertem Maße schwerste Schädigungen auszugleichen geneigt ist, falls unschuldig und schuldig Leidende nur den festen Willen haben, sich zu bessern! Welch eine Aussicht und tröstliche Gewißheit für alle Weltverbesserer und Erzieher, zu denken, daß böse Anlagen, schlimme Neigungen, häßliche Instinkte durch Nachschub eines harmonischer funktionierenden und das Schlimme hemmenden Zellenmaterials im Laufe der Zeit buchstäblich überwunden werden können! Aber nicht nur, daß die Wunderspule immer am Werke ist, uns ganz und gar innen und außen zu häuten wie die Schlangen oder die Krebse, so ist nicht minder staunenswert ihre Fähigkeit, sofort ans Werk zu gehen, wenn einzelne Teile plötzlich durch gröbere Gewalt verloren gehen. Dieser Ersatz, der beweist, daß ein bestimmter Plan, eine gewissermaßen plastische Idee, gleich der eines bewußten Bildners in den Leibern der Organismen am Werke ist, die nach Wiederherstellung der Harmonie des Ganzen lechzt, ist eigentlich die naturgegebene Grundlage der gesamten Heilkunde, nicht nur der Chirurgie. Ach, hätte doch Mutter Natur uns Menschen etwas von der Stehaufmännchenart niederer Wesen, namentlich der Kaltblüter, mit in die Himmelswiege gelegt! Wie herrlich wäre es, wenn der durch Kartätschen zerrissene oder durch einen Schwerthieb geteilte Leib sich einfach zu mehreren neuen Individuen desselben Namens ergänzte, wie es dem Süßwasserpolypen (der Hydra) gegönnt ist, bei dem die Durchschneidung einfach das Entstehen zweier neuer Individuen zur Folge hat, ein Prozeß, zu dem wir armen Menschenkinder den Umweg über Liebeserklärung und Altar zu machen gezwungen sind! Noch wunderbarer benimmt sich die Qualle (Meduse), die aus ganz kleinen Stückchen ihres Schirmes, wenn nur ein Teil des Randes in ihnen enthalten ist, neue Medusen aufsprießen läßt, oder die Turbellaria, die, wenn ein Stück ihres durchschnittenen Stammes abwärts gerichtet bleibt, ein Fußende, wenn aufwärts, ein Kopfende und horizontal sogar zwei Kopfenden sich zulegen kann. Wunderbare Perspektive für eine menschliche Janusköpfigkeit! Schon um 1750 sah Bonnet Ringelwürmer (Lumbriculi), wenn quer zerschnitten, sich zu zwei ganz neuen Würmern ergänzen, und Hescheler erprobte, wie eine Art eigensinnigen Scharfrichters, daß ein Regenwurm sich den ihm fünfmal abgeschnittenen Kopf fünfmal wieder neu aufsetzte! Aber wir wären wohl auch zufrieden, wenn uns die Fähigkeit der Spinnen und Krebse geblieben wäre, Beine (Fühler und Scheren) zu ergänzen, oder die der Schnecken, sogar ihre Augen wiederzubekommen. Alles dies, auch etwas Ähnliches, wie der Wiederersatz eines ganzen Hinterteils bei Salamandern und Eidechsen, ist uns Warmblütern leider nicht gegeben: die menschliche Reparaturmaschine ersetzt keine ganzen Organe, sondern nur Zellkomplexe, d. h. einzelne Gewebe, nicht Gewebskombinationen, wie es die großen Drüsen, Nieren, Leber, Sinnesorgane, Glieder, Hautanhänge, Ernährungs- und Saftkanäle darstellen. Sie kennt nur ein Kittmaterial, das faserige Bindegewebe, die Narbe genannt, welches alle Defekte provisorisch und manchmal definitiv verleimt. Immerhin ergänzt sich auch im Menschen vieles in großer Vollkommenheit, wenn nur die Bildungshäute der Gewebe, ihre sogenannte Matrix, erhalten blieb. So kann sich z. B. die Linse des Auges auf das schönste wieder ergänzen, wenn nur ihre vordere Kapselwand unverletzt blieb, eine Tatsache, die einen Heiligen der Medizin, Albrecht von Graefe, befähigte, etwa zehntausend Blinde wieder sehend zu machen! Auch daß der Knochen, wenn Teile der Knochenhaut erhalten sind, sich neu erzeugt, manchmal fester und haltbarer als vorher, ist eine nicht hoch genug anzuschlagende Gnade der Natur, und geradezu ein Himmelsgeschenk ist es, daß der Gallengang und der Ausführungsweg der Bauchspeicheldrüse sich wiederbilden kann. Ja, Ponfick sah sogar die ganze Leber sich neu bilden, wenn vorher drei Viertel derselben exstirpiert waren. Wunderbar ist der Ersatz des Blutes, indem schon innerhalb sechzehn bis zwanzig Tagen jeder Blutverlust gedeckt ist, der nicht mehr als ein Drittel der gesamten Blutmasse beträgt, in welch letzterem Falle der Tod eintritt. Da die Gesamtmenge des Blutes eines Menschen ein Dreizehntel seines Körpergewichts beträgt, also die eines 75 Kilo wiegenden Menschen etwa 5 Kilo Blut, so kann man also fast zwei Liter Blut verlieren, ohne daran zugrunde zu gehen, und innerhalb vierzehn Tagen ist dieser enorme Verlust gedeckt. Dabei ist zu bemerken, daß Frauen Blutverluste im allgemeinen besser überstehen als Männer und daß häufigere reichliche Blutverluste schwerer schädigen als eine einmalige, selbst extreme Blutung.

Reichliche Ersatzfähigkeit zeigen unsere Nägel und Haare, erstere wachsen vom hinteren Nagelfalz nach vorn an den Fingern in vier bis fünf Monaten, an der großen Zehe in zwölf Monaten. Unsere Wimpern wechseln in etwa 130 Tagen, viel langsamer unsere übrigen Haare, deren Ersatzfähigkeit durch allzu häufiges Schneiden (Verödung der Haarpapillen im Haarbalg durch Überanstrengung) leidet. Alle Völker (Indianer, Neger, Chinesen), die ihre Haare seltener schneiden, sind glatzenärmer als die friseurhuldigenden Europäer, wie denn auch unter Frauen die Glatzenträgerinnen seltener sind als unter Männern, trotz der größeren Beliebtheit falscher Haare bei ihnen! Sehr ausgiebig ist der Wiederersatz der Blutgefäße beim Menschen, und die moderne Chirurgie hat gelernt, auch die größten Gefäßstämme miteinander zu vernähen, ja selbst am Herzen manchmal ungestraft Nähte zu legen und Menschen zu retten, denen, wie Epaminondas, eine stählerne Waffe das Herz durchstieß. Muskelfasern ergänzen sich sehr vollkommen, wenn auch langsam, indem sie die provisorische Kittsubstanz nach Verletzungen durchwachsen. Ebenso machen es die Nerven. Die elektrischen Leitungsdrähte schieben sich ganz allmählich röhrenartig durch die Narbe und verkitten sich, so daß die Anschlüsse wiederhergestellt werden können; ja, Naunyn sah (leider nur bei jungen Hunden), daß das durchschnittene Rückenmark sich anatomisch und funktionell wieder vereinigte, so daß die vorher gelähmten unteren Teile wieder Bewegung erlangten.

Die Aufzählung aller dieser Ersatzfähigkeiten in unserem Leibe mag dem Laien einen Einblick gewähren in den Reichtum der Möglichkeiten, welche die Natur uns gelassen hat, um Schädigungen auszugleichen und Verlorenes wiederzugewinnen. Er mag daraus auch erkennen, wie wichtig es ist, diese Dinge durch neue Fragestellungen, durch das Experiment am Tiere zu erforschen, weil jede neu gefundene Tatsache ein Versprechen für künftigen Heilsegen enthält.

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