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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 8
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
firstpub
correctorreuters@abc.de
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Ernährung

Sie ist ein einziges großes Wunder und erzwingt ein stetes Sichwundern, die ganze Ernährungsfrage. Für den naiven Laien die natürlichste Sache der Welt, verbirgt sie für den Naturforscher die letzten Lebensrätsel. Aber so geht es dem Denker so oft: die tägliche Gewohnheit hat scheinbar das Problem eskamotiert, und das Alltäglichste gehört oft zu dem Rätselhaftesten unter der Sonne. Da hat man sich seit undenklichen Zeiten daran gewöhnt, zu glauben, daß Fleisch und Eiweißstoffe, je schierer desto besser, das Ideal einer gesunden, kräftezeugenden Ernährung sein sollte, und siehe da! Der derzeitige Rektor der Berliner Universität, Rubner, hat schon seit Jahren daran gearbeitet, dieses Dogma von dem hohen Nährwerte des Fleisches und des Eiweißes gründlich zu erschüttern, mit dem Erfolg, daß, wenn man die strikten Konsequenzen aus seinen wissenschaftlich epochalen Arbeiten ziehen wollte, wie das z. B. in einem sehr bedeutsamen Werte Dr. Birchner-Benners geschieht (Grundzüge der Ernährungstherapie, Berlin 6, Otto Halle), unsere gesamte Volksernährung einer gründlichen Revision bedürfte. Wie Birchner behauptet, lebt noch jetzt Publikum und Ärzteschaft in dem Bann des alten sogenannten Voitschen Ernährungsgesetzes, wonach 118 Gramm Eiweiß, 50 Gramm Fette, 500 Gramm Zuckerstoffe das Optimum der Ernährung darstellten. Wäre diese Formel richtig, so müßten täglich 600 Gramm Fleisch, 4 Liter Milch, 20 Eier, 500 Gramm Linsen genügen, dem Menschen seine Körperwärme und sein Arbeitsmaximum zu garantieren. Für Vegetarianer würde diese Formel die Vertilgung von täglich 1700 Gramm Weizenbrot, über 2000 Gramm Spinat, 3000 Gramm Wintergrünkohl, 6000 Gramm Kartoffeln und 30 Kilogramm Äpfel bedeuten, um jenen Bedarf von 118 Gramm Eiweiß zu erreichen. Birchner widerlegt sehr sicher auf Grund energetischer Erwägungen und mit dem Rüstzeug der Rubnerschen Experimente dieses Dogma von der Notwendigkeit des so hohen Eiweißgehaltes unseres täglichen Brotes, und ich glaube, daß diese bedeutende Arbeit lange nicht die Würdigung gefunden hat, die sie verdient. Aber hier tut sich schon ein kleiner Widerspruch zwischen den beiden Gegnern der Eiweißüberernährung, Rubner und seinem Anhänger Birchner, auf. Die Frage, ob ich täglich mit etwa ein Drittel der bisher üblichen Eiweißnahrung (sei sie aus Fleisch, Eiern, Milch oder Hülsenfrüchten, Brot usw. hergenommen) auskommen kann, interessiert die Familienmutter ebenso lebhaft wie ihre staatliche Repräsentantin, die Hausdame der Volkswirtschaft, die Nationalökonomie und unsere heutige Kriegswirtschaft. Rubner glaubt, daß man dem Volksinstinkt, der nun einmal an die alleinseligmachende Kraft eines saftigen Beefsteaks unerschütterlich glaubt, Konzessionen machen müsse, während Birchner und die große Gruppe der Vegetarianer der Meinung sind, daß noch 50 Gramm Eiweiß in der täglichen Nahrung nicht nur zuviel, sondern sogar schädlich sein können. Es kommt hier natürlich nicht darauf an, diesen wohl noch lange währenden Streit um die Theorie der Ernährung zu erledigen, er wird wohl so lange dauern, als noch ein üppiges Diner für irgend jemand seine Reize hat, sondern es soll hier nur darauf hingewiesen werden, daß die Ernährungsfrage durchaus nicht nur eine Frage der Wärme- und Arbeitsäquivalenz, also eine Maschinenheizungsfrage für den Menschen (Wärme und Arbeit) ist, sondern daß sie auch eine Frage des Geschmacks, der Lebensfreude, des Genusses, des Vergnügens, ja der Ästhetik bedeutet, alles Dinge, welche man nicht im Laboratorium erledigen kann. Ferner aber ist ein Punkt bei der Ernährung bisher überhaupt nicht in Frage gezogen, der meiner Meinung nach direkt ein Mysterium der Ernährung genannt zu werden verdient. Es ist neuerdings die Frage aufgeworfen worden (vom Verfasser), woher wohl alle die Saatzellen kommen mögen, mit denen das lebende Wesen und auch der Mensch durch fortlaufende Neuerzeugung seiner Zellen, sein Wachstum, seinen Aufbau, seine Regeneration, seine völlige Neugeburt in etwa sieben Jahren sich garantieren kann? Das kann nicht geschehen aus chemischen Substanzen, dazu reicht auch nicht die Theorie der Energetik, sondern dazu bedarf es der Einfuhr direktzeugungsfähigen Zellmaterials, welches immer von neuem den alten Mutterboden mit neuen Keimen übersät und die alte Ruine des Lebens immer aufs neue überfruchtet. Daß dem so sein muß, erhellt allein aus dem absoluten Mißerfolg der Fütterungsversuche von Tieren mit jedem künstlichen Nährmaterial. Mäuse sterben, wenn man ihnen statt der Milch, die sie am Leben erhält, alle Ingredienzien der Milch in chemischem, künstlichem Gemisch verabfolgt, und Hunde sterben unweigerlich, wenn man sie mit künstlich gewonnenen Peptonen (einer Eiweißvorstufe) ernährt. In der Ernährungsfrage steckt eben noch neben dem Gewinn von Arbeit und Wärme dieses rein biologische Problem von der Herkunft der Neusaaten! Ernährung ist eben auch neben der Maschinenheizung eine stetige Neuzeugung und darum ein Mysterium, dem wohl mit den Methoden der chemischen Analyse nicht wird beizukommen sein. Die Träger dieses Mysteriums scheinen die in jeder Nahrung vorhandenen Zellkerne der lebend gewesenen Substanzen zu sein, welche auch durch Erhitzung, Verdauung und Abbau nicht zu zerstören sind und die jede Nahrung enthalten muß, wenn sie neben Wärme und Arbeitskraft auch die Bausteine zur Erhaltung der Maschine selbst liefern soll. Das Bedürfnis nach Nahrung wird unter anderem auch von diesem Instinkt der steten Selbstbefruchtung mit den Saatkörnern des Lebens geleitet, wodurch ein grandioses Kartenmischen aller Lebenszellen im Organismus garantiert wird. Denn Leben besteht nur durch Aufnahme von Lebendigem oder lebendig Gewesenem, ob es tierisch oder pflanzlich war. Die Ernährung enthält ein Mysterium, welches in den Zeiten des Notstandes, wie in diesem Kriege, wohl berücksichtigt zu werden verdient. Es ist nicht zu leugnen, es besteht unter der Kriegsknappheit und -teuerung eine gewisse Sorge, wie sollen wir es durchhalten? Die Frage wäre nicht so besorgniserregend, wenn man meiner Theorie folgen würde und annähme, daß die Befruchtung zur Neubildung von Zellen eine große Rolle spielt. Gibt es so etwas wie einen Kerntausch der lebenden oder gelebt habenden Zellen untereinander, so ist der Mensch eine Maschine, welche nicht nur die verloren gegangenen Räderchen (Regeneration) ersetzt, sondern auch stets durch Neubildung der Zellen einen Teil ihres Heizmateriales selbst produziert, so daß wir alle zu viel essen, so weit eben Essen die Aufnahme genügenden Befruchtungsmateriales bedeutet. Ein paar Rüben, Äpfel und Nüsse enthalten immer noch Millionen von saatfähigen Kernen, die zellbefruchtend wirken können. Aber unser Essen ist auch eine Genußquelle weit über den Bedarf an reinem Nährmaterial hinaus, was Wunder, wenn nun in Zeiten der Not, wie bei einem entzogenen Genußmittel, etwa Morphium oder Alkohol, Abstinenzerscheinungen sich zeigen? Die Hungerfrage auch in der jetzigen schweren Zeit ist oft mehr eine psychische Beunruhigung als eine physische Gefahr. Die durchbrochene Gewohnheit schafft hier seelische Ängste und Verstimmungen, die gar nichts zu tun haben mit den Begriffen einer Gefahr oder Bedrohung des Volkswohles. Der Mensch, auch der gebildetste, hat eben gar keine Ahnung, mit welch einem Minimum an Nährstoffen er leistungstüchtig existieren kann.

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