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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 7
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
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Vom Rhythmus der Epidemien

Es ist ein Ruhmestitel der medizinischen Gelehrten, wenn man sie die Gräber ihres eigenen Grabes oder die Verschütter ihrer eigenen Erwerbsquellen genannt hat. So viel Maßnahmen sie auch ersinnen, die ausgebrochenen Krankheiten zu heilen, unendlich größer ist die darauf verwendete Arbeit, sie zu verhüten. Ja, ich behaupte, es sind heutzutage sehr viel mehr Forscher darauf bedacht, die Bedingungen, unter denen Krankheiten sich entwickeln, mit der idealen Aussicht, sie zu verhindern, zu studieren, als realere Köpfe am Werke sind, die Bedingungen ihrer Heilung zu verbessern mit der mehr oder weniger latenten Absicht, daraus Nutzen zu ziehen. Die gesamte gebildete Welt ist davon überzeugt, daß dieses Studium der Krankheitsursachen, das so gewichtige Entdeckungen im Gefolge gehabt hat, den Fortfall und den Rückgang vieler Epidemien im Gefolge gehabt hat. Die allgemeinen hygienischen Maßnahmen, Wasserversorgung, Sterilisation, Nahrungsverbesserung und Ernährungsfortschritte, Sanierung der Wohnräume, Kanalisation – das sind so die Faktoren, deren Einfluß auf den Gesundheitszustand der Völker ja wohl nicht fortgeleugnet werden kann. Die Pocken gehören als Epidemie der Geschichte an, die Cholera erlaubt sich nur hier und da einen Durchbruch von meist nur lokaler Bedeutung, die Typhusepidemien züngeln nur noch hier und da als einzelne Brandherde auf, die Diphtherie ist seit 1892 – trotzdem das Diphtherieserum erst 1894 erfunden ist – in steigendem Rückgang gewesen, und Lungenentzündungen treten lange nicht mehr so zahlreich um die Zeiten der Sommer- und Winterwenden auf wie sonst. Ja selbst – wer will es als Arzt, der über fünfundzwanzig Jahre die Dinge aufmerksam verfolgt hat, leugnen – auch die Schwindsucht ist eine mildere Krankheit geworden, so deletär sie im Einzelfall noch immer werden kann. Und die Syphilis – dies angeblich noch immer lustmordende Schreckgespenst der Liebenden – hat für den vorurteilsfreien Beobachter so viel an Gewalt verloren, daß wohl niemand mehr der jetzt lebenden Ärzte unter Kulturvölkern die Leute mit den total zerfressenen Schädelknochen mit freiliegendem Gehirn, die großen Knochenzerstörungen des Gesichts, der Mund-, Nasen- und Augenhöhlen gesehen haben wird, wie sie der alte Brunsche Atlas aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als häufig notiert und die leider auch die Dresdener Hygieneausstellung wiederum als gang und gäbe aufgetischt hat. Die Syphilis ist so milde geworden – falls sie nicht exotischen Ursprungs ist – z. B. in Berlin, daß ein so scharf kontrollierter Outsider wie Schweninger es unwiderleglich wagen konnte, zahlreiche Syphilitiker als ohne Quecksilber geheilt ärztlichen Kollegien vorzustellen. Dagegen haben unstreitig andere Krankheiten an Heftigkeit und Giftigkeit zugenommen. Wurde die Syphilis im allgemeinen auch milder, so ist ihr venerischer Konkurrent, die Gonorrhöe, der infektiöse Genitalausfluß, trotz vervollkommneter Therapie zweifellos deletärer geworden. Der im Barbarismus der Studentenjahre oft gehörte neckende Spott ist wohl verstummt: denn die Fälle schwerer Herzkrankheiten, Nieren- und Gelenkeiterungen, die tödlich endenden Komplikationen sind offensichtlich häufiger geworden. Ebenso ist die Influenza zeitweise so schwer im Anstieg gewesen, daß trotz unserer gerühmten Klassizität der Hygiene diese Krankheit wohl mehr Opfer gefordert hat als je eine Choleraepidemie.

Was mag nun wohl die eigentliche Ursache für dieses Aufundab der Leiden, dieses Wellen und Wogen, dieses rhythmische Hinundher der feuerbrandtragenden Krankheiten, dieser Geißeln alles Lebendigen sein? Dieses Kurvenspiel der Infektionskrankheiten und Seuchen hat niemand so klassisch geschildert als der treffliche Stadtarzt Charlottenburgs, Adolf Gottstein, in seinem groß angelegten Werke »Epidemiologie«, das überhaupt eine Fundgrube tiefgreifender biologischer Gedanken darstellt, in dem eben die Zugehörigkeit der epidemischen Krankheiten zu dem großen Gesetz der rhythmischen Wellenbewegungen zwingend aufgedeckt wird. Was aber, wir wiederholen nochmals die schon getane Frage nach dem Grunde dieser Erscheinungen, bedingt diesen steten Wechsel im Ablauf dieses Kleinkrieges gegen das Lebendige, in diesem grausen Handwerkszeug des Todes, für den die Sichel der Alten ein gar zu simples Symbol erscheint? Es ist eine große Regulation der Kräfte in der Natur am Werke, die in dem berühmten biologischen Gesetz Pflügers ihren Ausdruck gefunden hat. Dieses Gesetz des großen Physiologen lautet: » Jede Bewegung enthält in sich den Ursprung zu ihrer Aufhebung.« Diesem Gesetz unterliegen offenbar auch die Epidemien. Alles Überragende gebiert die Schaufel, die es untergräbt, alles Bedeutende ruft sein ebenbürtiges Widerspiel, jedes Erhabene seinen Nivellierer. Für die Epidemien, bei denen es sich um den Kampf feindlicher Zellen, schwärmender Zigeunerstämme und Einzelindividuen gegen feste Organisationen der Zellstaaten handelt, heißt die Kompensation Erschöpfung des Nährbodens, d. h. Aufzehrung der Unterliegenden oder das Heranwachsen einer siegreichen Macht. Die Cholera, der Scharlach, die Influenza erlischt, wenn alle Empfänglichen befallen, überwunden oder immun geworden sind, so daß nur noch Immune oder Unempfängliche übrigbleiben, so daß die Welle der Infektionsflut an diesem Felsen verrinnt – oder – die Verzehrer der Einbrecher, die ihrer Herr werden können, haben bei ihrem Emporblühen einen solchen Nahrungsüberschuß, daß für sie das Maximum der Entwicklung eintritt, das die Vernichtung jenes lebensfeindlichen Elementes vollzieht. Man sieht, eine fast mysteriöse Regulation ist am Werke, die alle über die Harmonie des Ganzen hinausschießende Bewegung mit fester Hand zurückzudämmen versteht. Den ersten Gedanken, den des Aussterbens der Bakterien aus Mangel an empfänglichen Individuen, die schließlich unbenutzbar übrigbleiben, vertritt Gottstein, die zweite Idee, daß auch den mikroskopischen Feinden unseres Lebens gleichwertige Gegner im Bakterienreiche oder unter den Insekten heranwachsen, hat kein Geringerer als Werner Siemens zum ersten Male in einem seiner Hellseherblicke gestreift. Die Bakteriologie hat noch viel zu tun, um diesem großen Gedanken für den Mechanismus des Kleinen im Einzelfalle nachzuwandeln.

Bei der gerechten Würdigung des Einflusses, den Heilmittel auf den Ablauf bakteriologischer Krankheiten wie Typhus, Diphtherie, Wundstarrkrampf, Lungenentzündung, Pocken, Tuberkulose usw. haben, ist es unerläßlich, einmal die einfache Frage aufzuwerfen, wie eigentlich alle diese Krankheiten von Natur verlaufen, d. h. ohne Dazwischentreten irgendwelcher Heilmethoden, sondern allein unter Beobachtung der einfachsten hygienischen Maßnahmen unter dem Dreiklang: Luft und Licht, Sauberkeit, reizlose Ernährung. Diese Fragestellung ist gefährlich, weil sie die Ärzte unbegreiflicherweise meist übelnehmen, schon allein wegen der theoretischen Möglichkeit, daß sich herausstellen könnte, daß unsere Heilbestrebungen ohne jeden Einfluß auf den von höheren Gesetzen der Natur geleiteten Ablauf der Lebenserscheinungen wären. Ist doch z. B. die Statistik der an Lungenentzündung Verstorbenen unter König Ramses von Ägyptenland genau so hoch oder so niedrig wie dieselbe unter Kaiser Wilhelm. Daraus hat ein Satiriker den kühnen Schluß gezogen, daß die Menschheit sich von Abel an in derselben Weise bis zu Bebel entwickelt hätte, auch wenn es nie so etwas wie Ärzte gegeben hätte. Wir wollen einmal zugeben, daß der Gedanke für die »Menschheit« als Summenbegriff von Völkern zutreffen könnte, für den einzelnen Menschen trifft er bestimmt nicht zu, denn es ist nicht wahr, daß der Arzt als solcher für die »Menschheit« da ist, das ist nur immer wenigen von vielen, vielen Tausenden gegönnt gewesen, er ist für den Menschen da, dem er als der Mann unbedingten Vertrauens gilt. So stellt es sich heraus, daß das Verhältnis von Arzt zum Patienten ebenso ein psychologisches wie ein direkt technisch-medizinisches ist. Da nun aber der Arzt, um das ihm geschenkte Vertrauen auch wirklich zu verdienen, den Fragen der biologischen Medizin, welche die des gesetzmäßigen Ablaufs der Epidemien mit umfaßt, nicht fernstehen darf, so ist er allerdings auch bei der Hochflut moderner Theorien und daraus abgeleiteten »spezifischen« Heilmitteln durchaus gezwungen, obiger Frage nach dem natürlichen Ablauf der Krankheiten ohne direkte Heilmittelverabfolgung mutig nahezutreten. Wissenschaft und Praxis würden doch ohne diese reservierte Fragestellung in allerschwerste Täuschungen verfallen können. Wir alle wissen, daß Krankheiten, als Volkserscheinungen gefaßt, sehr erheblich rhythmischen Schwankungen ausgesetzt sind. Sie haben eine aufsteigende und eine absinkende Kurve, Perioden größerer und geringerer Gefährlichkeit – Differenzen, die man früher dem Genius ( ex machina!) epidemicus, dem besonderen Dämon der Leiden, zuschrieb, der bald wütete, bald mit sich reden ließ. Würden nun ohne die Berücksichtigung eines solchen Auf und Ab der Krankheitsgefahr die Wirkungen der Heilmittel beurteilt, so könnte das Urteil leicht so ausfallen, daß die Mittel, die in Zeiten des Abfalls der Bösartigkeit empfohlen würden, die rechten Heilmittel, die anderen, während des Aufstiegs der Bedrohlichkeit gegebenen die überflüssigen seien, weil also kunstvolle Heilwirkung nur durch die schwankende Natur der Epidemien selbst vorgetäuscht worden wäre. Ja weiter, es könnte sogar eine ganz allgemeine Selbsttäuschung von Forschern und Praktikern geradezu epidemisch werden, indem Heilmittel dann am zahlreichsten gefunden, empfohlen und gepriesen würden, wenn die Krankheit als Volksseuche gerade sich anschickt, das Feld ihrer Invasion zu räumen; es könnte sein, daß gerade hinter ihr her die Speicher der chemischen Fabriken alle ihre Luken öffneten und daß allerorten Reklametrommeln wirbelten: »Wir haben den Feind besiegt!« Ich will Beispiele für diese kühne und für manche Mediziner schmerzliche Behauptung geben.

Als der Gelenkrheumatismus in Deutschland in epidemischer Form einsetzte, so um die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, war er so heftig, daß die ersten Fälle fast alle unter Hirnhautentzündungen tödlich endeten. Ohne im Besitz eines »spezifischen« Mittels zu sein, erlebten die älteren Ärzte ein ganz allmähliches Abflauen der Sterblichkeit. Dafür wurden Herzfehler nach Überstehen der akuten Erkrankung häufiger. Dann kam die Empfehlung des »Salizyls« als eines »Spezifikums« gegen den Gelenkrheumatismus; über ein Jahrzehnt wurde es tatsächlich als ein alleinstehendes und durchaus konkurrenzloses Heilmittel dieser Krankheit gepriesen, und heute? Heute wissen wir ganz genau, daß von irgendeiner theoretisch begründbaren Spezifität im modernen Sinne gar keine Rede sein kann und daß die Gefährlichkeit dieser Erkrankung ganz langsam aus sich selbst heraus, respektive infolge allgemeiner hygienischer Fortschritte abgesunken ist.

Als die Sterblichkeit an Typhus statistisch etwas nachließ, empfahl man viele Jahre das kalte Bad im Fieber als ein spezifisches Heilmittel. Die Gefährlichkeit des Typhus sank noch weiter bis auf den heutigen Tag, wo es niemand mehr einfallen kann, das kalte Bad als ein spezifisches Heilmittel gegen den Typhus zu empfehlen.

Es gab Zeiten, da wurde ein Arzt, der bei Lungenentzündung den Tartarus stibiatus nicht verschrieben hatte, unter Anklage vor Gericht gestellt, weil er versäumt habe, ein spezifisches Heilmittel gegen die Lungenentzündung anzuwenden. Wer verschreibt heute noch Brechweinstein gegen diese Krankheit?

Die Syphilis ist eine Krankheit, bei der, wie kaum bei einer anderen, langsam ihre Gefährlichkeit herabgesunken ist, so daß ein Schweninger behaupten konnte, auch ohne Quecksilber diese Krankheit besiegen zu können. Quecksilber galt durch Jahrhunderte für ein Spezifikum gegen diese Lustseuche, und doch sollen uns erst die Entdeckungen Ehrlichs das wahre Spezifikum mit einer »Großen Heilkunst« durch Sterilisation ( Therapia magna sterilisans) gebracht haben?

Das sind einige Beispiele dafür, wie verzwickt die Sachlage ist bei objektiver Beurteilung von Heilmittelwirkungen. Sie beweisen zum mindesten, daß Charakter der Krankheit und Heilwirkung zwei in sich verwickelte Knäuel sind, deren Fäden ebenso schwer zu verfolgen wie zu lösen sind. Ich kann es aber für die Erforschung der Wahrheit nur für unerläßlich erklären, wenn der Arzt sich allen möglichen Posaunenstößen genialer Entdecker und ihrem Anhang gegenüber ein kleines Ventil der Reserve offenhält. Der wissenschaftliche Optimismus, gewiß die Quelle der größten Menschheitstaten, darf eben die Schwelle des Laboratoriums nicht überschreiten und sich in den Spalten der Tageszeitungen mit lauter Zukunftsmusik selbst umrauschen, bevor der Thron errichtet ist. Sonst gibt es Enttäuschung über Enttäuschung.

Die ganze Welt kennt das Fiasko des ersten Tuberkulins, und auch das zweite, »schwächere« liegt im Sterben. Behrings Spezifikum gegen den Wundstarrkrampf – ein wissenschaftliches Paradebeispiel für die moderne Lehre von den Antitoxinen – war langsam in Vergessenheit geraten. Ich selbst bekenne mich immer noch zu den Zweiflern, ob das Diphtherieserum oder der absinkende Charakter einer Seuche, die alle sechzig Jahre wiederkehrt und in der Zwischenzeit nur herumspukt, die Ursache unserer ärztlichen Erfolge bei dieser mörderischen Krankheit ist. Hat doch Adolf Gottstein unwiderleglich nachgewiesen, daß die Diphtheriesterblichkeit schon zwei Jahre vor der Entdeckung des Diphtherieserums sehr erheblich zu sinken begann. Auch muß offen zugegeben werden, daß seit einigen Jahren die Diphtherie langsam wieder zunimmt an Erkrankungs- und an Sterbeziffern.

So wenig ich das Verdienst aller der gefeierten Heroen als Besieger ganzer Krankheitszüge schmälern möchte, schon weil sie alle ein für das Wohl ihrer Mitmenschen glühender Optimismus zur Kühnheit angetrieben hat, so sehr bin ich überzeugt, daß es not tut, gerade in unserer Zeit den kettenartig sich reihenden Anpreisungen großer Leistungen in unseren Tageszeitungen sich mit kühlem Mut entgegenzuwerfen. Durch nichts kann der ernsten Wissenschaft mehr geschadet werden als durch Enttäuschung unnütz geschürter Hoffnungen. Da ein wissenschaftliches Papagenoschloß wohl kaum gesetzlich eingeführt werden kann, muß der Appell an alle medizinischen Berater der Tagesblätter gerichtet werden, trotz ihrer Fahnenträgerschaft der Neuigkeiten es einmal mutig zu riskieren, mit der Verkündigung großer Entdeckungen lieber mehrere Tage zu spät als viele, viele Jahre zu früh zu kommen.

Man male sich nur den von uns Praktikern oft gehörten Jammer aus, der folgt, wenn ein eben angepriesenes Heilmittel gegen den Krebs in wenig Wochen nachher öffentlich diskreditiert werden muß. Unsere wissenschaftlichen Institute sind nicht dazu da, va banque mit Menschenhoffnungen zu spielen.

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