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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 4
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Freunde und Feinde des Lebens

Berthold Auerbach sagt einmal, die Erde sei ein Buch, dessen Blätter mit den Füßen umgeschlagen werden müßten. Das ist sehr treffend für eine oberflächliche Wanderlektüre, will man aber zwischen ihren Zeilen und in ihren Tiefen lesen, so findet man, daß Mutter Erde ihre Geschichte und die aller ihrer Kinder selbst geschrieben hat in den sorgfältig geschichteten Phasen (Erdschichten) ihrer eigenen Entwicklung. Das geht so weit, daß wir aus den in ihren Tiefen begrabenen Testamenten ihrer Vergangenheit, aus Versteinerungen und Abgüssen, Schlammabdrücken und Medaillierungen in Kalk- und Lehmbrei die Phasen des Lebendigen rekonstruieren können, das – eine ewige Kette – vor uns und unserer winzigen Daseinsspanne den Odem der Luft und die Schwungkraft des Lichtes einsaugen durfte. Da hat man mit Staunen gefunden, daß schon die allerersten Lebensspuren begleitet waren von der Anwesenheit der winzigsten Wesen, die wir vorläufig kennen, nämlich der Bakterien, die heute als die eigentlichen Gegner und hinterlistigen Hunnenscharen des Lebendigen, vielfach mit Unrecht, angeschuldigt werden. Eine einfache Überlegung muß uns sagen: wenn es immer Bakterien gegeben hat, so muß das sich entwickelnde Leben bald ihrer Herr geworden sein, um die wunderreiche Stufenleiter des Aufstieges der organisierten Wesen, von der Amöbe bis zum Halbgott »Mensch«, erklimmen zu können.

Wenn nun auf der anderen Seite es heute unzählige Arten von Bakterien gibt, die Krankheiten, Seuchen, Epidemien und Endemien (vorübergehende oder im Volk bleibende ansteckende Krankheiten) veranlassen sollen nach der Lehre der Schule, so müssen daneben von den etwa dreißigtausend Arten Mikroorganismen sehr viele sein, die dem Körper des Menschen nichts anzuhaben vermögen. Und so ist es in der Tat. Die bei weitem größte Mehrzahl der Kleinorganismen, Kokken und Spirillen (Stäbchen-, Kugel- und Schraubenbakterien) ist völlig harmlos für die Zellen der den Leib konstituierenden Gewebsteppiche; sie können sie nicht zerfasern, zerfressen, sie sind nur harmlose Stäubchen, ja bisweilen helfen diese kleinen Liliputaner des Lebens selbst sticken und aufbessern am Gefüge der lebendigen Substanz.

So weiß man längst, daß z. B. die Milchsäurebakterien für die Säuglingsernährung eine erhebliche Rolle spielen; man kennt die Wichtigkeit der mikroskopischen Höhlenbewohner des Darms für die vollkommene Ausnutzung der Nahrung, und ich selbst konnte nachweisen, daß bestimmte Bakterienarten die Wundheilung geradezu fördern, weil völlig bakterienlose Wunden beliebig lange, z. B. mittels Jodoform, künstlich unverheilt gelassen werden können. Dazu stimmt die Erfahrung, die man mit völlig bakterienfreier Nahrung und Atmungsluft beim Federvieh gemacht hat: daß in ganz aseptischer Luft und mit völlig bakterienfreier Nahrung gehaltene Tiere bald sterben.

Es ist damit bewiesen, daß, wie wir vorher andeuteten, gewisse Bakterien für uns nicht nur unschädlich, sondern unserem organischen Getriebe geradezu angepaßt sind: sie leben mit unseren Zellen in Symbiose (Lebensgenossenschaft), wie es mit uns auch die Haustiere tun, wie die Blattlaus mit der Ameise, der Schmetterling mit der Blüte. In die Sprache der Gesundheitslehre übersetzt, heißt das: der Mensch (respektive jedes Lebewesen) ist immun (unempfindlich) gegen die eine (größere) Reihe der Kleinlebewesen, die andere (kleinere) Reihe vermag ihn zu attackieren, ja zu vernichten, sie ist für ihn pathogen (krankheitsauslösend).

Nun ist es ein schwerwiegender Fehler, den die bakteriologische Schule lange Zeit hartnäckig verteidigt hat, zu glauben, daß die krankmachenden Bakterien alleinig die Ursache der Krankheiten seien. Auf diesem Gebiete stehen uns bestimmt noch die größten Überraschungen bevor, insofern, als einmal festgestellt werden wird, daß die Bakterien es nicht anders machen als die Geier, die Hyänen und anderes auf Kadaver gieriges Raubgesindel, sie sammeln sich an Stellen, wo sich Gefallenes, Absterbendes, Verwesendes findet. Es muß also ihrer Ansiedlung im Körper auch des Lebenden eine Veränderung vorangegangen sein, eine Gruppe der unzähligen Kleinbürger unserer Zellenrepublik (des Leibes) muß in ihrer Lebensenergie geschädigt, zu Fall und Absterben, wenigstens zur Widerstandslosigkeit gebracht sein, ehe die Breschen der Gewebszäune für Bakterien durchlässig werden.

Da kann es denn noch einmal dahin kommen, daß die Ursachen zu den Erkrankungen des Leibes anderenorts gesucht werden müssen als in den schließlich überall um uns herum vagabundierenden Mikroben. Vielleicht birgt diese »Disposition« (heute fast ein nur imaginärer, fiktiver Begriff in der Medizin) zu Krankheiten eine Unsumme von biologischen Geheimnissen, deren Entschleierung unter anderem auch dazu führen wird, zu erkennen, wie groß gerade der Einfluß der Seele, ihrer Qualen und Leiden auf die Entstehung der Krankheiten ist.

Mich würde das nicht überraschen, denn schon heute bin ich der Meinung, daß die Ärzte allzusehr vernachlässigen, zu erforschen, was vorher in der Seele eines Menschen vorgegangen ist, ehe er einer Ansteckung verfiel; für viele Erkrankungen lassen sich schon heute da eigentümliche Beziehungen feststellen. Geschädigtes Zelleben auch auf dem Wege des Nervenstoffwechsels, der vielfach vom psychischen Geschehen abhängig ist, geht also der Bakterieninvasion voraus und macht (auch erblich übertragen) einen großen Teil des Sammelbegriffes »Disposition« aus. Für die Wundinfektion steht es für mich außer Frage, daß dem Eindringen der Mikroben in das festgefügte Gitter der Gewebe eine Schädigung durch mechanische oder chemische Verletzung vorausgeht, wie denn z. B. bei Verwundungen es sehr darauf ankommt, welche gleichzeitigen chemischen Gifte mit in die zerrissenen Teile einverleibt werden (Rost, ranzige Fette, Fleisch-, Fischgifte, Uniformstücke usw.). Diese das Zelleben in seiner Widerstandskraft paralysierenden Substanzen (zellebenlähmende Gifte) reißen die Lücken in die sonst festgefügten Bauwerke der Daseinsverteidigung, durch die das Schwarmvolk der Bakterien einwandert. Es kann mit dem Einbruch der mikroskopischen Horden bei inneren Erkrankungen nicht anders sein, also von Rachen, Magen, Darm her, hat doch Robert Koch selbst zugegeben, daß sogar der Cholerabazillus nicht attackieren kann, wenn nicht vorher eine Schädigung durch Magendarmkatarrh einhergeht, der, nebenher gesagt, sehr wohl durch große Angst (also durch psychisches Geschehen!) verursacht sein kann; ja noch plausibler: Koch konnte Tiere mit dem Cholerabazillus nicht innerlich infizieren, wenn nicht zugleich mit der gefährlichen Mahlzeit einer Cholerabazillen-Nährgelatine eine tüchtige Dosis Opium verabfolgt war. Da ist ja sogar experimentell das Zellgift, das der Infektion vorangehen muß, nach unserer Forderung! So wie bei den Wunden wird es wohl eben auch bei den sogenannten inneren Infektionen sein. Man muß bedenken, daß unser sogenanntes Innere eigentlich nur eine Einstülpung der Oberfläche nach innen ist, respektive eine vielkanalige Einsenkung und Umbildung der Haut zu den Schleimhäuten. Es ist ein Weg vom Lippenrand bis zu den feinsten Verästelungen des Lungenbaumes und ein Weg vom Aftersaum bis in die tiefsten Kanäle der Gallengänge und Leber; ebenso offen liegen die Wege des Nieren- und Geschlechtsdrüsensystems, und Herz-, Gefäß- und Nervensystem reichen in jedem Äderchen, jeder Lymphbahn, jedem Tastkörperchen in fast unmittelbare Annäherung an die Körperoberfläche: die Haut.

Damit soll nur gesagt sein, daß es wohl eine prinzipielle Differenz der Art der Infektionen von außen oder innen wegen der anatomischen Einheit kaum geben dürfte und also auch bei inneren Infektionen der Satz gelten muß: Bakterien an sich können den unbeschädigten und auf der Höhe des Lebens vor Widerstand strotzenden Zellen buchstäblich den winzigen Buckel hinunterrutschen. Diese kleinen Drillbohrer lassen die Phiolen des Giftsaftes erst ausströmen, wenn vorher den Fäßchen der Boden eingeschlagen ist.

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