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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 3
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Professor Carrel und die Zelle

Durch die öffentlichen Zeitungen ging vor nicht langer Zeit die Notiz, daß es dem berühmten Biologen Professor Carrel gelungen sei, außerhalb des Leibes in geeigneten Nährflüssigkeiten tierische und menschliche Gewebe für sich weiterzuzüchten. Eine wunderbare, ganz gewaltig wichtige Tatsache, an deren Richtigkeit nicht zu zweifeln ist, da die Resultate uns Berliner Ärzten vorgeführt wurden. Man züchtet also heute menschliche Zellen genau so wie Bakterien auf geeignetem Boden und bei ganz bestimmten Temperaturen, die der Körperwärme natürlich möglichst naheliegen müssen; wenigstens wurde durchaus selbständige Fortentwicklung und Wachstum gewisser Zellen, sogar solcher aus Krebsgeschwülsten, beobachtet. Also losgetrennt vom Leibe, außer Konnex gesetzt mit der ständig Nährsaft spendenden Kanalisation des Körpers, dem Blutgefäßsystem, und ohne Anschluß an die energiespendenden Drähte der elektrischen Zentrale des Organismus, dem Nervensystem, können die einzelnen Bürger der Körperrepublik, Zellen genannt, ein selbständiges Leben führen, wenigstens eine ganz beträchtliche Zeit lang! Das ist staunenswert für den Laien, für den Biologen nicht ganz so überraschend. Wußte man doch schon seit langem, daß die kleinen Kampfzellen unseres Körperstaates, die weißen Blutkörperchen, Leukozyten genannt, auch außerhalb des Leibes in der warmen Kammer unterm Mikroskop über drei Wochen lang ihre Bewegungsfähigkeit behalten, nämlich ihre eingeborene, wundersame Möglichkeit, aus sich selbst, je nach Bedürfnis, Organe hervorzuzaubern. An sich kreisrund wie ein Tröpfchen Öl, können sie gegebenenfalls Fühler, Füße, Fangarme, Saugrüssel bilden; sie schaffen andere Organe, je nachdem es gilt, ein Bakterium oder ein Farbkörnchen, ein Sonnenstäubchen oder ein Glassplitterchen zu bewältigen, sie können sich recken und strecken und fabelhafte Formen annehmen, wenn es heißt, eine winzige Lücke zu durchkriechen oder über einen Riesenberg – ein solcher ist für sie schon ein Seesandkörnchen – hinweg zu gelangen. Nur der elektrische Schlag zwingt sie, sich gleich mikroskopischen Igelchen ganz in sich zum zierlichsten Kügelchen aufzurollen. Diese Eigenschaften haben sie gemein mit den kleinsten formlosen Lebewesen, den Amöben, ja sie sind solche, und ihre Bewegungen nennt man daher amöbenhafte, amöboide. Hier steckt eins der höchsten philosophischen Probleme, die ja so häufig erst im Reiche des Kleinsten und Einfachsten, öfter vom Baustein als vom fertigen Gebäude die Zauberhüllen fallen lassen. In diesem Zellchen waltet nämlich die ganze plastische Idee des Lebens, die menschlich unerforschbare Fähigkeit des Lebendigen, sich zu wandeln und anzupassen aus einem unerklärlichen ursprünglichen Urteil heraus, aus einem fast mystischen Wissen und Willen hervor. Das einzig schon unterscheidet alles Lebendige von der Maschine, die nur automatisch arbeitet, aber niemals sich selber Räder, Fühler, Stränge und Bänder schafft, um ständig wechselnden Aufgaben zu genügen.

Die von Professor Carrel entdeckte Tatsache, daß solche und andere Zellen in eigenem Blutsafte (Plasma) ihr Leben und ihre Fähigkeiten erhalten, beweist eben den alten Satz Virchows, unseres deutschen Heros der Biologie, daß schließlich jede Zelle ihre eigene Seele und ihren eigenen selbständigen Leib habe, zur Evidenz. Was wir alle geahnt und gesucht, jener Forscher hat es uns vor die Augen gestellt: jedes Leben ist an kleinste Zellen gebunden, ist ein Wunderwerk für sich und enthält alle Rätsel auch des größten, gewaltigsten Körperkomplexes. Ein Elefant birgt kein größeres Geheimnis als die weiße Blutzelle, ja sein und unser Gesamtproblem ist das der kleinsten Zelle! Auch von den Flimmerepithelien, den feinen Besatzzellen der Schleimhäute von der Nase bis in die kleinsten Luftröhrchen hinab, wußte man schon, daß sie achtzehn Tage lang den Lidschlag ihrer Wimperhärchen in der mikroskopischen Wärmekammer behalten (Busse), und nach Grohé bleibt auch die Knochenhaut noch 100 bis 192 Stunden entwicklungsfähig, d. h. sie kann auch außerhalb des Körpers ihre Fähigkeit, Knochen zu bilden, bewahren. Es war der geistvolle und überaus findige und konsequente Berliner Chirurg Gluck, der schon in den achtziger Jahren daranging, auf Grund dieser Tatsachen kühnste Überpflanzungen von Sehnen- und Knochenstücken zu unternehmen, grundlegende Versuche, die durch Professor Lexer nunmehr zu staunenswerten Resultaten ganzer Gelenküberpflanzungen von Mensch auf Mensch erhoben worden sind. Lange vor beiden jedoch gelang es Reverdin und Thiersch, auf große, sonst unheilbare Geschwürflächen Hautstückchen zu überpflanzen, sogar aus Leichenhaut auf Lebendige, die anwuchsen und die Defekte völlig schlossen. Selbst der Laie weiß heutzutage, daß um das zwölfte Jahrhundert arabische Ärzte schon Nasen aus Arm- und Stirnhaut zu bilden vermochten, und ich selbst habe, wie gewiß viele Chirurgen ähnlich, ein auf der Mensur abgeschlagenes Nasenstück, das auf den Boden flog, mit vollem Erfolg durch ein paar Nähte wieder an seine naturbestimmte Stelle placiert, nachdem der immer sprungbereite anwesende Korpshund glücklich daran verhindert war, es seinerseits zu verschlucken. Ja man hat abgeschlagene Finger noch nach Stunden glücklich wieder zum Anheilen gebracht. Ganz vor kurzem erst gelang es dem genialen Leipziger Chirurgen Payr, an die Stelle zerschossener Finger eigens zu diesem Zwecke abgeschnittene Zehen auf die Fingerstümpfe zu verpflanzen. Hier liegen staunenswerte Resultate von Organverpflanzung und Substitution von Körperteilen vor, eine Art Zell- und Gewebsunterschiebung. Ein voller Triumph eines Künstlerarztes! Schlägt man Hähnen die Sporen ab und näht sie in die Kopfhaut ein, so heilen sie nicht nur mit allen Gefäß- und Nervenverbindungen ein, sondern wachsen sogar. Bert brachte Schwänze und Füße von Ratten, nachdem er die losgetrennten Glieder enthäutet hatte, unter die Rückenhaut desselben Tieres und sah sie wachsen und gedeihen, freilich ohne daß die armen Tiere weiteren Gebrauch von ihren deplacierten Gliedern machen konnten. Eben gezogene Zähne – es kommt vor, daß ein ganz gesunder Zahn versehentlich der Zange nachgeben muß – können glücklicherweise sogleich wieder zurückgestopft und zum Einheilen gebracht werden; Stücke der menschlichen Hornhaut können auf andere Augen überpflanzt werden und behalten ihre Glashelle, durch die die ganze Welt ihr Bild in unserer Seele spiegelt. Allen diesen Überpflanzungen, wie auch denen von Blut und Lymphe (Transfusion), ist aber von der Natur eine strenge Grenze gezogen, sie gelingen ohne Schaden nur dann, wenn die Gewebe und Flüssigkeiten derselben Tierspezies entnommen sind, also nur von Mensch auf Mensch, von Kaninchen auf Kaninchen, von Meerschweinchen auf Meerschweinchen und so fort. Fremde Zellarten und fremde Gewebsflüssigkeiten verhalten sich geradezu feindlich und giftig. Ja, man hat die Beobachtung gemacht, daß beim Aneinandernähen zweier Kaninchen (Sauerbruch und Heyde) dergestalt, daß ihre geöffneten Leibeshöhlen miteinander in Kommunikation blieben, nur dann die Tiere am Leben blieben, wie Siamesische Zwillinge, wenn sie gleichen Geschlechtes waren; eine sonderbare Bestätigung Strindbergscher Anschauungen, daß es etwas Lebensfeindliches gibt, auch rein physisch, zwischen Männlein und Weiblein! So zwecklos an sich derartige Experimente dem Laien erscheinen mögen, so wichtig ist die Tatsache der Aneinandernähbarkeit verschiedener, verwandter Individuen für den forschenden Biologen. Näht man z. B. zwei Ratten mit der Rückenhaut zusammen und gibt dann einem Tier Atropin, so erweitern sich auch die Pupillen des anderen, und durch Injektionen kann man beweisen, daß der Blut- und Saftstrom durch beide Tiere gemeinsam geht. Da könnte experimentell erforscht werden, ob nicht und unter welchen Bedingungen das gesunde Tier dem angenähten und künstlich krank gemachten zur Genesung verhelfen könnte, weil nunmehr zwei Organismen mit dem Krankheitsgifte kämpfen, und ganz von ferne winkt die Möglichkeit, ein geliebtes krankes Wesen durch das heroische Mittel einer zeitweisen Vereinigung von Blut und Leben, etwa der Mutter mit dem Kinde, vom Tode zu erretten!

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