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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 29
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
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Hygiene auf Reisen

In einem Eisenbahncoupé in Norditalien hörte ich einmal einem anregenden Gespräch zweier deutscher Reisender zu (augenscheinlich Gymnasialprofessoren, von denen der eine, wir werden gleich sehen, welcher, zugleich Sportsmann und Reserveoffizier war), die über Goethes italienische Reisen plauderten. Mir ist noch deutlich in der Erinnerung, wie der jüngere und weltmännischere von den beiden ausrief: »Ja, wie konnte nur so ein Mensch voll peinlichster Ästhetik, wie Goethe, hier über diesen unglaublichen Nationalschmutz, über die traditionelle Unreinlichkeit in jedem Winkel, auf Schritt und Tritt, an Bett und Tisch so stillschweigend hinwegkommen – wenn einem noch heute nach hundert Jahren als leidlich sauberem Kerl die Haut juckt, sowie man nur an Italien denkt – wie mag das erst dazumal gewesen sein, als Goethe der Römerin des Hexameters flüssiges Maß so oft den Rücken herunter gezählt, wie's bei ihm selbst zu lesen steht?« – »Ja, mein Lieber,« sagte der struppigere und klassischere Kollege nach langem Bedenken, »das mag wohl daher kommen, weil's Anno dazumal in Weimar noch ebenso unsauber war wie in Italien!«

Ich gestehe, daß dies schlagende Argument mich nicht minder verblüffte als den, dem es entgegnet war, und heute, da ich über die Hygiene auf Reisen plaudern will, kommt es mir wieder in den Sinn. In der Tat, welchen Ausgleich hat erst dies Jahrhundert, das uns von Goethe trennt, gerade in bezug auf die Form, in der wir reisen, zuwege gebracht! Wenigstens für diejenigen, für die eine Reise ja eigentlich nur einen Ortswechsel für ihre überall erreichbaren Genüsse und ihr Wohlleben im großen Stil bedeutet. Die Eisenbahn mit ihren Luxuszügen ist nicht minder ein dahinsausendes Hotel geworden, als der große Seedampfer ein schwimmendes, und die erstklassigen Hotels aller Städte der Welt sind so uniform in Ausstattung und Verpflegung, daß eigentlich erst durch eine Überlegung dem im Foyer der Kapelle Lauschenden bewußt wird, daß er auf Reisen ist, denn einmal ins Innere eines Grand Hotel aufgenommen, macht es für niemand einen Unterschied, wo er sich eigentlich befindet, ob in Schanghai, in Rio oder in London, so gleichmäßig ist der internationale Stil, die polyglotte Bedienung, die Feinschmeckerküche, die Bade- und Toiletteneinrichtung, die Heizart, die Bettausstattung, die überall elektrische Lichtquelle! Ja, man kann wirklich die Frage aufwerfen: ist denn das wechselnde Aufsuchen großer Hotels, großer Opern, philharmonischer Konzerte eigentlich noch »reisen«? Wie weit hat sich hier der ursprüngliche Wandertrieb geändert, der uralt ist und uns allen im Blute steckt, als ein mitgeborenes Testament unserer Nomadenurväter, und der zur Frühlings- und Sommerzeit in uns aufsteigt wie jene tiefe dunkle Sehnsucht, die ja wohl einst die Völkerlawinen von der asiatischen Menschheitswiege in brausende Bewegung gesetzt hat! Nein, das Fahren in der Eisenbahn, die zwangsweise Fortbewegung von einer Kapitale zur anderen – ein Teil unseres modernen Bewegungswahnes überhaupt – ist kein Reisen mehr, es ist ein plump mechanischer Orts- und Szenenwechsel, und für ihn gibt es eigentlich auch keine hygienischen Sondervorschriften, außer vielleicht gewisse Warnungen vor Austern in Italien, vor Konserven, deren Quelle man nicht genau kennt, vor Hummern und Krebsen, Fischen und Würsten, deren Herkunft nicht kontrollierbar ist. Wenn wir diesen Schnellfahrern zu den Schönheiten der Erde, die eigentlich Leuten gleichen, die nur die Rosinen aus dem Kuchen der Erde pellen, ohne sich wohlzutun und zu sättigen mit der derben Kost, noch den Rat geben, sich beim Genuß alles Ungekochten (wie Salat, Milch, Obst, rohen oder wenig gekochten Eiern) in acht zu nehmen und sie am besten ganz zu meiden, so ist eigentlich für diese Reisenden alles Hygienische erledigt. Sie haben höchstens sich ein bißchen zu orientieren, wie es mit dem Wasser der von ihnen frequentierten und passierten Großstädte bestellt ist – in manchen Städten genügt es, sich den Mund mit Leitungswasser zu spülen, um den Typhus zu akquirieren – und sollten, wie übrigens alle Reisenden, auf den Genuß von Pumpenwasser ganz verzichten und lieber Weine, Biere und auf Flaschen gefüllte Mineralwässer zur Durststillung verwenden. Leitungswasser darf man überhaupt nur da trinken, wo man aus Erfahrung weiß, daß es einem nichts antut. Es kann z. B. der Genuß eines ganz guten, aber nicht gewohnten Wassers genügen, einen handfesten Magendarmkatarrh zu erzeugen; dazu braucht man nur von Berlin nach Hamburg oder sonstwohin zu fahren. Jene Reisenden also, die im Auto, in der Schnellbahn oder auf Ozeandampfern das Rund der Erde umsausen und die die größten Schönheiten beiseite liegen lassen müssen, wie die ganze eigentliche Poesie des Reisens, wollen wir nicht belehren. Sie haben alle ihr gewohntes System der Hygiene, Körperpflege und ihr Programm bei sich, genau wie ihre Betten und den ganzen Komfort ihrer häuslichen Einrichtungen, und reisen darum mit der gräßlichsten Belastung des wirklichen Wanderers, mit einer Beschwerung durch unzählige Gepäckstücke, deren Besorgung den Nerven der meisten mehr schadet, als der Aufenthalt in der schönsten Gegend ihnen nutzen kann. An die echten Wanderer wollen wir uns wenden, die die Erde wie ein Buch ansehen, dessen Blätter man mit den Füßen umschlagen muß, die ein Stück der alten Handwerksburschenpoesie im Herzen tragen und ein bißchen Taugenichtssehnsucht dazu!

»Ach, wer da mitreisen könnte in der prächtigen Sommernacht!«

An jene, die spotten über Automobile, Kurierzüge und Schnellposten, die sie neidlos an sich vorbeisausen lassen, den Wanderstab in der Hand, das Ränzlein auf dem Rücken, und singen:

Nehmt für euch nur Dampf und Pferde!
Ich geh' frei durch Feld und Wald –
Wo sie lieblich ist, die Erde,
Eben dorten mach' ich halt!

Diesen seien unsere Ratschläge gewidmet für kommende Wanderzeiten. Gerade um sich frisch zu erhalten für die echten Reisegenüsse, die allein die Landstraße, der Wiesensteg, der Pfad im Walde, der Weg über Höhen und Bergeskämme gewähren kann, muß man einiges wissen, was über gutes Schuhwerk und ein bißchen Hirschtalg im Ränzel hinausreicht. Das einzige Automobil, das der Wanderer hochachtet, sind seine Füße. Niemand hat das schöner sagen können als Mörike, der einst an seine beiden vor ihm in der Wiese ruhenden Gebrüder Füße ein entzückendes Wandererdankgebet gerichtet hat. Diesen edelsten Fortbewegungsmaschinen muß ihr Chauffeur einen opfervollen Dienst widmen. Keiner sollte wandern, der nicht vorher einen Kursus der Nagelpflege durchgemacht hat. Sämtliche Nägel müssen immer kurz und durch häufiges Beschneiden weich erhalten bleiben. Es ist erstaunlich, wie kulturlos unsere Zeit ausschauen würde, wenn wir plötzlich alle mit bloßen Füßen einen Ballsaal zu betreten gezwungen würden. Was könnte ich als Arzt für tolle Sachen über Schmutznägel elegantester Damen und Herren erzählen, wenn ich indiskret sein wollte! Für den Wanderer aber sind gut gepflegte Nägel, namentlich aber die der großen Zehen, eine echte Berufsfrage. Viele wissen davon ein Lied zu singen, wie ein eingewachsener Nagel die schönste Gegend, und sei es das Rheintal, zu dem ungenießbarsten Ding der Welt zu machen imstande ist. Des Wanderers Nägel müssen, namentlich die der großen Zehen, an den Ecken ausgeschnitten sein, weil sonst die scharfen Kanten der Nägel ins Fleisch schneiden wie stählerne Halbrinnen, etwa wie das runde Ende einer übergroßen Stahlfeder. Der in den Ecken stets rund gehaltene Nagel gleitet glatt über sein weiches, sehr empfindliches und sehr infektionsgefährdetes Bett.

Diese Beschneidung der Nagelecken muß äußerst vorsichtig mit einer Bogenkneifzange vollzogen werden. Jede Verletzung ist hier geradezu lebensgefährlich, weil die Schweißätzung der kleinsten Wunde, der Luftabschluß unter Strumpf und Stiefel, der unvermeidliche Wanderstaub hier Infektionen der schlimmsten Art geradezu vorbereitet. Darum muß die Haut der Füße peinlich sauber gehalten werden, wofür es klein besseres Mittel gibt als Wachsmarmorseife, die in Tuben mitgeführt werden kann. Eine damit morgens und abends vorgenommene Waschung ist eine Wohltat für Wanderer nicht nur, für jedermann, der auf Kultur hält. Aber diese unerläßliche mechanische Reinigung der Haut des Fußes und namentlich der Zehen genügt noch nicht. Der Fuß des Wanderers muß direkt aseptisch gehalten werden. Das gelingt mit täglichen Abreibungen nach der Waschung und Trocknung mittels einer Chloroformalkoholmischung von 25 Chloroform auf 75 Alkohol, die sich jeder Reisende von seinem Arzte verschreiben lassen sollte. Diese Lösung hat den Vorzug, daß sie die kleinste Verletzung offenbar macht durch Brennen, die sonst dem Wanderer entgeht, und zu gleicher Zeit beim Ausreiben mittels eines Wattepfropfes die verletzte Stelle absolut sicher desinfiziert. Jede frische Wunde kann durch nichts so schnell und sicher desinfiziert werden wie durch diese Mischung. Sie sollte niemand fehlen, der auf Reisen geht.

Kein Marsch daure länger als vier Stunden hintereinander. Nach dem Marsch ziehe man die Stiefel aus und massiere Fuß und Wade. Man gehe immer in gleichmäßigem Schritt, und bei Steigungen beginne man in langsamstem Tempo; man atme möglichst nur durch die Nase bei geschlossenem Munde. Man reibe den Körper vor dem Schlafengehen mit Tüchern energisch ab. Das Schwitzen ist das rationellste Vollbad von innen heraus, es spült von innen her die Poren rein und die Hautschuppen ab, aber es schadet durch Ätzung, wenn nicht zeitweilig die Haut völlig trockengelegt wird. Ein Wanderer braucht nicht zu baden, die Hautsekretion, aufs Maximum gesteigert, badet ihn von innen heraus automatisch und vollkommen, aber dies Badewasser muß abgesaugt werden nicht nur durch die Kleider, auch durch leinene Tücher. Die Unterwäsche, wenn nicht täglich frisch zu wechseln, muß über Nacht zum Trocknen aufgehängt werden, namentlich die Strümpfe können nicht oft genug gewaschen werden.

Die beste Creme zur Geschmeidighaltung der Haut ist eine wachshaltige, auch vorzüglich als Schutz- und Heilmittel gegen Sonnenbrand. Der Wanderer schlafe mit hochgelagerten Beinen, um den Blutüberschuß zur Nacht abzulenken.

Wer fühlbares Herzklopfen bekommt nach dem Wandern, ist zu viel gelaufen. Man trinke nur, wenn man mindestens zwei Stunden rasten kann. Das beste Getränk ist dünner kalter Kaffee; wenig guter Wein oder Bier vorm Schlafengehen schadet auch nicht.

Im übrigen weiß ein erprobter Wandersmann allein ganz gewiß, wie er am besten für sein leibliches Wohl zu sorgen hat, wenn er den steinernen Meeren, in denen er seine Erwerbsnetze Tag für Tag spannen und auswerfen muß, den Rücken kehrt und sich die Seele reinbadet auf jenen Höhen, wo man dem Weltgeist und dem Sinn der Erde näher ist als sonst.

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