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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 23
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Schlaflosigkeit

Wer hätte ihn nicht schon einmal durchgekostet, diesen qualvollen Zustand der Schlaflosigkeit, dieser zwanghaften Höllenpassage durch das Dunkel der Nacht, wo man wie ein Ausgestoßener von dem Naturrecht der erquickenden Ruhe der schlummernden Umwelt so gottverlassen allein in die Finsternis starrt, hilflos, trostlos und bis zur Verzweiflung gepeinigt von den Kapriolen der Gedankenflucht, bei der Ernstes und Gleichgültiges hinter der brennenden Hirnschale Kobold spielen? Man fühlt sie deutlich wie ein Verhängnis, wie eine Schicksalsgefahr, diese Vorkost des Wahnsinns, diesen Fluch der dunkelsten Schatten, vertrieben zu sein aus der Paradiesesstille des heilenden, reparierenden, ausgleichenden, Kräfte schmiedenden und Lebensmächte sammelnden Schlafes. Denn das ist der Schlaf, den man eher den Vater des Lebens als den Bruder des Todes nennen sollte: ein Erlöser, ein Erquicker, ein Arzt sondergleichen. Nicht umsonst bevölkert die Volkssage die Nacht mit Heinzelmännchen und Hilfsgnomen aller Art, weil tatsächlich so etwas wie geheimes Segnen in Leib und Seele während des gesunden Schlafes am Werke ist in der Stille der Nacht. Um einige Ratschläge zur Bekämpfung des Schlafmangels geben zu können, müssen wir uns erst einmal klar werden, was eigentlich der Schlaf für eine sonderbare Natureinrichtung ist.

Gewiß, ein Teil des Kontrastes von Anspannung und Nachlaß der Kräfte, ein Teil der Gegensätzlichkeit, der Polarität, des Rhythmus alles Lebendigen. Ein Vorgang an unserem Seelenorgan, der ursprünglich genau gedacht ist als gleichzeitig mit dem Sonnenuntergang einsetzend und mit dem Sonnenaufgang weichend. Doch der Ergründer der letzten Erscheinungsformen des Lebens, der Arzt, der überall den Urphänomenen nachzuspüren allen Grund hat, weil nur hier, in der Kenntnis der Natur, die schöpferischen Hilfsquellen liegen, kann sich nicht dabei beruhigen, die Einreihung des Schlafes in die allgemeine Gesetzmäßigkeit des rhythmischen Lebens festzustellen, er muß die Frage wagen: was geschieht im Gehirn, dem alleinigen Sitz des Schlafes und der schlafähnlichen Zustände? Was ist das für ein Mechanismus, der solches Eindämmen des Bewußtseins bis zum Eindämmern hervorbringt?

Zahlreich sind die Theorien über die Natur des Schlafes, und leider ist die verbreitetste von allen, die der Ermüdung, zugleich auch die irrtümlichste. Nach ihr soll nämlich durch die intensive Muskelarbeit am Tage in den Muskeln eine Art Ermüdungsgift, ein Lethestoff, ein Selbstopium produziert werden, das eine Art Narkose der Hirnkuppeln erzeugt. Wo aber in aller Welt erzeugt der fast regungslose Neugeborene seinen noch vom Paradiese mitgenommenen Dauerschlaf, sein Schlafgift ohne jede Muskelaktion? Warum schläft andererseits der ewig unruhige, umherhastende, immer brabbelnde, agierende Greis mit seinen steten Muskelaktionen so wenig und so qualvoll schlecht? Woher ferner beziehen die Tiere mit Winterschlaf oder die seelisch Kranken mit schwerer Schlafsucht und mit Dauerschlaf ihr haftendes Ermüdungsgift?

Nein, diese Theorie ist nicht haltbar, sie ist eine falsche Analogie, ein schiefer Vergleich mit den krankhaften Schlafformen durch Gifte (Zuckerleiden, narkotischem Gift, Parasitengift usw.). Ist doch der ganzen Ermüdungstheorie ein schwer zu lösendes Rätsel entgegenzuhalten damit, daß die unaufhörlich vom ersten Keimen bis zum Tode schlagende Muskulatur des Herzens und die vom ersten Schrei bis zum letzten Stöhnen immer zuckenden und saugenden Muskeln der Atmung niemals ermüden, Pausen machen, aussetzen, ohne sofort das Leben zu gefährden. Warum ermüdet nur der bewußte Mechanismus, niemals der automatische des Leibes? Hier stimmt etwas nicht in der so weit verbreiteten Lehre der Ermüdung, und vor allem ist sie unhaltbar als die Quelle des natürlichsten Vorganges, des Schlafes, der mit ihr zu einem halbkranken Zustand umgedeutet wird, er, das Urphänomen der Gesundheit! Der Schlaf ist überhaupt nichts Passives, dem Absinken und Nachlassen der Lebenserscheinungen Zugehöriges, er ist mit seinem Eintritt, mit seiner Reparaturfähigkeit, seinem mächtigen Ausgleich der Störungen etwas durchaus Aktives, Schöpferisches, Handelndes und sich in allen Winkeln des Lebendigen Betätigendes. Er ist eine geradezu elektrische Einschaltung der Hemmungen des bewußten Lebens, eine aktive, rhythmische Abkurbelung des Bewußtseins für Raum und Zeit, eine temporäre Dämpfung des Situations- und Zeitbewußtseins. Noch niemals hat jemand im Traum, diesem holden, farbigen Schatten des Schlafes, eine Postkarte mit Datum und Ortsangabe geschrieben, d.h. niemand weiß im Traumschlaf etwas von Datum, Jahreszeit, Geographie. Da alle diese Orientierungen im Großhirn liegen, so muß dieser Dämpfer des Bewußtseins, dies Sordino der wachen Hirntasten aktiv beim Eintritt des Schlafes im Großhirnrindengebiet seinen Angriff nehmen. Es ist ein elektrischer Isolationsmechanismus, der wie mit einer Kurbeldrehung am Blutgefäßsystem eingreift, um die Ganglienglöckchen im Gehirn mit dämpfenden Tarnkäppchen zu überziehen. Es sind der Sonne Strahlenfinger, welche diese elektrischen Züge bewegen. Greifen sie an mit Sonnenaufgang, so werden die Lebensglocken frei, ziehen sie sich zurück mit Sonnenuntergang, so setzt der Schalldämpfer des Schlafes ein. Das ist die auch dem Laien begreifbare natürliche Theorie des Schlafes, und ihr Mechanismus ist bis ins feinste Detail von Schlaf und Traum erkennbar. Wer sich dafür interessiert, den muß ich schon bitten, in meinem Buche »Von der Seele« (S.Fischer, Berlin) die betreffenden Kapitel nachzulesen.

Damit ist die Anschauung begründet, daß fast alle Menschen unnatürlich schlafen, weil sie dem Rhythmus der Natur (Sonnenauf- und -niedergang) entglitten sind. Sie haben den Sonnenschein verlängert durch ein ihr gestohlenes künstliches Licht, und Gardinen, Vorhänge und Fensterverdunkelung sperren der weckenden Sonne den Weg. Die Hirnfüllung der Hemmungsblutgefäße bleibt aus am Abend, weil künstliches Licht die Hirnadern nicht überfüllen läßt. Es ist wichtig zu wissen, daß Schlaf die Folge aktiver Blutfülle ist, daß im Wachen das Spiel der Gedanken an den wechselnden Reizzustand der pulsenden, strömenden Blutäderchen gebunden ist. Alle Blutleere im Gehirn gibt Unruhe, Tätigkeit, Gedankenspiel, jede dauernde Fülle Ruhe, Müdigkeit, Apathie, und nur in tieferen Gehirnzonen spielt im Traum die Seele, das Ich seine automatischen Reigen.

Wer also nicht schlafen kann und alle Qualen des gepeitschten Aufruhrs der Umkehr dieser Lebensordnung durchkosten muß, werde ein gehorsamer Sohn der Mutter Natur: er steige ins Bett mit Sonnenuntergang und erhebe sich mit ihrem Aufgang. Er passe den verschobenen Rhythmus der Kultur wieder dem ehernen Gang der Natur an. Er wache lieber noch im Bett bis Mitternacht und suche mit aller Energie seine Kulturverwöhnungen zurückzuschrauben. Mit der Natur im Einklang sein und bleiben, das muß zur Gesundheit führen. Er versuche die Gedankenflucht zu bekämpfen mit selbsterdachten Illusionen, er soll ein Dichter sein vorm Einschlafen, sich frei erschaffenen Begebenheiten, Romanen, Erfindungen ganz ergeben. Die Illusion, die Dichtung ist eine Brücke zum Traum und halb träumen heißt halb schlafen. Darin kann man es durch Übung zur Virtuosität bringen. Ich persönlich schlafe nie, ohne zu dichten. Es hört und sieht ja niemand, was wir im Vortraum für uns selbst gestalten. Auch Zählen, in Gedanken Lieder hören, Komponieren, Spiele spielen hilft, weil es das Gedankenchaos einengt und die Hirnhemmung einen Gedankenstrang leichter abstellen kann als ein Netz von irren Ideenfäden. Dazu bewirke man am Morgen schon eine sprungbereite Elastizität seiner Blutadern durch Frottieren der Haut (am besten Marmorstaubseife), weil die mechanische Irritation der feinsten Blutadern, die sie gleichsam zu mikroskopischen Turnübungen anregen, dem Spiel der Hirnhemmungen ganz gewaltig zu Hilfe kommen.

Man lasse sich kämmen von sympathischer Hand, die Stirne streicheln vor dem Einschlafen, man nehme eine schnelle kalte Abreibung oder ein heißes, lange ausgedehntes Bad (eine halbe Stunde lang), man wickle fest die beiden unteren Extremitäten ein mit leinenen Binden – das alles sind Mittel, die Hirnfunktion zum Eintritt der Schlafhemmung vorzubereiten. Vor allem esse man abends nichts über drei Stunden vorm Schlafengehen und nur leichte, möglichst flüssige Speisen. Manchem hilft ein Glas schweren Bieres, erst im Bett getrunken (sonstige Abstinenz vorausgesetzt), auch die ätherischen Öle von Obst (Trauben, geschabter Apfel) tun Dienste. Schlafmittel sind nur im Notfall und unter ärztlicher Kontrolle zu nehmen. Wir sind im Besitz ausgezeichneter, moderner, fast nachwehenfreier Hilfsmittel. Ich nenne das Medinal (Schering), das Veronalnatrium (Merk) – reines Veronal kann schwer erregen – und das Adalin. Sie haben, alle drei bis vier Tage genommen, nicht nur die Kraft, wahrhaft erquickenden Schlaf zu erzeugen, sondern wirken auch unter ärztlicher Obhut, in Pausen verordnet und langsam wieder entzogen, entschieden regulierend auf den gestörten Schlafrhythmus ein. Hier ist der Arzt, wie nirgends sonst, im Bunde mit der Natur, und ihre Phänomene kennen heißt ihren schöpferischen Segen zum Wohle der Leidenden entfalten.

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