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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 22
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Entfettung

Im Berliner Tageblatt Nr. 172, 6. April 1913 (dieses politische Blatt scheint für medizinische Fragen ein überaus lebhaftes Interesse zu haben), hat der Hallenser Privatdozent Max Kauffmann eine neue, von ihm gefundene Methode der Entfettungsmöglichkeit des menschlichen Körpers auf chemisch-physilalischem Wege lebhaft verteidigt und damit natürlich eine große Aufregung in Ärzte und Laienkreise getragen. Man denke sich die köstliche Einfachheit dieses Verfahrens: ohne jede Hunger-, Durst- oder Diätkur wird eine Lösung eines kolloidales Palladium (ein Metall in einer leimartigen Aufschwemmung) genannten Präparates unter die Haut gespritzt in Mengen von 50 bis 100 Milligramm, und sogleich beginnt das Fett – dieser von unserer lilienschlanken Jugend bestgehaßte Körperbestandteil – zu schmelzen in Mengen von 2 Pfund an einem Tage! Auf diese bequeme Weise war in kurzer Zeit ein Gewichtsverlust bis zu fast 40 Pfund zu erreichen. Kauffmann betont hierbei, daß dieser Gewichtsverlust ohne jede Beschwerde, ohne jede Störung des Wohlbefindens – wie das anderen Methoden der Entfettung leider so oft anhängt – vor sich gehe, ja daß sogar ein gesteigertes Gesundheitsgefühl (Euphorie) dabei aufzutreten pflege. Leider hat sich herausgestellt, daß das Palladium an der Stelle der Injektion große schwarze Metallflecke von bläulichem Schimmer hinterläßt. Die Entfettung ist aber in vielen Fällen bestätigt.

Da wir es uns in diesem Buche zur Aufgabe gemacht haben, die oft sehr komplizierten neuen Theorien und Gepflogenheiten der medizinischen Wissenschaft dem Verständnis des wißbegierigen Laien näherzurücken, will ich einmal die Möglichkeit eines solchen Verfahrens und damit verbunden das Wesen der methodischen Entfettung überhaupt etwas näher beleuchten. Unser unmittelbar unter der Haut gelegenes Körperfett gehört zu den primitiven Geweben: es ist sehr wenig kompliziert gebaut und stellt ein einfaches, großes Trikotnetz aus Waben dar, deren mehr oder weniger pralle Füllung mit weißgelblicher öliger Masse die größere oder geringere Dichte unserer Hautunterpolsterung ausmacht. Diese in beträchtlichem Grade von seiner Wasserfüllung abhängige schwankende Dichtigkeit und Prallheit macht das sogenannte Unterhautzellgewebe im äußersten Maße geeignet, den inneren Bildhauer alles dessen zu spielen, was wir schöne Form, schöne Linien, Weichheit der Konturen usw. nennen. Es liefert die sanft geschwungenen Übergänge zwischen den Muskelleisten; es läßt die Lücken frei zu anmutigen Grübchen und gibt der elastischen Hautdecke jene strotzende Festigkeit, die zum Eindruck des Gesunden und des Jugendlichen unerläßlich ist: erst sein Schwund bedingt Runzeln, Falten, Welkheit und damit den Eindruck von Krankheit, Leid und Alter. Zugleich aber ist das Fettgewebe eine Art Reservespeicher für Nahrungsmaterial, Flüssigkeits- und Säftebetrieb, der in verfeinerter Weise dem ähnlich ist, was wir bei unseren vermeintlichen Stammvätern »Backentaschen« nennen. Dieses Reservematerial darf natürlich nicht überspeichert werden, es darf nicht Zweck der Nahrungsaufnahme sein, einzig seiner Aberfülle zu dienen. Das ist in zweierlei Formen möglich, die beide eben zu dem führen, das durch alle Entfettungskuren bekämpft werden soll: zu der Fettsucht. Sie entsteht erstens durch Überernährung (es gibt ebenso eine Eßsucht wie eine Trunksucht), bei der mehr aufgenommen wird, als zur Deckung der Stoffwechselbildung erforderlich ist. Zweitens durch einen direkt krankhaften Stoffwechselvorgang, bei dem fast die gesamte Nahrungsaufnahme restlos in die Fettreservoire geleitet wird, ohne im geringsten zum Aufbau des Körpers verwendet zu werden. Der erste Fall ist der der gewohnheitsmäßigen Überernährung, der zweite der der krankhaften Umwandlung fast alles Nahrungsstoffes in Fett und damit exzessiver Füllung des Fettgewebes. Der ersten Form kann man steuern durch Mäßigkeit, Hungerkuren, Durstkuren, einseitige Ernährung. Alle Entfettungskuren gipfeln in dem Vorgang der Aufzehrung des Reservefettpolsters. Hungern heißt sich selbst aufessen. Dabei werden natürlich die Reservespeicher zuerst geleert. Hungert man, so schmilzt das Fett ein, um die Stoffwechselausfälle zu decken. Dürstet man, so wird dem Fett sein Wasser entzogen; das Fett wird automatisch leergepumpt, das Fettgewebe sinkt ein: der Mensch wird magerer. Gibt man einseitige Nahrung (solche, die nicht im Verhältnis von 1 Teil Eiweiß zu 3 Teilen mehl- oder zuckerhaltigen und ¼ Teil fetthaltigen Substanzen steht), z. B. nur Fleisch oder nur Kartoffeln, nur Milch, Joghurt oder nur Speck oder nur Eier, so muß der in solch einseitiger Nahrung gerade jetzt im Kriege fehlende Bestandteil der heiligen Nahrungsdreiheit (Eiweiß, Kohlehydrate, Fette) vom Körper selbst gedeckt werden; er holt ihn sich aus dem eigenen Fett. Also auch jede einseitige, zu Entfettungskuren verordnete Ernährung ist eine maskierte Hungerkur. Der Hunger kommt im Inkognito eines meinethalb reichlichen, aber unzulänglichen Nahrungsmittels. Man kann z. B. den ganzen Tag Kartoffeln in allen nur möglichen Formen en masse genießen (als Pellkartoffeln sogar mit Fett, Bratkartoffeln, Kartoffelpuffer, Kartoffelsalat, Quetschkartoffeln, Klöße, Croquettes, Pommes frites in zehn verschiedenen Formen) – es bleibt immer ein Eiweißausfall übrig, weil die Kartoffel an Eiweiß nur sehr wenig enthält. Dieser Ausfall wird aus dem Fettgewebe geholt, und der Erfolg ist Abmagerung trotz reichlicher Mahlzeiten durch einen Kniff, den Hunger zu stillen und doch langsam zu verhungern.

Diese Form der Entfettung nutzt aber gar nichts bei pathologischer Fettsucht, bei der auch diese Nahrung prompt in Fett verwandelt wird. Hier spielt ein sogenannter Hemmungsvorgang die Hauptrolle. Die natürliche Verbrennung des Fettes zu Wasser und Kohlensäure ist gehemmt. So muß alle Nahrung unverbrannt als verharrendes Fett aufbewahrt werden. Solche Hemmungen pathologischer Art sind nicht ohne Beispiel. Bei Fortfall der Zirbeldrüse, ihrem angeborenen Defekt oder ihrer Verkümmerung wächst das Knochengewebe ins Riesenhafte, bei Fortfall der Schilddrüse verdummt das Gehirn, bei solchem der Bauchspeichelfunktion bleibt der Zucker im Körper unverbrannt (Diabetes), bei Fehlen der Eierstocksäfte im Blut entsteht das ganze Heer seelisch-physischer Kurzschlüsse, die unter dem nichtssagenden Namen »Hysterie« zusammengefaßt werden – kurz, irgendeine Störung in einem bisher nicht völlig aufgedeckten Stoffwechselmechanismus bringt es zuwege, daß bei der pathologischen Fettsucht das Fett nicht oder nur unvollkommen verbrannt wird – wie das z. B. auch der Alkohol zuwege bringt, der den Säufer deshalb so korpulent macht, weil er ein Wärmesparer ist, d. h. die Verbrennungsprozesse im Körper (Oxydation) hintan hält oder hemmt. Nun kommen wir zum Kern der Frage. Die natürlichste Form der Entfettung ist eine Steigerung der inneren Verbrennung des Fettes durch erhöhte Sauerstoffaufnahme. Darum entfettet Sport, Muskelarbeit, gesteigerte Bewegung, aktive Massage, Turnen, Atemübungen (bei angezogenen Knien!), Massage auf der Höhe forcierter Atmung nach Anstrengungen, weil sie alle die Sauerstoffaufnahme steigern und damit das leicht entzündbare Fett (es rostet wie Eisen und schmilzt im Sauerstoff wie Natrium oder Kalium) zu Kohlensäure und Wasser verflüchtigen und verflüssigen. Man müßte auch wohl durch systematische Kältekuren viel erreichen können, weil ein öfter eintretendes Frieren unsere Sauerstoffaufnahme erheblich steigert: wie ja auch kalte Bäder und kalte Abreibungen, dünne Kleidung sicherlich jede Entfettungskur kräftig unterstützen.

Hier, bei der gesteigerten Verbrennung des Fettes durch Sauerstoff, setzte Kauffmann mit seinen interessanten Versuchen ein. Er nahm mit viel Berechtigung an, daß bei der Fettsucht die Verbrennungskraft (Oxydation) des Organismus gestört sei, und glaubt sie ersetzen oder steigern zu können durch Einführung eines sogenannten Katalysators, eines Kupplers zwischen Sauerstoff und Fettgewebe, eines chemisch »physikalischen Brandstifters in den Reservescheunen der deponierten Nahrung, und fand einen solchen in dem sogenannten kolloidalen Palladium, das in der Form des paraffinlöslichen Palladiumhydroxyduls dem Kreislauf einverleibt wird. Es ist nicht undenkbar, daß das Palladium gerade eine solche fettauflösende Macht besitzt, wie es tatsächlich etwa das kolloidale Platin auf die roten Blutkörperchen hat, oder das Fribolysin und das Thiosiamin auf die festen Bindegewebsbündel in Narben; auch von Arsenik kennen wir solche Sondervorliebe chemischer Stoffe für bestimmte Körpergewebe. Diese Lieblingsaffinitäten chemischer Individuen zu bestimmten Zellbestandteilen spielten in der Erforschung des toten Zellmaterials in der Bakteriologie und Anatomie als Erkennungsmittel geweblicher Bestandteile längst eine sehr bedeutende, ja herrschende Rolle: jetzt beginnt eigentlich, mit Ehrlichs Salvarsan erst lebensfähig geworden, eine neue Ära der Heilmittellehre: nämlich die von der Vorliebe der chemischen Körper für ganz bestimmte belebte Zellen. Es scheint, daß jene etwas wie Wahlverwandtschaft nicht nur unter sich, sondern auch zum Lebendigen besitzen! Sie suchen, wie Menschenseelen, unter der Masse des wimmelnden Lebens ihre Lieblinge.

Die Hoffnungen Kauffmanns sind leider nicht ganz in Erfüllung gegangen. Obige Plauderei erschien im April 1913. Diese Anmerkung schreibe ich im September 1916. Es scheint, daß dieser gewaltige Krieg für die Ärzte etwas erfüllen will, nach dem sie sich lange gesehnt, nämlich eine allgemeine Entfettung der Nation herbeizuführen. Wie läßt doch Shakespeare Points sagen? »Das ist der Humor davon!«

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