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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 21
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
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Die Seekrankheiten

Seekrankheit! Ein Wort des Schreckens für die Unglücklichen, die es aus Erfahrung wissen, daß es eine geheime Beziehung zwischen ihrer Menschennatur und dem Locken der Wogenschaukel der Urmutter See gibt, und für alle, welche, zum ersten Male den Boden »ohne Balken« betretend, abwarten, wie ihr Körper sich zu dem Auf und Ab, dem Hin und Her der rollenden Wiege verhalten wird! Ein Wort voll wissenschaftlicher Probleme wegen des lange noch nicht genügend aufgehellten Mechanismus dieser eigentümlichen Reaktion des Leibes (Erbrechen auf Gleichgewichtsschwankungen) und ein Wort des leisen Spottes für jene, denen die Natur es erspart hat, wegen des bißchen Schaukelns ihr Inneres gleichsam nach außen zu kehren.

In der Tat, die Seekrankheit ist eine rätselvolle Krankheit. Das Erbrechen, dies stoßweise Leerpumpen von Magen und Darmanfang durch die Bauchpresse und den Zwerchfelldruck, die rhythmisch den Magendarmballon wie Fäuste einen Gummiball auspressen, ist eine gewiß merkwürdige Antwort auf rein mechanische Bewegungsstörungen. Denn die Entleerung der Eingeweide pflegt sonst nur bei direkter Reizung der Magennervenfasern oder des Gehirns durch Gifte oder mechanische Belastung einzutreten; hier aber erscheint es als ausgelöst durch ungewohnte Bewegungen, die nichts mit dem Verdauungsapparat zu tun haben. Gewiß ist es paradox, daß der Mensch sich freiwillig Bewegungen aussetzt, für die er nicht oder unvollkommen von der Mutter Natur ausgestattet ist; sie war gleichsam nicht darauf gefaßt, daß ihr Sorgen- und Lieblingskind so tollkühn werden würde, sich freiwillig zeitweise den Boden unter den Füßen wegzuziehen und mit Wellen und Winden (Aeroplan!) ein Spiel zu wagen. Diese Nichtanpassung des Menschen an die extremsten Gleichgewichtsstörungen ist also sicherlich die eigentliche Ursache der Seekrankheit. Zum Belege ziehen wir e contrario sogleich die eigentümliche Tatsache heran, daß kein Vogel, kein Säugling und kein Neugeborener seekrank wird, die ersteren, weil die Natur sie in der Tat für Gleichgewichtsparadoxien eingestellt hat, und die beiden anderen, weil sie eben noch vom Mutterleibe her durch Eigenbewegung und Bewegungdulden, später durch Wiegen, Schütteln und Heben im Steckkissen für schnelle Lagewechsel angepaßt waren. Daraus würde folgen, daß auch der Erwachsene imstande sein muß, die Krankheit durch Übung zu überwinden; die Pausen dieser großstiligen Turnübungen dürfen nur nicht allzu große sein. Das beweist die Geschichte fast aller Seemänner, die ihren Tribut an den Wassertyrannen schon längst hinter sich haben. Noch andere Glückliche allerdings sind von der Natur von vornherein »schwebungsfähig« eingestellt, sie sind gleichsam immun gegen das Gift rhythmischer Gleichgewichtsstörungen. Was schützt die einen, was reißt die anderen fort? Die Stille einer prachtvollen Meerfahrt auf »Gertrud Woermann« gibt mir die Gelegenheit, einmal über dies Leiden zu plaudern.

Es ist nichts anderes möglich, als anzunehmen, daß die rhythmisch schwebende, stoßende, ruckende und prallende Gleichgewichtsstörung etwas enthält, das nur der Erzeugung der Elektrizität durch Reibung vergleichbar ist. Die gleichmäßigen Schläge etwa des Fuchsschwanzes über die bekannte Harzplatte (Physik unserer Schulstuben!) erzeugen schließlich auch erhebliche elektrische Ladungen. Ähnlich fügt Stoß auf Stoß, jedes Auf und Ab des Schiffes Reiz auf Reiz in unsere Nervenleitung, diese allmähliche Ansammlung von mechanischen Spannkräften führt schließlich zu einer Art »Explosion«. Das ist meines Erachtens der theoretische Sachverhalt. Reizung des Brechnerven ( Nervus vagus) oder seiner Telephonzentrale im Gehirn durch irreguläre Pendelschwingungen. Es liegt in der Natur jeder Nervenerregung, daß gewisse Widerstände einen Teil der Reize von ihrer Schwelle fernhalten, erst das Überschreiten dieser »Reizschwelle« führt zu einer Explosion, die man gemeinhin »Reflex« nennt. Seekrankheit ist der Reflexschluß am Brechzentrum durch rhythmische Reizungen. Diese Reizungen könnten von den Eingeweiden, vom Gehirn, vom Auge, vom Ohrinnern, von den Muskel- und Ortssinnen, ja von der Seele selbst ausgehen, und wir verstehen mit einem Male, daß die Seekrankheit so vielgestaltig sein kann, wie es Reizmöglichkeiten des Brechzentrums gibt, daß also die Seekrankheit eigentlich gar nichts mit See oder Wasser zu tun hat, sondern nur mit rhythmischen Gleichgewichtsverschiebungen, wie sie auch beim Fahren (Eisenbahn), Rutschbahn, Schaukel, Kamelreiten, Aeroplan usw. entstehen können, bei denen sämtlich Seekrankheit ohne See vorhanden sein kann. Der Nervus vagus ist der Brechnerv. Er kann durch die rhythmischen Stöße des im Schädel allzu beweglich gelagerten Gehirns mechanisch gereizt werden, daher: 1. Seekrankheit wegen Schwingungsstößen am Brechnervenaustritt aus dem Gehirn. Durch zu lange Aufhängebänder des Magens und der Därme Wackeln der Eingeweide und Reizung der Enden des Brechnervens: folglich 2. Seekrankheit durch Pendelbewegungen der Eingeweide. (Das ist auch der Grund des Nichtrückwärtsfahrvermögens in der Eisenbahn mancher Individuen.) Die Unterleibsorgane (Leber, Gebärmutter, Dickdarm, Blase) sind abnorm beweglich oder zu schwer. Ihre rhythmischen Stöße reizen gleichfalls die Brechnervenden: also 3. Seekrankheit durch Pendeln der Unterleibsorgane.

Unser Unterleib hat überhaupt eine Art von Gleichgewichtssinn (bei Katzen enthält das Bauchfell Millionen von Nerven und Gleichgewichtstastkörperchen), was beim Schaukeln am unangenehm schneidenden Gefühl in der Schamgegend auch uns bemerkbar wird. Die Ganglien des Bauchfells machen rhythmisch erschüttert die Vorbereitung zum Reflexkrampf am Brechzentrum, daher 4. Seekrankheit durch Reizung des Bauchgleichgewichtsgefühls.

Solch ein Gleichgewichtsgefühl liegt auch in der Tiefe des knöchernen Gehörorganes, von wo direkt der Ortssinn dirigiert wird; rhythmische Reizungen dieser mit Lymphe gefüllten »Halbzirkelkanäle« lösen im Brechzentrum den Reflexkrampf aus: also 5. Seekrankheit durch Reizung der Nerven des Orientierungsapparates in den Halbzirkelkanälen des Ohrs. Die Erschütterung des Gehirns selbst kann ferner durch dauernde rhythmische Bewegungsstöße zu einer plötzlichen krampfartigen und extremen Blutleere des Gehirns führen (Alberts Hämmerversuche am Tierschädel). Extreme Blutleere ist aber identisch mit Reizung der Lebenskerne des Nervus vagus, der gleichzeitig Brechnerv ist. 6. Ferner Seekrankheit durch reflektorische Blutleere des Gehirns als Folge der rhythmischen Erschütterung des Gehirns selbst oder der Reizung des Augennerven. Solche Gefäßkrämpfe können aber auch von der Haut von den Gefäßnerven selbst ausgelöst werden. Nehmen wir dazu noch die Fälle, bei denen allein Furcht und Abscheu Erbrechen erzeugen, so haben wir die stattliche Anzahl von etwa acht bis neun verschiedenen Gründen der Seekrankheit angeführt. Daraus folgt unmittelbar, daß es kein universelles Mittel gegen die Seekrankheit geben kann, ein Mittel, das gegen jede Form der Seekrankheit schützen könnte, weil von zehn seekranken Menschen jeder aus einem anderen Grunde seekrank werden kann und ein Heilmittel sich unbedingt nicht nur an die Symptome, sondern an die letzten Ursachen wenden muß, um zuverlässig zu sein.

Ein meisterhafter Kenner der Seekrankheit müßte allerdings imstande sein, in jedem Falle herauszufinden, welche der angeführten Ursachen im Einzelfalle vorliegen, und müßte danach seine Maßnahmen treffen.

Die Aufgabe der Schiffsärzte bei Seekranken muß es sein, nach zwei Richtungen zu wirken, unter zwei großen Gesichtspunkten zu handeln. Erstens bei erfahrungsgemäß Disponierten oder Verdächtigen mit den ersten Symptomen die Reizbarkeit des Gehirns und der Nerven herabzusetzen. Es gibt auf diese Weise eine heilsame Vorkehr zur Verhütung der Seekrankheit, indem man den schon öfter seekrank Gewesenen und den Neulingen und unsicheren Kantonisten zur See von vornherein die Hemmungen gegen die stoßweisen elektrischen Ladungen der Nerven, die zum Brechzentrum leiten (so definierten wir die Wirkung der Gleichgewichtsschwankungen), verstärkt. Dazu ist meiner Erfahrung nach, die ich im Vorjahre auf einem Dampfer von Abo (Finnland) nach Stockholm machte, am besten das Veronalnatrium (Merck) oder das identische Medinal (Schering) geeignet.

Man gebe schon beim Beginn der Fahrt den Verdächtigen und Furchtsamen eine halbe Tablette dieser Präparate, also 0,25 Veronal. Auch eine Aspirintablette wirkt in derselben Richtung, nämlich der Herabsetzung der Reizbarkeit der stoßweise irritierten Nervenendigungen. Natürlich kann auch Morphium oder Opium in kleinen Dosen zu diesem Zwecke verwendet werden. Der andere Gesichtspunkt ist erheblich schwerer einzuhalten. Wir sagten: ein Kundiger müßte imstande sein, herauszufinden, welche von den verschiedenen Ursachen im gegebenen Falle die Explosion der Magen- Zwerchfellpresse veranlaßt hat. Wir zählen die Ursachen hier noch einmal kurz auf: relativ zu großer Schädel, direkte Reizung des Brechnervenaustrittes aus dem Gehirn; zu lange Aufhängebänder des Magens, des Darmes, der Leber, des Uterus respektive zu große Schwere dieser Organe; Reizung der Sehnerven; Reizung des Gleichgewichtszentrums vom Ohrinnern her; Reizung der Vasomotoren der Haut; Gefäßkrampf; Herzatonie, Elastizitätsnachlaß der Herzmuskulatur, Absinken des Blutdrucks. Um mit den erfolgreichsten Mitteln zu beginnen, muß gesagt werden, daß alle Passagiere mit schwachen und matten Herzen, auch den sogenannten neurasthenischen Herzen, mit einer abnormen Dehnbarkeit der Herzwände etwas tun müssen, um den Blutdruck, d. h. den Druck der Herzpumpe, zu erhöhen. Bei vielen genügt dafür ein gutes Frühstück mit einem Gläschen Kognak oder Portwein, anderen tun Baldriantropfen gut, und am wirksamsten dürfte das Validol sein (10 bis 15 Tropfen beim ersten Unbehagen zu verabfolgen). Wohlgemerkt kann diese leichte Anfeuerung des Herzens nur da von Nutzen sein, wo eine Störung der Zirkulation (des Blutumlaufs) die Disposition zur Seekrankheit (durch Gefäßkrampf und folgende Blutleere des Gehirns) abgibt. Derartige Individuen müssen jedenfalls bei hohem Seegang flach gelagert bleiben mit niedrig liegendem Kopf. Zur Kompensation der Reizungen der Bauchorgane, die an ihren Aufhängebändern alle Bewegungen des Schiffes mitmachen, empfiehlt es sich dringend, feste Gurte, Binden und Leibbandagen, Kissen, die ziemlich fest über den Leib geschnürt werden müssen, zu tragen. Dadurch werden die schwappenden Stöße der Eingeweide gehemmt und die eventuell zu schweren Unterleibsorgane festgestellt. Auch hier natürlich ist die flache Rückenlage die geeignete Lagerung. Es ist eine von mir auf den Rutschbahnen gefundene und von vielen bestätigte Tatsache, daß die unangenehme Sensation des Kopfüber-in-die-Tiefe-Rutschens nicht empfunden wird, wenn man vor dem Abstieg tief Atem holt und den Atem während des Hinuntersausens fest anhält. Es scheint, als wenn die Atemstauung die Reizbarkeit des Nervus vagus, des Übermittlers aller dieser unangenehmen Sensationen bei Schwerpunktsschwankungen, herabsetzt. Diese Erfahrung kann man sich bei Seefahrten zunutze machen, indem man versucht, die Senkung des Schiffes mit einem Innehalten des Atems und seine Hebung mit tiefem Einatmen zu beantworten. Gelingt es, den Atmungsrhythmus so dem Wellenrhythmus anzupassen, so kann man sich beschwerdefrei erhalten. Auch die schon Liegenden sollen darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie ihre Atemzüge in eben geschilderter Weise dem Heben und Sinken des Schiffes anzupassen haben. Ein vorzügliches Mittel gegen Seekrankheit (das wie ein homöopathisches anmutet) ist das Bad, man spielt das Wasser gegen das Wasser aus. Es ist noch niemals beobachtet worden, daß ein Schwimmender, noch so sehr von den Wellen hin und her Geworfener seekrank geworden wäre, und ich habe es von Schiffsärzten bestätigt gefunden, daß der Aufenthalt im Bade vorzüglich wirke, vielleicht weil das Wasser in der Badewanne die Stöße in umgekehrtem Sinne beantwortet und die Schwebungen somit kompensiert werden, wie das jetzt durch Erfindung der elektrischen Kompensation der Stöße in den Schlingertanks innerhalb der Schiffskabinen in großem Stile erprobt worden. Führen diese Versuche zum Ziel, so ist die Seekrankheit für jeden aus der Welt geschafft, der sich den Luxus einer Antischlingerkabine gestatten kann. Die größere Majorität der armen Teufel wird nach wie vor auf gut Glück und ihren besten Freund, den Schiffsarzt, angewiesen bleiben.

In schwersten Fällen sah ich große Erfolge nach Mißlingen eines Einschläferungsversuches durch größere Dosen Veronal oder Medinal, von energischen Morphiumdosen und schließlich von der Narkose mit einem Siedegemisch, wobei der etwa zwanzig Minuten währenden Narkose in fast allen Fällen ein mehrstündiger Schlaf folgt. So heroische Mittel sind natürlich nur dann geboten, wenn es sich um ganz schwere Fälle handelt, bei denen Lebensgefahr droht. Freilich dürften diese Fälle sehr selten sein.

Eigentümlich ist, daß die Seekrankheit in den höchsten Stadien eine direkte Ähnlichkeit mit der Cholera annimmt: das ist die schließlich absolute Apathie, die stumpfe Gleichgültigkeit gegen alles, was geschehen könnte: Scham, Scheu, Würde, Majestät, alles geht dahin, und Tod und Hölle haben keine Macht mehr über die durch den Würgengel solcher Art fast erstickte Seele.

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