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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 20
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Selbstvergiftung

Selbstvergiftung! Welch ein eigentümlicher Begriff unserer modernen Medizin! Entgegen jedem bewußten und unbewußten Instinkt der Selbsterhaltung, diesem mächtigsten Waffenschutz im Kampf der Lebewesen um ihre Erhaltung und Höherentwicklung, soll es eine Störung des rein physischen Lebens im Einzelorganismus geben, die Vernichtung gleichsam aus sich selbst anstrebt! Denn nicht von jenen Formen der Vergiftung soll hier die Rede sein, wo Lebensangst und zertrümmertes Lebensglück die kampfesmüde Hand der Flasche Lysol – diesem modernen Selbstmordelixier – immer näher bringt, sondern von einer ganz unbewußten, unwillkürlichen Produktion eines solchen inneren Vernichtungssaftes, den die in irgendeiner Form aus dem harmonischen Gleichtakt gebrachte Lebensmaschine in sich selbst an irgendeiner Stelle bereitet mit der Bedrohung, das ganze Räderwerk zum Stillstand zu zwingen. Wie wunderbar! Nachdem man sich fast mit dem Gedanken abgefunden hatte, daß fast alle Krankheitsursachen der Invasion irgendeines äußeren Feindes aus dem Heerschwarm der Millionen Arten von Bakterien stammten, hat man einsehen müssen, daß es auch Betriebsstörungen im Stoffwechsel gibt, bei denen das Gift im eigenen Leibe, mitten in der Harmonie der einzelnen, sonst nur auf das Gesamtwohl eingestellten Organsysteme bildet. Der Vater dieses Gedankens ist mein alter, hochverehrter Lehrer Hermann Senator, ein großer Arzt und das leuchtende Vorbild eines Klinikers von altem Schrot und Korn, gleichgroß an Menschenmilde und Geisteswissen, der diesem Krankheitsbilde schon um 1896 herum forschend nahetrat. Seitdem ist dieser Begriff der autochthonen Intoxikation, das heißt der Giftbildung des Leibes aus sich heraus, zu einem eigenen Lehrgebäude herangewachsen. Ist das nun der Ausfluß eines dunklen Instinktes der Selbstvernichtung, der, wie mir scheint, unter den Lebewesen dieselbe Gewalt wie sein über die Maßen populärer Zwilling, die Selbsterhaltung, beanspruchen darf (man denke nur an die Berauschungsgifte Nikotin, Alkohol, Opium und die ekstatische Vergnügungssucht!), oder ist es die Folge einer allzuweit von der Natur abweichenden Lebensweise? Oder ist die Selbstvergiftung gar ein Teil ökonomischer Arbeit des Todes, dieses grandiosen Ordners des Lebensbestandes? Halten wir uns zunächst an das Tatsächliche. Wenn ein Kindchen unter der Einwirkung von Bakterien einen schweren Magendarmkatarrh bekommt und nun durch Giftwirkung der gebildeten abnormen Zersetzungsprodukte im Verdauungskanal und deren Übertritt ins Blut stirbt, so endet das junge Leben durch eine Vergiftung, aber diese Vergiftung stammt von der Tätigkeit der unglücklicherweise zur Entwicklung gelangten Bakterien. Das ist keine Selbstvergiftung. Aber es gibt nach Finkelstein sogenannte Nahrungsselbstvergiftungen, die unter choleraartigen Symptomen bei Kindern auftreten ohne Zutun von Bakterien, die ganz allein durch eine fehlerhafte Verdauung zustande kommen und die oft mit einem Schlage gebessert erscheinen, wenn die Quelle der Krankheit, die an sich unschädliche Nahrung, für einige Zeit entzogen wird, und sofort wieder sich einstellen, wenn von neuem jene erste Nahrung verabreicht wird. Ein beachtenswerter Hinweis, bei jeder schwereren Verdauungsstörung der Kinder vor allen Dingen an die Stelle der Nahrung indifferente Flüssigkeiten, ein bißchen Schleimsuppe, Sagoschleim usw. zu setzen! Hier muß allein irgendein Ausfall sonst wirksamer Säfte der Verdauung die Ursache der Erkrankung sein. Das ist ein Typus für alle derartigen Selbstvergiftungen, zu denen das ganze Heer der nervösen Verdauungsstörungen mit ihren Symptomen, Unbehagen, Benommenheit, Kopfschmerzen, Hypochondrie, Reizbarkeit, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, gehören. Dazu kommen die Zuckerkrankheit, gewisse Formen von Krämpfen, die Harn- und Gallenvergiftung im Blute, die Glotzaugenkrankheit (Basedow), die Nebennierenauszehrung (Addisonsche Krankheit), die Hautschleimsucht (Myxödem), das zirkuläre Irresein, gewisse Formen der Epilepsie und der vulgären Hysterie bei Mann und Weib. Gewiß ein buntes Gemisch von Krankheiten, die aber alle eine Wesensgleichheit besitzen. Von dieser soll nun die Rede sein.

Im Körper gibt es eine Gruppe von Eiweißstoffen, die in der Mitte stehen zwischen chemischen Körpern und belebten Wesen, rätselhafte Gebilde von einem Heinzelmanncharakter emsiger chemischer Lebensarbeit. Sie sind die Träger chemischer Lebensenergien von einer Kunstfertigkeit, die den Geist der größten Chemiker in den Schatten stellt. Das sind die Fermente, die man mit Willen und Zielstreben behaftete lebendige Säfte zu nennen versucht ist. Lebende Flüssigkeiten mit Wahlvermögen und Pflichtbewußtsein, mit Sinn für Stellvertretung und Ordnung im Haushalt, etwa Betriebsdirektoren großer Genossenschaften vergleichbar. Ihre Domäne sind die Verdauungssäfte, im Speichel beginnend; im Magen, im Darm, in den großen Unterleibsdrüsen (Bauchspeicheldrüse, Leber, Darmdrüsen, im Blinddarm) kann ohne sie keine Spaltung, kein Anbau von Nahrungsmitteln gedacht werden. Aber auch in der Niere, Nebenniere, in den Geschlechtsdrüsen, in der Schilddrüse des Halses, in den Nebenschilddrüsen, in den Gefäßdrüsen, in der Milz, im Knochenmark, im Hirnanhang (Zirbeldrüse) entfalten sie ihre Tätigkeit nach Wichtelmannart. Das ist das höchst interessante Gebiet der sogenannten inneren Sekretionen, was man mit Gesundheitssaftbereitung übersetzen könnte. Stellt nun irgendeiner dieser lebendigen Säfte seine Tätigkeit ein oder wird er nicht mehr produziert, so tritt eine »Ausfallerscheinung« mit Vergiftungscharakter ein, die sich zunächst in psychischer Veränderung, gerade wie bei anderen chemischen Vergiftungen, äußert.

Das ist das Gemeinsame aller Selbstvergiftungen. Der Ausfall einer spezifischen Fermentwirkung unterbricht die Kette der chemischen Umsetzungen im Leibe, halbverdaute, zurückgehaltene, gehemmte Stoffwechselrudimente gelangen wie Fremdkörper ins Blut und entfalten ihre unheilvolle, an falscher Stelle wirksame Kraft. So werden angebaute Nahrungsmittel zu Giftstoffen (trennen doch wenige chemische Atome den Harnstoff von dem Zyankali!), so treten Stoffe ins Blut, die sonst ausgeschieden werden müssen. So entsteht die Zuckerharnruhr, indem das erkrankte Pankreastrypsin (Ferment der Bauchspeicheldrüse) die Weiterbildung der Zuckerstoffe in harmlose Drüsensäfte verhindert (nach den schönen Arbeiten eines geistvollen jungen Berliner Arztes, Georg Zuelzer). So entsteht die Gicht, wenn die Harnsäure durch Ausfall eines Fermentes im Blute kreisend bleibt und nun an Gelenkenden und Sehnen sich niederschlägt, so entsteht die Idiotie bei Herausnahme der ganzen Schilddrüse, wenn das in ihr gebildete Ferment dem Blute dauernd entzogen ist.

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