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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 19
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
firstpub
correctorreuters@abc.de
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Genüsse

Wir haben soeben die Tatsache gestreift, daß ein den Körper und unsere Sinnesorgane treffender Reiz etwas wie eine Sehnsucht nach Reizwiederholung und, da die Wiederholung eine Gewöhnung schafft, nach Reizerhöhung erzeugt. Es ist das Grundgesetz des Genießens, ja für temperamentvolle Gemüter seine Tragik, daß dieser erwachte Hunger nach dem anfangs passiven und leicht beherrschten Genußmittel aus dem Sklaven einen Tyrannen macht. Der Naive wird zum Kenner, der Liebhaber zum Hörigen. Der freie Wille zum Genuß wandelt sich zum Zwang, das Verlangen zur Zwangsvorstellung.

Am Genüsse unschädlich bleiben zu lassen, bedarf es von dem einen Male zum nächsten eines Zwischenraumes, welcher den aufgepeitschten Wellen der Erregung Zeit zu ihrer völligen ebbenden Beruhigung, zum Abklingen, zur Gleichgewichtseinstellung läßt. Genüsse sind eine Musik, kann man sagen, bei der die Hauptsache die Pausen sind.

Und zwar müssen diese Pausen lang genug sein, um die völlige Auflösung der Reizwellen in den physiologischen Gleichtakt zu ermöglichen. Das zu wissen, ist für unsere beinahe kulturell gewordenen, erlaubten, weil allgemein gefälligen beiden Matadoren der Genußgifte, Alkohol und Nikotin, von großer Wichtigkeit, es findet aber auch reichlich praktische Betätigungsfelder bei schwereren pathologischen Genußformen, wie Morphium, Kokain, Äther, und dem Heere der mißbrauchten Schlaf- und Beruhigungsmittel. Das gefährlichste ist hier die Regelmäßigkeit des Genießens und eben der Fortfall von möglichst langen Pausen der Abstinenz. Wir wollen der eminent wichtigen Bedeutung dieser Fragen wegen einmal etwas näher auf den Alkohol- und Nikotingenuß eingehen und dann später auch einige Streiflichter auf die Süchte anderer Art werfen. Zunächst sei bemerkt, daß nach meiner Meinung ein allgemeines Verbot von Alkohol- und Nikotingenuß eine an Fanatismus grenzende Verkennung der Sachlage bedeuten würde. Denn es ist nicht wahr, daß für jeden Menschen, der mäßig raucht oder trinkt, in diesen Genüssen eine Dämonie schlummert. Denn durchaus nicht ist jeder Mensch in Gefahr, ein Säufer oder Kettenraucher zu werden, ebensowenig, wie jeder Mensch ohne Ausnahme Anlage zum Morphinismus oder zum Ätherrausch hat. Was diese Dinge unter Umständen so eminent lebens- und glücksgefährlich macht, ist eine freilich nicht allzuseltene naturgegebene, manchmal wohl auch erworbene Disposition für eine Sklavenschaft diesen Reizmitteln gegenüber. Ebensowenig wie ein geschmackvoller Zecher edle Weine allein wegen des Alkoholgehaltes preist, ebensowenig giert ein graziöser Raucher nach dem Nikotin allein, das eine Cabañas enthält. Es ist ein undefinierbares Etwas, was edle Genüsse dieser Art begleitet; die Ruhe, die traumhafte Stille der Ausspannung und Erholung, das Schweben zwischen Dämmern und Wachsein, die Aufsuggerierung einer phantasievollen Innerlichkeit durch Duft- und Nebelwellen, der Zauber eines edlen Glases, gepaart mit dem Bewußtsein eines geheimen Kräftewaltens im altgelagerten Saft der ästhetisch wundervollen Traube, Assoziationen an alte Griechen- und Römerkulturen, an Ritter- und Sängersitten einerseits und die Romantik des Wolkenspieles und der steigenden Nebel über Hütte und Höhen andererseits – solche seelischen Ober- und Untertöne sind es, die eine unbestreitbare Poesie des einsamen Trinkers und Paffers ausmachen. Und in der Geselligkeit, in dem gemeinsamen Austausch solcher Stimmungen, in dem gleichzeitigen Ausruhen von dem Kampf des Tages, dem Auswechseln von Erlebnis und Erfahrung, wobei Geist, Witz, Behaglichkeit und Weltanschauung von höherer, friedlicher Warte eine vom Lärm der Streitigkeiten geschützte Freistätte gewinnen, liegt eine durchaus geisthygienische Lockung, eine sinnvolle und vielleicht sogar weise, lebenfördernde Kultur.

Wer hätte den Mut, diese Poesie und diese Gunst schöner Stunden aus dem Leben eines Volkes zu streichen? Doch nur diejenigen, welche das ausnahmsweise Versinken weniger Schwächlinge, unglücklich organisierter Naturen bedeutsamer einschätzen als die frohen Augenblicke unzähliger widerstandsfähiger, des Adels der Freude würdiger Persönlichkeiten. Keineswegs soll den Vorkämpfern für absolute Abstinenz in bezug auf Alkohol, welche diese Angelegenheit zu einer Kulturfrage ersten Ranges erhoben haben, bestritten werden, daß ihre Bestrebungen unendlichen Segen verheißen erstens, wo es sich um die breite Volksmasse handelt, deren Lebensführung leider keine edlere Form des Genusses als Branntwein gestattet, zweitens, wo es sich um sogenannte naturgegebene oder erworbene Intoleranz einzelner handelt.

Ich habe nicht das geringste gegen ein Gesetz, welches den Schnaps in jeder Form als Genußmittel des breiten Volkes verbietet und dafür Bier und Wein unendlich viel billiger liefern würde, und ich glaube, daß das Verbot des Alkoholgenusses bei erfahrungsgemäßen Rauschtrinkern mit gar nicht streng genug zu formulierenden Mitteln rigoros durchgesetzt werden müßte. Wer ist nun intolerant in dem Sinn, daß Ärzte, Behörden, Familien und Genossenschaften gemeinsam die Hebel ansetzen müßten, um ihn von jeder Form des Alkoholgenusses ein für allemal fernzuhalten? Intoleranz heißt in diesem Sinn Überempfänglichkeit und seelisch unhemmbare Maßlosigkeit, die teils chronisch, teils anfallsweise wie eine echte Geisteskrankheit aufzufassen ist. Intolerant ist jeder, in dem eine Zwangsvorstellung am Werke ist, als könne er seine Dosis nicht entbehren, eine Art Autosuggestion durch den Alkohol, die ihn sklavisch an Ort, Stunde, Art und Maß des Genusses fesselt. Der Intolerante trinkt nicht, um alle jene aufgezählten geistigen Romantismen gelegentlich zu genießen, wobei ein Ausfall der gehofften Freuden keine besondere Verstimmung bringt und leicht andere Motive und noch geistigere Genüsse freiwillig Verzicht leisten lassen, sondern der Intolerante trinkt, weil er den physisch-psychischen Wahnsinn hat, er könne nicht leben, ohne dabei zu sein und sein Quantum Alkohol in sich aufzunehmen.

Alle jene Zauber der Begleitumstände des Genusses, die einzig seine Kulturberechtigung ausmachen, sind ihm höchstens eine vorgespiegelte Gelegenheit, recta via zum Kern seiner unbesiegbaren Lüste, zu soundso viel gleichsam nacktem Alkohol zu gelangen. Da gibt es keine Schranke, keine Hemmung, keine soziale Rücksicht, keine Stimme des Gewissens oder der Vernunft – der Intolerante gleicht ganz einem Verbrecher, er muß zum Diamanten, zum gleißenden Solde seiner Wahnvorstellungen, ob es ihm oder anderen dabei an Kopf und Kragen geht. Geradeso, wie niemand durch ein paar Dosen Morphium morphiumsüchtig wird, der nicht schwere Gleichgewichtsstörungen seines Charakters schon vorher gehabt oder erworben hat, so wird auch niemand Säufer, der nicht von vornherein die Stigmata einer geistigen Erkrankung besitzt. Der Intolerante ist ein Geisteskranker. Umsonst alle Moral und Logik, alle Vorsätze und Einsichten – die Stunde kommt, und es ist geschehen.

Geisteskranke aber, die sich selbst und ihrer Umgebung eine Gefahr sind, sind zu isolieren. Zum Glück kann jeder Intolerante diese Isolierung vom Schauplatz seiner Taten selbst vornehmen und sich mit Hilfe der Belehrung und Aufklärung selbst eine Art Zwangsjacke umlegen: die absolute Enthaltsamkeit.

Da gibt es keinen Kompromiß, keine Entschuldigung, kein Maßempfehlen, keine Grenznormierung, bis zu welchem Grade solchen Intoleranten der Genuß gestattet sein soll – es gibt nur ein imperatorisches Nichts! Kein Tropfen Alkohol darf die Lippen eines solchen Unglücklichen, von den schönsten Freuden des Lebens Ausgeschlossenen berühren – selbst alkoholische Suppen, Speisen, Zahnwässer und Parfüme können gefährlich werden, weil jeder Tropfen zu einem Meer von Sehnsucht und Leidenschaften werden kann. Man lasse solche Kranke, denn das sind sie, jede Gelegenheit meiden, welche ihnen selbst nur Phantasieerregungen nach dieser Richtung erwecken, man halte sie fern von Gesellschaften, in denen getrunken wird, und man schließe ihnen die Kneipen. Erst wenn sie durch jahrelange absolute Abstinenz selbst an sich den Segen ihrer oft wehmütigen Aszese in sich walten gefühlt haben, sind sie als relativ geheilt zu betrachten; ganz gesund und vor Rückfällen gesichert ist kein Intoleranter.

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