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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 17
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
firstpub
correctorreuters@abc.de
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Überempfindlichkeiten

Bei den von uns schon besprochenen Bestrebungen, mittels Einspritzungen von vorbehandeltem Serum verschiedener Tierindividuen (meist Pferdeserum) den erkrankten menschlichen Organismus zu retten oder ihn gegen bestimmte Bakteriengifte unempfindlich (immun) zu machen, ist man auf eine Erscheinung gestoßen, die sehr viel Ähnlichkeit hat mit dem, was man persönliche Empfindlichkeit gegen bestimmte Stoffe nennt. Idiosynkrasie heißt diese eigentümliche Wirkung von belebten und unbelebten Individuen aufeinander. Eine Art widerstandslosen, teils hypnotischen, teils rein körperlich-giftigen Verfallenseins an die rätselhafte Beherrschung durch Individuen oder Stoffe ist das Wesen der Idiosynkrasie. Sie ist durchaus nicht nur körperlich, wie z. B. die Empfindlichkeit einzelner Menschen gegen die Pollenkörner des Heues (Heufieber), sondern es gibt auch geistige Idiosynkrasien, die ebenso interessant sind wie die körperlichen Überempfindlichkeiten. Die märchenhafte, blitzartig auslösbare psychische Angst der Frauen vor Mäusen z. B., die Abneigung gewisser Menschen gegen andere, manchmal gegen ganz harmlose Tiere wie Schildkröten, junge Katzen, Eidechsen – ganz abgesehen von der berechtigten Scheu vor gefährlicheren Tierindividuen wie Schlangen, Wespen, Hunden usw. –, ferner jene erworbene Gleichgültigkeit, die sich bis zur Idiosynkrasie steigern kann, die in der Ehe so oft zu tragischen Konflikten führt, ist scheinbar unerklärbar, und doch wird sie verständlich, wenn wir annehmen, daß auch ihr eine vielleicht in den seelischen Testamenten der Vergangenheit aufbewahrte Erinnerung unserer Vorfahren an furchtbare Ereignisse zugrunde liegt. Gab es doch Zeiten, wo das Erscheinen einer ersten Maus oder Ratte mit Sicherheit Tod und Verderben bedeutete, weil sie das Herannahen von Tausenden von Nagerzügen ankündigte, deren zermahlendem Gebiß alles zum Opfer fiel, was den Frieden eines stillen Hofes ausmachte. Warum soll eine solche Erinnerung an die schrecklichen Einbrüche einer Millionenarmee von Wandermäusen und Wanderratten (Lemminge) nicht aufbewahrt sein als eine dunkle Ahnung von Gefahr, die eben den Instinkt der Abneigung, die Idiosynkrasie, als einen Mechanismus der Erinnerung lichtvoll erhellt? Kann mir jemand eine bessere Erklärung geben für das rätselhafte Entzücken des Spaniers bei den brutalen, jedem andersrassigen Menschen abscheulich dünkenden Massaker der Stierkämpfe als die Annahme, daß auch hier ein uralter, seelentestamentlich eingewurzelter Haß des geborenen Spaniers, ein nach Stierblut lechzender Instinkt tief hineingesenkt ist in die Empfindungsfundamente dieses Volkscharakters? Ein Haß, der höchstwahrscheinlich überliefert ist aus jenen uralten Zeiten, wo noch der Stier in Herden von vielen Tausenden verheerend einbrach in die Ansiedlungsstätten der Vorfahren, ein Vorgang, für den die Funde von unzählbaren Stierkadavern in spanischen unterirdischen Grotten und Höhlen direkte Beweise bedeuten. Sollten diese instinktiven Erinnerungen nicht die Quelle sein der elementaren Lust jenes Volkes, nun rächend seinerseits den Stier zu quälen? Mir will es scheinen, als ob dieser Weg, die überlieferten Instinkte anzuschuldigen für die Rätsel der oft logisch unbegreifbaren Abneigungen (und Zuneigungen) sehr wohl beschreitbar ist und wohl imstande, manches Licht auf unbegründete, kontaktartig ausgelöste Sympathie oder Antipathie zu werfen. Als Übergang zu den rein körperlichen Idiosynkrasien möchte ich die unlusterregenden Geruchs-, Geschmacks- und Gefühlsabneigungen anführen, deren Grund wohl auch nicht immer auf persönliche Erlebnisse, sondern ebenfalls auf mit uns geborene Ahnungen von Gefahr und Bedrohung zurückzuführen ist. Der Mensch ist ja mit seinem gleichsam kosmisch gewordenen Bewußtseinszustande den durch Instinkte viel besser regulierten Erkenntnissen des Nützlichen oder Schädlichen mittels des Geruchs und Geschmacks den Tieren gegenüber unzweifelhaft im Nachteil. Es könnten eben durch diese Unsicherheit des Instinktes in der menschlichen, geschlechtlichen Vereinigung eine Zeitlang die idiosynkratischen Elemente von Person zu Person überdeckt sein und die bis dahin schlummernde, noch unbewußte Abneigung wäre dann eine vielleicht auf altem Stammeshaß basierte Idiosynkrasie, die erst nach dem Verklingen der Sexuallust in Aktion träte. Doch wir wollen diese interessante Seite der eingeborenen oder erworbenen seelischen Abscheuempfindungen ohne offensichtlichen Grund, wie man das eine Schlagwort Idiosynkrasie im Deutschen langschweifig übersetzen könnte, verlassen, um uns dem fast noch dunkleren Gebiete der körperlichen Idiosynkrasien zuzuwenden, welche erst seit den Zeiten der Serumforschung und der Immunitätslehre in die Netze der Wissenschaft gelangt sind. Jedermann weiß, daß es Menschen gibt, die keinen Hummer, keinen Krebs, keine Erdbeeren oder Himbeeren essen dürfen ohne einen meist juckenden Ausschlag zu bekommen, und manch einer hat schon Bekanntschaft gemacht mit den widerwärtigen Nebenwirkungen von Antipyrin, Aspirin, Jod, Hefe usw., die unweigerlich nach jeder erneuten Einnahme lästige Ausschläge, teigige Schwellungen, Juckreize usw. verursachen. Dann sagt der Laie: »Nur keine solchen Sachen, ich kann sie absolut nicht vertragen!« Der Forscher aber möchte dieses »Nichtvertragen« in eine ihm genügende Beziehung von Ursache und Wirkung übersetzen und stand lange vor absoluten Rätseln. Erst die schier unerschöpfliche Zahl von Tierexperimenten mit fremdartigem Blutserum und die dabei gemachten sonderbaren Erfahrungen haben einiges Schlaglicht auf diese uralten Tatsachen geworfen. Es war v. Behring, welcher zuerst die Beobachtung machte, daß eine Einspritzung eines bestimmten Serums beim erstenmal spielend und ohne jede Nebenwirkung vertragen werden kann, daß aber die zweite Einspritzung, nach längerer Zeit wiederholt, stürmische Erscheinungen, ja den Tod herbeiführen kann, selbst wenn die zweite Dosis nur 1/800 bis 1/700 der sonst tödlichen Mindestdosis bei dem so behandelten Tiere betrug. Er bezeichnete diese ganz paradoxe Erscheinung als eine »Überempfindlichkeit«, und Richet, der dieselbe Erfahrung für kokainisierte Hunde fand, nannte sie »Anaphylaxie«, d. h. eine sprunghaft auftretende Reaktion gegen ein Gift, das in viel höheren Dosen früher reaktionslos, ohne jede Spur von Erkrankung vertragen wurde. Seitdem kennen wir eine große Reihe solcher meist eiweißhaltiger, also von lebenden Organismen stammender Substanzen, die solche nachfolgende Überempfindlichkeit bei zweitmaliger Einverleibung erzeugen. Dazu gehören abgetötete Bakterien und ihre Produkte, bestimmte tierische Gifte, z.B. Muschelgift, ferner organische Säfte wie Milch, Blutserum, Tiersamen, dann Blutkörperchen und Organextrakte. Auch Pockenlymphe bei Wiederimpfung (Revakzination) gehört hierher, auch Hefe, Peptonlösung und Nukleinsäuren. Auch das berühmte Tuberkulin und das Diphtherieserum, ebenso wie jedes andere Serum. Es ist so, als wenn jemand heute nach einem guten Glas Wein ohne Schädigung die Kneipe verläßt und nach vierzehn Tagen bei dem ersten Schluck derselben Sorte in Krämpfe, später Lähmung, ja Tod verfiele, nur daß diese Erscheinungen nicht durch Genuß vom Magen her, sondern durch Einspritzungen unter die Haut bei Tieren ausgelöst werden. Der gespritzte Leib macht die an sich ungiftige Substanz nach einiger Zeit schwer giftig, d. h. sein inneres Gefüge ändert sich infolge der ersten Dosis so, daß ihn 1/800 Teil der ersten Dosis tötet.

Wie soll man sich dieses Rätsel erklären, das die Sphinx des Lebens wie eine harte, harte Nuß mitten in den Kreis der Gesundheitspriester geworfen hat?

Zunächst war der Rückschluß berechtigt, daß viele der schon bekannten Überempfindlichkeiten (wie z. B. die gegen Erdbeeren, Krebse und Heupollenkörner) wohl ganz in gleicher Weise zustande gekommen seien. Auch hier war wohl dem Stadium der Intoleranz das einer früheren Aufnahme ohne Folgen vorangegangen, mit anderen Worten, auch die körperlichen Idiosynkrasien sind Beispiele von erworbener Überempfindlichkeit. Auch lag auf der Hand, daß die Tuberkulinreaktion eine Folge der früher schon im Körper kreisenden Tuberkelgifte sein mußte, weil sie bei Gesunden wirkungslos ist. Auch der Heuschnupfenkranke hat einmal eine Polleninvasion gut vertragen, erst der zweite Frühling mit der Zerstreuung des Heusamens brachte die Reaktion, und von da ab braucht er den Frühling nur von weitem zu riechen, so ist der schrecklichste aller Schnupfen da.

Wie soll man alle diese Erscheinungen von Medizinausschlag, Serumkrankheit, Erdbeeren- und Krebsröteln usw. unter einen Hut bringen?

Ich glaube, daß unsere moderne Richtung, alle Erscheinungen auf Saftwirkung von Gift und Gegengift etwas dogmatisch zu beziehen, uns das Verständnis dieser Dinge sehr erschwert hat, und daß die alte Zellenlehre hier vollauf genügt, die Erscheinungen im großen und ganzen zu deuten.

Die Zeiten, die verstreichen, bis ein Körper anaphylaktisch, d. h. überempfindlich wird (10 bis 14 Tage), und die Tatsache, daß dieser Empfänglichkeitszustand, wenn auch nach längerer Dauer (wohl 1+½ Jahre lang kann er bestehen) wieder verschwindet, deuten mit Sicherheit darauf hin, daß der Körper einer Arbeit bedarf, um diese Veränderung in sich hervorzubringen respektive sie wieder zu beseitigen. Was aber arbeitet im Körper? Die Zelle. Nehmen wir an, das erstmalig unschädlich eingespritzte oder eingenommene Gift besetzt rein mechanisch die Schutzwehren des Leibes, die Lymphdrüsen, die blutbildenden Organe Milz, Knochenmark usw. Die fremdartige Substanz wird aufgehalten, interniert und füllt die schützenden Zellen wie eine Tubenmaschine die Tube mit Ölfarbe bis an den Hals. Nun kann jeder Druck, der noch neue Farbe in die Tube preßt, dieselbe zum Überlaufen bringen, d. h. die neue Giftdosis zwingt die Zelle unweigerlich zum Überlaufen, jetzt aber gelangt das erste Gift ebenso unweigerlich in den Kreislauf, und da jetzt alle Filter besetzt sind, kreist es ungehemmt und unabgesogen im Blute und gelangt frei an die lebenswichtigsten Organe. Oder aber: das erstmalig eingedrungene Gift reizt die filtrierenden Drüsen zur Verkapselung, und die neue Dosis findet alle rettenden Ausgänge besetzt, das Blut nimmt sie auf, und die sonst abgefangene Substanz wird verhängnisvoll. Der fremdartige Saft wird stets zunächst in Lymphdrüsen interniert, aber er verstopft vielleicht rein mechanisch die Lücken, die Tore, die Maschen, und nun muß das Gewebe schutzlos die Eindringlinge der neuen Dosis über sich ergehen lassen. Ob etwas giftig ist oder nicht, das hängt ja allein davon ab, ob es in die Gesamtzirkulation gerät oder nicht. Dafür hat eben der Körper Schutzwehren und spezifische Umarbeitungsanstalten, sind diese unbrauchbar geworden durch die erste Attacke, so wirkt eine kleine Dosis so, als wenn ich sie direkt ins Gehirn, ins Rückenmark, in die Herzwand bringe. Die anfangs ungiftigen Krebs-, Erdbeer- und Medizinsäfte verstopfen für immer die Schutzwehren im Darm und Magen, und jede neue Dosis wird auf die Haut abgeladen, die nun, für solche Vernichtungsarbeit gar nicht vorbedacht, auf das heftigste reagiert. Der Tuberkulöse hat seine Lymphapparate längst überschwemmt, und ein Tröpfchen Tuberkulin gerät ins Fieberzentrum und muß örtlich unter Reizerscheinungen verarbeitet, d.h. verbrannt werden zu ausscheidbaren, chemisch einfachen Körpern. So wird's wohl auch mit dem Serum und allen den Körpern sein, die eben für einen Leib fremdartige Substanzen sind, von denen er einen einmaligen Schub vermöge seiner Abwehreinrichtungen erträgt, die aber bei der zweiten Invasion abgewiesen werden von den Zinnen der Verteidigung und nun ins Land ausschwärmen.

Die erotische Anaphylaxie, d.h. das oft ganz plötzliche Einsetzen einer geschlechtlichen Abneigung gegen ein sonst heftig begehrtes und geistig-seelisch auch fernerhin hochgeschätztes Individuum – dieses gar nicht bisher aufgedeckte, äußerst tragische Problem, dieser entsetzliche Kampf um die Lust der Liebe ohne Liebe, dieser wahrhaft dämonische Schatten der Treue, mag doch physischer, blut- und saftmechanischer sein, als es auf den ersten Blick scheint. Wer die Geheimnisse der »Innensekretion«, den Mechanismus der – man möchte beinahe sagen – belebten Fermente und Säfte und ihr wildes Spiel auf der Klaviatur der Hirnganglien einigermaßen übersieht, muß zugeben, daß der »Tausch der Liebestränke« allein im Kusse spezifische Eiweißkörper übermittelt, die anfangs Reize bedeuten, gegen welche aber möglicherweise der »Andere« allmählich in seinem Blute Immunstoffe produziert, welche dem Empfänger den Weg zum vollen Liebesleben sperren. Das Problem – hier wohl zum ersten Male als Frage aufgestellt – bedarf dringend der Lösung. Ich gedenke ihm ein besonderes Buch: »Von den Dämonien« zu widmen. Es ist denn doch ein furchtbarer Gedanke, daß weder Wille noch Charakter im Höchstmaß es verhindern kann, daß Liebe so oft zu Haß wird. Jedenfalls wirft diese hier angedeutete Anschauung ein eindringliches Licht auf die geniale Intuition des großen Schweden August Strindberg, daß in der Liebe der Geschlechter ein tragisches Moment eingeboren, unüberwindbar, unvernichtbar enthalten ist und auf physisch-chemischen Wegen sich entfaltet.

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