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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 16
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von den Drüsen

Wenn wir Mediziner in Anbetracht unserer Überzeugung, daß ein nach menschlichem Sinne gerechtes oder moralisches Walten der Naturgesetze sich schwer nachweisen läßt, den alten Menschheitsfluch, »daß die Sünden der Väter sich fortpflanzen bis ins dritte und vierte Glied«, etwas modifizieren dürften, so müßte er lauten: »Es gibt krankhafte Anlagen, die oft erst in der dritten oder vierten Generation erlöschen!« Zu den unseren Familienmüttern und Großmüttern geläufigsten Erbübeln, die sie mit einer gewissen Beruhigung bei Kind, Kindeskind und Urenkeln in gleicher Weise auftreten und später gänzlich schwinden sehen, gehören die berüchtigten »Drüsen«. »Mein Kind hat dieselben Drüsen wie alle seine Geschwister in dem Alter, dieselben, wie ich selbst sie und meine Geschwister als Kinder auch gehabt haben, das sind echt Xsche Drüsen« (unter Nennung des Geburtsnamens) – so haben viele Mütter mir ihre kleinen, blassen Sprößlinge mit der schwächlichen Konstitution, der leicht gedunsenen Haut und den meist großen, wehmütigen Augen, deren Weißes leicht bläulich schimmert, vorgestellt. Da so eine besorgte Mutter die ehrliche Frage daranknüpfte: »Was sind eigentlich Drüsen?« ehrlich, weil zwar viele die Drüsenkrankheit im Munde führen, wenige aber damit irgendwelche stichhaltigen Begriffe verbinden, will ich an dieser Stelle die etwas ausführlichere Antwort geben. Wir haben zweierlei Drüsen im Leibe: solche, die einen Ausführungsgang für die in ihnen produzierten Säfte besitzen – denn alle Drüsen sind Heinzelmannwerkstätten für allerhand lebenswichtige Betriebsmaterialien der Körperfunktionen – und solche Drüsen, die ihre Produkte direkt in das Blut überführen. Erstere, wie die Leber, die Nieren, die Haut, die Speichel- und Pankreas- und Milchdrüsen, fabrizieren Säfte, die auf Höhlen und Flächen des Leibes, also eigentlich aus ihm hinausgelangen, die anderen, die Lymphdrüsen, die Milz, die Schilddrüse, die Zirbeldrüse, die Nebennieren hingegen bilden Betriebsstoffe, die dem Körper einzuverleiben sind. Man kann also die Drüsen in zwei Gruppen teilen: die ihre Säfte ausscheidenden und die ihre Produkte einverleibenden. Zu den letzteren gehören die meist dem Laien allein bekannten Drüsen, z. B. des Halses, des Rachens, der Achselhöhle, der Schenkelfalten. Sie sind Lymphe produzierende Knötchen, die an bestimmten, anatomisch konstanten Stellen dem großen weißen Blutkanalsystem eingelagert sind. Neben dem allen bekannten Blutadersystem durchsetzen nämlich den Körper auch ebenso zahlreiche kleinere Adern von helleren Lymphsträngen, die dem Laien erst durch ihre Entzündung, z. B. am Vorderarm, als lange rote Streifen (Lymphstrangentzündung) bemerkbar werden. Lymphdrüsen sind Sammelstellen und Produktionsstätten der weißen Blutkörperchen, die als Bakterienfresser durch einen der hervorragendsten Mediziner, Professor Metschnikoff vom Pasteurinstitut in Paris, eine ungeheure Bedeutung erlangt haben. Diese weißen Blutkörperchen bilden recht eigentlich eine Kampfarmee des Leibes, eine mikroliliputanische Art von Strompolizei, die überall erscheint in ungezählten Regimentern, wo es im Leibe etwas zu verhaften, zu vernichten, unschädlich zu machen gibt, wie z. B. die verbrecherischen Bakterien, die aber auch kleine Baumeister, Reparaturbeamte, Verlöter, Risseflicker, Ritzstopfer und Heilgeisterchen, d. h. das eigentliche Sanitätskorps der Körperrepublik darstellen. Hat doch Metschnikoff die kühne Ansicht ausgesprochen, daß wir mit einem genügenden Nachschub und einer ununterbrochenen Mobilmachung dieser Armee von kleinen Gesundheitshelden eigentlich unsterblich sein müßten und daß das Sterben nur wegen unserer Vernachlässigung dieser Armeereorganisation nichts sei als eine schlechte Gewohnheit der Menschen. Werden nach ihm doch die Schildkröten im Vollbesitz einer unerschöpflichen Hilfsquelle von diesen Leucozyten genannten Lebenskämpfern bis zu 800 Jahre alt. In der Tat, in gewissem Sinne ist die Schlagfertigkeit, Angriffslust und numerische Stärke dieser winzigen Truppe das Element der Widerstandskraft und Genesung; und wenn wir nun sehen, daß im Kampfe gegen eine mitgeborene oder erworbene Schädlichkeit, wie z. B. gegen den Tuberkelbazillus, die Drüsenknoten anschwellen, d. h. eine ungeheure Überzahl von weißen Blutkörperchen produzieren, so ist das in vielen Fällen ein durchaus dem Schutze des Individuums dienender Faktor. Daraus müssen wir den frappierenden Schluß ziehen, daß also die berüchtigten Drüsen Schutzwälle sind gegen Gefahren und daß es also fehlerhaft wäre, jede Drüse als eine sofort mit dem Messer zu entfernende Schädlichkeit anzuschauen. Die sogenannte skrofulöse Schwellung der Halsdrüsen ist also der Ausdruck der abgefangenen Tuberkelbazillen, und die Skrofulose ist die Abwehrmaßregel des Körpers, mittels deren er im Kampfe mit der Tuberkulose siegreich bleiben kann. Sie ist eine sich in den Drüsen abspielende Tuberkulose, die meist auch in ihnen überwunden wird. Mit jeder Lymphdrüse also, die ich operativ entferne, reiße ich einen Schutzdamm ein, und der moderne Operateur muß es sich dreimal überlegen, einen solchen Filter für Krankheitsstoffe zu entfernen. Erst wenn er durch Überschwemmung mit feindlichem Material unbrauchbar geworden ist, muß er fallen, aber nicht einen Augenblick früher. Mir sind drei Fälle von Ärzten bekannt, die wegen Fingerinfektionen sich allzu eilig den ganzen Lymphapparat der betreffenden Achselhöhle entfernen ließen und die nach einer erneuten Infektion an demselben Arm ganz rapid an Blutvergiftung starben, weil ihnen der schützende Filter in der Achselhöhle fortgenommen war. In gewissem Sinne also sind Drüsenschwellungen heilende Vorgänge, ähnlich wie etwa das Fieber ein heilender Faktor ist und in vielen Fällen nicht ohne Schaden bekämpft wird. Die natürlichen Widerstände des Körpers zu heben und zu unterstützen ist ja die Hauptfunktion jedes denkenden Arztes, und wie bei den »Drüsen« ist das Symptom sehr häufig ein Beweis der regulären Selbsthilfe der Natur. Ein Kind, das an skrofulösen Drüsen leidet, muß also als ein Wesen betrachtet werden, das in der Bildung von weißen Blutzellen unterstützt werden muß. Metschnikoff hat hierzu selbst die Jogurtmilch empfohlen (ein durch eine spezifische Hefegärung gebildetes Präparat), welches nach meinen Erfahrungen ganz ausgezeichnet wirkt, weil es nach mikroskopischen Kontrolluntersuchungen die weißen Blutkörperchen vermehrt. Ich selbst habe gefunden, daß Jodkalium und gewisse Quecksilberpräparate in gleichem Sinne wirken, und es steht außer Frage, daß der berühmte Lebertran in dem Maße Skrofeln heilt, als er durch Inanspruchnahme von weißen Blutkörperchen zu seiner Einverleibung in den Körper zu einer vermehrten Produktion von weißen Schutzzellen führt. Die örtliche Applikation von Salben über den Drüsen dient dem gleichen Zweck, sie reizt die Bildungsstätten der Drüsenzellen zur vermehrten Ansammlung dieser kleinsten Vorposten der Gesundheit, die als Träger so vieler Wunder von uns Ärzten eigentlich wie kleine Heilige verehrt werden müßten.

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