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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 15
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
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correctorreuters@abc.de
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Von unsichtbaren Strahlen

Die moderne Lehre von den Krankheitsursachen steht ganz und gar in dem Zeichen der Bakterien und ihrer im Kampfe mit den Zellen des Leibes gebildeten Gifte. Aus der Virchowschen Lehre von den letzten Bausteinen des Körpers und ihren Abweichungen von der Norm ist eine Erforschung des Daseinskampfes zwischen ihnen und den eindringenden parasitischen Schädlingen geworden: ein grandioser Weg von Detektivtätigkeit hinter den Verbrechen der Parasiten am Menschenleibe her, von der Krätzmilbe unserer Altvordern an bis zu den winzigen Korkenzieherspirillen der Lustseuche, den schwer aufspürbaren Schattenträgern der Venus, den Syphilisbazillen! Und die Heilung dieser Schäden? Sie ist im Banne der Schutzkörper der Säfte, des Blutes und seines flüssigen Hauptbestandteiles, des Serums. Erstaunliche Möglichkeiten hat hier das Tierexperiment erschlossen, den belebten Saaten der Seuchen- und Siechtumerreger Halt und Widerstand zu gebieten. Es liegt in der Natur der menschlichen und entwicklungsgeschichtlichen Unzulänglichkeiten, daß alle unsere Erfolge in dieser Richtung leider weit hinter den enthusiastischen Erwartungen zurückgeblieben sind, wenn auch die Hoffnung auf einstigen Sieg über diese allgegenwärtigen Feinde des hoch organisierten Lebens nicht aufgegeben werden darf. Ist uns doch in dem letzten Jahrzehnt ein mächtiger Hilfsgenosse gegen die Leiden ebenfalls aus dem Reiche des Unsichtbaren entstanden, den wir den Physikern, allen voran dem Deutschen Hertz, mit der Erforschung neuer Lichtquellen, den sogenannten Hertzschen Wellen, verdanken, auf dessen breiten Schultern Becquerel, Röntgen und Madame Curie triumphierend Platz genommen haben.

Welch eigentümlicher Begriff: dunkle Strahlen, Licht jenseits des farbigen violetten Schattens, Helligkeit und Wärme über die Empfindung des Sehnerven und Tastvermögens hinaus! Leuchtendes Dunkel, schattiger Strahl, wärmende Kühle! Gerade wie es Töne gibt, die ein menschliches Ohr nicht hört, wie die über der höchsten und tiefsten Skala einer Geige oder des Kontrabasses der Orgel weit hinausreichen, Schwingungen der Luft, rhythmische Wellen der Gase, so gibt es auch Ätherwellen, deren schwebende und rhythmische Schwankungen weder dem Auge noch der Empfindung der fühlenden Sinnesapparate wahrnehmbar sind. Manche Zikadenarten tragen Leisten am Kopfe, die so fein gerillt sind, daß ihre bei gegenseitiger Reibung bestimmt erzeugten Fiedelbogentöne von uns Menschen nicht gehört werden können – es gibt also Tiersprachen, die kein Menschengeist je wird übersetzen können – so gibt es auch Lichtwellen im wahren Weltmeer des Äthers, welche die große Mutter Sonne erzeugt, die jenseits der farbigen Strahlen, über das Violette hinaus – daher ihr Name ultraviolette Strahlen – gelegen sind, die, für uns Menschen an sich dunkel, nur mit Kunstkniffen oder aus ihren übrigens mächtigen Wirkungen erkannt werden können.

Es liegt im Wesen der Medizin, als einer angewandten Wissenschaft, daß sie immer auf der Lauer liegen muß, ob nicht im Bereich der Forschergenossenschaft der Biologen, der Chemiker, der Physiker irgendwelche neue Aufschlüsse über das Leben und seinen Mechanismus auftauchen. Sie muß eben schlechterdings jedes Gebiet durchsuchen nach Hilfsquellen für ihren Endzweck: der Bekämpfung alles Lebensfeindlichen. Und wahrlich, sie ist nicht säumig gewesen, die Elektrizität und alle ihre Nebenzweige auf Heilwirkungen zu durchforschen. Jede Art von Elektrizität ist von ihr in unseren Dienst gezwungen, und das Röntgenlicht wie die rätselhaften Strahlen des Radiums sind vorläufig fast ausschließlich medizinische Angelegenheiten. Was kann man nun von diesen Errungenschaften der Wissenschaft erhoffen, und was ist als gesichert anzusehen? Wir sprechen hier nicht von den allbekannten Durchleuchtungen des Körpers mit ihren staunenswerten Resultaten für die Erkennung der inneren Leiden, wie z.B. Geschwülsten tief im Leibe, verborgenen Steinen in Gallenwegen und im Nierengebiet, Veränderungen am Herzen und den großen Gefäßen, Organerkrankungen z.B. der Lunge und der großen Unterleibsdrüsen – für eine Welt neuer Erkenntnisse wurden sie zu sicheren Wegweisern –, sondern wir wollen uns mit der Heilwirkung dieses dunklen Lichtes, dieser Wellen der Finsternis befassen. Da muß nun zunächst einmal bedacht werden, daß es absolut sichere Heilmittel ebensowenig geben kann wie absolut unschädliche. Der menschliche Leib ist ein Produkt von jahrmillionenaltem Lebenskampf: er hat sich seine Schutzmechanismen durch eine unendliche Kette von Anpassungen erworben, und es ist von vornherein nicht wahrscheinlich, daß die Technik einer bestimmten Daseinsperiode diesen Anpassungskampf mit einem Schlage siegreich weit über das Tempo einer langsamen Steigerung der Widerstandskraft sprunghaft hinausheben kann. Es hilft nichts: alle Heilung hat schließlich doch der Körper, das Individuum je nach seiner Stammesgeschichte (Veranlagung) selbst zu leisten: der Arzt und seine Maßnahmen unterstützen die Natur, aber sie zwingen sie nicht. Es ist allzu medizinisch, allzusehr vom Hoffen und Wünschen kommandiert gedacht, wenn man annimmt, daß für jedes Leiden auch ein Kraut, ein Gegengift, ein vernichtender Blitz geschaffen sei. Wo wir vorschnell glaubten, den langsamen Gang der Vorwärtsbewegung radikal beschleunigen zu können, da hat sich das immer noch als ein grandioser Irrtum herausgestellt, wofür das Tuberkulin und noch jüngst das Ehrlich-Hata-Salvarsan lehrreiche Beispiele sind.

Freilich kann ein Heilmittel im Leibe die Ursache packen und attackieren, aber Heilmittel sind meist auch Dinge, für welche die Menschheit ebensowenig angepaßt ist im Laufe der Entwicklung wie für die Feinde, welche sie vernichten soll. Das ist der einfache Grund, warum alle Mittel des Heilens auch eine schädliche Nebenwirkung haben müssen. Wie steht es nun damit beim Röntgenlicht und bei den Radiumstrahlen? Nun, genau so, wie es unsere Theorie von den Krankheiten als Schädlichkeiten, für die das Menschengeschlecht noch nicht angepaßt ist, erwarten läßt. Hunderte von Menschen sind bei Bestrahlung mit X-Strahlen schwer geschädigt, Dutzende von Röntgenärzten und -gehilfen haben sogar ihr Leben lassen müssen wie Helden, um hier Klarheit zu schaffen. Wohl vermag das ultraviolette Licht Bakterien und kranke Zellen zu töten, aber es kann auch die gesunden Zellen zum Absterben und zum Verlöschen ihrer Funktionen bringen, ja noch mehr, es kann nie heilende Geschwüre und tödliche Geschwülste erzeugen, es vernichtet unter Umständen den Haarwuchs, die Zeugungskraft und die Fähigkeit der Neuerzeugung, es verbrennt und schädigt die Haut. Dem gegenüber stehen glänzende Resultate bei Hautleiden, Geschwülsten und Ausscheidungen aller Art, aber man hat doch nur langsam gelernt, seine Heil- und Nebenwirkung aufeinander abzustimmen und die »Dosen« richtig zu bemessen. Noch sind vom Radium nur bei unvorsichtiger Anwendung Gefahren bekannt geworden, aber wir fürchten, auch hier wird die Zeit uns lehren, daß auch die Radiumwirkung nicht als absolut unschädlich anzusehen sein wird. Ein wunderbarer Körper, dieses Radium und seine Salze!

Es hat fast etwas vom Lebewesen an sich, es hat Stoffwechsel, Lebensdauer, erzeugt sich neu und erzeugt etwas wie Nachkommen, und vor allem, es vermag mit seinen drei Strahlenarten die Luft zu elektrisieren: das ist seine Emanation. Es lädt die Luft mit aktiver Elektrizität und macht ihre Bestandteile gleichsam lebendig. In eigens dazu hergerichteten Zimmern wird die Luft radioelektrisch geladen vermittels eines kleinen Apparates, der wie eine harmlose Warmwasserheizungsanlage ausschaut, und diese gleichsam aktiv geladene Luft wird von den Patienten eingeatmet. Die von Professor His, einem unserer geistvollsten Kliniker, zuerst erprobten Heilresultate bei Gichtleiden konnten in den zahlreichen Radiumemanatorien durchaus bestätigt werden.

Es scheint, als wenn die elektrisch geladene Luft, eindringend in die Blutsäfte, diese befähigt, die gichtischen Ablagerungen zum Schwinden zu bringen.

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