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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 14
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
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correctorreuters@abc.de
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Der Ätherwellen dunkles Licht und ihre Segel

Die alten Griechen raunten, Homers unerschöpflichem Quellrauschen, dessen Echo unsterblich ist, folgend, von einer wunderbaren Sage vom Skythenweisen Abaris, dem Helios wegen seiner Milde und Weisheit einen goldenen Pfeil geschenkt hatte, auf dem er die Lüfte durchritt, vom Äther getragen. Der konnte weissagen und errichtete Heiltempel, in denen der Tod gebannt wurde. Sind wir Mediziner mit dem Radium, Mesothorium, den Röntgenstrahlen in der Hand nicht heute solch eine Art Prinzipienreiter des Äthers, Ätherobanten, wie die Griechen sagten, geworden, und erfüllen wir nicht mit unseren Bestrebungen, mit Phöbus Apollons Pfeilen zu heilen, in wunderbarer Weise den alten Griechentraum vom Weisen Abaris? Unsere ganze Anschauung vom Leben und der Bewegung gründet sich auf der Annahme elektrisch geladener Ätherteilchen (Elektronen), und die Physik, diese trockenstrenge, jegliche Phantasie verbannende Rechnungsrätin unter den Wissenschaften, wirft selbst die mystische, träumerische Frage auf: gibt es überhaupt Materie? Ist nicht alle Materie nur das Gaukelspiel von Ätherelektronen, in Millionen von Kombinationen rhythmisch geschwungen, und so den Sinnen das Spiegelbild des Körperlichen und alles Geschehens vorgaukelnd? Wir sind alle, die wir heute vor der Sphinx des Lebens stehen, zu abaritischen Ätherobanten, Traumwandlern über das Meer der unsichtbaren Ätherwellen, gewandelt, und das, seit mit ultravioletten Strahlen das Radium und seine Kinder uns Einblick in unsichtbare Leiden und Taten des Lichts verstattet haben. Wer hätte es noch vor zwanzig Jahren ahnen können, daß dem Forscherauge die sogenannte materielle Natur des Lichtes in der Form sichtbar aufprallender Radiumpartikelchen (α-Strahlen) direkt unter dem Mikroskop erkennbar werden würde, und wer hätte geahnt, daß die unsichtbaren Pfeile des Apoll eine Tatsache, eine Realität sind und uns Medizinern ein ganzes Feld voll neuer Heil- und Krankheitserkenntnisse eröffnen würde? O Völkersagen, o Märchenweisheit, o Griechentum, Abaris, Phöbuspfeil und Radium, Röntgen, Mesothorium usw.! Zusammenhänge, Beziehungen, Tiefen, Ahnungen, Erfüllungen!

Die Leser dieser sachlichen Erörterungen aus den neuen Gebieten der Medizin mögen ihrem Autor diesen pathetischen Ausruf ausnahmsweise einmal verzeihen. Das fast sich überhastende Tempo der Neuerungen unserer klassischen naturwissenschaftlichen Technik ist aber so wunderbar, daß sich ein solches reflektierendes Rückschauen wohl rechtfertigt, zumal die Aufdeckung jeder Art von Beziehung des modern Komplizierten zu dem naiven Glauben der Völker immer etwas Beruhigendes, Orientierendes in sich birgt. Nun wollen wir aber auch unverzüglich realen Boden betreten und einmal in kurzer Übersicht feststellen, was wir denn heut mit diesen winzigen, kostbaren goldenen Sonnensplitterchen heilend anfangen und was wir – denn auch Apollos Pfeile konnten Schaden bringen – damit anrichten. Es mögen die Wirkungen von Röntgenlicht, Radium und Mesothorium einmal genauer besprochen werden, zumal sich inzwischen schon Stimmen erhoben haben, die den Nutzen dieser Heilbestrebungen arg diskreditieren, dafür aber ihren Schaden stark ins Licht gerückt haben. – Wir wissen, daß eine große Anzahl von Hautausschlägen, gutartigen Geschwülsten bestimmter Art und eine große Zahl auch ganz bösartiger Geschwürprozesse heilbar sind durch Bestrahlungen mit den verschiedensten Formen unsichtbaren Lichtes. Wir wissen aber auch, daß eine nicht kleine Zahl derartig behandelter Patienten in der Umgebung des Geschwürs, des Ausschlags und direkt an seiner Ausbreitung neue, unendlich schwere Geschwürbildungen davontragen, die oft unheilbaren Charakter, ja eine direkt krebsartige Natur haben. Wie soll man dies Paradoxon verstehen? Etwas, was heilt, macht auch zugleich sehr Schlimmes. Wie so oft und so leicht in der Medizin, ist es wie bei der Feuerwehr: der Wasserschaden in der zweiten Etage ist schlimmer als der Feuerschaden in der dritten, wo der Brand zu löschen war. Jedes unserer Mittel beinahe hat eine Segens- und eine Schädlichkeitsbreite. Schlangengift ist tödlich, aber es kann in kleinsten Dosen Nervenkrankheiten heilen, wie zuerst übrigens ein Amerikaner nachgewiesen hat. Opium, Morphium, Veronal kann Schlaf oder Raserei und Tod erzeugen. Überall kommt es auf die Dosierung an, aber nicht nur die Dosis ist entscheidend, auch ein unendlich schwer in Rechnung zu stellender Faktor kommt hinzu: die persönliche Empfänglichkeit des Einzelnen, die in ganz enormen Breiten schwankt. So werden Tausende dem Röntgenlicht ohne Schaden, sogar zu größtem Nutzen mit aller menschenmöglichen Vorsicht ausgesetzt, und dann kommt der Tausendundeinte, und siehe, er ist unheilbar oder schwer heilbar verbrannt. Wir haben schon gesagt, daß an dieser Schwelle der Forschungen die Begriffe des Materiellen und Immateriellen, des Körperlichen oder Dynamischen, der rein mechanischen oder kräfteverschiebenden Wirkung arg ins Schwanken geraten, aber für unsere bisherigen Vorstellungen ist es bildhafter, anzunehmen, daß bei diesen Wirkungen des Ultravioletten (wie der Sammelname für alle unsichtbaren Strahlenwirkungen ist) das Licht als ein Sprühregen von lauter kleinsten Feuersteinchen, von winzigsten Zwergensternchen aufzufassen ist, die mit vulkanischen Schleudermaschinchen vom großen Hadesstrom (Pyriphlegethon) des Unsichtbaren abgesprüht werden und die bei ihrem Aufprall gegen Glas, Metall, Gewebe, Zellen kleine Explosionen im Reiche alles dessen, was jenseits von Haarspitze und Nähnadelende liegt, hervorbringen. Dieses mikroskopische Bombardement gegen alle Festungen des Gewebes, gegen Zellschalen und Zellkerne hat tödliche Gewalt, indem es die kleinen Kraftzentralen des Belebten, die kondensierten Lebensträger kleinsten Lebens, das hoch organisierte Zellinnere, die winzige Keimkapsel alles Lebendigen (den Nukleinkern) zur Leiche macht. Wir wissen wenig von diesen kleinen Wundermaschinen des Lebens der Zellen, die unseren ganzen königlichen Menschenleib korallenstockschichtig nicht weniger aufbauen als das winzige, schemenhafte Leibchen einer durchsichtig schillernden Seegarnele, aber wir ahnen, daß es ein so unendlich komplizierter Apparat sein muß, daß, könnten wir ihn entsprechend vergrößern, wohl eine elektrische Zentralstation gleich einem Akkumulatorenwerk des kompliziertesten Raffinements herauskäme. Dann würde sich Virchows geträumte »letzte« Lebenseinheit, die Zelle, auflösen in ein Labyrinth noch letzterer und noch elementarerer Lebenseinheiten. (So schnell schreitet die Wissenschaft, daß Geister, die eben noch Heroen waren, der Geschichte schon angehören, während man eben ihre Taten noch wie Marksteine letzter Erreichbarkeiten feierte. Das nebenbei.) Dieser komplizierte Apparat der Zelle hält jedenfalls dem Anprall der kleinen ultravioletten Lichtbomben nicht stand, nicht nur wie ein Sandkorn, in eine Armbanduhr geschleudert, ihren Gang hemmt, wir müssen auch annehmen, daß diese winzigen Feuerschlacken die Feder der Zelluhr durchschmelzen oder sprengen. Das Pendelchen der Zelle hört auf zu ticken, das kleine Uhrwerk des Lebens steht still. Da ist es dann natürlich, daß die kranken Zellen nicht nur, sondern auch die dem Körpergewebe eingenisteten, ebenfalls zelligen Feinde (Bakterien, Protozoen usw.) früher sterben als der fester organisierte Zellbund des geschlossenen und gesunden, sich gegenseitig helfenden Gewebes. So heilen diese an Größe jenseits des feinsten Fädchens liegenden leuchtenden Pfeilchen, man könnte sie direkt ultrafiliforme Sternchen nennen, indem sie zellige Eindringlinge und junge Wehrzellen des Körpers ihrem Bombardement erliegen lassen. Wehe aber, wenn ihre Geschosse oft und weit hineinreichen über die Wälle der Schutzgräben und Sturmschanzen, als welche man das entzündlich produzierte, ihnen entgegengeworfene Zellmaterial ansprechen kann, wenn sie auch den Bestand der Zellen im Gesunden angreifen! Dann gibt es hier nicht nur Zelltod und Geschwürbildung im Gesunden, sondern dieser glühende Steinregen entfacht etwas wie eine Entfesselung anarchischer, regelloser, inzestartiger Zeugung, sie erregen eine Wucherung von Zellmaterial, deren einmaliger Anstoß sich rätselhafterweise nicht mehr hemmen läßt, sondern wie ein Brand in sich fortzeugend Böses muß gebären. Hier haben wir etwas völlig Problematisches: eine mechanische Spickung der Gewebe mit kleinsten Ätherpfeilchen wirkt infizierend, zeugend, befruchtend, saatenhaft. Das Heilmittel gegen den Krebs erzeugt krebsige Anarchie der Zellen, wobei das Muttergewebe ständig sich in sich selbst befruchtet und den ganzen großen Organismus langsam verzehrt. Das Faß des Lebens läuft von einer winzigen Lücke her aus, ganz aus.

Schwer sind die Röntgen- und Radiumgeschwüre zu heilen, einmal weil der hineingetragene Zellaufruhr unendlich mühsam wieder zur Ruhe zu bringen ist, und zweitens, weil man niemals sicher ist, ob eine so winzige »befruchtete« Zelle vom Wanzennest der aufgelockerten Herde nicht lange in tiefere Gewebe gekrochen ist, ehe das Messer des Chirurgen sie mit allem umgebenden Zellmaterial aus dem gefährdeten Leibe heraushebt.

Das alles würde nun sehr deprimierend sein, wenn nicht – Gott sei Dank! – diese Fälle sehr selten wären und wohl durch gesteigerte Vorsicht und fortschreitende Schutzmaßnahmen bald ganz vermeidbar sein werden. Das wichtigste ist, daß hier überhaupt ein Weg gefunden ist, auf dem man zu den Höhlen des Ungeheuers Krebs gelangen kann, das auf dem Bewußtsein der Kulturmenschheit nicht weniger lastend und erschreckend liegt als die Kunde vom Drachen auf dem Herzen der Vorzeitmenschheit. Wir haben das Prinzip seiner Bekämpfung gefunden, wenn auch die Sicherheit der Heilwirkung noch nicht völlig einheitlich ist. Daß dabei auch andere Unterstützungsmittel möglich sind, möge ein anderes Mal besprochen werden, bei welcher Gelegenheit auch einmal auf den eigentümlichen Bau dessen, was wir Krebs nennen, eingegangen werden soll.

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