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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 13
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vom Schmerze

Über allen Geschöpfen der Erde waltet – so scheint es – der Paradiesesfluch des Engels mit dem gezückten Schwerte, der Fluch des Schmerzes; wobei leider die Heilige Schrift unerörtert läßt, wodurch auch die übrigen schuldlosen Geschöpfe ohne Sündenfall des gleichen dunklen Loses der Schmerzbereitschaft teilhaftig geworden sind wie der Mensch. Im Buche der Natur – das übrigens viele Erkenntnisse ganz genau so beantwortet wie die heilige Bibel – steht es jedenfalls geschrieben, daß das Schmerzgefühl eine allgemeine physiologische Mitgift aller Lebewesen ist, sowohl derer, die ohne Nerven gebildet sind, wie derer, die ein hochorganisiertes Nervensystem besitzen, wie es Gehirn, Rückenmark und Endnerven darstellen: ein System nervöser Strömungen von und zur Zentrale, wie es ganz analog das der Blutapparate, Herz, Aorta und Kreislaufgefäße, repräsentiert. Der Körper ist eben durchsetzt mit einer Kanalisation zweier vielmaschiger Netze, der Blutbahnen und eines Netzes der elektrischen Leitungen. Auf diesen Nervenbahnen läuft Lust und Schmerz, alles Fühlen und Empfinden, alles, was geistig und seelisch an uns ist: selbst das Unbegreifliche hat hier seine Bahn. Nerven- und Sinnesvorgänge sind geheimnisvolle Übertragungen objektiv-physikalischer Bewegungen in das Bewußtsein menschlicher Vorstellungen. Dieser Umsatz, diese Transformation, wie man elektrodynamisch sagt, ist noch gänzlich rätselhaft. Es weiß eben niemand, was geschieht, wenn eine Ätherwelle voll bestimmter Wellenlänge meine Netzhaut trifft und mein Gehirn an der Stelle des Sehzentrums nun den Eindruck »rot oder blau« ins Bewußtsein aufnimmt. Wohlverstanden: wir verstehen die Erzitterung, welche die Stäbchen der Netzhaut erleiden, und daß sie dieselben übertragen auf die Nervensaiten, die bis zu den feinen mikroskopischen Lichtschirmchen des Gehirns hinaufleiten; aber wir verstehen nicht, in welcher Weise diese Lichtschirmchen das Physische zu Seelischem machen, wie sie die mechanischen Erregungen am Nervensystem einschmelzen in den Ring unseres Ichgefühls, wie aus dem Anstoß ein Empfinden wird. So ist es auch mit dem Schmerz: wohl können wir mit einiger Mühe uns eine Vorstellung machen vom mechanischen Geschehen im Augenblick des Auftretens eines Schmerzes, aber es ist unendlich schwer, den Übergang dieses rein leiblichen Vorganges in das seelische Wehgefühl einigermaßen in Worte und Begriffe zu fassen. Weil aber der Schmerz eine Sache ist, die jedermann angeht, so wollen wir doch versuchen, hier etwas vom Wesen des Schmerzes und später einmal von den Möglichkeiten seiner Bekämpfung zu plaudern.

Es gibt eine weitverzweigte Schule, deren Führer der sehr verdienstvolle Berliner Kliniker Geheimrat Goldscheider ist, welche sich das Problem des Schmerzes sehr einfach gestaltet hat, indem sie annimmt, daß die Natur (wirklich in einer fluchwürdigen Stunde) beschlossen hat, für Schmerz, Leid, Weh und Qual ein besonderes Nervensystem zu schaffen. Sie behauptet: es gibt Nerven, die nichts anderes zu tun haben, als den Schmerz zu transportieren, wie die Lichtwellen vom Sehnerven, die Tonwellen vom Hörnerven »spezifisch« aufs Gehirn übertragen werden. Abgesehen von der Unmöglichkeit, daß es in der Natur so etwas gibt wie eine spezifische Schmerzkraft, eine Ätherwelle, die sich wie eine Skala von der Wärme über das Licht, dem Feuer, der Elektrizität bis zum Schmerze steigern ließe, abgesehen ferner davon, daß es im Gehirn kein Zentrum des Schmerzes, wie das der Licht-, der Tonempfindungen usw. gibt, lehnen wir diese Vorstellung des Eingeborenseins von Schmerz leitenden Nerven als eine fürchterliche Anklage gegen die schöpferische Natur ab. Vor allem, weil sie mit dem Entwicklungsgedanken im Widerspruch steht. Wie alles, was ist, sich entwickelt haben muß, wie aus der einfachen Reizbarkeit der Pflanzen- und primitiven Tierzelle sich das Empfinden auf Nervenbahnen nachweislich entwickelt hat, so muß auch der Schmerz sich aus der ursprünglichen Tastempfindung heraus entwickelt haben und muß als eine Steigerung des Tastgefühls verständlich sein. Mit einem Wort, der Schmerz ist eine gesteigerte Funktion, eine Überspannung, eine Peitschung der allgemeinen Empfindungen, aber er läuft auf denselben Bahnen, auf denen auch normalerweise physiologische Reize verlaufen. Gäbe es so etwas wie ein Telegraphensystem der Schmerzen, so wäre eben der Schmerz eine physiologische, gleichsam normale Einrichtung im Leibe, wogegen wir uns sträuben, weil wir ihn unter allen Umständen für etwas »Pathologisches«, Krankhaftes, Überflüssiges, Vermeidbares und Bekämpfbares halten und halten wollen. Jene Schule lehrt, daß der Schmerz einen unentbehrlichen Betriebsfaktor in der Naturmaschine darstellt, und wir leben der Hoffnung, daß ein Dasein auch ohne ihn viel ungestörter ablaufen könnte, wie eine Spindel ohne Fadenriß und Räderknirschen. Worin aber besteht diese Überspannung der normalen Tastempfindung beim Schmerz? Können wir hierfür eine plausible Erklärung geben, so kämen wir dem Schmerzproblem, auch dem des seelischen Leidens, um ein Erhebliches näher. – Die Tastnerven besitzen wie alle Nerven und wie alle elektrischen Drähte eine Umhüllung, die das seitliche Abspringen der Funken verhütet. Die Nervenscheide ist ganz genau dasselbe, was das grüne, braune oder gelbe Seidengespinst bei den Schnüren unserer elektrischen Lampen darstellt. Während nun für gewöhnlich jede Erregung von Taststrom in vorbestimmten, gegenseitig seitlich isolierten Bahnen in die Sphäre des Bewußtseins hinüberwellt und gewissermaßen reguläre Meldungen vom Geschehen aus der Außenwelt ins Innenleben in größter Ordnung registriert werden, muß eine seitliche Verletzung der Nervenscheiden oder der Isolationsgespinste der elektrischen Drähte an der Zentrale oder sonst irgendwo eine Störung veranlassen. Solche Verletzung der Nervenumhüllung ist aber die Grundbedingung jedes Schmerzes. Eine Quetschung, ein Stich, ein Gift, ein Kristall, ein Bakterium, ein abnormer Gewebssaft, ein Fremdkörper im Gewebe, sie alle stören die seitliche Isolation der Empfindungsnerven, die Folge ist seitlicher Kontakt verschiedenster Systeme und eine Alarmmeldung zum Gehirn: der Schmerz ist ein elektroider Kurzschluß der Tastnerven. Dieser Kurzschluß wirkt ungefähr so wie eine Meldung Hunderter von Telephonanschlüssen gleichzeitig auf die Bedienerinnen einer Telephonzentrale: Verwirrung, Unorientiertheit, Tohuwabohu – ist hier genau wie im Gehirn die Folge. Während die Tastnerven Meldungen der Orientiertheit übermitteln, veranlaßt ihre seitliche Isolationsbeschädigung den psychischen Eindruck der Hilflosigkeit mit dem Charakter der Gefahr: dieses Gefühl nennen wir Schmerz: ein Gemisch von Bedrohung, Angst, Unsicherheit, Zerstörung des Verstandes und Sorge um Vordringen der Vernichtung unserer Apparate und damit Gefährdung unserer Persönlichkeit.

Nichts anderes geschieht beim seelischen Schmerz: Sprengung der Isolationen unserer seelischen Empfangsorgane. Ein Eindruck des Auges, des Gehörs usw. enthält so schwere Ladungen, daß die seelischen Rezeptoren seitlich gesprengt werden und dasselbe Gefühl des Verlorenseins, der Hilflosigkeit, des Vernichtetwerdens in der Seele Platz greift wie beim körperlichen Schmerz.

Der Schmerz ist also stets die Folge einer Verletzung der seitlichen Hemmungsapparate des Nervensystems, er ist ein Kurzschluß seelischer Leitungen.

Den Siegesreigen der Chirurgie haben zwei große Eroberungen der Wissenschaft eröffnet, welche die gewaltigen Bollwerke niederrissen, die sich der Verallgemeinerung und dem Fortschritt chirurgischen Könnens jahrtausendelang in den Weg gelegt hatten: die Besiegung des Schmerzes bei Operationen durch die Betäubungsmittel und die Überwindung der Gefahren des Wundverlaufes durch die verfeinerte, man möchte sagen mikroskopische Sauberkeit. Längst hat der Heros der Chirurgen, Lord Lister, der Erfinder der entscheidenden Methoden zur Fernhaltung der Gärung in der Wunde (das heißt Wundfäulnis, Sepsis), sein menschenliebendes Auge geschlossen, aus dessen sinnenden, schauenden Tiefen der große Plan entsprang, nach dem wir noch heute täglich an die Arbeit gehen – ihm allein gelang die Christustat, den Tod von unzähligen Verletzten und Operierten abgewendet zu haben; alle Arbeit nach ihm und Pasteur in dieser Richtung ist doch nur Programmerfüllung, Auftrag, Kärrnerarbeit. Aber diese erlernte Fähigkeit der geschulten Chirurgen, fast absolut ungestraft durch Wundkrankheiten in die tiefsten Schichten und Organsysteme des menschlichen Leibes einzudringen, hätte uns nicht zu Resultaten gebracht, wie z.B. Knochen von lebenden Tieren in die zerstörten Knochenteile des Menschen einzufügen Gluck sah sogar sterilisierte Skelettknochen (Tibia) an Stelle entfernter Knochen restlos einheilen. und zur Heilung zu bringen oder meterlange Darmenden herauszunehmen und die durchschnittenen Enden zu ungestörter Tätigkeit wieder zu vereinigen, wenn nicht der Schmerz, dieser sprungbereite Wächter, vollständig einzuschlummern wäre, solange der Operateur in den Krypten und Tunnels des Leibes arbeitet. Wir wissen, daß jeder Schmerz durch Verletzungen der schützenden Leitungshüllen der Nerven (Isolationen) entsteht, daß er einen örtlichen Kurzschluß der Empfindungsnerven bedeutet, der im Zentrum des Rückenmarks oder des Gehirns als eine Warnung vor Gefahr gemeldet wird. Die ältere Chirurgie hat nur ein Mittel gekannt, noch bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts, diesen Schmerz, der ein quälender Begleiter unserer chirurgischen Heilbestrebungen war, zu bekriegen, indem sie durch die Einschläferung der Seele durch Chloroform oder Äther vor dem Beginn des Eingriffes eine Meldung zum Gehirn unmöglich machte. Man kann sich ruhig denken, daß trotz der Narkose in den Geweben, in denen wir operierten, eigentlich doch der Schmerz örtlich entsteht und auch Wirkungen ausübt, wie z.B. aufs Herz, auf die Pupillenweite, auf die Atmung und die Muskulatur, aber die Leitung der Warnung, des Schrecks, der Aufforderung, sich zu wehren, zum Gehirn ist durch die Betäubung unterbrochen: die Seele schläft fest und tief in ihrem Chloroformbett: die Alarmglocken läuten nicht oder durchdringen nicht die Dämpferschicht, die über die Wahrnehmungszellen des Gehirns mit dem Schlafgifte gehüllt ist. Die Narkose ist ein überaus interessantes Kapitel der Wissenschaft und ist in den letzten Jahrzehnten seit des Verfassers heftigem Angriff auf den widersinnigen Schematismus ihrer Handhabung im Jahre 1894 ein Feld eifrigsten Studiums geworden. Bis dahin hatte Äther oder Chloroform fast allein die Herrschaft; heute zählen wir etwa zwei Dutzend Methoden der Betäubung, die bald hier, bald dort zum Heile der Kranken wechselnd besser am Platze sind als jene zwei. In der Tat ist heute die Narkose eine hohe Kunstfertigkeit, ein nur mit vollem Verständnis leidlich ungefährlicher Gewaltakt am Apparat der Seele, ein Seelenexperiment im größten Stile, eine künstlich überwachte Heraushebung der Seele aus der Funktion des gesamten Leibes. Das ist der Grund, warum sie niemals völlig ungefährlich sein kann, ja eigentlich den gefährlichsten Akt der ganzen Operation darstellt. Die Technizismen der Operation, die Verhütung der Wundkrankheiten, der schweren Blutungen, das alles kann exakt gelehrt und gelernt werden, aber die Narkose behält immer ein gewisses Risiko, weil sie eine künstliche Vergiftung des Körpers darstellt, die wie ein Damoklesschwert über dem Operationstische schwebt. Sie ist daher keine völlig ideale Methode der Schmerzbekämpfung, und ich bin der Meinung, daß jede Methode, die den Schmerz am Orte seiner Entstehung aufzuheben vermag, ohne das Resultat unserer Heileingriffe zu gefährden, sicher den Vorzug verdient. Meine eigenen Bestrebungen zur Einführung einer unschädlichen örtlichen Betäubung sind – ich darf es nach dem lebhaften Kampf um ihr medizinisches Bürgerrecht wohl mit einiger Genugtuung sagen – nicht ohne Einfluß auf den Gang der Dinge gewesen, so daß heutzutage sicher in 60 Prozent aller Fälle die Narkose durch die örtliche Betäubung überflüssig geworden ist. Theoretisch und praktisch habe ich hierbei den anderen Weg beschritten, nämlich dem Wächter Schmerz am Orte seines Alarmdienstes die Klingelzüge zur Seele festzuhalten, ihm seine Telegraphendrähte so lange aus der Hand zu nehmen, als unsere Minierarbeit im Gewebe dauert. Daß das durch Einspritzung von vielen hundert Grammen einer nach eingehendster Prüfung durch alle Autoritäten als ungiftig anerkannten Flüssigkeit ( Schleichsche Lösung) auf ideale Weise möglich ist, ward mir das Glück zu lehren und unter Beweis zu stellen.

Nicht nur an Händen, Füßen und Extremitäten gelingt das bis zu Amputationen und Gelenkoperationen, sondern auch am Rumpf, am Schädel und im Bauch, an Darm und Magen, Leber, Niere usw. ist diese Methode unter gewissen Einschränkungen in vollkommener Weise durchführbar. Überall ist das gleiche Prinzip am Werke: man stellt das ganze Operationsgebiet gleichsam unter eine wässerige Überschwemmung mit einer Flüssigkeit, die alle Nerven gegeneinander isoliert; dann sind keine Kurzschlüsse der Nerven möglich, d. h. der Schmerz kann nicht entstehen. Es würde zu weit führen, hier auseinanderzusetzen, wie hierbei die Gefahr der Giftigkeit dieser Lösungen vermieden wurde, die z.B. bei der Verwendung des Kokains allein in gleichem Maße wie bei der Narkose bestehen bleiben würde, es sollen hier ja nur dem Laien die theoretischen Wege aufgezeigt werden, die uns zum Überwinden der natürlichen Hemmnisse zu Gebote stehen.

Bisher sahen wir, daß am Ort der seelischen Empfindung des Schmerzes die Narkose, am Ort seiner Entstehung die Hemmungsflüssigkeit appliziert wurde. Es blieb dem Genie August Biers vorbehalten, uns noch einen dritten Weg aufzuzeigen: die Unempfindlichmachung der Bein- und Unterrumpfnerven am Orte ihres Eintritts ins Rückenmark. Das bedeutet eine zeitweise Unterbrechung respektive Hemmung der Nerven bei ihrem Eintritt ins Rückenmark, die Einschaltung eines Nervendämpfers zwischen Extremitätennerven und Rückenmark respektive Gehirn.

Rechnen wir für diese Methode (die nur für die untere Extremität und den Unterleib zugänglich ist) ebenfalls 10 Prozent aller Gesamtoperationen, so hat die Narkose nur noch 30 Prozent Terrain, ein gewaltiger Fortschritt gegen eine Zeit, in der sie mit ihrer Sterblichkeit von 1:1000 Alleinherrscherin war.

Rechnen wir diesen Methoden noch gewisse Modifikationen der Nervenunterbrechungen an größeren Stämmen ihrer Leitung (die sogenannte Leitungsanästhesie) hinzu und bedenken wir, daß an manchen Schleimhäuten die Nerven so bloßliegen (Auge, Nase, Blase usw.), daß die Berührung (Kontaktanästhesie) mit schmerzaufhebenden Mitteln (Kokain und seine Brüder, Kinder und Enkel wie Eukain, Tropakokain, Alypin, Anästhesin, Adrenalin) genügt zur Schmerzdämpfung, so muß man gestehen, daß der Schmerz, dieser Fluch der Menschheit vom Ausgang des Paradieses, wenigstens für operative Akte, für schwere Schmerzanfälle, Geburten und Koliken, von einer siegreichen Phalanx von schirmenden Mitteln geradezu wie übertrumpft und abgewendet erscheint. Daß doch für seine tyrannische Herrschaft über die Gefilde der Seele dem Arzt oder dem Priester ein gleiches Arsenal von wirksamen Gegenmächten zu Gebote stünde!

Wer sich doch immer Rechenschaft geben könnte von den plötzlichen schmerzhaften, schnell verzuckten, manchmal ganz intensiven Kurzschlüssen unserer Empfindungsnerven, die bald im Leibe, tief im Bauch, bald um Herz und Lunge, bald durch unsere Muskeln aufspringen wie Funken, schnell verglimmende Feuerströme, wie wetterleuchtendes Leid? Ich gestehe frei, daß selbst mir altem Grübler über den Sinn der Schmerzen nicht immer ganz klar ist, was dieses kurze, schnelle Anpochen der rätselhaften Abgesandten der heiligen Feme der Natur in jedem einzelnen Falle zu sagen hat. Manchmal sind's kurze Krämpfe der Muskulatur, die, hervorgerufen durch stellenweise krampfartiges Aussetzen des Blutstromes, die Nervenbündel, die nun einmal überall im Leibe sind, zu nahem Kontakt aneinanderpressen, manchmal mag ein mikroskopischer Kristall von Giftstoff, Giftkörnchen, Alkaloidsplitterchen, die aus unserer Nahrung stammen, einen Nerven seitlich anspießen wie ein winziges Torpedoprojektil; auch mag es vorkommen, daß irgendeine ältere Verklebung zweier innerer Häute plötzlich zerreißt und damit eine schon neugebildete Kabelleitung gesprengt wird; auch ist es klar, daß Gasblasen in den langen, langen Tunnels unserer Verdauungskatakomben sich oft an dem Schutt und Mörtel unseres Nahrungsabbaus vorbei einen Weg bahnen wollen und, aufgehalten, die Darmwände irritieren. Unsere häufigsten Schmerzen im »Innern« sind also gebunden an gewisse krampfartige Muskeltätigkeiten, auch wo diese sich am Apparat der Muskulatur abspielen, die nicht von unserem Willen abhängig ist. Das ist das gewaltige System aller Drüsen der Verdauung mit ihren Ausführungsgängen, das ist der große Verdauungsschlauch von Speiseröhre, Magen bis zum Darmende, der ganze innere Geschlechtsapparat und das Nierensystem, das ist der ganze Kreislauf des Blutes und das Herz selbst.

Überall nun, wo an diesen großen Körperprovinzen und an ihren von Blut- und Nervenchausseen durchzogenen Terrains ein Stocken des innerlich unaufhörlichen Summens der Milliarden kleiner Muskelspulen eintritt, pflegt sich auch ein Schmerz einzustellen. Die Ursachen sind meist zunächst Krämpfe an den Gefäßästen, welches die zugehörigen Muskeldistrikte mit einem Krampf aus Blutleere (anämische Kontraktur) zu beantworten pflegen. Dann entsteht ein Hindernis in dem Kreislauf des Geschehens der maschinellen inneren Einrichtungen: eine lokale Betriebsstockung, und die Fabrikwächter, die immer lärmbereiten Nerven, melden durch den Schmerz zum Bewußtsein, daß an dieser oder jener Stelle eine Bedrohung des Ganzen statthat, und bitten um schleunige Abhilfe. Die kommt bei unseren schnell vorübergehenden Schmerzen auch bald ganz von selbst durch eine seitliche schnelle Blutwelle, die solche kleinen Krämpfe bald überwindet durch Blutüberströmung des durchkämpften Gebietes. Wo die Störung dauernd bleibt, macht oft der Zentralapparat ganz gewaltige Anstrengungen, das Krampfhindernis zu überwinden; wo es nicht gelingt, schickt eben die durch die Alarmmeldung des Wächters Schmerz aufgerüttelte Intelligenz zum Doktor. Man kann daher ganz gut sagen, daß der Schmerz der Prometheus war, der uns Ärzte erschuf, und daß ohne ihn unsere Klingelzüge lange verrostet wären. Denn nehmen wir einmal an, das Passagehindernis für den Umlauf der Kräfte in unserem Innern sei durch etwas Mechanisches gegeben, etwa einen Stein, einen Fremdkörper, eine Knickung, Drehung, Verlagerung eines der schlauchförmigen Systeme (ein neues Menschlein mit eingeschlossen), unüberwindbar für die allerdings schwer erschöpfbaren Hilfsbereitschaften der Natur, so muß eben die Kunst eingreifen. Hier ist der Punkt, wo das gesamte Heer unserer narkotischen Mittel vom Opium und Morphium bis zu der gewaltigsten Dämpfung aller Krampfzustände, der Narkose, einzugreifen hat. Hier ist auch der Punkt, an dem sich oft das sogenannte Beruhigungsmittel direkt als segensvolles Heilmittel entpuppt. Ich nehme eins der schmerzhaftesten Leiden heraus, um das klarzumachen, den Gallensteinanfall. In der Gallenblase hat sich durch eine meist vererbte Stoffwechselveränderung ein Stein gebildet. Er passiert den Blasenausgang, wo er frei und ohne Schmerz zu machen in dem großen Gallenreservoir umhergeschwommen ist, bis ihn ein Muskelschub des Gallenblasenkopfes in den Gallengang, dem Darme zu, hinausschleudert. Da sitzt er fest und schon ist der Gallensteinanfall da. Der enge Gang sperrt ihm durch Muskelkrampf den Weg und von hinten her preßt der Gallenstrom und die Muskulatur hinter ihm ihn immer weiter vorwärts. Ein wilder Schmerz durchwühlt die Magengegend, der alle umliegenden Systeme mit ergreift. Magenwand, Darmrohr, Zwerchfell – alles steht in Krampfspannung, weil der Kurzschluß der gesperrten Stelle alle nervösen Nebenbezirke in gleichsam angehaltenem Atem zu verharren zwingt. Jetzt kommt die Morphiumspritze! Was geschieht? Unter einer Bewußtseinstäuschung des Gehirns und Rückenmarks, welche die Alarmmeldungen des geschädigten Gebietes nicht mehr voll wahrnehmen, wird auch die Empfindlichkeit der Nerven an Ort und Stelle herabgesetzt, respektive aufgehoben. Der Effekt ist wunderbar. Der Muskelkrampf des engen Gallengangrohres läßt nach, im Gegenteil, der ganze Gallengang wird gelähmt und dehnbar wie ein alter Gummischlauch, und der Druck der Galle genügt meist, den Stein in den Darm glatt hindurchzuschieben, andernfalls auch einmal fällt der Stein wieder in sein Reservoir, die große Gallenblase, zurück: der Anfall ist vorüber. Hier also ist das Morphium nicht nur ein Linderungsmittel, nein, es ist direkt ein Heilmittel ersten Ranges.

Das kann oft so wirken wie eine leichte Narkose, etwa mit einem narkotischen Siedegemisch, wo durch erzwungenen Nachlaß der Muskelkrämpfe eines bestimmten Systems, z.B. des Darmkanals, mechanische Hindernisse beseitigt werden. Darmeinschnürungen, Drehungen, Knickungen, Verschlingungen können sich spielend lösen, wenn das Zaubergift den wühlenden Schlangen der Eingeweide Ruhe gebietet, die sich sonst im Kampfe der gereizten Muskulatur zu einem ringelnden Knäuel zusammenballen und den Operateur zwingen, ihnen mit dem Messer und der beschwörenden Hand direkt zu Leibe zu gehen. Auch der immens schmerzhafte akute Muskelrheumatismus (Hexenschuß) ist solch ein Fall, wo eine frühzeitige Morphiuminjektion nicht nur den Schmerz lindert, sondern die aus Muskelspannung und Krampf zusammengesetzte Faserverwirrung dauernd auflösen kann. Sonst freilich sind unsere schmerzlindernden Mittel nichts als Mittel, das Bewußtsein angenehm hinwegzutäuschen über das, was in uns geschieht; Schalldämpfer, die wir über unsere inneren Ohren ziehen, müde der lästigen und bedrohlichen Meldungen des unaufhörlichsten Schwätzers Schmerz, der, einmal zu Worte gekommen, nicht mehr aufhört, seine Nadelstichsprache zu reden, bis die Ursache seiner Empörung beseitigt ist. Die Bekämpfung der Schmerzen – das ist die Domäne der mildtätigen Herzen von Anbeginn des Menschentums, der Hauptinhalt priester-ärztlicher Tätigkeit der Berufenen im Dienste der Menschheit, im letzten Sinne das Ziel aller Denker, die gegen das Leid der Erde kämpfen. Ist auch die Heilwissenschaft noch weit im Rückstande in ihrer Fähigkeit, die Kreatur von der Krankheit zu befreien oder wenigstens ihren glücklichen Ablauf zu gewährleisten, hier im Kampfe gegen den Schatten der Krankheit, den Schmerz, ist sie auf einer siegreichen Höhe angelangt, die uns verspricht, auch zum Gipfel zu kommen. In der Tat: auf keinem Gebiete hat die Medizin in den letzten Dezennien so Entscheidendes geleistet als in der Bekämpfung der Schmerzen. Hier sind Erfindungen gemacht, die den mit rauschendem Beifall begrüßten Fortschritten der Technik auf anderen Gebieten durchaus ebenbürtig genannt werden dürfen. Auch hier genügte oft ein Geist für tausend, tausend Hände in den chemischen Fabriken, um der Natur gewisse Stoffe nachzumachen, die ihre Lethetränke an Wirksamkeit im guten Sinne erreichen, ja sie oft korrigieren, indem ihre Gefährlichkeit ausgeschaltet wurde. Fragen wir nach den Prinzipien des durch die moderne Naturwissenschaft ersonnenen methodischen Fortschrittes, so müssen wir unsere vom Schmerz gegebene Definition als eines elektrizitätähnlichen Kurzschlusses der Empfindungsnerven zugrunde legen. Da liegen von vornherein zwei beschreitbare Wege offen: die Bekämpfung des Schmerzes am Ort seiner seelischen Aufnahme, dem Gehirn respektive dem Rückenmark, d.h. am Ort seiner zentralen Auslösung, oder seine Bekämpfung am Ort seines Ursprungs, d.h. an der Stelle seiner sogenannten peripherischen Quelle. Das ist genau so wie bei einer Störung im elektrischen Betriebe etwa einer Großstadt. Ist es nicht möglich, am Orte der Entstehung die beschädigte Hemmung und ihre Ursache zu beseitigen, so bedarf es, wie etwa auch bei einem Wasserrohrbruch in einem Hause, der zeitweisen Abstellung des Zustromes an der Zentrale, bis die Reparaturen und Entfernung der störenden Ursachen am Orte der Ereignisse vorgenommen sind. Bis die Werkmeister kommen oder ihre Kollegen vom maschinellen Betrieb des Leibes, die Ärzte, kann aber auch schon vieles geschehen an vorbereitenden und mildernden Maßnahmen. Jeder Mensch im Schmerzanfall gehört in eine wagerechte Lage mit abwärts gelagertem Kopf, weil die passive Blutfülle des Gehirns und Rückenmarkes die zentrale Schmerzempfindung abdämpft. Das Blut enthält Hemmungssäfte für die Schmerzleitungen: folglich muß für Füllung der zentralen Apparate mit Blut gesorgt werden, zumal der dem Schmerz parallel gehende Krampf der Blutgefäße den Blutgehalt des Gehirns herabzusetzen geneigt ist. Daher sind auch bei allen Fällen lokaler Schmerzen die heißen Umschläge, das Thermophor, jede Art von Hitze und Wärmeschutz am Platze, einmal direkt am Orte des Schmerzes, ganz gleich, ob eines äußerlichen oder innerlichen, zweitens aber auch, was ich selbst sehr oft wirksam gefunden habe, in Form von heißen Tüchern, langen Sandsäcken, mit heißen Linnen umwickelten Stäben oder Brettern das ganze Rückgrat entlang. Wirken doch die heißen Bäder als schmerzlindernd durchaus nur deshalb, weil sie das Rückenmark mit Blut füllen, Blut aber dem natürlichsten zentralen Hemmungssafte gleichzusetzen ist. Das ist auch der Grund, warum Badewannen mit kaltem oder leicht abkühlbarem Boden für medizinische Bäder meist gänzlich unbrauchbar sind. In solchen Fällen müssen dicke Badetücher über den Boden der Wanne gebreitet werden, wenn sie bei schweren Schmerzanfällen, wie z.B. schweren Rheumatismen, Koliken, Gallensteinen, Nierensteinen usw. wirksam sein sollen. Daß auch die extreme Kälte schmerzlindernd wirkt in Form von Eisblasen, ist erfahrungsgemäß sicher; dem Laien ist aber nur schwer klarzumachen, warum sie in demselben Sinne wirkt wie die Hitze. Manch unliebenswürdiger Kollege liebt es sogar, seinen Bruder in der Zunft mit Lächeln und Achselzucken abzutun, weil er warme Umschläge statt der »natürlich hier einzig richtigen kalten Umschläge« angeordnet habe, ohne sich klarzumachen, daß bei dem Widerspiel von Gefäßkrampf und Gefäßlähmung der Endeffekt beider Arten von Temperatureinwirkung derselbe sein kann: nämlich die dauernde Erzeugung einer energischen Überschwemmung des geschädigten Gebietes mit Blutsäften. Im allgemeinen kann man sagen, daß bei nicht entzündlichen Prozessen, die Schmerzen erregen, die Wärme, bei entzündlichen die Kälte angenehmer empfunden wird, schon weil das schmerzmachende Einpulsen des Blutes durch die Kältewirkung herabgesetzt wird. Da es aber meist das venöse Aderblut ist, welches Hemmungssäfte enthält, so ist es an sich gleich, wodurch diese Überfüllung mit Venenblut erreicht wird, ob durch Eis oder heißes Wasser, bei längerer Applikation ist ihre Wirkung in diesem Sinne identisch. Es ist Geheimrat Biers Verdienst, darauf hingewiesen zu haben, daß die Stauung des Blutes, erreicht durch sanfte Umschnürung der Glieder, eventuell sogar des Halses bei Ohrenentzündungen usw., die Schmerzen dieser Teile erheblich herabsetzt, eben ein trefflicher Beweis für meine oft angefeindete Ansicht, daß das gestaute Blut schmerzhemmend wirkt. Zu diesen einfachen Mitteln der Schmerzstillung gesellt sich dann das psychische des Streichelns, Handauflegens, leichten Reibens, welches, unstreitig oft von zauberhafter Wirksamkeit, ein so kompliziertes Gebiet berührt, daß es hier zu weit führen würde, darauf einzugehen. So viel sei aber gesagt: da nach meiner Meinung die Haut und namentlich die Hand durchaus als ein Seelenorgan bezeichnet werden muß, ist es für mich auch außer Frage, daß es Menschen gibt, deren Finger wie Mutterhände auf der Seele ihrer Schutzbefohlenen zu spielen verstehen und daß ich nicht zu leugnen wage, daß hier die Wissenschaft noch einst wird bestätigen müssen, daß wunderbare Übertragungen von Kräften, Beruhigungen, Seelenfassung, Charakterstärke und Willensmächten tatsächlich stattfinden. Ist doch die unstreitig vorhandene Hypnose nichts als eine Art mechanisch ausgelöster Narkose, d.h. eine Form der mechanischen Hirnhemmung, wie sie periodisch der Schlaf bringt, weil die Sonnenhand, bei Auf- und Niedergang unsere Stirne streichelnd, Schlaf und Erwachen unserer Nervenkräfte leitet.

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