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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
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Kriege und Siege im Innern des Leibes

Reichen die mechanischen Einrichtungen, die im Blut und in den Geweben gegeben sind, nicht hin, um die kleinen Eindringlinge (die Bakterien) in die Maschen der Gewebe zu bewältigen, ist die Schar der Einbrecher größer als die der Strom- und Gewebspolizei, welche die weißen Blutkörperchen repräsentieren, so tritt ein wunderbares Walten der Säfte in die Schranken, welches die schädlichen Folgen des Einbruches zu hemmen geeignet ist. In wenigen Fällen der Ansteckung nur sind es nämlich die Bakterien selbst, die mit der Unzahl ihrer Leiber den Betrieb stören, sondern es sind meist ihre schwer giftigen Absonderungen, welche die Gefahr für Leben und Gesundheit bringen. Diese Lähmungsgifte umklammern nicht nur die Arme der Gerechtigkeit im Staate der Lebewesen, sondern sie schädigen besonders gern die großen Betriebswächter über den Gang der Maschine, die wir Nervenzentren nennen, und damit auch die Funktion der Zentralpumpe des Lebenssaftes, das Herz. Es galt also für die Natur, gegen jedes Gift der vielgearteten Bakterien, das sie aus ihren Zwergleibern aussickern, ein Abwehrmittel zu ersinnen. Wie ist das zu verstehen? Wir verdanken es dem genialen Spürsinn Paul Ehrlichs, des großen Frankfurter Krankheitsdeuters und unermüdlichen Kämpfers für die Gesundheit des Menschengeschlechtes, eines Biologen in ganz großem Stile, daß wir zu einer Vorstellung gelangt sind, welcher Anordnungen die Natur sich bedient, um den bedrohten Einheitsstaat des Organismus zu retten. Es ist eine beinahe greifbare, rein mechanistische Theorie von der Funktion der Zelle, die Ehrlich ersonnen hat, die kühn und einfach zugleich die Grundlagen unserer ganzen modernen Anschauung über Krankheitsgifte und ihre Bekämpfung geliefert hat. Mag sein, daß sie irrtümlich ist und einst ersetzt werden wird, aber sind nicht alle Hypothesen Baugerüste, die ruhig fallen mögen, wenn das Gebäude, hier ein Tempel der Gesundung, dort eine Sternwarte zur Erkenntnis, aufgerichtet ist? Wir arbeiten alle mit solchen die Wahrheit im Netz der Irrtümer mitumgreifenden Fiktionen – eine Tatsache, die Vaihinger eine Philosophie des »Als ob« schreiben ließ – und können sie erst fallen lassen, wenn der ganze Fischfang der Möglichkeiten klar zu übersehen ist. Diese Ehrlichsche Hypothese besagt, daß in jeder Zelle ein eigentlicher Leistungskern in ihrem Bildungsstoff (Protoplasma) vorhanden ist, der allen ihren Funktionen vorsteht. Ihm stehen Einzelleistungen zu Gebote, die Seitenketten bilden und etwa wie die Speichen um die Nabe eines Rades zu denken sind. Diese Speichen sind aufgebaut aus geldstückartig übereinander geschichteten – ja, ich kann es nicht anders sagen – kleinen Schraubenmuttern, die eine Öffnung tragen, in die sich eine Schraube einfügen kann wie ein Schlüssel ins Schlüsselloch. Aber es ist das Geheimnis des Schlosses wie der Schraube, daß sich nur ganz besondere Bärte oder Gewinde in sie einführen lassen. Solche Seitenkettenschrauben z. B. haben die Moleküle der Nahrung. Für manche Zellen passen nur ganz bestimmte Schlüsselformen, andere sind zu groß, zu klein, unpassend geformt usw. Sie haften nur, wenn sie gleichsam kongruent gebaut sind. Jene Schraubenschlößchen, die Seitenketten der Kernleistung darstellen, nennt man Rezeptoren, und ihnen entsprechen nur immer kongruente Schlüssel; nur diese können die Federn ihrer Leistung aufziehen und die kleinen Lebensuhren in Gang halten. Solche Schlüssel können aber auch Dietriche sein, sie sind es bei den Giftmolekeln, die ja Verbrechergelüste haben und die Schlüsselchen der Ernährungsmolekeln hinterlistig nachmachen. Diese Dietriche der Gifte haben aber am anderen Ende ihres Hebels so eine Art kleiner Schale, in der so etwas wie Sprenggift bereitgehalten ist. Gelangt das vordere Ende ins Schloß, so ist auch schon der Sprengstoff mit im Haus, und jetzt ist dem Malheur die Tür geöffnet. Ehrlich nennt jenes vordere Schlüssel- oder Dietrichende (haphtophor), die haftende Gruppe der Atomkomplexe und die hintere (toxophore) die gifttragende, die bei dem Ernährungsvorgang der Zelle die Neusaaten trägt, wie bei den Dietrichen die Giftsaat.

Das Eindringen des Nahrungsendes bedeutet den Aufbau, das des Dietrichs die Zerstörung. Zellen können also nur beeinflußt werden, wenn der Schlüsselmund in die Schraubenmutter der Seitenketten (Rezeptoren) paßt, weil dann die toxophore Gruppe nachgeschleift wird und sich an den Leistungskern, gleichsam den Hausbesitzer, heranmacht. Findet nun solch ein Gift im Blute oder im Gewebe keine passenden Schlösser für seine Dietriche, so ist ein solcher Leib geschützt, von Natur also immun (natürliche Immunität), für die der Igel ein Paradebeispiel ist. In seinen Säften kann sich kaum ein Gift »verankern« (wie Ehrlich sagt), und sowohl Schlangengift oder Strychnin kreist in ihm ebenso untätig wie ein bißchen Zucker oder Kochsalz. Haftet aber z. B. beim Menschen das Gift des Diphtheriebazillus, indem es sich mit geeigneten Rezeptoren »verankert«, so kühlt die nachgezogene toxophore Gruppe ihr Vernichtungsgelüst an den Zellen (das sind meist Nervenzellen). Nun ist dabei eben die reparatorische, ausgleichende, abwehrende Tätigkeit der Zelle der Weg zur Rettung. Führt das Eindringen der toxophoren Gruppen nicht gleich zur Vernichtung, so stellt die Zelle immerhin ihre Ernährungstätigkeit ein, es liegt wie Blei auf dem Getriebe. Aber Druck erzeugt Gegendruck, und der Leistungskern erfüllt ihn, indem er mehr Rezeptoren als sonst von den Speichen seines Rades abfallen läßt und mehr solche Schraubenmuttern als sonst bildet. Die fallen nun ins Blut und schwimmen dort in großer Menge frei herum. Die neugebildeten Gifte der Bakterien aber werden nun schon im Blute verankert von diesen freischwebenden Rezeptoren und bleiben hier gefesselt, ohne die Zellenhäuschen selbst angreifen zu können. So kann eine Krankheit plötzlich erlöschen, wenn von den Zellen so viel Rezeptoren gebildet sind durch Überproduktion, daß alle Giftmolekeln verankert im Blut liegen. Dann ist eine Naturheilung mit einem Schlage, wie bei der Lungenentzündung, bei der Wundrose (»mit der Krise«) eingetreten. (Natürliche Heilung durch Überproduktion von Rezeptoren.) Nun hat uns Meister Behring gelehrt, daß es Stoffe gibt, welche die Zellen ganz im allgemeinen zwingen, Rezeptoren in großer Zahl mobil zu machen, die Zellen also gewissermaßen zur Überproduktion auf künstlichem Wege zu veranlassen. So stellte er aus künstlich infiziertem Pferdeblut ein Serum dar, welches die Produktion von Rezeptoren des Diphtheriegiftes im Körper des »Gespritzten« anregt, ohne die Zellen anders zu attackieren, als sie eben zu dieser Mehrleistung von Mutterschrauben für die Dietriche des Diphtheriegiftes zu reizen. Das ist künstliche Immunisierung, und sie beherrscht unser gesamtes Arbeitsfeld. Behring wies, wie das so oft geschieht, eher den praktischen Weg am Spezialfall, als (durch Ehrlich) die Deutung gefunden wurde, die dann wieder den Anfang zu einer ungeheuren Versuchsreihe eröffnete: die Namen Choleraserum, Typhusserum, Antituberlulosesera usw. geben dem Laien Andeutungen dafür. Überall also sucht man die Geschichte (wahre Romane!) der Toxine mit ihren Dietrichen zu schreiben und Antitoxine auf dem Wege der Rezeptorenbildung zu finden. Es wird nach obigem verständlich sein, daß dabei nur von einer »spezifischen« Wirkung des einen Antitoxins gegen ein entsprechendes Toxin die Rede sein kann, weil eben immer nur ein Schlüssel in ein kongruent geformtes (spezifisches) Schloß paßt.

Nun gibt es noch eine ganz andere Reihe von Schutz- und Trutzverhältnissen im Körper, die in höchst komplizierter Weise für den Kampf des Blutes gegen die frei heranschwärmenden Zellen, aber immer in ähnlicher Weise wie bei Immunisierungsvorgängen in Erscheinung treten. Nicht nur, daß Schutzstoffe gebildet werden können, welche direkt die Bakterienleiber auflösen (Bakteriolysis), gewissermaßen wie ein Eiszapfen zu Wasser in der Sonne oder Quecksilber in der Lötrohrflamme zu Dampf wird (das geschieht z. B. mit den Cholerabazillen), es hat sich durch diese Forschung auch ein ungeheuer wichtiges Gebiet der Blutforschung aufgetan, weil es Gifte gibt, welche, ebenso wie die Immunkörper Ehrlichs die Bakterien, auch die Blutkörperchen selbst gleichsam verdampfen lassen (Cyto- oder Hämatolyse). Das tun nun nicht nur spezifische blutauflösende Bakterien, nein, Säfte und Blutteile anderer Arten lösen sich gegenseitig auf, was zu einer ganz eigenartigen Chemo-Analyse der Blutsorten geführt hat, so daß der Kriminalsachverständige in zweifelhaften Fällen jeden Blutfleck nach seiner Herkunft (ob Menschen- oder Tierblut) absolut sicher erkennen kann. Das führt zunächst zu einer Blutchemie der Tierarten, schließlich wohl zu einer Rassenblutlehre und in weiter Zukunft mag hierdurch das Problem des Aufstiegs oder der Degeneration in der Einzelpersönlichkeit, im Geschlecht, in der Nation seine Lösung finden. Es könnte sein, daß Ehen einmal weniger im Himmel als im Laboratorium für die Mysterien des Blutes geschlossen würden, weil es in vielleicht absehbarer Zeit wird festzustellen sein, ob in den Auswahlehen durch gute Wahl (»Eugenesis«) der Blutkreuzungen nicht doch der Aufstieg der Art vorherzubestimmen ist. Dieser Auflösungsprozeß der Blutkörperchen ist durch eine medizinische Großtat ersten Ranges (August v. Wassermann) die Grundlage zu einer Diagnose der Lustseuche geworden. Da ein gesundes Blut mit Hilfe gewisser, von erkrankten Tier- und Menschenorganen gewonnener Teile bestimmte Blutkörperchen auflöst, so ist aus dem Ausbleiben dieser durchaus spezifischen Reaktion zu erkennen, daß der Besitzer solchen Blutes auch der Träger von noch so versteckten Syphilisspirillen sein muß, eine Diagnose, die auch für die Konstatierung der Heilung von dieser Krankheit von eminentem Nutzen geworden ist.

Könnte man eine Lebensmaschine, denn nach einer Richtung – nach der dem Menschengeist einzig begreiflichen ist der Organismus eine Art hochkomplizierter Maschine – vor groben äußeren Attacken der Gewalt und des Zusammenpralls mit anderen physischen Organisationssystemen bewahren, so müßte diese Uhr ungestört weiterlaufen, bis die in ihr aufgespeicherte Kraft von selbst verbraucht ist. Jeder Tod müßte ein Ermattungstod, ein Verlöschen, ein Entspannen sein. Aber auch eine Uhr kann stillstehen ohne grobe Zertrümmerung ihrer Teile, so etwa, wenn Staub sich zwischen ihr Räderwerk schiebt und durch seine Anhäufung einem groben Hemmnis des Umlaufs und Kreisens aller Teile gleichkommt. Solche häufigen Hemmnisse des Lebensablaufes eines menschlichen Organismus sind die Miniaturausgaben des Staubes, seine lebendigen Konkurrenten an Kleinheit und Winzigkeit, seine Zwergkinder und seine Bewohner – die Bakterien. Freilich ist für sie ein sichtbares Sonnenstäubchen, ein winziges Pflanzenfaserchen, ein Harzbröckelchen, ein schwebendes Stückchen Kristall immer noch eine bergige Insel, die sie umwandern und besteigen können zu Tausenden und aber Tausenden, aber auch ihre Ansammlung (eine Folge ihrer märchenhaften Fruchtbarkeit – Dutzende von Kindern pro Stunde) kann zu brutalen Schädigungen des Räderwerks unseres Lebens werden. Wir wissen schon aus früheren Besprechungen, daß diese winzigen Torpedos der feindlichen Lebensmächte unter normalen Bedingungen gar nicht in die Kanäle unserer Lebensströme hineingelangen können, wenn nicht die Sperrgitter gegen diese Bedroher vorher beschädigt oder eingerissen sind. Das ist nicht nur ein Bild, es ist mehr, es ist ein analoger Vorgang: die gesunde Schutzwehr unserer Gewebe läßt für gewöhnlich feindliches Material gar nicht passieren.

Um nicht mißverstanden zu werden, bemerke ich, daß sich diese Sätze nur auf den Parasitismus im Sinn der Einwanderung in die Gewebe des Körpers selbst, nicht etwa in seine naturgegebenen Leibeshöhlen und ihre Kanäle bezieht. Denn eine Krätzmilbe oder einen Bandwurm, einen fadenförmigen Blutwurm und einen Malariaparasiten kann jeder akquirieren, obwohl auch hier solche parasitischen Krankheiten bei den einzelnen Individuen verschieden leicht oder schwer zu nehmende Dinge sind. Diese groben Einwanderer, immer noch Riesen gegen die Zwerge des Mikroskops, gegen die winzigen Zellpünktchen und Strichelchen auf der Grenze zwischen Tier und Pflanze, gelangen in den Nahrungs-, Blut- und Absonderungsstrom des Leibes, also in naturgegebene, vorgebildete Hohlräume, während diese kleinen gefürchteten Einwanderer in das Gefüge unseres Leibes kleinen Schrauben und Bomben gleichen, die die winzigsten Lücken und Vertiefungen in den Maschen und Zäunen unserer Gewebe benutzen, um ihre Explosionswirkungen und Zerstörungen anzurichten. Um ihnen diesen Eintritt zu versperren, hat die Natur im jahrmillionenalten Kampf eben Einrichtungen getroffen oder gelernt, die der »Gesunde « stets funktionsbereit hat. Nur wenn diese Abwehrmechanismen paralysiert sind, untüchtig werden, können jene vordringen.

Welcher Art sind diese Schutzvorrichtungen? Sie sind teils mechanischer, teils biologischer, teils chemischer Natur. Fast überall, wo Bakterien mittels Luft- und Nahrungsstrom, also rein mechanisch, in die offenen Hohlgänge des Körpers, Kanäle und Buchten gelangen, sind diese Wege ausgepolstert und besetzt von einem dichten Zaun von Zellen, welche Wimperhärchen tragen, die gegen die Mitte der Hohlräume gestellt sind und die sich flottierend gegen die Ausfuhröffnung solcher Kanäle schwunghaft hin und her bewegen und sich damit wie Wasserschaufeln verhalten, die den vorbeipassierenden Kleinlebewesen buchstäblich auf den Schub verhelfen. Auch haben die einzelnen Zellen dieses Randbesatzes der inneren Auskleidungen die Fähigkeit, sich auf Reize hin zusammenzuziehen und die kleinen Kittleisten zwischen sich zu verdichten und eventuelle Saftlücken zu verengen. Zweitens ist diesen Hohlröhren fast überall ein umhüllender Muskelschlauch mitgegeben, der durch stoßweise Zusammenziehung den Inhalt der Röhren auspressen und fortschieben kann, oder es entstehen Luftstöße, wie beim Niesen oder Husten, oder Rückwärtsbewegungen, wie beim Erbrechen oder Zurückgurgeln von größeren Muskelsystemen her – Blasebalgmechanismus des Zwerchfells für Lunge, Magen und Darm –, welche mit Luft- und Flüssigkeitseruptionen die unwillkommenen Eindringlinge auf mechanischem Wege entfernen. Dieser aus feinsten oder gröbsten Bewegungen zusammengesetzte Mechanismus genügt aber nicht für den Fall, daß dennoch die winzigen Drillbohrer in das Gefüge der Gewebe eingedrungen sind. Wimperhaare können leicht verloren gehen, die Verengung der Lücken kann aussetzen, die Muskelaktion kann geschwächt sein – genug, der Mechanismus der Abwehr kann versagen und die Bakterien kriechen dennoch in die feinen Zellspalten wie in offene Tore. Dann kommt gemeinsam mit dem Chemismus der Säfte ein wundersames Heer belebter kleiner Schutztruppen in Aktion, auf die wir näher eingehen müssen, um den Kampf der Zellen gegen die Bakterien ganz zu verstehen.

Alle Gewebe – die festen wie die flüssigen, denn auch das Blut ist ein Gewebe in gleichsam geschmolzenem Zustand – werden dauernd durchwandert von einer Armee von Gewebsgendarmen, den sogenannten weißen Blutkörperchen, den Wanderzellen. Diese sind zu einer Art Straßenpolizeitätigkeit von der Natur abkommandiert, um auf allen Wegen und Plätzen nach dem Rechten zu sehen und Vagabunden, Unruhestifter und Ruhestörer zu umstellen und zu verhaften. Sie machen es aber einfacher als unsere städtische Hermandad: sie verhaften die Stromer nicht nur, indem sie sie in ihre Mitte nehmen und ins Zellgefängnis, die nächste Lymphdrüse, die oft strotzt von solchen Gefangenen, bringen, sie machen meist viel kürzeren Prozeß, sie fressen sie bei lebendigem Leibe auf. Es ist ein wundersames Geheimnis, wie diese meist einsam durch die stillen Straßen ziehenden Wächter der Ruhe sich da, wo Gefahr ist, schnell alle zu Hilfe kommen ohne Pfiff, ohne Ruf, ohne Telephon oder Meldung: wo Feinde sind, kommen sie in Scharen herbeigeschlichen wie durch Witterung aus weiter Ferne. Es ist höchst interessant, unter dem Mikroskop z. B. an einem durchscheinenden, über dem Lupentisch ausgebreiteten Froschbauchfellnetz zu sehen, wie sie ein Glasstäubchen ebenso umstellen wie einen Tuberkelbazillus, durchaus gleichwie Hunde das umzingelte Wild einkreisen und ihm den Weg versperren. Das ist die Phagozytose Metschnikoffs, die überall wirkt, wo Bakterien ins Gewebe geraten sind, eine direkt beobachtbare Freßkampagne der weißen Schutztruppe des Blutes und aller Gewebe, das heißt eine biologische Form der Abwehr gegen Bakterien. Ihre Geschichte ist die Geschichte fast aller Bakterienansammlungen im Leibe, es ist die Historie vom Schicksal der Kokken und Spirillen im Gewebe, es ist der Werdegang der Knötchen des Tuberkels, der Lepraknoten, der Syphilisknoten, der Eiterbläschen, der Furunkel, der Karbunkel und die ungeformte Entzündung in Progression, die progressive Phlegmone. Es ist die Form der zellularen Abwehr gegen jede Form von Infektion.

Aber damit sind die Möglichkeiten noch nicht erschöpft. Die Natur hat Zeit gehabt, noch andere Mittel, noch viel feinere und molekularere, zu ersinnen innerhalb unausdenkbarer Äonen des Daseinskampfes, die den Bestand des Lebens zu sichern geeignet sind. Das besagt eben die Lehre von den Gegengiften, den Antitoxinen, die uns schon beschäftigt hat.

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