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Aus Asklepios' Werkstatt

Carl Ludwig Schleich: Aus Asklepios' Werkstatt - Kapitel 10
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Ludwig Schleich
titleAus Asklepios' Werkstatt
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun4. und 5. Tausend
year1916
firstpub
correctorreuters@abc.de
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Vom Herzen

Nun wollen wir einmal von dem guten und bösen menschlichen Herzen sprechen, von den Leistungen, dem Versagen und Ermatten dieses Zentralapparates der Bewegungen unseres elementarsten Lebenssaftes. Das Herz ist aber nicht nur solch ein rein mechanischer Propeller, d. h. eine am Gitterwerk des Fasergewebes geschickt aufgehängte, freischwebende Zentralpumpe, der Volksmund hat auch recht, wenn er unter dem »guten Herzen« gemeinhin den Mittelpunkt unserer seelisch-humanen Beziehungen zur Welt versteht. Wie viele schöne Märchen ewige Wahrheiten sagen, so ist auch im zäh wurzelnden Volksworte oft ein tiefer, intuitiver Kern, den alle Materialisten der Welt mit Kunststücken des Intellektes nicht verstecken können. Man denke doch nur an die Tatsache, daß unser Herz die allerverschiedensten seelischen Eindrücke, Schmerz, Schreck, Freude, Scham, Liebe, Haß mit Pendelschlagvariationen begleitet, oder an die, daß die leisesten Betriebsstörungen dieser Zentralpumpe sogleich unser seelisches Gleichgewicht in bedenkliches Schwanken geraten lassen, oder man überlege die Bedeutung der sonderbaren Beobachtung, daß bei der Ergriffenheit unseres »sackartigen Heberwerkes« vor einem Redner, einem Deklamator, einem Musikanten dieser »rein physikalische Apparat« sich wunderbar in seiner Pulszahl annähert der Pulszahl dessen, der spricht und ihn ergreift. Das sind drei Beispiele statt Hunderter, die beweisen, daß tatsächlich das einfache Menschenherz, diese größte Schöpfertat der Natur, ebensogut ein Seelenorgan wie eine Blutpumpe genannt werden muß, das um so mehr, als einer der bedeutendsten Mediziner, Ottomar Rosenbach, z.B. es als diskutabel bezeichnet hat, ob nicht der Gesamtbegriff der Neurasthenie aufzulösen ist durch Betriebsstörungen und Elastizitätsschwankungen dieses Triebwerkes im Menschenleibe. Daß seelische Veränderungen direkt und indirekt auf das Herz, einen Muskelball, so gewaltig einwirken, wäre ein Wunder, wenn wir nicht genau den Mechanismus kennten, auf dem sich diese rein geistige Angelegenheit vollzieht und dafür wirklich mechanische Analogien besäßen. Das geht alles auf dem Wege der echten Marconiplatten, die jeder Mensch im Leibe aufgehängt erhalten hat und die oft weit früher, als es das Bewußtsein zu fassen vermag, in ihre rätselhaften Schwingungen versetzt werden, das ist das Sonnengeflecht des Nervus sympathicus, dieses Stammvaters aller geistigen Organisation – Stammvater, weil im Aufbau der Organismen das Nervensystem mit seinen Nervenknötchen die ersten Andeutungen erfuhr. Er ist der Herr des Lebens geblieben, der große Organisator der Reizbarkeit – dieses Kardinalsymptoms des organischen Lebens überhaupt – deshalb, weil er mit seinen unübersehbar reichen, windenartigen und efeugleichen Umschlingungen aller Blutgefäße und seinen filigranenen Einsenkungen ins Fleisch des Herzens gleichsam das Zentralkommando für alle Strombewegungen und Verwandlungen des Blutes in Organsäfte behalten hat. Wenn man weiß, daß auch der Hemmungssaft, welchen das Herz wie flüssige Isolatoren (Stromeindämmer) in das Gehirn und zwischen die phosphoreszierenden Gangliensterne unserer Seelenapparate einschiebt, seinem Kommando untersteht, so wird man in vollem Umfange die Einheit des Wortes von »Herz und Gemüt« zu würdigen wissen. Alles Erhabene hat einen menschlich erkennbaren Mechanismus, dem grandiosesten Seelenwunder geht ein erdenrestlicher Vorgang parallel, und die Wissenschaft reicht nicht weiter als bis zur Aufdeckung dieses mechanischen Parallelismus, was darüber ist – das Wunder dieser schöpferischen Einrichtungen, sein Ursprung, sein Endwille, seine Schönheit gehört ins Gebiet der königlichen Geschwister Kunst und Religion, welche auch den Gelehrten erst zum Vollmenschen machen.

Der Arzt, der ja dem seelischen Leben seiner Leidenden ebenso nahestehen muß wie seinen physischen Betriebsstörungen, ist der naturgegebene Vermittler dieser beiden extremen Betrachtungsweisen, der kalten Wissenschaft und des heißen und innigen Anempfindens vom Wesen der Welt. Gerade die neuesten Forschungen haben ihm eine Fülle von Material zugetragen, um bei den zahllosen Beziehungen zwischen seelischem Leid und Erkrankungen des Herzens erkennend, lindernd und helfend einzugreifen. Es ist nach Rosenbach das unbestreitbare Verdienst A. Smiths, den Nachweis geführt zu haben, daß das Herz allein in seinen Dehnungsverhältnissen ungeahnten Schwankungen unterliegt, das heißt, seine Größe kann unter psychischen und physikalisch-chemischen Einflüssen von Tag zu Tag in weitesten Grenzen schwanken. Es ist eben ein elastischer, dem Gummi vergleichbarer faustartiger Muskelsack, dessen Wände, eben die Muskelfasern, zwar dem Willen entzogen, aber den leisesten seelischen und chemischen Impulsen unterworfen sind. Wir wissen, daß dieser Gummibeutel zwar nicht ermüdet – denn jede Theorie der Ermüdung scheitert an dem Problem des unermüdlich von der Geburt bis zur Todesstunde immer arbeitenden Herzmuskels –, aber doch bei seiner Arbeit unter Umständen Dehnungen erfährt, die seine Wände enorm ausweiten und den Blutstrom träger strömen machen. Die akute oder chronische Überanstrengung (Sport, Überarbeitung), ebenso wie plötzliche oder dauernde seelische Belastungen (Schicksalsschläge, Kummer, Sorge) bringen solche Ausweitungen des Herzens zustande, ebenso wie Gifte (Alkohol, Nikotin) langsam, aber sicher, manchmal auch ganz akut dem beweglichen Becher der Blutsäfte zu elastischem Ausweichen, Erschlaffen, Überdehnen Veranlassung geben. Bei allen diesen Zuständen braucht noch nicht ein Fäserchen dieser Muskelampulle wirklich erkrankt zu sein, wie das erst der Fall ist bei dauernden Strombelastungen durch Klappenfehler, Nierenerkrankungen, Arterienveränderung und chronische Giftwirkung, bei denen dann eine organische Veränderung der Muskulatur, durch Vermehrung ihrer Bündel Platz greift. Diese Herzen werden wirklich krank durch Hypertrophie (Überbildung von Herzmuskulatur im Sinne einer Kompensation des Ausfalles vom elastischen Preßdruck), jene sind nur funktionell verändert, es handelt sich um Betriebsstörungen, aber nicht um bildnerisch-plastische Abnormitäten. Diese funktionellen Überdehnungen des Herzens sind es nun gerade, welche die Wechselbeziehungen zwischen Seele und Herz auf das deutlichste beweisen. Denn ebensogut wie bei einem Neurastheniker die ewige Unruhe, die unbestimmte Angst, die zwangsweisen Erregungen das Herz überlasten, ebenso oft kann die aus anderen Gründen erfolgte Elastizitätsabnahme der Herzwand die Neurasthenie erst erzeugen. Hier sind Ursache und Wirkung eng verknüpft, ein Ineinanderrinnen von Bedingendem und Bedingtem, ein Circulus vitiosus steht klar vor unseren nach Ursachen forschenden Blicken. Hier kommt eine Unrast und Unsicherheit in die Zentrale der sympathischen Ader- und Herzgeflechte, welche sehr wohl und buchstäblich der Seele eines solchen Leidenden mit ständigem Mahnen und Anklopfen der Gefahr das Gefühl übermittelt, als nage ein fürchterliches Etwas an den Grundmauern seiner Existenz. Sie sind nicht so krank, diese Neurastheniker, wie sie sich fühlen, aber sie quälen sich (und andere!) maßlos mit dem Ahnen einer Bedrohung, weil das Erborgan aller Reizbarkeit, eben der sympathische Nerv, zu allererst »mitleidet« unter der wechselnden oder nachlassenden Energie der sonst gleichmäßig arbeitenden, vom Herztakte getriebenen Blutstromwelle. Kein Arzt darf heute mehr versäumen, bei Melancholien, Hypochondrien, Reizbarkeiten, Nörglern, Launenhaften, Unberechenbaren das Herz auf Elastizitätsschwankungen zu untersuchen, weil öfter aus diesem Punkte alles zu kurieren ist, als aus jenem zynischen des Mephisto.

Es ist ein Segen, daß die Zeit, welche diese Zusammenhänge aufgedeckt hat, auch dieselbe gewesen ist, welche die Hilfsmittel gegen diese gemischt physisch-seelischen Funktionsstörungen aufgefunden hat. Auch hierher hat die Elektrizität ihren Triumphzug moderner Siegestaten gelenkt. Es war derselbe A. Smith der erste, welcher mit Wechselströmen dem Regulator dieser Zustände, eben dem Gefäßherznerven (dem Sympathikus) zu Leibe ging. Heute noch ist die Elektrizität, ob in Form von Wechselströmen, Gleichströmen, d'Arsonvalschen Strömen, Vierzellenbädern usw., der mächtigste Faktor gegen die Herzdehnungen, von denen fast jeder Mensch einmal befallen wird; man denke nur an den fast regulären, akuten Erschöpfungsanfall um die fünfziger Jahre herum, den fast alle tätigen und etwas bedeutenden Mitarbeiter an dem Kulturbau unserer Zeit zu erdulden haben. Alle diese Verfahren, ebenso wie die Sauerstoff-, Kohlensäure-, Ozonbäder, wie die Frottierungsverfahren mit Duschen und Marmorseife, Reibefasern und Hartschwämmen, sie alle suchen dem gleichsam geistigen Herrn der Stromregulierungen, dem sympathischen Geflecht, von dem Naturtrikot des Leibes, der Haut, hauptsächlich durch rhythmische Reizungen der hüllenden Haut herbeizukommen. Mit vollem Rechte! Denn was kann das jedes Hautäderchen umspinnende Rankengeflecht dieser Nervenfiligrane alles leisten?

Erstens pflanzt sich jeder mit Funken oder Marmorkörnern ihm zugefügte Anreiz rückwärts bis zu seinen ins Mark der Herzsubstanz eingelassenen Adern fort und kräftigt, stählt und ermuntert die größeren Betriebsfilialen dieses Kraftinstitutes, und zweitens zwingen die kleinen, gereizten Schleusenwächter die Hautgefäße, die insgesamt eine enorme Fläche mit ihren Netzkanälen ausmachen, ihr Stromgebiet sehr wesentlich zu verengern, den Faden des sie durchfließenden Blutes merklich zu verdichten, das Flußbett des Lebenssaftes zu verschmälern. Das hat aber einen höchst willkommenen Effekt: nämlich den, das Herz und die Arbeit seiner schlaff gewordenen Muskelwände ins Stadium der Schonung zu versetzen. Es ist ein Unterschied, ob das Herz bei weit geöffneten Schleusen strömen muß oder bei engen, es spart an Triebkraft enorm, zumal der elastische Druck der muskelringartigen Gefäßwände geradezu einen neuen Betriebsmotor erzwingt, das Gefäßherz, wie man die Aktion aller Blutgefäße, die die Blutwelle pressend vorwärtsschieben, genannt hat. Das erwachte Gefäßherz ersetzt zum großen Teil das Brustherz; die Zentrale kann ausruhen, sich elastisch zurückbilden, ihre Energie durch Arbeitserleichterung wiedergewinnen, weil alle Arterienfilialen die Kraftdepots übernehmen.

Dann strömt, so reguliert, das Blut wieder frisch und leicht auch in die seelischen Arbeitsstätten, und der Mut, die Hoffnung, das Vertrauen, diese geheimen Verbündeten des Arztes, kehren wieder, um das Köstlichste in die Seele einzubringen, was das Leben geben kann, das Gefühl, wieder ein gesunder Mensch zu sein.

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