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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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3

Die Rauchkaten der Gegend sind nach einem Plan erbaut, der eine Art Kreuzform darstellt. Von der Torfahrt ausgehend in der Mitte der Längsachse die Lehmdiele, an den Seiten Ställe und Kammern, als Querbaum des Kreuzes die mit Fliesen belegte Vordiele, rechts und links auslaufend in Winkel, die durch Seitenfenster erhellt sind und ›Hörn‹ genannt werden. In Höhe der Diele der Schwibbogenherd und hinter Hörn und Schwibbogen die Stuben, über der Lehmdiele der Dachboden mit dem großen Viereck der Luke als Aufstak- und Falloch für Heu und Stroh.

Ein großer schwarzer Kater, der dort wohnte, hatte Wieb Muthens Schritt gehört und lief hurtig, als sie ins Haus ging, die Leiter hinab und rieb sich spinnend an der Herrin Röcken.

»Ja, ja, Katt«, sagte diese, »büst wull hungri, wüllt ok glik wat eten.«

Und Wieb schickte sich an. Mittag zu bereiten. Bevor sie es aber tat, machte sie die Blangdœr wieder auf, um recht viel von »Gottes schöner Sonne« ins Haus zu lassen. Dann schürte sie ein Feuerchen auf dem Herd. Trockenes Holz, da prasselte es lustig auf, ein Soden Torf, da bekam es derbere Nahrung. Im ganzen Hause roch es nach Schweinernem und Geräuchertem, ein paar Würste und ein Schinken hingen im luftigen Räucherraume der Diele an der mit schwarzem, blankem Ruß belegten Bodendecke. Der von dem Herd aufsteigende Rauch wob einen bläulichen Schleier darum und zog durch die Luke den Heuboden hinauf, nach dem Eulenloch fahndend.

Wieb kümmerte sich nicht um den Rauch, sie füllte etwas Milch in einen Topf und setzte ihn ans Feuer. Und dann stieg sie hinab in den an der Nordseite belegenen Keller. Da standen von gestern übriggebliebene Buchweizenklöße, auch noch Kartoffeln, die wollte sie aufbraten. Das und Milchsuppe dazu gab einen guten Mittag. Nach wenigen Minuten tauchte sie wieder herauf, die Kloß- und Kartoffelschüssel im Arm, stieß aber ein leises, schreckhaftes »Ah!« aus – eine fremde Mannsperson stand an ihrem Herd.

»Godn Dag!« sagte der Mann.

Wieb wurde die Schüssel zu schwer in der Hand, sie setzte sie auf den Herd, ließ die Augen an dem Angekommenen auf- und niedergehen, tusselte mit ihrer Schürze und erwiderte: »Dank ok!«

Er trug eine Mappe unter dem Arm, war ein älterer, etwas gedrungen gewachsener Mann. Seine Mütze hatte er abgenommen, so sah man Stirn und Haar. Die Stirn war breit, das Haar voll, »wrusselig« aufgerollt und etwas angegraut. Ein bißchen schwer stand er zwar vor ihr, aber graue, klare Augen sahen sie an, halb verlegen, halb prüfend, wie nach ihrem inneren Wesen fragend.

»Ik sammel Brandgeld«, erklärte er.

Also ein Sammler der Brandgelder, wie einer Jahr für Jahr kommt – weiter nichts, nichts Besonderes. Und doch war Wieb Muthen zu Sinn, als ob der Mann was Besonderes bringe.

Sie fing nach dörflicher Sitte ein Gespräch mit ihm an und wunderte sich, daß das Jahr schon wieder um sei. – Ja, ein Jahr laufe schnell, entgegnete der Sammler. – Wieviel es ausmache? fragte Wieb. – Immer der alte Satz: Drei Mark und dreißig Pfennige. – Das sei viel Geld für eine so kleine Kate. Frau Mundt müsse aber bedenken, lautete die Entgegnung, daß es sich um eine Rauchkate handele, da komme ein höherer Satz in Anwendung. Wenn sie einen Schornstein baue, habe sie es acht Groschen billiger. – Für acht Groschen könne sie keinen Schornstein bauen, sagte Wieb. – Dem pflichtete der Sammler bei, dann müsse es wohl bei den drei Mark und dreißig verbleiben.

So sprachen sie, der Milchtopf fing an zu singen, den setzte Wieb vom Feuer. »Sünst kokt he mi na œwer«, sagte sie. Wieb bat den Einsammler, Platz zu nehmen, und ging in die Wohnstube, Geld zu holen.

Der Mann mit der Mappe ließ derweilen die Augen umhergehen. Er war durch die Seitentür der Hörn gekommen, die Wieb geöffnet hatte, die Sonne einzulassen. Noch immer stand die Sonne gegen die Wand und schien hell in Tür und Fenster, das hatte Viereck der Lichtöffnung, die Schatten des Fenstersprossenwerks über die Lade und den letzten Rest der langgezogenen Figur auf die Fliesen werfend. Und die Schatten und Lichter liefen an den schwarzen Bohlen der Dielendecke in geheimnisvoll dämmernde Räume.

Nun war Wieb zurückgekehrt und zählte drei Mark und dreißig auf dem Deckel der alten Lade auf, der Mann gab Quittung und verzeichnete den Eingang in der Liste. Dabei legte er für einen Augenblick den linken Zeigefinger an die Nase und rieb deren Flügel.

Wieb bemerkte es, das kannte sie, das kam ihr bekannt vor, und ihr Blut kam in Wallung. Aber sie faßte sich und sagte, auf den alten Gegenstand zurückkommend: Unrecht sei es doch, daß Rauchhäuser in einer teueren Klasse stünden. Ein so recht eingeräuchertes Haus sei feuersicherer als Strohdächer mit einem Schornstein. Und auch darin gab ihr der Einsammler Recht.

Der sprach überhaupt ausnehmend ruhig und sicher und sah sie mit Augen an, worin allerlei Fragen standen, auch die: »Hast du mir sonst nichts zu sagen, als das von Brandgeld und Rauchhäusern?« Und die Stimme klang so treuherzig, daß Wieb Mühe hatte, vor sich zu verleugnen, was ihr kaum noch ein Geheimnis war. Einstweilen dachte sie nicht mehr an Essenmachen, holte vielmehr zu einem eingehenden Geplauder aus.

Wenn gute, gefällige Stimmen im Wechselgespräch aufeinander folgen, wenn sie sanft und ruhig, zuweilen ein wenig elegisch einen Übelstand, eine Verkehrtheit der an Verkehrtheiten so reichen Welt abhandeln, wenn Töne und Gedanken einen Reigen aufführen, sich so zu sagen umarmen, das wirkt wie Bruder- und Schwesterkuß unsichtbarer Seelen.

So war es bei Wieb, als sie mit dem Einsammler sprach.

Und dabei die Bewegungen der Hände, für die er den rechten Platz nicht finden konnte. Hatte er sie gefaltet, dann schien es ihm geratener, den Stuhl zu fassen. Zuletzt kreuzte er sie über der Brust und ließ es dabei.

Wenn er Wieb ansah, rollte er die Stirnhaut in Falten auf. Er war eher mager als voll im Gesicht, Backen und Kinn rot und blank, nach Art alter Männer, die der frischen Luft gewohnt sind oder gewesen sind, seine Stirn schien jünger und heller. Aber wenn er sie in Falten zog, dann wurde auch sie alt und blank.

Früher hatte der Bauer Fritz Ramm gesammelt. Ob der nicht mehr Brandvogt sei, fragte Wieb. – Nein, der habe das Amt niedergelegt. Brandvogt sei jetzt Daniel Drathen, der ja von hier stamme und kürzlich wieder angezogen sei. Der sei Brandvogt geworden, Amtsvorsteher sei er ja auch, und in dessen Auftrag sei er hier. Als der Mann das gesagt hatte, fiels Wiebs Blick auf die auf der Fensterbank liegende Mütze. Sie sah den roten Rand und die Kokarde über dem Schirm. Und da wußte sie nicht nur halb, da wußte sie es ganz, daß es Klaus Lemster war. Und wie ihr Auge wieder über ihn hinweg ging, leuchtete aus Angesicht und Figur des Angekommenen durch den Schleier der Jahre die Erscheinung des alten Freundes auf, wie er auf Daniel Drathens Hochzeit an der Diele gestanden, geschmökt und die Stirn in Falten gezogen hatte.

Und sie wurde blaß und wurde rot und dachte, er weiß, wer ich bin, und doch hat er sich nicht bekannt gegeben, hat nicht gesagt: ›Godn Dag, Wieb, ik bün Klas Lemster‹. Eine lange Zeit ist verflossen, sein Groll aber hat sie überdauert.

Sie wurde rot und blaß und das Herz klopfte ihr, und sie wusch die Hände in der Luft und verbarg sie dann in ihrer Schürze, die sie herumwickelte, und dann wieder auseinanderrollte. Der Mann sah das, und in seine Augen stahl sich ein Lächeln hinein, welches sagte: ›Ich bin der, den du meinst.‹

Wieb konnte das offenkundige Geheimnis nicht mehr hüten und bändigen. »Herr Jesus«, rief sie, »denn sünd Se ... denn büst du wull Klas Lemster?«

»Wokeen schull ik denn sünst wen?« antwortete Klaus Lemster, und fügte hinzu: »Wa geit di dat, Wieb?« Da reichte er ihr auch die Hand.

Wieb Muthens Augen und Gesicht und Mund drohten, die Sache gefühlvoll zu nehmen, und taten weinerlich, aber ihre Herrin bändigte sie, sie faßte sich. Sie lachte. Sie lachte, wenn auch mit ein bißchen Naß im Auge. Und beide Hände reichte sie ihm, nahm mit einer Hand Klaus Lemsters Rechte und mit der anderen Klaus Lemsters Linke. Und sprach, und beim Sprechen lief ein bißchen Zittern und Beben durch ihre Stimme: »O, Klas, büst wull heel bös west?«

»Wo meenst dat?« fragte er.

»Dat du so lang in de Frömm bleben büst.«

Darauf antwortete er nicht, er sah ihr nur um so tiefer in die Augen.

»Na, un wie geit di dat?« fragte Wieb.

»Un di?« antwortete Klaus.

Und dann gings ans Erzählen. Wiebs Verheiratung mit dem Steinhauer. »Harrs em leev?« – »He weer en goden Mann, un wi hebbt god mit enanner levt.« Weiter entgegnete sie nichts auf diese Frage, aber jeder, der Zeichen zu deuten verstand, hörte heraus, was sie sagen wollte: Der Rechte war es nicht, der Rechte war nicht gekommen.

Und dann fragte Wieb, weshalb er ihr zuletzt ganz aus dem Wege gegangen sei, sie seien doch immer so gut Freund miteinander gewesen. »Ich glaub gar mehr als Freund«, sagte sie, »denn als wir groß geworden, da habe ich ganz gut gesehen, wie du mich gern hattest. Und das war ja auch mein Gedanke.«

Als Wieb das gesagt hatte, sah Klaus hell auf, und an seiner Stirn ging es mächtig auf und ab. »Ja, weshalb hast du mich denn nicht genommen?« rief er.

»Kann ein Mädchen denn einen jungen Mann fragen, ob er sie haben will? Ich wartete, du kamst aber nicht.«

»Ja«, erwiderte Klaus und rieb die Nase. »Das ist wohl so, da war ich nicht dazu gemacht, sowas zu sagen. Und als dann so viele kamen, die um dich herum waren mit ihrem Juchhei und Singen und Getue und Walzen, da.... Das war mir nicht gegeben, bei so was mitzutun. Da mußte ich zurücktreten und mich verkriechen mit Grimm im Herzen und von der Ecke aus zusehen, wie man schön tat mit dir ... und du ...«– einen Augenblick besann er sich, dann sprach er aus – »und zuweilen du auch mit ihnen. Das mußte ich mit ansehen, so todunglücklich ich auch war.«

Wieb seufzte und sagte lange Zeit nichts. Dann kam es: »Und nach Daniel Drathens Hochzeit hast du mich ganz ›minnachtig‹ behandelt. Und wenn ich dir gute Worte sagen wollte, ließest du mich stehen.«

»Da hatte ich auch Grund dazu.«

»Und was für einen?«

»Wieb, das fragst du? Bist du nicht mit dem langen Schulmeister auf der Hochzeit herumgezogen, daß alle Leute gesagt haben, die will wohl Lehrerfrau werden? Aber paßt auf, haben sie gesagt, der läßt sie sitzen. – Blaue Mützen und weiße Wäsche und Walzer... Ja, das glaub ich, das mochtest wohl... Und ich sollte da noch hinterherlaufen...?« Er biß sich auf die Lippen. Dann fuhr er fort: »Nein, Wieb. Viele Jahre sind hingegangen, aber an Daniel Drathens Hochzeit, da habe ich lange an getragen.«

»Du hast ganz recht, Klaus. Und ich kanns dir nicht verdenken, daß du bös warst. Daß ich auch mit anderen mir was versehen, ist mir nicht bewußt. Aber mit Johannes Lindemann, das ist wahr, das war nicht Ordnung. Und doch war das anders gemeint, und das will ich dir erzählen.«

Und sie erzählte, wie sie ihn allein liebgehabt habe und wie alles Getue mit dem Schulmeister nichts gewesen, nichts als ein Mittel, ihn, den lieben Klaus, in Bewegung zu bringen, und daß es nur diesen Zweck und Sinn gehabt habe.

Klaus wollte es nicht glauben. Aber als Wieb sagte: ››Klas, ik swör di dat hoch und heili« und weiter erzählte, daß sie es erst heute Morgen an Johannes Lindemann, der ja im Dorf seine ›Pangschon‹ verzehre, noch vor einer Stunde ebenso gesagt habe, da erwiderte er:

»Wieb, ich will nicht sagen, daß du die Unwahrheit redest, aber da ist doch noch was dabei ... und ganz kann es nicht stimmen...« Er besann sich, wollte was sagen und unterdrückte es. »Laß man«, setzte er hinzu.

Wieb war rot geworden und verlegen, sie wußte, woran Klaus dachte. Sie ließ ihre Daumen rollen, und in ihrer Verlegenheit fragte sie, wie es mit ihm sei, ob er denn eine Frau habe.

»Ne«, antwortete er.

»Dat hev ik hört, worüm denn ni?« fragte Wieb.

Erst antwortete er nicht darauf, dann meinte er, Wieb wisse am besten, daß es ihm, so lange er daran habe denken können, nicht gegeben gewesen sei, um junge Mädchen zu freien, daß er das, was die hören mögen, nicht verstanden habe zu sagen, daß er sich immer viel zu grob und zu bärig bei ihnen vorgekommen sei, daß sie ihm viel zu viel gelacht und gekichert hatten und er dabei immer habe glauben müssen, sie lachten und kicherten über ihn, und daß, so bescheiden und demütig er sich äußerlich vielleicht auch gegeben habe, er innerlich doch viel zu stolz gewesen sei, Hindernisse und Widerstände zu finden und zu überwinden, wo er sich und seine Person anbiete. Dazu sei denn auch noch gekommen, daß er den Walzertanz nicht gekonnt. Und das alles habe ihn noch blöder und unbeholfener und tappiger gemacht, als er von Natur gewesen. Und so sei er ohne ernsthaften Versuch, eine Frau zu erhalten, Junggeselle geblieben.

Wieb hörte das alles an, und in ihrer Miene stand geschrieben: ›Ich kenne dich. So bist du, so bist du immer gewesen‹ – »Und an Wieb Muthen hast du nicht mehr gedacht?« fragte sie.

»Gedacht habe ich wohl an sie. Aber wenn ich es tat, dann sah ich das wieder, was ich gesehen habe.« Als Klaus das herausbrachte, leuchtete aus seinen Augen der in so langer Zeit noch immer nicht geheilte Schmerz. »Ja, Wieb, das hat nun mal so sollen sein. Das Bild ist mit mir nach der Polackei gegangen, und das hab ich immer mit mir herumgetragen.«

»Ich weiß, was du meinst«, entgegnete Wieb, »du hast gesehen, wie Hannes Lindemann mich in der Achterstube geküßt hat.«

»Jawohl. Ich hielt es nicht langer aus in meiner Ecke und schlich euch nach. Und da hab ich gesehen, was du tatest, und auch, wie du ihn wieder geküßt hast.«

»Du meinst, wie Hannes das gesagt hat, was ich gar nicht wiedersagen mag?«

»Es war wohl so was.«

»Ja, Klaus. Da bekenne ich meine Sünden, da war ich sicher im Unrecht. Lange habe ich mich gewehrt, es zu tun, dann aber doch getan. Es kam so über mich. Es ist aber nicht wieder geschehen und eigentliche Liebe war nicht dabei.«

»Ich will dirs glauben. Aber so, wie ichs sah, ist es mit mir nach der Polackei gegangen.«

Sie wußte darauf nichts zu sagen. Es trat eine Verlegenheitspause ein. – Schließlich fragte Wieb, ob er mit ihr essen wolle. Es gebe freilich nur aufgebratene Klöße und Kartoffeln und Milchsuppe. – Das gehe nicht, sagte Klaus, zu Hause werde auf ihn mit dem Mittag gewartet. Er sagte es aber nur obenhin.

Wie er sich denn hier mit der Wirtschaft eingerichtet habe? fragte Wieb.

Seiner Schwester Tochter sei bei ihm, ein junges Ding. Es mühe sich brav, aber es sei doch nichts Rechtes.

Als sie auf dem Punkt angelangt waren, schien beider Weisheit zu Ende. In ihrer Seele schien ein luft- und gedankenleerer Raum entstanden zu sein. Es war aber nur Schein. In Wahrheit schnurrten darin Betrachtungen gleicher Art von der Spule auf die Haspel.

Von dem bevorstehenden Zuwachs im Hausstand hatte Wieb erzählt.›Wenn nun der Schwiegersohn ins Haus kommt‹, dachte Wieb, ›dann wäre es eigentlich besser, ich nähme eine Stelle an bei fremden Leuten. Dazu bin ich noch kräftig genug. Zwei Hausfrauen in einer Kate, das ist nicht gut. – Und Klaus ist allein mit einem unbedarften Dirnchen. Und jung ist er auch nicht mehr. Es wäre schön, wenn ich ihm den Hausstand führen, es ihm gemütlich machen könnte. Aber das geht der Leute wegen nicht, jedenfalls ohne Standesamt und Priester nicht. Aber in unsern Jahren vor dem Traualtar? Und am schwarzen Brett?‹

So dachte sie. Und er?

›Wie nett wäre es‹. dachte Klaus Lemster, ›wenn sie bei mir wäre und mir im Alter die Kopfkissen aufschüttelte, mir am Lebensabend die Sonne gäbe, die mir über Tag gefehlt hat. Das junge Ding, das ich bei mir habe, könnte bleiben und ihr zur Hand gehen ... Aber..‹ Und auch erdachte: ›ohne Ehe und Standesamt und Priestersegen geht es nicht.‹

Sie dachten es zu gleicher Zeit. Und als sie sichs vorstellten, wie sie alt und grau seien und an sowas dachten, überkam beide das Lachen.

»Hi, Hi!« lachte Wieb. »Ha, Ha!« Klaus.

Sie in hoher weiblicher Tonlage, wie Aufglucksen frischen Quellwassers – Klaus kurz, in tieferem Klang, wie kleiner Hammerschlag. Und hier wie dort verhallte es in Kehlkopf und Lunge, kam aber tiefer her und glänzte wie Abendrot im Angesicht der alten Leute.

»Wat lachst du, Klas?«

»Ah nix, ik dach man so. Wat lachst du?«

»Ah, ik dach ok man so.«

»Wat dachst du denn?«

»Wat dachst du denn?«

So ging es hinüber und herüber. Und keiner wollte es sagen.

»Laß uns wetten«, sagte Wieb zuletzt, und Klaus war es zufrieden. Und sie wetteten, der solle es zuerst sagen, der zuerst wieder lache. Und wenn der eine es offenbart habe, wolle auch der andere sagen, was er gedacht und gelacht habe.

Und als die Wette fertig war, kam Wieb das Ganze so komisch vor, daß sie laut auflachte. Sie hatte die Wette verloren und mußte sie einlösen, wollte es auch, aber es gehörte viel dazu, es herzubringen. Sie konnte nicht vor Lachen. Aber als es heraus war, lachte Klaus auch. »Just das habe ich auch gedacht.« Und dabei schlug er sich aufs Knie.

Dann trat für ein paar Minuten Stille ein, sie mußte sich klar machen: ›Was nun?‹

Und dann sagte Wieb: »Nu sünd wi denn je wull Brud un Brüdigam?«

»Dat is denn wull so«, erwiderte er.

»Denn muß ok ton eten blieven.«

»Dat will'k ok«, sagte er.

 

Der Rektor Lindemann war derweilen nach Rugenbergen hinuntergegangen, hatte Schwester und Schwager verfehlt, hatte bei ein paar Bekannten eingesehen und sich dann wieder aufgemacht, um zu Mittag daheim zu sein. Die Sonne stand noch nicht ganz in Mittagshöhe, als er wieder bei Wieb vorbeiging.

Was war das? Die Blangdœr offen, und drinnen Stimmen? ›Was Wieb da wohl für Kameradschaft hat?‹ dachte Hannes Lindemann und ging leise hinein.

Er trat leise hinein, blieb in der Hörn und blinzelte nach dem Dielenraum, von wo das Murmeln kam. Was mußte er sehen, was sah er?

Vor der Sand- und Kartoffelkammer ein kleiner Tisch gedeckt, Wieb und eine Mannsperson daran. Er kannte den Mann, der ihm den Rücken zuwandte, nicht gleich. Als er aber die Stimmen gehört hatte und die Mütze sah, die noch immer in der Hörn vor dem Fenster lag, und die Mappe auf der Lade, da wußte er, wer das war.

Sie hatten abgegessen, der vor seinem Napf sitzende Kater auch; sie redeten miteinander, der Kater hatte die Augen geschlossen, ›sich von binnen zu besehend‹.

Johannes Lindemann, ist es wahr, ist es Wirklichkeit? Faß an den Kopf, greif deine Ohren an! Willst du, darfst du ihnen trauen? – Wieb Muthen und Klaus Lemster sprechen davon, wie sie Hochzeit feiern wollen.

Viel wollten sie daraus nicht machen, meinte Wieb, aber ein bißchen für das Haus und für die Familie.

Sie lachte ihren Bräutigam ordentlich schelmisch an mit ihrem freundlichen, weich geschnittenen Mund. Und wieder muß Johannes Lindemann denken: ›Was die alte Frau für Augen im Kopf hat!‹

»Bei den Polen, sagst du, bist du viel herumgekommen? Hast denn auch tanzen gelernt?«

»Son büschen«, erwiderte Klaus.

Von der Stelle aus, wo Johannes stand, konnte man es nicht unterscheiden, er hätte aber wetten mögen, daß der Bräutigam die Stirn in Falten lege und den Nasenzipfel reibe.

»Auch Walzer?«

»Son büschen«, wiederholte Klaus.

»Junge, Junge!«

Wieb hatte mit der Gabel gespielt, nun drohte sie damit. »Junge, Junge, dann bist du auch anders geworden, als ich dich gekannt habe.«

Und wieder antwortete Klaus: »Son büschen.«

»Die Frauensleute in der Polackei waren wohl hübsche, dralle Dinger?«

»Son büschen.«

»Du mit deinem ›son büschen‹! Sag mal, kennst noch: ›Ach ich bin so müde‹? Das ist son schöner Tanz, den wollen wir abtreten, wenn wir uns kriegen – kannst den?«

»Weiß nicht, son büschen kann ich ihn wohl. Aber darf es nicht Hopser sein?«

»Nein, Hopser ist zu gewöhnlicht, so, als wenn 'ne alte Fohlenstute in Galopp geht. Da ist gar kein Gefühl in. Aber ›Ach ich bin so müde‹... da liegt was drin, da fühlt man sich bei, wie in der Kirche. Sollte es nicht gehen?«

»Son büschen wird es wohl gehen.«

»Komm, Klaus, wollen probieren!«

»Aber Wieb!«

»Es sieht uns kein Mensch, und die Kate ist mein.«

»Nun, denn man zu!«

Und schon standen sie auf der Diele. Die runde Wieb tänzelte rechts und tänzelte links, wiegte Kopf und wiegte Schultern, faßte kokett in ihren Rock und summte und sang. Und hob dann die Arme, wie ein Täubchen die Flügelein vor dem Futterkropf der Taubenmutter. Einmal sang sies zu Ende, mit alter, hoher, Feiner Stimme. Und dann – dann nahm sie ihren Klaus in Arm.

»Son büschen«, hatte Klaus gesagt. Im Anbetracht dessen wollte der ungesehene Preisrichter ihn für einen wahrhaftigen Menschen erklären. Hätte er aber rein weg gesagt: »Ja, ich kann«, dann würde Johannes Lindemann ihn für größenwahnsinnig eintaxiert haben. Es ging ... ja ... aber, was Klaus anbetrifft, nicht mehr als ›son büschen‹.

Es war die alte Melodie, und Johannes Lindemann lief Gefahr, sich in den Rhythmen der Erinnerung zu verlieren. Wie er die blaue Mütze trug, Öl im Haar hatte und zu den Musikanten hinüberrief: »Noch 'n mal: ach ich bin so müde!« – ›Soll ich,‹ dachte er, ›soll ich mittun und mittanzen, mich in den Reigen mischen, mich als Dritter zu Gast laden? Nein‹, dachte er weiter, ›ich will ungesehen, wie ich gekommen bin, von hinnen schleichen und heut Abend nach Gebrauch des Stiefelknechts zu meiner Fußbekleidung sagen: Ledern seid ihr, will ich sagen, Hochmut ist zu jeder Tageszeit eine Dummheit und ein Laster, für Lederne zumal. Also nicht hochmütig sein! Aber heute ist es euer Recht, stolz zu sein! Denn die Stätte, wo ihr in Wieb Muthens Kate gestanden habt, war heiliges Land.‹

Als er es gedacht hatte, war er auch schon im Freien. Aber Wiebs feines Ohr hatte ein zur webenden Stille der Kate nicht gehörendes Geräusch gehört. Ihren Klaus loslassend rief sie: »Is dor wat?«

Kein Laut ... Nur im Weg verklang der Schritt eines Wanderers auf schwingendem Boden.

»Nichts«, erklärte Wieb, »es ging bloß einer im Weg. – Es geht nicht schlecht, mein Klaus, aber noch mal – nicht? – ›Ach, ich bin so müde‹. .« Und wieder wiegten sich die Alten im Tanz.

Johannes Lindemann ging über den freien Vierth, sein Auge stieß auf keine andere Wand als auf die des blauen Himmels. Es fiel ihm erst jetzt auf, daß Wieb Muthens Kate wohl der Höhepunkt des Geländes sei. Was er gesehen, hatte eigentümlicher Weise den Eindruck des Erhabenen in ihm hinterlassen. Die Freiheit rings herum spornte dies Gefühl, diese Empfindung, noch weiter an. Er schritt wie auf dem Pol der Erdachse einher, und zwar auf einem Pol der Erde, der einen deutschen Frühling erlebt. Überall war Süden und überall Ruhe und Glück.

Er stieg die fallende Straße zum Dorfe hinab. Die Büsche und Bäume waren noch da, die junge Birke in schwingendem Entzücken, der Troß ein wenig müde, die Alten noch immer nicht wissend, was sie wollten.

Ein leises Rauschen in den Kronen. Und Hannes Lindemanns Phantasie tat, was sie wollte, sie vermischte es mit der wiegenden Erinnerung seiner Jugend: ›Ach, ich bin so müde, ach, ich bin so matt...‹ Wenn er an das Gesicht von Klaus Lemster dachte, das der machte, als Wieb mit ihm Walzer tanzen wollte und sich vor ihm wiegte und vor ihm tänzelte, mußte er immer wieder laut auflachen. Das Gesicht war aber auch zu dumm gewesen, und dann dachte er, es sei doch gut, daß er Wieb Muthen besucht habe. Das Trugbild von der Prachtfigur seiner Seminaristenzeit trug er zwar gemindert nach Haus, aber gerade das war ihm ein Ausgleich gegenüber dem Gefühl, das Wieb und Klaus vielleicht ohne ihn in ihrer Jugend Maienblüte bereits ein Paar geworden wären. Wenn er, der lange Seminarist, nur nicht auf Daniel Drathens Hochzeit erschienen wäre mit der blauen Mütze, dem Öl im Haar und dem schwarzen Tuchanzug, die Wichsstiefeln nicht zu vergessen ... Freilich, allzusehr drückte diese Schuld nicht. In Ermangelung seiner Person hätte Wieb sicherlich einen anderen gefunden, an dem sie ihren Klas kirre zu machen versucht. Eine Mannsperson ahnt ja, wie Wieb sagt, gar nicht, wie schlecht so junge Weibsbilder sind...

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