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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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1

Er war ein bejahrter Mann, war lange Zeit im Norden des Landes Schulmann gewesen, zuletzt gar Rektor – nun lebte er im Ruhestand.

Geistig fühlte er sich noch auf der Höhe, körperlich auch frisch. Aber warum sich bis zum letzten Nervenstrang verbrauchen, warum jungem Nachwuchs Weg und Steg versperren? Warum? Seine Mittel erlaubten es ihm, freie Bahn zu geben. Einiges hatte er sich erspart, einiges war von seiner Frau zugebracht, das Ruhegehalt gab auch etwas her, alles zusammen für bescheidene Leute genug. Und Nachkommenschaft war ihnen versagt geblieben. Den Bakel schwingen, Hefte und Kollegen ›korrigieren‹ und sich dafür von Schulrat und Regierung korrigieren lassen, war gewiß eine schöne Sache. Aber das, was auf dieser Welt mitnehmenswert ist, schöpfte es doch nicht aus.

Aus allen diesen Gründen hatte Johannes Lindemann es vorgezogen, abzugehen und den Erdenfleck wieder aufzusuchen, wo er geboren war.

Er hatte Liebhabereien, auf deren Pflege er sich freute. Zuerst und zunächst aber kam es darauf an, die Wurzeln in die Muttererde seiner Heimat senken, Landschaft und Menschen wieder zu Freunden zu machen. Deshalb trug er Morgen für Morgen seinen ›Dampfstaken‹ hinaus ins freie Feld. – ›Dampfstaken.‹ Mit diesem Wort verunglimpfte er (nach ortsüblichem Scherz) seine lange Pfeife; mit Unrecht, denn sie hatte buntseidene Litzen und Quäste. – So sehen wir ihn auf der Brücke des an seinem Heimatsdorf vorüber rauschenden Flusses.

Johannes Lindemann hatte ihn noch als wilden Strom gekannt, der zu böser Zeit bös wurde und aus den Ufern trat. Nun war er durch feste und hohe Deiche gebändigt, einem Rappen vergleichbar, der gegen Stangengebiß und Scheuklappen und Kappzaum schäumt und rollt und tänzelt.

Das Dorf lag vor seinem Angesicht.

Ein kleiner Turm, da war die Kirche, eine grüne Baumwolke daneben, die bezeichnete Kirchhof und Pfarrhaus. Rechts davon ein hohes, etwas bedeuten wollendes Ziegeldach, da wohnte Daniel Drathen. Der hatte Klange Zeit im deutschen Osten ›Gutsbesitzer gespielt‹, war nach hier zurückgekommen und neuerdings Amtsvorsteher geworden. Hinter dem Ziegeldach hauste Klaus Lemster, einer der Wenigen im Dorf, mit denen zusammen der Rektor die Schulbank gedrückt hatte. Sein kleines Anwesen sah man von der Brücke nicht, es ging nach der ›Achterstraat‹; an der Achterstraat lag auch das ihm zukommende Land: Acker und Wiese.

Klaus Lemster war derzeit mit Daniel Drathen weggezogen und mit ihm wiedergekehrt; so holte die Heimaterde manchen flügge gewordenen Jungen wieder her. Sie muß doch wohl was Magnetisches haben... Klaus Lemster ist unverheiratet gegangen und unbegeben wiedergekommen. Und das ist schade; denn gerade er schien geschaffen, eine Frau glücklich zu machen und dabei glücklich zu werden. Für des Leibes Nahrung und Notdurft wäre auch gesorgt gewesen, zumal jetzt, wo er bei Daniel Drathen die Stellung eines Sekretärs und Amtsdieners bekleidet.

Johannes Lindemann sah über das graue Dächerwirrwarr seines Dorfes hinweg nach den Rögener Bergen (so hieß das ziemlich dicht hinter den Häusern emporsteigende Hochland), er sah sinnend hinüber und dachte. ›Wenn ich flink hinaufstieg‹, dachte er, ›und meine Grete-Schwester in Rugenbergen besuchte!‹ Rugenbergen hieß das auf der andern Seite der Bodenerhebung belegene Dorf. ›Jawohl, das will ich; die Pfeife lasse ich zu Hause und nehme dafür einen tüchtigen Stock. – Und dann, und dann‹, dachte er weiter, ›kann ich Wieb Muthen auch guten Tag sagen; sie wohnt ja, wie ich höre, oben auf dem Vierth.‹

Der Rektor war eine lange, hagere Stange, in seinem Gesicht hatten Berufsarbeit und Gedankenarbeit ein paar feine Fältchen und Furchen hinterlassen. Aber ein guter, zufriedener Ausdruck war darin. Ein Kenner würde vielleicht behaupten: da ist mehr als Zufriedenheit, da ist Humor. Denn, wie er auf den Einfall gekommen war, Wieb Muthen guten Tag zu sagen, lächelte er, und es war ein von innen heraufsteigendes Lächeln.

Die Rögener Berge erhoben sich mit einer für unser Flachland überraschenden Energie. Man sah die Straße zwischen landesüblichen Knicken hinaufführen und gleichlaufend daneben ein dünnes Gehölz. Einen Wald konnte man es nicht nennen, über eine schleifenartige Baumgruppe ging es nicht hinaus. Um so mehr teilte sich die Kletterbewegung des Auges den Stämmen mit.

Gleichsam frisch voran Birkenkinder leicht geschürzt, wie junge Wandervögel. Die erste sieht man hoch oben mit wehendem Haar und schwingenden Armen, dicht hinter ihr zwei andere, die Häupter gesenkt – der Aufstieg war doch böser, als man erwartet hatte. Ein langer Troß folgt, ganz unten stehen alte verständige Bäume und beraten, ob sie es dem jungen Volk nachtun sollen.

Nach nicht langer Zeit ist Johannes Lindemann auf demselben Wege zum Vierth hinauf. ›Vierth?‹ Ursprünglich bedeutet das Wort wohl hochbelegenes sandiges, jungfräuliches Heideland. So trifft mans noch heute, wenn man rechts und links vom Wege abbiegt in die flimmernde, blaue Ferne hinein. Am Wege selbst ist aber Acker und Weide daraus geworden.

Der Rektor ging dieser Tage schon einmal flüchtig hinüber.

Drei Strohdächer liegen oben am Wege, wie wenn sie einem großen Christophorus, der als Spielwarenhändler für Riesenkinder über die Heide zog, aus dem Sack geglitten wären. Alle zehn Minuten eine, so daß jede für sich allein und einsam blieb. Drei kleine Katen: Strohdächer, Eulenloch, Rauchhäuser – die große Tür, wo der Atem des Herdes hinauszieht, nach Osten, die Seitentür gen Süden nach dem Weg hin, eine Bank oder vielmehr ein auf zwei Blöcke genageltes Brett an der Wand. Fachwerk mit blaßroten Ziegelsteinen ausgemauert, Stubenfenster nach Westen, hinter ihnen der Garten, in dem Garten Gemüse, ein paar Blumen am Steig: im Frühling und Sommer Tulpen, Rosen, Levkojen, Vergißmeinnicht als Rabatteneinfassung; ferner Stachel- und Johannisbeeren, Eierstrauch und Buchsbaum; im Herbst hochstielige Sonnenblumen, ferner Bauerrosen – Gurken und Kürbisse in trägem schleichendem Gerank und Geflecht, Obstbäume an dem alles umschließenden Wall, meistens Gravensteiner und Prinzenäpfel und Pflaumen und Zwetschen. Wenn schönes Wetter auf der Heide, alles in Glanz und Glast der Sonne. Die Katen und Gärten sind wie nach einem Riß gemacht – Gußarbeit. So liegen sie auf dem Rögener Vierth.

Johannes Lindemann gehörte zu den Leuten, die mit einer Art Rührung zu kämpfen haben, wenn sie an stille, grüne Heiden und Heidkaten denken, an Einsamkeiten, wo es noch glückliche Menschen gibt, von der Welten Unrast unangefressene Gemüter, solche, die den Strom der Zeit vorüberspülen lassen und gar nicht wissen, wie viel Unrat er mit sich führt.

In der mittleren der drei Katen des einsamen Vierths wohnte Wieb Muth, sprich: Muthen. Eigentlich hieß sie nach ihrem verstorbenen Mann Mundt, sprich: Mundten. Nach Landesbrauch fügt man bei Frauen dem Namen eine weiblich sein sollende Endung hinzu. Sie war schon lange Witwe, in Johannes Lindemanns Erinnerung war sie und blieb sie aber Wieb Muthen, und auf dem Gedenken an Wieb Muthen lag warmer Sonnenschein.

Es lag ein warmer Sonnenschein darauf, denn er hatte sie gern gehabt, und noch immer hielt er dies Gernhaben im wesentlichen frei von dem Begehren, mit dem ein Mann seine Blicke über ein Weib hingehen läßt. Es war, meinte er, das rein ästhetische Wohlgefallen an der harmonischen Mädchenseele, zu der freilich das gefällige rundliche Körperchen trefflich gepaßt hat. Und doch, um ganz ehrlich zu sein: zuletzt war ein Funke aufgeflammt, den er gern ausgetreten hätte, etwas, das als Unlustgefühl das Glück seines Gedenkens noch jetzt verkümmerte.

›Lang, lang ists her. – Ich will ihr guten Tag sagen und alles, was sich so fügt.‹

Er wollte Wieb Muthen besuchen und zur Sprache bringen, was ihm paßte. Dabei summte ihm die Melodie eines alten verschollenen Walzers im Ohr. Die Worte, wie meistens, albern und nichtssagend:

»Ach ich bin so müde,
ach ich bin so matt.
Möcht so gern zu Bette gehn,
morgen wieder früh aufstehn!«

Nichtssagend, aber getragen von einer sanften Melodie. ›Die faßbare Tagesfreude‹, sagt Schopenhauer, ›der im Walzer lebende, in ihm zum Ausdruck kommende Wille‹. So ungefähr. Eine weiche, wiegende, zum Verdämmern, zur Hingabe, zum Vergessen des Tagestumults zwingende Melodie.

Als er mit Wieb den Walzer tanzte, löste sich bei ihr alle Schwere... Ihre eigengewebten Röcke waren aus dicker Wolle, die Schuhe groß und grob, und doch der von allem Erdenhaften gereinigte Eindruck des Schwebens.

Wieb Muthen war in einem Nachbardorf geboren, sie war von jenseits des Flusses hergekommen, als er sie im Dorf getroffen. Er besuchte damals das Lehrerseminar der Stadt und kam nur in den Ferien heim. Wenige male hatte er sie auf dem Tanzboden gesehen. Aber mit dem Kommen und Treffen und Sehen hatte er sie auch besiegt. So durfte er annehmen und ganz sicher ergab sichs beim letzten mal, wo Daniel Drachen die große Hochzeit gab.

Das war ein Fest! Er, ein junger, städtischer Mensch, gleichsam Student, weiße Wäsche im Keilschnitt der Weste, Krawatte und Kragen, und vor allen Dingen eine blaue Mütze auf dem geheiligten Haupt.

Und der nicht ausgetretene Funke?...Ob das kleine Mädchen sich wohl was in den Kopf gesetzt hat? Ob ihr wohl Träume gekommen sind? Ob sie sich wohl schon als Lehrersfrau gesehen? ... Nun liegt die Versöhnung der Zeit dazwischen.

›Ich will sie, nun darf ich es, ich will sie nach allem, was sich so paßt, fragen.‹

Man sagt, daß sie Klaus Lemster gut gewesen sei. Der wollte auch gerne an sie heran, das sah ein Kind, ein halbblindes Weib. Aber sie kam aus den Händen der Tänzer, die die Diele beherrschten, nicht heraus. Die blaue Mütze immer voran. Und Klaus stand und stand und ›schmökte‹ und verschlang sie mit den Angen. Aber es blieb beim Verschlingen. Tanzen konnte er so gut wie nicht, nur ein wenig hopsen. Und wenn ein Hopser an die Reihe kam, dann bekam er die Wieb doch nicht. Oder einer der Gewaltigen (die blaue Mütze auch da voran) rief nach dem Musikantentisch hinüber: »Noch mal: Ach, ich bin so müde–«und dann begann wieder das Walzen und Wiegen.

Auf Daniel Drachens Hochzeit kam Wieb von der blauen Mütze nicht weg. Der arme Klaus! Wie konnte er sichs auch einfallen lassen, mit ihr in Wettstreit zu treten! Aber wahrscheinlich hat er auch gar nicht daran gedacht. Ein feiner Seminarist und ein tapsiger Bauernknecht im groben Zeug und nicht einmal tanzen könnend. Zu allem andern hatte Johannes Lindemann auch noch Pomade im Haar, ein glatt und weich und schmiegsam gebändigtes dunkelbraunes Haar, dem die blaue Mütze prächtig stand, Klaus dagegen ein aschblondes, steif und struppig stehendes. »Wenn man ihn beim Bein faßt«, hatte Johann Ott mal gesagt (Johann Ott mochte gern über andere Leute herziehen), »dann ist er ein Besen und man kann die Diele mit ihm abfegen.«

Der arme Junge, jammerschade! Der Nebenbuhler hatte förmlich Mitleid mit ihm, denn Klaus war nicht nur ein guter, sondern auch ein kluger Mensch. In der Schule war er einer der Besten gewesen. Daniel Drachen hat immer viel auf ihn gehalten, das beweist ja auch, daß er ihn zum Sekretär und Amtsdiener genommen hat.

Nun ist er mit seinem Herrn wieder zurück aus dem Land, das uns die polnischen Dienstboten gibt. Ob es ihm wohl gelungen ist, die Blödigkeit abzulegen?

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