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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 32
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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10

Und im September desselben Jahres rollte der gelbe Kastenwagen aus dem Hoftor von Altenhof – die Schimmel an der Deichsel.

Die Schimmel sind guter Dinge, sie spielen, beißen einander in die Mähne ... die drei Menschen im Wagen sind aufgeräumt und lachen und sprechen.

Bei Jochen Bocks Kate hängt der Sohn von Nachbar Vollert im' Pflaumenbaum und füllt sich die Blauen in die Tasche. Martin droht mit der Peitsche und lacht dabei, der Wagen springt von einem Steinkopf auf den andern.

Jochen Bocks Teckel bellt an den Speichen, nun kommt auch Vollerts mächtiger Hofhund – überlegen, würdig, ruhig. Er sagt zweimal »Wau! Wau!« und läßt dann Wagen Wagen sein, beriecht einen Binsenbüschel und tut dem Büschel darauf eine Ehre an, die dieser ein paar mal am Tage von ihm zu erfahren pflegt. Zum Schluß macht er, hochmütig in die Wolken blickend, dem Büschel von hinten her hochmütig Kratzfuß und Aufwartung.

Martins junge Frau Elsbe geborne Wulffen und Fritz Uhrhammer sitzen im zweiten Stuhl. Wer? Jawohl, Fritz, der Fabrikant vom Rhein, der kleingewachsene, aber großgewordene Fabrikant. Er ist unlängst in die Polterabendherrlichkeit hineingeschneit. (Was hat er für einen schönen braunen, weichen Bart und was für ein großstädtisches Gesicht!) Er war auf der Rückfahrt von Schweden, von Malmö kam eine Depesche ... am dritten Tag war er selbst da.

Hinter Vollerts Haus hörte der Knüppeldamm auf, der Wagen fällt in einen weichen, stillen Sand.

»Hast mit Klaus gesprochen, Fritz?«

»Ja, Elsbe.«

»Wollte er nicht mit?«

»Nein, gab vor, bei seinen Rädern zu tun zu haben.«

»Ist denn da noch was mit los? Ich meinte, damit sei er fertig.«

»Ist er auch ... Ich habs ihm auch noch mal gesagt. Aber er scheint was mit der Haushaltungsmaschine vorzuhaben.«

»Haushaltungsmaschine? Du meinst das Ding, das auf dem Bort steht? Es ragt wie eine Windmühle aus der Dachfirst.«

»Dasselbe.«

»Mit der Windmühle will er buttern und Häcksel schneiden und dreschen und alles, sagt Martin.«

»Das will er.«

»Ist denn da was dran? Wird es gehen?«

»Obs gehen wird, das heißt, ob die regelmäßige Windkraft ausreicht, das kann man nicht sagen. Übrigens sind ja auch Hilfskräfte vorgesehen. Und ob es die Kosten lohnt ... und das alles ... das muß man erst berechnen und schließlich probieren. Technische Fehler sind nicht drin, es wird also, wenn man alles dransetzt, gehen. Der Gedanke ist auch nicht neu, es ist das Gleiche schon von vielen versucht worden – insofern also Altes. Aber der Plan, die Art, die Ausführung, die Idee, das ist was Originelles, was durchaus Neues. Da kann er gleich ein Patent darauf nehmen. Das konnte nur einer fertig bringen, der von Haus aus viele Anlagen dazu hat.«

»Was du sagst!«

»Martin war dabei, als wir darüber sprachen. Ich habe ihm alles auseinandergesetzt, es schien Eindruck zu machen... Der Baurat hat es ja auch gesagt, Martin meinte auch, er solle es tun.«

»Was tun, Schwager?«

»Ich habe ihm vorgeschlagen, mit mir zu kommen und mir seine weitere Ausbildung zu überlassen. Die Maschinenbauerei muß er natürlich von Grund aus erlernen, wie ich auch getan habe. Daneben muß er die Fortbildungsschule und die Fachschule besuchen und schließlich an der Hochschule hospitieren. Und dann muß man weiter sehen.«

»Sollte das gehen?«

»Warum nicht gehen, Elsbe?«

»Klaus ist einundzwanzig,«

»Was sagt denn das? War ich jünger, als ich in die Welt ging?«

»Ob er es wohl tun wird?«

»Schwägerin, es ist eine Wegscheide, da führen die Straßen schwerlich wieder zusammen, man kann kaum noch zurück. Das sind Entschlüsse, da drängt man sich nicht auf. Er will sichs überlegen, hat er gesagt. Aber ich hoffe, er wird es gründlich tun und dann ›ja‹ sagen.«

Martin drehte sich im Wagenstuhl um. »Wenn ich meinen Klaus recht kenne«, fiel er ein, »dann ist er schon in sich fertig ... er braucht nur noch Zeit, zu überdenken, wie er es sagen will und soll. Da ist er eigen in ... Bloß sagen, das langt nach seiner Ansicht nicht, es muß bei ihm immer ein Tun dabei sein, das da ein Siegel aufdrückt. Fritz, er wird mit dir gehen!« Der Sprecher hob die Peitsche und ließ die Schimmel traben. »Er wird mit dir gehen, Fritz, da kannst du sicher sein«.

Erst ging es nach der Brücke, die der Fabrikant bewundern sollte, dann an der Au längs nach dem Hechtsee. Von der Brücke sagte Fritz nichts weiter als: »Gut gemacht, aber alte Konstruktion.« Ob Klaus später auch wohl so was fertig bringe? »Nun, das wäre denn wohl nichts Besonderes.«

Der Austrom wiegte sich hin und wiegte sich her, und wenn er nahe war, dann leuchteten ernst und weiß, seltener golden, die kühlen Wasserrosen auf.

»Ich sehe sie gern«, bemerkte Elsbe, »in stehenden Tümpeln wachsen sie nicht.«

»Sie tauchen nur aus reiner Welle auf«, bestätigte der Fabrikant.

Auf die kleine Gesellschaft legte sich die Stimmung der Einsamkeit. Die Tagessorgen ausgeschaltet... etwas wie Vogelfreiheit in der Seele ... Königsgefühl . .. nur der Himmel über ihnen ... Menschenrechte hingeworfen ... Himmelsrechte wieder gewonnen... Fritz Uhrhammer grub zugleich die Idee ungetrübter Jugendtage wieder aus.

Man sprach nicht viel, was sollte man auch sagen? Wenn die inneren Stimmen reden, dann klingt ein von den Lippen gefallenes Wort immer geheuchelt, unzulänglich, unbeholfen und matt.

An Hans Horns Bultwiese im Graben lag ein Kahn, der von Peter Bauervogt als Notbehelf für die Dauer der Totalsperre angeschafft worden war. Der Kahn führte die drei Menschen über den blanken Spiegel des Sees nach dem Grasfeld hin. Das Grasfeld war für Martin eine Art Andachtsstätte. Als er es durchfahren hatte, ruderte er nach Hans Horns Bultwiese zurück.

»Martin«, sagte der Fabrikant, als sie wieder auf der Wiese standen. »Unsere Heimat, wenn man sie so ansieht hat doch mancherlei an sich.«

So war es. Die Wiesen... und der blank und rein und fleckenlos in Schilf und Binsen versteckte See ... zwei grasende Schimmel... nach der Eider hin ein mit vollen Leinen prangendes Segel ... am Horizont blaue Wedel seliger Gebüsche, als könnten nur gute Menschen in ihrem Schatten ruhen ... westwärts das große Moor ... zackiger, schwarzer Rand ... darüber graubraunes Einerlei, einem von Leid aufgeschwollenen, alle Freude ausgetrunken habenden Untier gleichend ... und über allem die Natur selbst ... ein großes, einsames Wesen ... mit Riesenschritten von Mittag kommend ... mit Riesenschritten gen Mitternacht gehend ...

Fritz Uhrhammer hatte recht: die Wiesen und die Natur, wenn man sie so anschaute, hatten mancherlei an sich. –

Der Pflaumendieb Hinrich Vollert lag, als sie zurückkehrten, auf seines Vaters Bank. Martin gab ihm Pferde und Wagen, er und Elsbe und Fritz wollten noch mal über die hohe Koppel gehen. Und wie einstmals sahen sie den Hechtsee wieder in Glut.

 

Klaus Uhrhammer saß in Abendrot und Abendglanz an der Hauswand von Altenhof und spaltete Holz. Er schlug seine Räder entzwei.

»Was machst du?«

»Ich tu, was du mir gesagt hast. Meine Räder für den Backofen!... Das heißt, eigentlich, meine ich, sind sie dafür zu gut. Im Backofen tuns Stubben auch, aber als kleingemachtes Föhrenholz, den Windofen zu heizen, dazu taugen sie. Auch da wirds lange reichen.«

»Sagst du noch wie heut morgen?« wandte er sich an Fritz.

»Immer dasselbe.«

»Gut!« Er stand auf und schlug das Beil in den Haublock. »Dann tu ich, wie du rietest. Dann gehe ich mit dir.«

Des Rheines Adoptivkind nahm den Klüterer in seine Arme. »Das nenne ich gesprochen, und ich weiß, es wird dich nicht gereuen. Denn du heißt Uhrhammer und mit Vornamen Klaus. Und deine Mühlen sollen hier dereinst überall aus den Dächern unserer Heimat ragen.«

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