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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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Ein geistlich Armer

»Wu ... wu ... wullt bliewen, Wieb?« fragte Hans, grub die Hände in die ›Timpten‹ (Sackspitzen), stemmte die Tonne Weizen gegen den Leib, und warf sie, den Sackboden voran, auf Nacken und Kopf. So stand er wie ein Titane, dem es auf ein paar Sekunden nicht ankommt, das Himmelsgewölbe zu tragen.

»Wu ... wullt bliewen, Wieb?« Die meiste Zeit merkte man es nicht, aber wenn Hans erregt oder befangen war, dann hatte er mit seinem Sprechapparat zu tun, dann stotterte er.

Wieb Suhrn, die er fragte, war gerade dabei, die roten Steinfliesen der Hörn zu spülen und das von ihr ausgegossene Wasser schrubbend zum Gätjenloch hinauszujagen. Sie hatte sich regelrecht bis zum ersten November als Dienstmädchen verdrungen, es handelte sich um Verlängerung des Vertrages auf ein weiteres Jahr.

Als Hans sie fragte, hörte Wieb eine Weile vom Fegen auf, drückte den Besenstiel an ihre Brust und ließ es hingehen, daß der Strom zurückstaute. »Ja, Hans«, antwortete sie, »bliewen will ik, awer ni as Deern.«

»As wat denn?«

»As Fru.«

Der Atlasträger sah einen Augenblick erst auf die Lehmdiele und dann auf Wieb Suhrn.

Wieb Suhrn war ein großes, blondes, ein bißchen sommersprossiges, vollbusiges Frauenzimmer, dem auf der Oberlippe ein weicher Flaum sproß. Zwei mächtige nackte Arme quollen aus dem Mieder hervor, die Röcke hatte sie aufgesteckt, sie dampfte und troff vor Fleiß und Arbeit. Hans besah sie nicht lange, dann sagte er: »Dat will ik ni« und ging mit seiner Tonne Weizen nach dem leeren Kuhstall. Dort stellte er sie auf den eichenen Waschtisch. Er hatte, weil es bald neues Korn gab, das alte an den Bäcker, der nachher mit seinem Wagen an der Kuhstalltür halten wird, verkauft.

Hans Hansen (im Dorf nannte man ihn auch Doppelhans) konnte Wieb Suhrn wohl ausstehen und mochte sie auch leiden, aber – heiraten? Er wußte selbst nicht, weshalb er nicht mit dem Gedanken, eine Frau zu nehmen, eins werden konnte, und wußte auch nicht, was er eigentlich betreffs der Frauen dachte und wollte. Es war, als ob Wieb ein Magnet sei und ihm bald den anziehenden, bald den abstoßenden Pol zukehre. Die langen Haare, die weichen Formen, der Klang ihrer Stimme – er konnte sich davor schütteln und doch vor Verlangen vergehen.

Hans war groß und stark, aber keine Schönheit – die Haare rot, und seine Gesichtsfarbe von dem klebrigen Glanz, den man oft bei Roten trifft. Ein spitzer Vorderzahn lag, wenn er den Mund schloß, ein bißchen vordringlich auf der Unterlippe, was ihm das Aussehen eines Satirikers gab, von dessen Gesinnung sein Herz doch am allerwenigsten wußte. Im übrigen konnte er für eine gute Partie gelten. Er war zwar wunderlich, ein Stück von Eremit, aber er war noch nicht alt und schon unabhängig. Seine Eltern gestorben, Verwandte hatte er nicht, ihm waren Kate und Garten und Wischhof und Koppel, zwei Kühe und ein Schweinchen – ihm war alles allein zugefallen.

»Dat will ik ni«, hatte er gesagt. Bei dieser Antwort hatte seine Beharrlichkeit, sein konservativer, jeder Neuerung widerstrebender Sinn auch wohl seinen Anteil. Und dann die Plötzlichkeit, mit der Wieb ihn vor die Frage gestellt hatte! Wer weiß, ob das Übergewicht nicht sonst doch dem anziehenden Pol zugefallen wäre? Nun aber hatte sich das kalte: »Dat will ik ni« losgerungen.

Als er aus dem Kuhstall zurückkam, war Wieb wieder dabei, mit voller Kraft zu fegen und zu säubern. Doch richtete sie sich, als sie den Holzpantoffelschritt ihres Herrn hörte, auf faltete ihre Hände um den Besenstiel und sagte: »Ja, Hans, wenn du dat ni wullt, denn gah ik tom eersten af.«

»Dat muß denn don«, entgegnete Hans; er schaufelte schon einen neuen Himpten von Weizen voll.

 

Die Unterredung fand um die Zeit der Heuernte vom ersten Schnitt statt. Hans und Wieb sprachen nicht wieder darüber. Die Sache war abgemacht, mit dem ersten November packte Wieb ihren Koffer und zog zu ihrem im Dorf wohnenden Vater. Doppelhans aber führte von nun an die Wirtschaft allein und ›briet und kochte sich selbst‹, wie man im Dorf sagte.

Er tat alles allein, er machte sein Lager und seine Stube, er war ein ganz unabhängiger Mensch. Lesen tat er nicht, die Welt ging ihn nichts an; im Dorf sah man ihn selten, eigentlich nur, wenn er mit einem braunen Steinguttopf, den er am Bandseel trug, zum Höker ging. Er brauchte viel Sirup; Pfannkuchen mit Sirup war sein Leibgericht.

Seine Kate lag vom Kirchdorf her am Weg rechter Hand vorne im Ort, weiter hinein kam der Knüll mit dem Bauernteich, und um den Bauernteich herum standen die großen Höfe. Da wohnte auch der Höker Rasmus, der den Sirup verkaufte. Die Kate war ein altes Rauchhaus; die unter breitem Strohdach hervorlugenden Bleifenster dem dicht mit Bäumen besetzten Apfelgarten, der Giebel mit dem weiten, freundlichen Eulenloch dagegen in schräger Richtung dem Weg zugewendet. Ein Steinwall schnitt den Hofplatz dicht am Dielentor von der Landstraße ab; auf ihm stand hoch und schlank über Eulenloch und First hinaus eine junge einsame Birke mit weichem Haar. Wenn Hans Hansen mit seinem Topf unter ihr wegging und wenn dann Wind genug in der Luft war, wiegte sie ihr Haupt.

Hans Hansen war ein freier Mann, er war wegen Plattfüße auch soldatenfrei. Im Dorf kannte man wohl den Grund, aber man gab vor, ihn nicht zu kennen, um einen weiteren Anlaß zu haben, über den Wunderlichen zu reden. »He is op sin Dummheit kasseert«, sagten die einen, – »Op sin roden Haar«, die anderen, – »Ne, op sin swarten Föt«, die Witzigen. Hans war nämlich mit ungewaschenen Füßen gekommen und deswegen vom Oberst gerüffelt worden.

Hans Hansen half sich in seiner Einsamkeit so gut, wie er konnte. Wenn er dazu kam, Pfannkuchen zu backen und Sirup darauf zu tun, dann war Festtag. Er aß es zu gern. Und nun war Hochsommer geworden, und Hans hatte den Topf mit dem Bandseel in der Hand, Sirup zu holen. Da stieß er mit Anna Schlüter zusammen.

Anna Schlüter war das Faktotum im Dorf. Wo eine Hand fehlte, da schickte man zu ihr. Sie half Gesunden und Kranken, Lebendigen und Toten. Kranken wartete sie auf und Tote kleidete sie ein.

»Hans«, sagte Anna Schlüter, »hest wull na garni hört: Hans Jansen is so krank.«

»Wat du seggst!« erwiderte Hans; »wat fehlt em denn?«

»He hett Nervenfewer, ward wull ni weller, is willern, röpt ömmer op di. Wullt mal henkam?«

»Dat will ik, dat's Christenflicht.«

Er ließ seinen eigenen Topf und seine eigene Sorge, ging hin und achtete nicht der Gefahr der Ansteckung. Noch an demselben Tage erschien er bei Wieb und bat sie, Kuh und Schwein zu füttern; er könne nicht weg, der Kranke lasse ihn nicht.

Hans Hansen und Hans Jansen waren ›Madsen‹. Hans Hansen war dumm, oder wurde doch dafür gehalten; er war wie ein leerer Platz, auf dem ein Pfahl mit der Inschrift steht: ›Hier kann Schutt abgeladen werden‹. Es luden viele ab, es hätten noch viel mehr abgeladen, wenn Hans Jansen nicht gewesen wäre.

Hans Jansen war allezeit sein Trost. Hans Jansen war sein Schutz und sein Freund. So war es jetzt, so war es schon in der Schule gewesen. Wer ihm auf dem Schulweg und auf dem Spielplatz was tat, hatte es mit Hans Jansen zu tun. Hans Jansen war der Sohn eines großen Bauern, war klug und hatte, wenn möglich, noch mehr Körperkräfte als Hans Hansen. Stand Hans Jansen auf Doppelhans Seite, dann war es geraten, ›sein Pfeifen im Sack zu behalten‹.

Die beiden Knaben mit dem Gleichklang der Namen und der Seelen wurden zusammen eingesegnet und kamen auch zusammen zur Militäraushebung. Doppelhans kam frei, Hans Jansen zum Train. Abends betranken sie sich; – es ist das erste und das letzte mal gewesen, daß Hans Hansen sich betrunken hat.

Ein langer Schlachtergeselle wollte ihn wegen seiner ungewaschenen Füße, wegen der er vor versammeltem Kriegsvolk gerüffelt worden war, aufziehen, da wurde Hans Hansen bös und sprang auf. Eine Zeitlang standen er und sein Widersacher sich gegenüber und sprachen gegeneinander an – das heißt, eigentlich sprach der zungenfertige Schlachter allein – dann schlugen sie sich. Hans Hansen und Hans Jansen haben immer behauptet, daß der Schlachter zu Tätlichkeiten übergegangen sei. Tatsache ist, daß Hans Hansen den, der im Fleischerkittel steckte, an die Wand warf, daß alle Knochen knackten. Der Geselle kam wieder auf und drang auf Doppelhans ein ... Und da ... da ist Hans Jansen hinzugesprungen ... Hans Jansen und Hans Hansen haben immer behauptet, vom Schlachter sei ein Messer gezogen worden ... Hans Jansens Linke hat das Handgelenk des Gesellen mit der Gewalt eines Schraubstocks umklammert, die Rechte hat ihn ins Gesicht geschlagen, daß er wie ein Schlachtstier niedergestürzt ist. Drei Wochen lang ist er arbeitsunfähig gewesen und sein Gesicht so verschwollen, daß man ihn acht Tage lang hat füttern müssen.

Es kam zur Untersuchung und zur gerichtlichen Verhandlung. Wie bei vielen tumultarischen Vorgängen, wußte der Staatsanwalt erst nicht, auf wessen Seite er sich stellen sollte, ob der Schlachtergeselle auf die Anklagebank und Hans Hansen und dessen Freund vor den Zeugentisch sollten oder umgekehrt. Dann entschied er sich dafür, die Sache des Schlachters zu führen. Hans Hansen verstand von der ganzen Sache nichts und brachte es über »Ja« und »Nein« nicht hinaus. Der Schlachtergeselle trat als Zeuge auf und beschwor seine Aussage. Es war viel davon die Rede, ob Hans Hansen und Hans Jansen in Notwehr gewesen seien, ob es wahr sei, daß der Schlachter ein Messer gezogen habe, ob das Messer zugeklappt oder offen gewesen sei, ob die Angeklagten behaupten könnten und beweisen könnten, daß es offen gewesen sei, ob, wenn auch alles wahr sei, ein Schlagen von solcher Stärke nötig gewesen sei, den Messerstich zu verhindern, und noch vieles mehr. Hans Hansen erhielt schließlich zehn Taler Geldstrafe, Hans Jansen vierzehn Tage Gefängnis. Die hat er in der Stadt abgesessen.

Seitdem hielt unser Doppelhans mehr denn je dafür, daß es gefährlich sei, sich mit der Welt zu ›bemengen‹. Seinem Freund Hans Jansen, der nach seinem Gefühl für ihn gelitten hatte und nur um seinetwillen sein Leben lang durch den Makel der Freiheitsstrafe befleckt war, seinem Hans Jansen war er nun ganz und gar mit Leib und Seele zu eigen.

Verflossenen Michaelis vor einem Jahr war sein Freund vom Militär entlassen worden, nun lag der Gute krank und verlangte nach ihm.

Doppelhans blieb Tag und Nacht an seines Freundes Lager.

Drei Tage und drei Nächte erging der Kranke sich in wilden Phantasien. Er hatte den erkannt, der an seinem Bette saß, und nahm sein Bild in die Wirren des Fiebers hinüber. Der Schlachter und sein Messer, der Gefängniswärter, Hans Hansen und wieder Hans Hansen, der Gefängniswärter, der Wachtmeister des Trains ... alles und alle spielten darin eine Rolle.

So ging es fort ... drei Tage und drei Nächte ... wilde Auftritte ... ruhige Stunden ... Schließlich gab die Natur den Kampf gegen das, das sie zu überwinden verzweifelte, auf ... der todkranke Mann schlief ruhig ein. Noch einmal wachte er auf ... sah mit brechenden Augen umher ... übersah mit brechenden Augen noch einmal die, die an seinem Lager standen, auch seinen Freund ... sah mit brechenden Augen in die Triften der vor ihm ausgebreiteten Ewigkeit ... schloß die Augen ... reckte sich, dem Tod die Hand zu geben, und ... war nicht mehr.

Doppelhans war ganz ruhig. Wann ist er seit dem infamen Handel bei der Ausmusterung jemals nicht ruhig gewesen? Er ging nach seinem Haus und fand Wieb. Es war alles aufs beste bestellt, es war alles von oben bis unten geschrubbt und gescheuert.

»Dat de nödi«, sagte sie zu Hans, »dat dor mal 'n Frugensminsch un Fadok in de Kat keem.«

Das Heu vom Wischhof hatte eingebracht werden müssen, sie hatte alles besorgt und Mars Vollerts Fuhrwerk erbeten, ganz wie Hans früher auch getan hatte.

Hans war mit allem zufrieden. »Dor hest rech dan, Wieb«, sagte er, »wovel bün ik di schülli?«

»Ja, Hans«, entgegnete sie, »denn mutt it eerst weeten, wat hest du von Jansens kregen?«

»A, Snack«, erwiderte Hans.

»Du büst dor Nach und Dag wen und hest den Kranken opwahrt und hest em bört un leggt. Wat kreegst dorför?«

»Wat 'n Snack, Wieb! Dat 's doch Christenflicht.«

»Ja, Hans, wenn vel don Christenflicht is, denn is weni don erst rech Christenflicht.«

»Nä, Wieb, dat is doch wat anners. Ik hev 't ut Leev dan.«

Da hob Wieb mit der Rechten die Schürze, sah hinein und blieb stumm. Geld nahm sie nicht.

»Ja, Hans«, fing sie schließlich an, »denn kann ik nu jo wull gahn?«

»Ja, Wieb, bliewen wullt jo ni.«

»Na, as Deern ni.«

Nun sah Hans vor sich nieder und schwieg.

Wiebs Stimme weckte ihn aus seinen Träumen. »Adjüs, Hans!«

»Adjüs, Wieb!«

Da ging sie hin. War es nicht ein Staat, wie die Wieb dahinschritt, so stark, so kräftig, so gesund, und wie sie sich trug? Und wo gab es eine Zweite, die ein Herz wie sie im Spenster trug?

Ihm deuchte, er sei noch viel dummer, als wofür die Leute ihn hielten.

 

Wer die Natur unseres Bauern richtig kennt, weiß, daß er es nicht liebt, seine Trauer um Tote mit Kirchhofskultus aufzufrischen. Zum Leben gehört das Sterben, einmal muß es ein Ende nehmen. Bei dem einen kommts früh, bei dem anderen spät. Die Erde ist ein Jammertal, und Gott hat sie zu nichts anderem bestimmt. Wenn nur keine Not nachbleibt, dann ist alles einerlei. Wer noch an alter Weise hing (und unsere Geschichte ist schon lange her), der erkannte keine persönlichen Rechte an das Leben an. Das Leben ist eine Probe, ein Versuch, die Ergebnisse fallen über den Rand der Zeit hinweg in die Ewigkeit. Was ist da viel zu trauern um Tote? Unser Doppelhans ließ sich den Fall nur zur Befestigung seiner Ansicht dienen, daß die Welt nichts wert sei. Er ging seinen Geschäften nach und hätte bald vergessen, seinem Freunde die letzte Ehre zu erweisen. Formalitäten und Feierlichkeiten waren nicht wichtig. Aber Wieb kam hin und erinnerte ihn. Da zog er sein Sonntagszeug an, ging nach dem Sterbehaus und folgte auch nach dem Kirchhof.

Der Pastor redete ein Langes und Breites und Rührsames, wovon Hans nicht viel verstand. Es ist ihm später gesagt worden, es sei auch von ihm die Rede gewesen und der ›Priester‹ habe ihn und seine fromme, tatkräftige Freundes- und Menschenliebe und seine Herzenseinfalt sehr gelobt. »Geistesgaben«, so ungefähr habe er gesagt, »hat der Herr ihm nicht geschenkt, aber das, was mehr ist, die fromme Einfalt des Herzens. Selig sind, die geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr.«

Hans Hansen ging einen ganzen Tag in Gedanken umher, was der Pastor damit wohl gemeint habe. Er hatte bei dem, was er getan, keinen Widerstand in seiner Seele überwinden müssen; was er getan, war so klar und selbstverständlich, daß es ihm wie Spaß klang, wenn man dabei von Verdienst redete.

Es war ein weiterer Schatten des Ernstes (aber nicht der Trauer, auch nicht des Trübsinns), ein feiner ernster Schatten mehr war in sein Gemüt gefallen, im übrigen war er der, der er gewesen, der er war und blieb. Er, der Junggeselle, der wieder an seines Lebens Notdurft nüchtern und weltlich dachte. Endlich wollte er sich einen fetten Sirupspfannkuchen und was dazu gehörte vom Höker Rasmus am Teich holen.

Aber am Tage nach der Beerdigung wollte es nicht passen. Er stockte, als er, im Begriff nach dem Höker zu gehen, den Topf mit dem Bandseel in der Hand, zur Dielentür kam. Am Steinwall im Weg standen der Landbriefträger Peter Ramm und der Krugwirt Jörn Mordhorst und sprachen miteinander.

Unser Hans war ein wunderlicher Hans, er mochte plötzlich nicht mit dem Topf vor Peter Ramm und Jörn Mordhorst über den Weg gehen. Es war ihm immer, als wenn bei den Sirupsgängen mal ein Unheil käme und als ob es nicht heimlich genug geschehen könne.

Er stellte den Topf hin und fegte vorläufig die Diele ab, hoffend, das Gespräch möge inzwischen ein Ende nehmen. Aber wie er den Besen in die Ecke stellte, waren Peter und Jörn noch da. Nun beschloß er, die Sirupsschwelgerei auf morgen zu verschieben und heute Bohnensuppe zu kochen.

Es ist schade, daß Hans nicht mit angehört hat, was Peter und Jörn sprachen. Hätte er es mit angehört, dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen.

»De Franzos will uns war«, sagte Peter Ramm.

»Ja«, entgegnete Jörn überlegen, »in de Bläd, in de Bläd dor kriegt se jo heel doll!«

»Ja, awer nu is Eernst, nu geit los!«

»Jung, meenst dat?«

»Kannst di op verlaten, de Köni lett al mobil maken. De Franzos hett em beleidigt.«

»A,wat du seggst!«

»Kannst di op verlaten. Beleidigt hebbt s' den oln Mann.«

»Dat weer de Düwel, dat is stark.«

»De Bezirksfeldwebel kommt morrn.«

»Jung, Jung, Peter, denn mutt min Mars ok mit!«

»Dat ward wull so, ik mutt mi ok prat holn, bün in de tweet Ersatz.«

Jörn Mordhorst kraute sich den Kopf. Die persönliche Not ging ihm über Königs- und Vaterlandsnot.

»Peter, dor bringst du slechte Breewen. Schult 't würkli wahr wen?«

»Dats so wiß as twe mal twe veer«, erwiderte Peter Ramm.

»Ja, denn mutt kam, wat kommt.« Jörn Mordhorst seufzte, gab Peter Ramm die Hand, sog an seinem Pfeifenstummel und ging davon.

Aber im Weggehen sagte er noch: »Dor is Hans Jansen buten üm kam. Wie hebbt em güstern nan Karkhof bröcht.«

»Dat hev ik hört«, entgegnete Peter. Er nahm den Weg zwischen die Beine.

 

Am folgenden Tag wollte Hans wirklich seinen Sirupspfannkuchen machen. In ihm und um ihn war tiefer, tiefer Friede. In seinen Sinnen war nichts von Kampf und Krieg. Vaterland, Politik, Ruhm ... das waren Klänge, wofür seinem Gehirn die Tasten fehlten. Bismarcks Namen hatte er einmal gehört. Man hatte ihn den besten Schmied des künftigen Reichs genannt. Seitdem hielt er dafür, es gebe irgendwo in den Nachbardörfern einen reichen, guten Bauernschmied namens Bismarck. Er wollte aber nicht bei Bismarck schmieden lassen, es war zu weitläufig und für ihn war der alte Krischan Peters gut genug. Er hatte auch nicht viel Verschleiß, weil er alles selbst tat und der Herr sich mehr in acht nimmt, als ein Knecht.

Unser Doppelhans hatte schon seinen Topf in der Hand, setzte ihn aber noch einmal hin. Vor dem Weggehen goß er dem Schweinchen noch einen Eimer Drang in den Trog. Dann stapfte er aus der Tür.

Einen Augenblick, er war noch nicht vom Hofplatz, überlegte er, ob er die Dielententür nicht von innen zuriegeln und die Blangdoer zuschließen müsse. Nein, dachte er, das ist nicht nötig. In acht Minuten bin ich wieder hier.

Jawohl, Hans Hansen! Hat sich was zu acht Minuten – acht Monate!

Wenn er in Uniform gesteckt hätte, wenn er sich nicht so nachlässig hätte gehen lassen, wenn er keinen Topf getragen hätte und keine Plattfüße gehabt hätte – dann würde er trotz seiner roten Haare eine ganz mannhafte Erscheinung abgegeben haben. So aber, wie er durch das Dorf nach dem Knüll ging, hatte er nichts Heroisches.

Auf dem Knüll am Teich steht ein Haufen Menschen, ein Soldat ist auch da, der hat eine Liste in der Hand.

›Was ist das?‹ denkt Hans und tritt hinzu, seinen Topf in der Hand. Der Soldat ruft Namen auf, die Aufgerufenen sind da, sagen »hier!« und treten zu dem Hümpel hinüber, der sich rechts von dem Soldaten bildet.

Da wird aufgerufen »Hans ... ansen«. Es konnte Hans Jansen, aber auch Hans Hansen heißen, der Soldat war ein Oberdeutscher, einer, dessen Sprache man nicht so genau versteht. Niemand antwortet auf seinen Ruf, nur einer murmelt »der ist tot«, aber das hört der in Uniform nicht und wiederholt den Namen.

Hinter Hans Hansen steht einer, der gern über niedrige Zäune steigt, der will seinen Spaß haben, stößt unsern Hans m den Rücken: »Dat schast du wen!«

Da setzt Hans, der bei dem Ungewohnten das Stottern bekommt, seinen Sprechanismus in Bewegung: »H... hi ...er!«

»Weshalb antworten Sie nicht gleich?« schreit der Soldat, »hier r-r-r-rann!«

Hans geht zu dem Hümpel hinüber.

»Was will der Kerl mit 'n Topf? Will er mit dem Topf in den Krieg? Topf weg!«

Da setzt unser Hans seinen Topf – ach, es war ein so schöner brauner Topf, und das Bandseel so fest, so solide, nur wenig fettig – da setzt er den Topf auf den nackten blanken Knüll und wartet der Dinge, die da kommen. Daß es nichts Gutes, kann er sich denken. Wann hat die Welt ihm je was Gutes gebracht? Aber das ist einerlei ... einerlei – er wartet.

Im März des folgenden Jahres kam Hans Hansen aus dem Krieg zurück, den er als Trainsoldat Hans Jansen mitgemacht hatte, und brachte eine Denkmünze und eine Uniform mit nach Hause. Seine Haare waren noch rot, sonst aber war er frisch und gesund.

Der Wachtmeister hatte den Kopf geschüttelt, als er den falschen Hans Jansen besah. Nach dem Nationale ›blond‹ – »Merkwürdiger Sophismus« (er meinte Euphemismus). Das ist das fuchsigste Rot, das je auf einem Bauernschädel gewachsen ist. Und das heißt in den Königlich Preußischen Listen ›blond‹? – » Rectius rot«, schrieb er in die Spalte ›Bemerkungen‹. Hans Jansen war auch um einen Zentimeter kleiner geworden. »Das kommt vor«, dachte der Wachtmeister. Hans Jansen hatte sich ferner das Stottern angewöhnt; »hat wohl mal 'n Schreck gehabt. Alles schon dagewesen.« – ›Mund und Nase gewöhnlich?‹ »Nun, was man alles ›gewöhnlich‹ nennt.« – ›Besondere Kennzeichen fehlen‹? »Und der Eberhauer?«

Doppelhans sprach mit keinem, er wußte lange Zeit nicht, was man vorhabe. Als es weiter und weiter nach Westen ging, sorgte er um seine unverschlossene Kate, um Kuh und Schwein und Weide und Ernte, aber merkwürdigerweise mehr noch um den auf dem Knüll zurückgelassenen Topf. Und, was das Allermerkwürdigste war, er mußte viel an Wieb Suhrn denken und daß es doch für Unglücksfälle der Art, wie er jetzt durchmache, gut sei, eine Frau mit so kräftigen Armen zu besitzen, wie Wieb Suhrn habe. Nun schalt er sich noch ärger, als er früher getan. Deshalb schalt er sich, weil er damals nicht gesagt hatte, wenn sie nicht als Mädchen bleiben wolle, so möge sie es doch als Frau tun.

Da vernahm er, man ziehe nach Frankreich. Von Frankreich erinnerte er sich aus der Schule, daß es in Paris liege. Daß er als toter Hans Jansen einen Feldzug mitmache, das erkannte er erst, als die Kanonen zu reden anfingen, als es Tote und Verwundete gab.

Nun wollte er dem Wachtmeister alles sagen, aber wie er vor dem Gestrengen stand und seine widerspenstigen Sprechwerkzeuge zu meistern sich bemühte, da war ihm, als ob der tote Hans Jansen ihn am Ellbogen zupfe und zu ihm sage: ›Ich habe vierzehn Tage für dich im Loch gesessen, und du willst nicht mal für mich nach Paris spazieren fahren?‹ Nun hatte er die Empfindung, als ob er mit jedem Tag seines Dienstes etwas von der Schuld abtrage, deren Ende der Tote mit ins Grab genommen habe.

»Wollen Sie was?« fragte der Wachtmeister.

»N...ä...ä!«

»Weshalb halten Sie mich denn auf?«

Er ließ Hans stehen, und Hans ließ es, wie es war.

Er hatte früher als Knecht gedient, mit Pferd und Wagen kam er gut zurecht, in anderen Sachen war er tölpelhaft, so daß er sich das Übelwollen der Vorgesetzten zuzog, einmal auch bestraft wurde. Auf Rosen war er nicht gebettet – Hans Hansen hielt das für durchaus in Ordnung.

Wenn der verstorbene Trainsoldat Hans Jansen, alias der lebendige Hans Hansen, an den Topf dachte, dann war sofort auch Wieb Suhrn da. Ein paar mal in der Woche träumte er in Schlaf und Halbschlaf jedesmal davon. Dann stand Wieb vor ihm, hielt den Topf hoch in der Hand und lose am Seelband und schlug mit den Knöcheln an die Rundung, so, wie der Topfhändler tut, wenn er seine Ware preist. So süß und lieblich klang es dann und dabei so voll und friedlich, wie der Kirchenglocke Rund. Hans hörte die Glocken der Hoffnung heraus, daß doch noch alles gut werde und daß die abscheuliche Welt doch noch Sonnen- und Freudentage für ihn und Wieb haben werde. Und Wieb, die geträumte Wieb Suhrn sagte dann: ›Hör, Hans, dat is 'n Pott, hell und klar as Glück. Un keen Sprung is dor in. Hör doch mal to, wo dat klingt!‹

In der Kompagnie, bei der Hans Hansen als Hans Jansen diente, stand auch der Kamerad, der ihn auf dem Knüll in den Rücken gestoßen und gesagt hatte: »dat schast du wen«. Als er sah, was er angerichtet hatte, tat es ihm leid. Er drang in Hans Hansen, die Vorgesetzten aufzuklären. Aber Hans Hansen wollte, oder vielmehr der Schatten des Verstorbenen wollte es nicht. ›Ich will mich nicht an ihm versündigen‹, dachte Hans, ›ich will es aushalten‹. Auf eigene Hand tat der Kamerad es auch nicht; schließlich fürchtete er doch Unannehmlichkeiten für seine Person.

Im Dorf daheim war man, als man erfahren hatte, daß Doppelhans für den verstorbenen Hans Jansen mitgenommen worden war, erst ganz verblüfft gewesen. Als mans überwunden hatte, lachte das ganze Dorf, von Hans Hansens Kate her bis nach dem Knüll und um den ganzen Knüll herum – lachte, daß die Bäuche, soweit sie im Dorf vorhanden waren, wackelten. Schließlich glaubte der Gemeindevorstand, er müsse was tun, und sprach mit Kirchspielvogt und Landrat. Die hielten es für ganz unmöglich, in Preußen und Deutschland könne so was nicht vorkommen. Es gingen Berichte und Verfügungen hin und her, und wie man schließlich doch sehen mußte, was nicht zu bestreiten war, setzten die Zivilbehörden sich mit dem Armeekorps in Verbindung. Das Unerhörte fand auch dort ungläubige Augen und Ohren, es ging durch die Militärinstanzen. Man war im Krieg, und den Feind zu schlagen war am Ende wichtiger als Hans Hansens Schicksal. So kam es, daß der Pseudo-Hans-Jansen just an dem Tage aus der Armee entfernt werden sollte, als man ohnehin die Truppen in ihre Heimat entließ und schon im Vaterland war.

In der Kreisstadt hatte der unfreiwillig freiwillige Soldat die letzte Vernehmung zu bestehen. Er bekam eine tüchtige Lage, wie er sich habe unterstehen können, wider Gesetz und Recht seine Haut für das Vaterland zu Markt zu tragen. So was sei doch wohl noch nicht da gewesen. Des Königs Rock und anderes Königliches Eigentum habe er auch zu Unrecht gebraucht und in Händen gehabt. Das werde ihm nicht so hingehen. Das fehlte noch. »Warten Sie nur mal!«

Bei der Auffassung, die Doppelhans von der Welt hatte, kam es ihm nicht unerwartet. Und weil er die Schelte erwartet hatte, nahm er sie ruhig hin.

 

Die Welt ist voller Widersprüche. Den Feldzug betrachtete Hans als etwas Gutes, insofern er ein Mittel zur Abbüßung seiner Schuld darstellte, in allen anderen Beziehungen hielt Hans Hansen ihn für verfehlt und fürchterlich. Und nach einem zweiten verlangte ihn nicht. Er schwor sichs hoch und heilig zu: er wolle keinen zweiten mitmachen, daher auch nicht wieder zum Höker gehen, Sirup zu holen. Aber wie zu Sirup kommen? Als er noch im Feld gewesen, hatte er im heißen Tagesdienst und unter feierlichem Sternenzelt seinen armen Kopf gemartert, wie das zu machen sei. Wieb Suhrn? So führte ihn jeder Gedanke auf seine große Wieb. Da war sie denn auch bald in Person in seinen Träumen erschienen, um die Glücksarie ihrer Zukunft auf dem braven Steintopf zu spielen.

So kam er, so ging er nach seinem Dorf und war fast schon daheim. Schon sah er die Birke, die auf dem Steinwall stand; sie sah hoch und schlank und wohlwollend zu ihm her und wiegte in stummem Einverständnis leise ihr Haupt. Und alt und welk und freundlich sah das Eulenloch noch immer schräg und liebevoll auf ihn herab.

Er biegt ins Hecktor hinein. Herr Jesus! – wer steht da? Wer steht da im Dielentor, kurzärmelich und stark und entschlossen, den Bandseeltopf in der Hand – wer steht da?

Wer denn sonst als Wieb Suhrn?

»Godn Dag, Wieb.«

»Godn Dag, Hans.«

Sie reichten sich die Hände und sahen sich in die Äugen. Beide waren groß und stark und frisch und hatten ein ehrliches Gesicht.

»Hier is de Pott«, sagte Wieb und ließ den Topf am Seel hängen. »De weer opn Knüll stahn blewen.« Sie schlug mit den Knöcheln daran. Bim! bim! sagte der Topf.

»He is gans heel«, bemerkte Wieb.

»Dat hör ik«, erwiderte Hans.

»Muß ni vör ungod nehm«, fing Wieb an, »ik hev' betjn nan Rechten sehn.«

»Büst en gode Deern.«

»Nu komm man rin, Hans!«

Sie gingen hinein. Es glänzte alles in nie gesehener Ordnung und Sauberkeit.

»Schuvkaar voll hev ik wiß rutschabn«, erklärte Wieb, »wo Mannslüd hüst, mutt 'n Frugenshand hen, sünst ward nutteli.«

Hans war des Staunens voll: Boden und Strohlager, Heu und Korn, die Kühe, das Schwein – es war ein anderes Schwein als das im Juli gefütterte, der alte Freund hatte seine Schinken zum Räuchern an die Bodendecke gehängt.

In der Stube schloß Wieb eine Lade auf und öffnete die darin angebrachte Stütznische. »Hier is, wat inkam is«, sagte sie, schüttelte ein Beutelchen mit Geld und legte es wieder hinein. »Un hier«, fuhr sie fort und nahm ein blaues fettiges Heftchen aus dem Fach, »hier is min Anschrievbook, dor kanns all in nasehn.«

»Dank, is god, Wieb«, sagte Hans. Er wollte noch mehr herausbringen, seine Lippen und Mundwinkel arbeiteten wie die Flügeldecken der Maikäfer, die fliegen wollen.

Wieb wartete, sie wartete auf das, was sie solange schon erwartet hatte, aber es kam nicht. Zu ihrem Leidwesen sah sie, daß die Bewegung der Maikaferflügel abflaute, da sagte sie kurz: »Ja, Hans, denn kann ik jo wull weller weggahn.«

Hans antwortete nicht darauf. Er fragte nur: »H... e... hest Siruv?«

»Ja!«

»A, denn mak mi'n Pannkoken.«

»Dat kann angahn, Hans.«

Sie gingen aus der Stube nach dem Fliesenraum, der sich vor dem Schwibbogen dehnte. Hans setzte sich in die Hörn, es war derselbe Winkel, den Wieb geschrubbt hatte, als Hans sie gefragt, ob sie bleiben wolle. Und an derselben Stelle sah Hans andachtsvoll zu, wie Wieb die Pfannkuchen machte.

»Schall de Sirup dorœwer or dorbi?«

»Dorœwer!«

Wie das Fett in der heißen Pfanne zerfloß, wenn der Schleef den Buchweizenteig noch nicht hineingetan hatte, wie es getrunken wurde, verzehrt, wenn der Kuchen sprickelnd briet! Hans kannte es, er hatte es ja selbst getan und tun müssen, es war gegangen, aber so souverän wie Wieb hatte er niemals Feuer und Fett beherrscht. An der Klippe des Wendens war er fast immer gescheitert, die meisten Pfannkuchen waren bei ihm Krüppel geworden. Nun aber sehe man mal unsere Wieb, wie kräftig sie den Pfannkuchen wie in die Esse hinein schleudert und in siedender Pfanne fängt! Und nun den Sirupstopf herbei: einen schönen, braungelben, weichen Strahl Sirup über den brauen Kuchen fließend, dick, als würde alles verschenkt – das war der Anblick, von dem Hans Hansen sich im schweren Dienst den Augentrost versprochen hatte, der vieles gutmache. Und sieh! er hatte sich nicht getäuscht, es war wirkliche Freude, innige Herzensfreude.

Sirupspfannkuchen machen das Herz weich. Als Hans satt war, fühlte er Rührung bis in die Magengrube hinein. »Wullt bliewen, Wieb?«

»As Deern ni –«

»As Fru denn?«

»Ja geern, Hans.«

»Wullt ok na n Höker gähn, ik tru mi ni weller –«

»Geern, Hans.«

Über beiden lag etwas wie Fettdunst und Sattheit, ihre Herzen aber hungerten nach Liebe. So verliebten, verlobten sich Hans und Wieb und gaben sich einen Kuß.

Einen Kuß? Ja, einen –.

Gegen Hans Hansen wurde richtig Anklage wegen intellektueller Urkundenfälschung erhoben. Hans freute sich schon darauf, vierzehn Tage absitzen zu können. Dann wäre er vor seinem Gewissen Hans Jansens Andenken gegenüber ganz quitt gewesen. Das Gericht tat ihm aber den Gefallen nicht.

Der Vorsitzende war kaum geneigt, die Anklage ernst zu nehmen. Hans Hansens guter Glaube (die spätere Aufklärung kam nicht in Betracht) lag doch zu sehr auf der Hand. Aber die Denkmünze mußte er einliefern, die bekam er auf den richtigen Namen umgetauscht.

Nun sind Hans Hansen und seine Wieb alte und rechtschaffene Leute. Hansens Ansicht von der Welt ist etwas günstiger geworden, er traut ihr aber auch jetzt noch nicht ganz.

Die im Friedensjahre gepflanzte Eiche ist ein ganz tüchtiger Baum. Kinder haben Hans und Wieb nicht bekommen, Frau Natur muß es doch wohl nicht für zweckmäßig gehalten haben, Hans Hansen zu vervielfältigen.

Die Kate hat noch immer rote Lehmwände mit schwarzem Zimmerholzwerk darin. Immer tiefer und breiter sinken die Augenlider des Strohdaches über die darin nach dem Garten sehenden kleinen Bleischeibenfenster.

Die Kate liegt noch immer vorne im Dorf, und weiterhin Knüll und Teich und die großen Bauern und die Hökerei. In der Hökerei verkauft jetzt Rasmußens Sohn den Sirup.

Hans scheint ein so vernünftiger Mann und ist und bleibt doch ein wunderlicher. Wenn er zum Höker geht, dann hat er immer das Gefühl, er könne wieder in einen Krieg verschleppt werden. Deshalb tut Wieb in der Regel den Gang. Aber selbst dann ist er der Sorge nicht ledig.

»Wieb, du kommst doch weller?« fragt er.

»Ja, Hans, worüm schull ik ni weller kam?«

Er lacht sich selbst aus und steht doch sorgenvoll unter der Birke, wenn sie davon geht. Wiebs Taille ist kaum noch markiert, ihre Röcke sind kurz, die Formen, die sie verbergen, rund und voll, und ein klein bißchen watschelnd ist ihr Gang. Er sieht ihr nach, als ob wirklich Gefahr wäre, daß Wieb zum Train komme und in den Krieg ziehe.

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