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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 29
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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7

Heinrich Matthiessen, seines Zeichens Buchhändler der Nachbarstadt, saß in seinem Laden und las. Die Haustür ging, Heinrich Matthiessen hielt es für den Klempner, nach dem geschickt war, ein Wasserrohr zu dichten. Es war aber ein besonderer Schritt, der Kommende stieß an die Stufe, die vor dem Laden war, und wäre beinahe gefallen.

Heinrich Matthiessen legte sein Buch weg und stand auf, den Kunden zu bedienen. Es war ein junger Bauer.

›Aha!‹ dachte Heinrich. ›Der Haustierarzt in allen Fällen, ich verdiene dabei zwei Groschen, auch gut.‹

Heinrich hatte ein kluges, durch blanke Brillengläser gehobenes Aussehen, er war gesund und frisch und rotwangig, sein Haar zwar im Ergrauen, aber noch voll, ein kleines Bäuchlein rundete sich unter seiner weißen Weste. Wenn Heinrich nach den Wünschen seiner Kunden fragte, legte er zwei nette weiche Hände auf die Tonbank. So tat er auch jetzt.

Der Kunde war zwar wie ein junger Bauer gekleidet, sah aber schmal und blaß und nach Stubenluft aus.

»Womit kann ich dienen?«

»Ich wollte ein Buch kaufen.«

»Da sind Sie an der rechten Stelle. Was soll das für ein Buch sein?«

»Ich will das Gesetz von der Erhaltung der Kraft.«

Heinrich Matthiessen konnte sich nicht gleich finden. Ein Bauer kommt und fordert von ihm das Gesetz von der Erhaltung der Kraft? »Was wünschen Sie?« fragte er noch einmal.

»Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft«, wiederholte der Kunde.

Heinrich Matthiessen, noch immer verblüfft, sah sich den Mann genauer an. »Kennen wir uns nicht?«, fragte er. »Sind Sie nicht ein Uhrhammer von Altenhof?«

»Das bin ich.«

Der Klüterer-Klaus hatte, wie jung er auch war, in der letzten Zeit scharfe Züge bekommen, von der Nasenwurzel her lief eine Falte über seine Stirn. Er verbreitete Holzgeruch, seiner Haut fehlten überall die vollen, von Wind und Wetter hervorgerufenen Bluttöne. Nun stand er, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft zu kaufen, in Heinrich Matthiessens Laden.

»Sie beschäftigen sich mit Maschinenbau, nicht wahr?«

Klaus Uhrhammer lachte bitter auf. »Ja«, antwortete er, »ich habe ein gut Teil meines Lebens verklütert, ich wollte eine Maschine erfinden, die, wenn sie erst in Gang gebracht ist, immerlos von selbst weiterarbeitet. Und nun habe ich gelesen und gehört, daß das gar nicht geht, daß das gegen das Gesetz von der Erhaltung der Kraft ist, und daß ich ein Narr gewesen bin, und das wollte ich gerne aus dem Grunde erforschen. Haben Sie das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, wo man aus sieht, ob ich im Recht bin oder im Unrecht?«

 

Es war so, wie Klaus erzählte. Seine Maschinen und Schwungräder waren immer größer geworden, ganze Tage hatte der Dorfdrechsler mit ihm zusammen gearbeitet. Je größer die Schwungräder, um so größer die geheimnisvolle Kraftquelle, redeten sich die Bastler ein. Aber die Kraft sichtbar machen, sie gerinnen lassen, darum handelte es sich.

Aber bei seinen Arbeiten war unserm Klaus Uhrhammer beiläufig etwas gelungen, was nicht jeder konnte. Er hatte die Zurückführung der täglichen ländlichen Arbeiten, wie Buttern, Dreschen und Häckselschneiden, auf ein gemeinsames Triebwerk zustandegebracht. Windmühlenflügel sollten aus der Hausfirst ragen, bei starkem Wind hoffte er mit dieser Kraft auszukommen, bei weniger günstiger Witterung sollten Hilfskräfte angewendet werden. Er und sein Gehilfe hatten dazu ein sauberes Modell gemacht. Klaus legte aber nicht viel Gewicht auf diese Erfindung, das Modell stand in der Ecke der Klüterkammer. Es war zurückgeschoben; wichtiger als jede Einzeltat, unendlich höher war das andre, war das, was die Welt auf eine neue Grundlage stellen wird ... war die neue, nur noch handfest zu machende Kraft.

Aber eines Tages war ein schmales Heftchen ins Haus geflattert, eigentlich nur ein paar Blätter, die den Titel führten: »Einiges über die Gesetze in den Vorgängen der Natur, volkstümlich dargestellt von Doktor Heinrich Huppert.« Klaus hatte das Heft gelesen und daraus entnommen, daß das, was er bezwecke, dem Gesetz der Erhaltung der Kraft zuwiderlaufe.

Er las und las sich um sein Glück. Hätte er weniger natürlichen Verstand gehabt, so wäre er vielleicht mit dickem, dummem Lachen darüber hinweggekommen. Bei ihm aber kam sein kluger Kopf darüber her, sah die Gründe, wog sie und sagte seinem Herrn, daß der Mann, der durch das Buch zu ihm spreche, was davon verstehe, daß die Sache mit der Kraft nicht so einfach sei, wie er sich vorgestellt habe, und daß das, was man Wissenschaft nenne, ein dabei in Betracht kommendes Ding sei.

Geradezu wie körperlicher Schmerz wirkte auf Klaus Uhrhammer eine Anmerkung, worin über die armen Narren gespottet wurde, die an dem durch das Gesetz von der Erhaltung der Kraft geradezu verbotenen Unterfangen, ein Perpetuum mobile zu erfinden, ihr Leben verzettelten. An den näher beschriebenen Phasen dieser Erfinderkrankheit erkannte Klaus sich selbst – Zug für Zug. Da war es mit seiner Zuversicht zu Ende. Er hatte das Gefühl, als wenn er an hoher Turmwand auf einem schmalen Brette stehe und das Brett unter seinen Füßen weiche.

Indessen noch hing er an einem Wandhaken seines Gerüstes ... Er wollte das Gesetz von der Erhaltung der Kraft selbst kennen lernen, es selbst lesen. Vor allen Dingen – Wahrheit, Aufschluß, sei es auch in einem ihm durchaus unerwünschten Sinn. So war er ausgegangen, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft zu kaufen und nicht eher nach Hause zurückzukehren, als bis alles klar sei.

 

»Ich habe gelesen«, wiederholte Klaus, »mein Unternehmen sei gegen das Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Da will ich mehr von wissen.«

Dem Buchhändler war es bekannt, daß es so sei, wie sein Kunde vermutete, er mochte es ihm aber nicht sagen; er hatte Mitleid mit dem um seine Lebensgrundlage gekommenen Bauern. Er verschwieg, was er selbst kannte, und sagte nur:

»Ich glaube, ich habe etwas, das Ihren Wünschen entspricht«, und kletterte dabei die Trittleiter hinauf.

»Entschuldigen Sie«, fing Klaus Uhrhammer wieder an, »wie soll ich das eigentlich verstehen, das mit dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft? Wer ist die Obrigkeit, die solches Gesetz geben kann, daß es nicht sein darf, was ich getan habe, und daß es in der Natur nicht gilt?«

Der Buchhändler stieg die Leiter hinab, ein Buch, ein gelb gebundenes, in der Hand.

»Ja, Uhrhammer«, antwortete er, »der Mann, der das Gesetz gibt, ist der, der alles erschaffen hat. Wenn es einen Gott gibt, dann ist es der liebe Gott. Und ›Gesetz‹ heißt in diesem Fall nur: die Gelehrten haben herausgefunden, daß es in der Natur so zugeht, nicht anders, als wenn ein unverbrüchliches Gesetz ausgegeben wäre. Die Gelehrten tun dasselbe wie Sie, Sie und die andern Gelehrten sind also Kollegen oder, wie Sie wollen, Meister derselben Branche. Der Unterschied ist vielleicht der, daß die Gelehrten ordentliche Lehrjahre bei unterrichteten Lehrherren durchgemacht haben. Sie nicht. Nicht wahr. Sie sind nach Ihrem eigenem Kopf gegangen?«

»Ganz und gar nach meinem dummen Kopf.«

»Übrigens«, schloß Matthiessen, »glaube ich, daß ich hier was habe, was Ihnen nützt.«

Er stäubte das Buch ab und las den Titel: »Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, in den Grundzügen gemeinverständlich dargestellt von Professor Doktor Markus Gosau.«

Klaus Uhrhammer nahm das Buch in die Hand und besah den Titel. Und als er den Titel besehen hatte, fühlte er nicht nur, daß es ihm zugehören, sondern auch, daß es einen neuen Lebensabschnitt für ihn bedeuten werde.

Er hielt das Buch in der Hand und sah immer wieder den groß und verheißungs- und verhängnisvoll gedruckten Titel. Und dann schlug er gleich um und fing an, die Vorrede zu lesen. Die Buchstaben bewegten sich, doch behielt Klaus im Gedächtnis, es könne nicht die Aufgabe einer Darstellung, wie die vorliegende sein, den Gegenstand zu erschöpfen. Aber so viel, wie ein Mann ohne Vorkenntnisse verstehen könne, so viel wolle er geben.

»Ich kann es Ihnen billig lassen«, bemerkte der Buchhändler, »es ist nicht ganz neu und doch so gut wie neu. Einen Banktaler nach altem Geld, zwei Mark zwei ein halb nach deutscher Reichsmünze. Wollen Sies mitnehmen?

Mitnehmen? Kaufen? Konnte das noch gefragt werden? Hatte er es denn noch nicht gesagt?

»Ja«, antwortete Klaus Uhrhammer. »Das versteht sich.«

Heinrich Matthiessen wollte es einpacken. Warum einpacken? Es mußte ja gleich wieder heraus. Es war doch zum Lesen da und nicht zum Eingepacktwerden.

»Da!« Klaus Uhrhammer legte einen preußischen Taler auf den Ladentisch, griff nach seiner Mütze und ging.

»Sie bekommen siebenundeinhalb Groschen wieder heraus.«

»Tut nicht nötig.« Klaus Uhrhammer strebte zum Laden hinaus.

Aber der dicke Buchhändler war schneller als der magere Bauer. Er lief ihm mit dem Geld bis zur Haustür nach. »Nein, das geht nicht, ist gut gemeint, aber schenken lassen wir uns nichts!«

Klaus Uhrhammer mußte die fünfundsiebzig Pfennige nehmen und war darüber sehr verwundert. Auf dem Dorf wies man Geschenke nicht zurück.

 

Er ging zum Tor hinaus, saß aber gleich, wo die Gärten aufhörten und die Straße nicht mehr so belebt war, auf einem Chausseebock und schlug Markus Gosaus Abhandlung über das Gesetz von der Erhaltung der Kraft auf. Aber beim Lesen kam ihm, was er übrigens erwartet hatte, die Überzeugung, daß er aus sich allein heraus den Inhalt nicht so verstehen werde, wie er müsse. Da standen Einleitungen, da kamen Ausdrücke, deren Sinn und Zweck er nicht faßte; vorläufig ging es noch rund mit ihm herum.

»Tag, Klaus!« sagte plötzlich eine Stimme. Das war der Kätner Siepen, Nachbar von Altenhof. Er hatte Geschäfte gehabt und war auf dem Heimweg.

Klaus war schon mit sich einig, daß er in der Stadt bleiben und Unterricht im Verständnis des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft nehmen wolle. Detlev Siepen kam gelegen. Detlev Siepen erhielt Auftrag, in Altenhof zu bestellen, daß man ihn einstweilen noch nicht erwarten dürfe.

Dann ging Klaus zur Stadt zurück, um sich in seiner Herberge einzuquartieren.

Woher aber den Lehrer nehmen?

Erst dachte er an den Buchhändler, ging dann aber zum Zimmermann Ferdinand Rickers.

Rickers stammte aus seiner Heimat, hatte die Baugewerkschule besucht, war jetzt Zimmermeister, nannte sich Architekt und hatte ein gutes Geschäft in der Stadt. Zu dem ging er, und dieser sagte: »Ja, Klaus, da hast du ganz recht. Das mit deiner Erfindung ist Unsinn. Ich kann es dir wohl im allgemeinen sagen, aber wenn du es ganz aus der Tiefe erklärt haben willst, dann geh zum Baurat Peters.«

Klaus ging zum Baurat Peters, wurde zwar verwundert, aber freundlich aufgenommen und erhielt Unterweisung in den Grundbegriffen des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft.

Das war doch anders, das ging leichter ein, als wenn man bloß las. Klaus begriff leicht, und die seit Wochen in ihm tobende Umwälzung wurde vollständig.

Ob er morgen wiederkommen dürfe?

»Gern!«

Eine ganze Woche ging er hin – ging, bis der Baurat sagte: »So, Uhrhammer, nun haben Sies; das andre können Sie im Buch nachlesen, nun wollen wir Schluß machen. – Wie alt sind Sie eigentlich?« setzte er hinzu.

Nachdem Klaus Antwort gegeben hatte, bemerkte der Rat, es sei freilich ein bißchen spät, aber gehen werde es noch immer. »Was halten Sie vom Maschinenfach? Wenn Sies noch lernten? Falls Sie sich dranhalten, können Sies darin zu etwas bringen.«

Klaus antwortete nichts, er hörte nur. und was er hörte, ging wie Posaunenton durch seine Seele.

»Es wäre schade, wenn Sies nicht täten«, fügte der Baurat hinzu. »Sie haben viel Talent zur Maschinentechnik.«

Auch der Baurat wollte kein Geld haben.

 

Als Klaus aus dem Stadttor ging, hatte er ein Buch über das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und ein in Trümmer zerschlagenes Glück in der Rocktasche, daneben aber in der Seele eine Art Hoffnung für die Zukunft.

Sein Weg führte ihn an einem Wald vorbei, in dessen Dickicht ein allgemein für grundlos gehaltener Weiher lag. Nach diesem Tümpel zog es ihn hin. Er stieg über den Waldknick und brach sich durch ein Gewirr von Zweigen Bahn.

Du könntest ... dachte er, aber er dachte den Gedanken nicht zu Ende. Noch war er nicht entschlossen, noch war nicht alle Hoffnung dahin, heute wollte er nur mal sehen, wie ruhig so ein Todesauge schaue.

Das Auge schaute aber eigentlich gar nicht, es war von grünem Entenflock überzogen, hatte wenig blanke, zur Tiefe lockende Stellen.

›Bißchen spät allerdings, aber es ginge immer noch, wenn Sie das Maschinenfach erlernten. Wenn Sie sich dafür entscheiden und sich dranhalten. können Sie es darin zu etwas bringen.'

So ungefähr hatte der Baurat zu ihm gesagt, er hatte es geglaubt, das heißt: nur halb geglaubt. Aber im Wald, im Angesicht des Entenflocks fing er an, fest daran zu glauben. Er las verheißende Worte überall ... im Wald und am Himmel... mit großer Schrift in den Wolken, mit kleiner Schrift in den Baumkronen, ja sogar in der Algendecke des Tümpels.

Der Tag ging zur Rüste. Klaus Uhrhammer hatte nicht das Herz, als gestrandeter Erfinder nach Altenhof zurückzukehren. Das sollte in der Morgenfrische geschehen, wo er mehr Herz haben werde, für heute wollte er in der an der Chaussee gelegenen Herberge übernachten.

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