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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 28
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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6

Und wieder kam der Frühling.

Der Winter war naß und trüb und schwer gewesen, die ersten Frühlingsmonate waren es auch. Auf dem Acker ist wenig zu machen, nichts rückt von der Stelle, auch nicht die noch immer nicht fertige Brücke. Es hat ein Verwaltungsstreit getobt und tobt noch, und erst seit einigen Wochen ist wenigstens der Bau (es wird ein Neubau) in Angriff genommen worden. Der Verkehr geht aber nach wie vor über Todendorf und Seefeld.

Jürn Alpens Hochzeit wird bald sein, natürlich mit Haustrauung, Pastor Beeck soll kommen.

Peter Schottohm Bauervogt ist Standesbeamter. »Wenn dann die Frühjahrsmanöver begonnen haben«, fragt er, »was dann?« – »Dann macht der Pastor die ganze Runde durch die Dörfer«, erwidert Jürn Alpen. »Er soll mit eigenem Fuhrwerk kommen; was es kostet, das kostet es.«

Mit der Aussteuer ist es eine einfache Sache. Alles, was die erste Frau mitgebracht hat, bleibt auf Dückerswisch. Nur die gute Stube will Mutter Wulffen selbst einrichten. »Einen Platz«, sagt sie, »soll meine Tochter haben, wo sie nicht von Sachen umgeben ist, die der Toten sind und jetzt von Rechts wegen der kleinen Grete gehören müßten. Ich will das Geld aufnehmen, was ich mir selbst verdient und auf die Sparkasse getan habe. Und wenn es nicht reicht, dann nehme ich das Letzte auf Borg.«

Und auf der Sparkasse betrug ihr Guthaben in der Tat nicht so viel, wie sie brauchte; sie beantragte daher ein Darlehen. Der Vorsitzende, Kirchspielbevollmächtigte Gosch, fragte die Hebamme nach Sicherheit und ob sie einen Bürgen mitgebracht habe. Ob sie was mitgebracht habe? kam es verwundert zurück. »Einen Bürgen.« Frau Wulffen fühlte sich verletzt und äußerte das auch: sie habe noch keinen Menschen betrogen und habe »Land und Sand«, sei eine ehrliche, anständige Frau und zahle ihre Steuern. – Ja, aber das Statut schreibt das bei jedem vor, der nicht auf sichere Hypothek leihe. Er schlug mit der Hand auf das Statut. Da stehe es, sie könne es selbst nachlesen.

Als Frau Wulffen sich ereiferte, entgegnete man ihr, man zweifle gar nicht daran, daß sie eine ehrliche Frau sei, aber einen Bürgen müsse sie haben. Ohne Bürgen gebe die Sparkasse kein Geld, dürfe es nicht. Bürgen oder sichere Hypothek. – »Was für ein Ding?« – Der alte Vollmacht erklärte und schloß, wenn sie ihr das Geld so geben wollten, dann handelten sie alle gegen das Statut.

Frau Wulffen hätte beinahe Krämpfe gekriegt. »Jesses nochmal, wie ich hier behandelt werde!« Da fuhr der ruhige Alte auf: »Nun haben wir genug gehört, nun bitte ich Sie, nehmen Sie Ihre Wörter ein bißchen in acht! – Frau Wulffen«, fuhr er ruhiger fort, »wir bleiben hier noch eine Stunde zusammen. In der Zeit werden Sie wohl leicht einen finden, der dafür gutsagt.«

In dem Augenblick sagte die bescheidene Stimme eines jungen Mannes, der auf der Bank an der Wand gesessen hatte, nun aber an den Vorstandstisch herantrat: »Wenn ich 'n paar Worte sagen darf und wenn ich ... ich bin ja wohl bekannt, meine Name ist Martin Uhrhammer von Altenhof ... wenn ich der Kasse dafür gut bin ... und wenn Frau Wulffen mich haben will, dann möcht ich wohl die Bürgschaft für Frau Wulffen auf mich nehmen.«

Frau Wulffen wurde jetzt erst um Martin gewahr, war ob seines Anerbietens ganz verstört, nahm es aber an.

Dann bat Martin um sein eigenes Guthaben. Da war nichts im Wege, nur mußte er einen der übernommenen Bürgschaft entsprechenden Betrag stehen lassen. Daß war ihm nicht recht, er hätte es gern anders gehabt, es ging aber nicht anders, wieder stand das Statut im Wege. Martin Uhrhammer fand sich darin und strich ein, was verfügbar war.

»Willst was Eigenes kaufen, Matten?«

»Sollte es gehen, Vollmacht?«

»Ein bißchen wenig.«

Martin und der Vorstand lächelten und zuckten mit der Schulter; es war in der Tat zu wenig.

 

Die Hochzeit wurde auf den ersten Juni festgesetzt, Standesamt auf den einunddreißigsten Mai.

Jürn hatte noch im Herbst heiraten wollen, das hatte die Braut nicht gewollt, da dachte Jürn sie wenigstens als Maikatz, wie er sich ausdrückte, heimzuführen. Darin hatte man ihm so halb und halb nachgegeben.

Am dreißigsten Mai wird Polterabend in der Sternkate sein, Polterabend feiern ist seit Christine Holms Heirat bei wohlhabenden Paaren aufgekommen. Noch lacht das Dorf über die Scherze, die aufgeführt worden sind; bei Elsbe Wulffen will man alles nochmal machen.

Dora Pahl ist auch dabei gewesen. Sie ist als Schustergeselle aufgetreten, und Klaus Eggers mit den Röcken der langen Gretchen Schuldt ›ausgekleidet‹ als Meisterin, zum Totlachen. Die Meisterin liebelt mit dem Gesellen, Klaus Eggert spricht in der Fistel (es ist zum Schreien), er bittet um einen Kuß. Dora Pahl drückt der Pseudomeisterin so was auf ... aber der Meister kommt darauf zu. Er wird von der feinen Lene Schulten, der Tochter des Bauern von Kühlendamm, gegeben. Groteske Maske, Nase über fünf Zoll, Flachsbart, über einen halben Fuß lang. Man denke sich: die pummelige Lene Schulten (Pech an den Händen und Pech im Bart), einen drei Viertelellen langen Spannriemen in der Hand ... so steigt sie aus der Kammer, schimpfend, mit einer Stimme, so tief und grob, wie Hals und Gaumen und Kehlkopf nur hergeben. Lene mißt dem Gesellen Dora Pahl über die breiten, weichen Pfirsichformen des Rückens auf, was er verdient hat. Klaus Eggers, die lange Meisterin, weint in der Fistel, beteuert ihre Unschuld und jagt, eine richtige Potiphar, mit dem Eheliebsten gemeinsame Sache machend, Dora Pahl zum Tempel hinaus.

Am ersten Juni elf Uhr vormittags Trauung ... nachmittags vier Uhr Gelage, beides auf Dückerswisch. Hannes Haß geht schon im Dorf herum: »Velmals to gröten von Jürn Alpen von Dückerswisch un sin Brut Elsbe Wulffen« und so weiter. Um zehn Uhr wird Jürn Alpen mit dem Staatswagen vorfahren und die Braut holen. Von den Eingesessenen wird das Pulver nicht gespart werden.

Auf Dückerswisch ist eine lange Diele. Peter Tischler vom Südereck des Dorfes hat acht Tage vorher den Brettersaal gelegt, auf dem es sich so viel glatter schleift und tanzt als auf einer Lehmdiele. Am Ersten gehts los, und Elsbe Wulffen, die beste Tänzerin des Dorfs, ist Braut.

Wie zur Auferstehung wird die Musik durch das große Bauernhaus schwingen. Das muß jedem in die Beine fahren. Die Trompete wird blasen, zwei Geigen werden frohlocken und singen und die Klarinette wird jauchzen. Und die grobe Baßgeige summt als Ballast und Schwere und Widerstand in den Trubel hinein.

Wer Elsbe Wulffen im Arm hat, mag die lange Diele in einem Zug hinunterschassieren. Der Bräutigam ... er sieht ja noch einigermaßen aus, aber mit seinem Tanzen ist es allgemach doch nur so-so la-la ... Der kann unter seinen Gästen umhergehen, ihnen die Hand drücken und süß und nett tun, und dann kann er sich mit seiner schönen Meerschaumpfeife oben in der Hörn hinstellen oder auf einem Stuhl niedersitzen und dem Tanzen zusehen.

Wenn im Dorf ein Gelage in Aussicht steht, und nun gar eine Hochzeit wie die auf Dückerswisch, dann liegt das Morgenrot der Freude auf allen Gesichtern. Übermorgen ist Polterabend, da wollen wir hin, da gibt es viel Spaß, und Kaffee und Wein und Butterbrot gibt es auch. Und dann die Hochzeit! Jeder fliegt, in Gedanken die Braut im Arm (eigentlich ist es nicht richtig, mit der jungen Frau muß es heißen), mit Elsbe Wulffen fliegt er über die Saaldiele von Dückerswisch, an Jürn Alpens flimmernden, freundlich tuenden Augen und an seiner Meerschaumpfeife vorbei, und kaum einer von den jungen Leuten denkt an Martin Uhrhammer und was der wohl sagt, und ob Martin wohl zur ›Köst‹ kommen wird.

 

Auch auf Altenhof war der Winter träge und trübe und langweilig hingegangen. Klaus klüterte, aber seinem Bruder schien, als ob er nicht mehr der Alte sei. Öfters sah er ihn in einem kleinen Buch studieren, das der Dorfdrechsler mal in der Werkstätte hatte liegen lassen.

Es war vielleicht zehn Tage vor Jürn Alpens Hochzeitstag, da kam Klaus eines Tages seinem Bruder, der ins Feld wollte, auf der Diele nachgegangen und meldete: »Martin, ich geh zur Stadt.« Er war im Sonntagsstaat. »Ich geh zur Stadt«, sagte er, »und es kann leicht ein paar Tage dauern, bis ich wiederkomme.«

»Was willst in der Stadt?«

»Das verstehst du nicht, Martin.«

»Und wenn ichs auch nicht verstehe, kannst es mir doch gerne sagen.«

»Es ist wegen des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft.«

»Das verstehe ich denn freilich nicht. Aber ...«, erwiderte Martin. Und fuhr dann fort: »Wenn du gehst und ich nicht weiß, wann du wiederkommst, dann muß ich mit dir reden. Ich denk, wir tun es in der Stube, wo wir allein sind.«

Und als sie in der Stube waren, sagte Martin zu seinem Bruder: »Ich muß dir sagen, ich habe mein Geld auf der Sparkasse gehoben.«

Klaus Uhrhammer erschrak: »Du willst doch nicht weg? Du willst mich doch nicht allein lassen?«

Martin lachte bitter auf. »Sag selbst, was bleibt mir anders übrig? Es ist ein Jahrzehnt, wo ich mich abrackere und wie ein Knecht arbeite zu deinem Nutzen. Denn die Stelle gibst du mir ja doch nicht.«

Klaus wußte nur zu sagen: »Was soll ich mit dem Hof machen, wenn du nicht da bist?«

»Das will ich dir sagen, Klaus. Du gibst deine Klüterei auf, ziehst Holzstiefel an, wenns zum Kleigraben geht, und lederne Stiefel, wenn Korn gemäht wird, stehst morgens um vier auf, zerhackst deine Maschinen und Räder, soweit sie von Holz sind, zu Brennholz (da kannst du ganz gut ein ganzes Jahr den Backofen mit heizen) ... mit einem Wort: du wirst ein ordentlicher Bauer, nimmst eine Frau (das beste ist, einen tüchtigen Dragoner, der dich gehörig hernimmt) und tust im übrigen alles, was ich bisher getan habe.«

Klaus sah ihn erst sprachlos an, dann stammelte er: »Das kann ich nicht, das ist unmöglich!«

Martin hörte nicht darauf. »Zur Erbteilung«, sprach er weiter, »will ich Peter Bauervogt Vollmacht ausstellen, sie wird ihm von Altona zugehen. In Altona bleibe ich und arbeite, bis ich weiß, wohin ich gehe. Peter-Ohm kann die paar Schillinge, die ich vielleicht noch herausbekomme, in Empfang nehmen.«

Klaus schluchzte, als er antwortete: »Aber, Martin, das ist doch nicht dein Ernst. Das ist unmöglich ... das geht nicht.«

»Eigentlich ist das auch meine Meinung, Klaus. Ich glaube nicht, daß du Altendorf lange halten wirst. Es sei ferne von mir, dir Böses zu wünschen. Aber wenn es nicht nach Wunsch ginge, unverdient könnte ich es nicht finden.«

»Was soll ich tun?«

»Mir sollst du den Hof überlassen, dann kannst du dein Leben einrichten, wie es dir gefällt. Wenn du nicht zu wild bist, werden wir uns um den Preis leicht einig. Aber es muß gleich sein!«

»Bruder, was verlangst du?«

»Klaus, du sprachst von einem Gesetz, die Kraft zu erhalten. Ich habe nie von einem solchen Gesetz gehört, aber mir scheint, das wäre ein vernünftiges Gesetz zur Erhaltung der Kraft, wenn der die väterliche Erde bekäme, der sie bebaut und zu bebauen versteht. Ich verlange nichts, was nicht in der Billigkeit liegt und nicht zu deinem Besten ist.«

»Vater hat es nicht gewollt«, warf Klaus leise ein.

»Jawohl«, entgegnete Martin mit starker Stimme, »er hats bei Fritz nicht gewollt, und das war sein Unglück. Er hats nicht über sich vermocht. Und nachher war Vater ein kranker, seiner Sinne nicht mächtiger Mann.«

»Du bist hart mit mir, Martin, und ich sehe ein, daß was drin liegt in dem, was du sagst. Du sollst mein lieber, guter Bruder sein und bleiben. Geh nur nicht weg, bleib bei mir! Geld kann ich dir ja geben, aber die Stelle?« Klaus brach in Tränen aus. »Ich kann nichts gegen Gottes Ordnung tun.«

Es kam dem andern selbst lieblos vor, aber bei der Wehklage seines Bruders um Gottes Ordnung mußte er lachen.

»Embüren«, entgegnete er, »ist eine Stunde Wegs entfernt, da ists ganz anders, da ist es so, wie an vielen Orten, da kriegt der Älteste die Stelle. Und wenn es auch nicht überall Gesetz ist, so ist es doch in fast aller Welt Brauch: der Älteste kriegt die Stelle ... Daß der Jüngste sie kriegt, gilt hier, aber sonst kaum irgendwo in der Welt. Und mit Gottes Willen hat die Verordnung nichts zu tun, denn Gott will nichts Unvernünftiges und Widersprechendes. Aber es wäre unvernünftig und widersprechend, wenn er hier geböte: der Jüngste kriegt die Stelle, und in Embüren und da hinten herum: der Älteste kriegt sie.«

Martin Uhrhammer ging im Zimmer auf und ab, stand dann vor seinem Bruder still und sah ihm in die Augen.

»Es ist ein bös Stück um diesen Punkt auf Altenhof, Klaus. Fritz hatte das nächste natürliche Anrecht, er ging darob in die Welt; ich danke dem Himmel daß er nicht ewig im Zorn befangen blieb. Der hat es nicht mehr nötig, auf sein Recht zu pochen; für ihn war es ein Glück, er hatte andere Gaben, als die harte Erdscholle zu brechen und die Saat zu streuen. Auch mit dir, Klaus, hat die Natur andres im Sinn. Du weißt es ganz gut, und widersetzest dich doch. Aber ich ... ich kann nichts, als der Erde, auf der ich geboren bin. Gaben entlocken ... Das kann ich aber auch ordentlich. Du aber hinderst mich, diese Fähigkeit auszunutzen.«

Er schwieg ein paar Sekunden, darauf setzte er hinzu: »Du suchst das Gesetz der Erhaltung der Kraft. Aber was du an mir tust, ist Verschwendung und Vergeudung meiner Kraft.«

Klaus Uhrhammer erwiderte kein Wort, er fühlte, daß Martin recht habe, aber alle ihm eingepflanzten, auf das Erhalten und Behalten gerichteten Bauerninstinkte zogen ihm die bessere Meinung unversehens unter den Füßen weg.

»Wenn du die Kraft von Altenhof erhalten willst«, wiederholte Martin, »dann gib mir die Stelle!«

Es war kaum zu hören, was Klaus erwiderte, aber er sagte: »Ich kann nicht.«

Martin sah ihn an und erkannte, daß Klaus die Wahrheit spreche, daß er wirklich nicht konnte. Da wurde er milder.

»Gut, du kannst nicht. Ich will nicht länger hart mit dir reden ... so jung kommen wir nicht wieder zusammen, Bruder. – Nein, du kannst wirklich nicht. Ich muß mich nur recht besinnen, dann sehe ich ein, du kannst nicht. Daß ich das vergessen konnte. Ich muß mich erst mal umkrempeln.

Und darum will und darf ich nicht sagen, daß du nur deshalb für Gottes Ordnung eintrittst, weil Gott für dich und dein Recht streitet. Nein, es steckt dir wie ein Befehl im Blut, über den du nicht hinweg kannst. Du hast es ja auch nicht einmal aus dir selbst, du hast es nicht in deinen Kopf hineingeklütert: du hast es ... ja, wir beide haben es vom Großvater und weiter hinauf geerbt.

Ich muß mich nur umkrempeln, dann verstehe ich dich ganz. Du bist ein frommer und getreuer Knecht nach deiner Weise. Ich will keinen Stein auf dich werfen, ich bin noch nicht in deiner Lage gewesen. Weiß ich, was ich selber täte? ... ›Kremple dich um!‹ sage ich zu mir, wie der Papagei des alten Doktors.

Du siehst mich an und kannst aus dem Umkrempeln nicht klug werden. Es ist dir auch nicht zu verdenken. Es ist eine kleine Geschichte, ich will sie dir erzählen:

Ich bin mal mit fetten Gänsen zur Stadt gefahren. Die letzte verkaufte ich an einen alten Doktor, dem ich sie hinbrachte. Hast ihn vielleicht auch mal gesehn, jetzt ist er tot. Ein kleiner grauer Mensch, sah aus wie eine Nachteule, und trug eine blaue Brille. Er wohnte in der Straße hinter dem Provianthaus und war ein Sprachgelehrter oder so was.

Ich brachte ihm die Gans und sollte mein Geld haben. Er hatte aber kein Kleingeld, wir konnten nicht auseinander kommen. Er schickte sein Mädchen wegen Wechselns zum Krämer; ich mußte inzwischen in der Stube niedersitzen. Da kam ein junger Mann herein, wohl ein Schreiber vom Doktor oder so was. ›Herr Doktor‹, rief er, er war ganz hastig, und mit dem stolperte er über einen dicken Teppich und schlug im Vorwärtsfallen eine schöne Schale, die auf einem Pfahl oder Säule (so nennt mans wohl) stand und viel Geld gekostet haben mochte, die schlug er in Stücke. Da fuhr der Doktor auf, wurde zornig, schimpfte auf den jungen Menschen und nannte ihn einen Esel. Auf einmal rief eine scharfe Stimme hinter meinem Stuhl: ›Kremple dich um!‹ Ich erschrak fast und drehte mich um, da saß dicht hinter mir ein großer Papagei, wie eine grüne Nachteule, auf einem Stock ... ›Kremple dich um!‹ rief er noch einmal.

Da fing der alte Doktor an zu lachen, streichelte den Vogel, nannte ihn seinen Joko, und sein Zorn war dahin. ›Ja‹, sagte er, ›kremple dich um! Das ist ein guter Rat. Das muß man immer tun, wenn man sich nicht mehr kennt. Ich habe erst vorige Woche etwas entzweigemacht, das mehr Geld wert war als diese Schale, und ich war daran mehr schuld als der da – und das Ding, ein Andenken an meine liebe Frau, hatte mehr Tränen gekostet, als dies Pfennige wert war.– Man muß sich immer an des andern Stelle fragen, ob man ein Recht hat, unwillig zu sein. Ja, junger Freund‹, sagte der alte Doktor und klopfte mir auf die Schulter. ›Ich habs den Vogel selbst gelehrt und ihn gezogen. Wenn es mal Ihre Umstände erlauben, kaufen Sie sich auch einen und machens ebenso. ›Kremple dich um!‹ muß er rufen und ›Kremple dich um!‹ muß jeder denken, wenn er zornig wird oder auch nur mal lauter spricht, als er gewöhnlich tut.‹

Nein, Klaus, du kannst wirklich nicht das tun, was ich von dir verlangte. Wenn ich mich genau besehe, dann weiß ich selbst nicht, was ich an deiner Stelle täte.«

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