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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 27
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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5

Martin Uhrhammer kehrte spät nach Altenhof. Als er von der Wiese, die am Ruhmesbach liegt, quer durch den Hausgarten herankam, war bei der Gartentür unter dem breiten Strohdach an der Wand ein Schatten in einer Stellung, als ob er auf jemand warte, der die Tür öffne. Martin bemerkte ihn nicht, bemerkte auch nicht, daß der Schatten mit ihm zur Tür hineinschlich. Der leise Gast war ein unsichtbarer Schatten, unsichtbar war auch die Hippe, die er trug – der unsichtbare Mann war der Tod.

Es war der Sichelmann, der uns alle hinmäht; er hatte auf Altenhof zu tun, und deshalb paßte es ihm, mit Martin zusammen, ins Haus zu kommen.

Der alte Uhrhammer war krank. Nach einer Viertelstunde rasselte der Knecht mit den Schimmeln von der Hofstelle, den Doktor zu Holm. Und die Sonne war am anderen Morgen noch nicht lange aufgestanden, da schritt der Schatten wieder durch den Garten dem Ruhmesbach zu: Er hatte seine Sache getan.

Mit Elsbe hatte Martin besprochen, er wolle und solle gleich am nächsten Sonntag (das Jort war am Mittwoch gewesen) bei der Mutter förmlich um sie anhalten. Diese Zusage konnte er aber nicht halten, denn just am Sonntag fuhr der alte Uhrhammer über den Vierth von Todendorf und über Seefeld (die Brücke war noch immer nicht fertig) nach Hamaschen zur Gruft.

In Todendorf begegnete ihm Jürn Alpen von Dückerswisch. Des Dückerswischer Bauern Gesicht glänzte, seine Rappen taten es auch, und der Federwegen war ganz blank. Zur Sargfolge war er nicht eingeladen worden, das ging nach Ortsgebrauch nur die ›Ploog‹ (eine Art Sargfolgegemeinschaft) an, zu der Jürn nicht gehörte. Als Jürn Alpen den Zug wahrgenommen hatte, war er abseits unter die Eiche, die in Todendorf am Dorfteich steht, gefahren. Den Totenwagen, auf dem Martin und Klaus saßen, grüßte er mit ehrfürchtig entblößtem Haupt.

Der älteste Sohn des Verstorbenen war nicht anwesend. Man hatte an ihn telegraphiert; es kam aber verspätet von Holland her die Anzeige seiner Verhinderung.

Die ganze Woche dachte Martin an den Gang, den er auf den nun kommenden Sonntag verschoben hatte. Außerdem lag ihm die Erbteilung im Sinn und ob Klaus wohl noch immer ebenso gesinnt sei wie früher. Und dann überlegte er, ob es zweckmäßig sei, vor seiner Werbung mit dem Klüterer zu sprechen oder nachher. Er war schon halb entschlossen, es gleich zu tun, da besann er sich doch noch anders. Da war zunächst die Scheu, dem Bruder in diesem Augenblick mit Erbsachen zu kommen. Außerdem erschien es ihm praktischer, erst mit Frau Wulffen im Reinen zu sein. Im ungünstigsten Fall wird sie ihr Ja davon abhängig machen, daß der Bruder seine Rechte an ihn abgibt. Dann wird er den guten Klaus, wenn überhaupt, um so mehr zu dem Verzicht, bereit finden.

Der Sonntag kam. Martin Uhrhammer ging nach Verrichtung der ihm obliegenden Früharbeit in seine Kammer, rasierte sich, machte sich fein, nahm die neusilberne Pfeife zur Hand, überlegte, ob es schicklicher sei, mit oder ohne Pfeife zu kommen, und entschied sich für Mitnahme, weil es wohlhabender aussehe.

Auf der Hofstelle am Sod standen ein paar Dienstmädchen von Altenhof, die ihre Eimer an das Brunnengeländer gestellt hatten und eifrig miteinander sprachen. Als Martin sonntäglich angezogen mit seiner Pfeife aus dem Dielentor trat, verstummte zwar ihr Schwatz, Martin hatte aber doch den Namen seiner Elsbe und den des Dückerswischers gehört. Er achtete nicht viel darauf, ging durch die Plankentür nach dem Garten und strebte durch die Gemüsebeete nach der Ecke zu, wo der vom Ruhmesbach kommende Fußsteig ausmündete.

Als er bei dem Bach angekommen war, kam ein junger Mensch aus dem nach der Sternkate hinaufführenden Redder heraus.

»Morgn, Matten«, sagte der junge Mensch.

»Tag, Friech«, erwiderte Martin Uhrhammer. Er stand vor Friech Gripp.

»Willst nach der Sternkate?«

»Nein!« log Martin, das habe er gerade nicht im Sinn. Er habe nach den jungen Pferden auf der Sterbrookerwiese zu sehen.

»Süh, süh ... und so fein?« Friechs Augen musterten das Sonntagszeug und die Neusilberne.

»Das leidet nicht dabei.«

»Ich habe sonst, als ich dich sah, in meinem Sinn gedacht, der geht nach der Sternkate zu gratulieren.«

»Gratulieren? Was ist in der Sternkate zu gratulieren?«

Friech Gripp war nicht boshaft, er für seine Person hatte niemals ernste Absichten auf Elsbe gehabt. Aber wenn beides auch der Fall gewesen wäre, vor Martins verstörtem Gesicht hätte es schwerlich standgehalten.

»Hast du es denn noch gar nicht gehört, Unglücksmensch?« fragte er nicht ohne Mitgefühl. »Weißt du denn gar nicht?«

»Was soll ich nicht wissen? Friech, sag, was weiß ich nicht? Was hab ich nicht gehört?«

»Ja, Martin, wenn dus wirklich noch nicht gehört hast, dann will ichs auch nicht verraten.«

Friech Gripp hatte getan, als ob er gehen wolle, war aber von Martin Uhrhammer festgehalten. Der flehte förmlich: »Friech, sag mir, was ist! Tu mir den Gefallen und sag mir! Ist es was mit Elsbe?«

»Ja, mit Elsbe ist es was.«

»Friech, was?«

»Nun, wenn du es gern wissen willst ...«

»Sags!«

»Du sollst es mir aber nicht nachtragen.«

Der starke Bauer stand mit blutlosen Lippen vor ihm.

»Es tut mir leid, daß grade ich es dir sagen muß: Elsbe Wulffen hat sich mit Jürn von Dückerswisch versprochen.«

»Das ist nicht wahr, das ist nicht möglich, du machst Spaß!«

»Nein, Martin! Son Spaß mach ich nicht. Es ist leider so, wie ich gesagt habe. Kannst ja mal hingehen und fragen. Die Brautleute triffst du freilich nicht, die sind nach Seefeld zur Schwester des Bräutigams gefahren, und Elsbe soll dort ein paar Wochen bleiben. Aber die Alte, die ist zu Haus. Die kann dir erzählen, wie es gekommen ist, mir hat sie es auch erzählt, das heißt: ganz ist sie nicht mit der Sprache herausgekommen, aber sie hat durchblicken lassen, Elsbe habe nicht gewollt, aber sie hat gemußt, denn der Trostkloß hat diesmal wohl einen ganz tüchtigen Schein in der Tasche gehabt.«

Die alte Wulffen empfing den Liebhaber ihrer Tochter mit einem Gesicht, das verlegen und zu gleicher Zeit überlegen aussah.

»Willst wohl nach Elsbe fragen? Elsbe ist verreist, Jürn hat sie heute früh hingefahren. Hast wohl schon gehört. Kannst uns gratulieren! – Martin«, setzte sie hinzu, »Jürn Alpen von Dückerswisch und Elsbe haben sich versprochen, die sind Bräutigam und Braut.«

»Das wär!« erwiderte Martin Uhrhammer. Das äußere Gleichgewicht, das ihm im Gespräch mit Friech Gripp verloren gegangen war, hatte er wiedergewonnen. Er fühlte nur noch etwas wie Sodbrennen in der Kehle.

Frau Wulffen hatte feinere Hände, als man auf dem Dorfe gewohnt war. Und die feinen Hände pflegten sich umeinander zu winden, wenn sie zarte Angelegenheiten besprach. So tat sie auch jetzt, wie sie, hinter dem Ofen sitzend, sich mit Martin Uhrhammer über die Verlobung ihrer Tochter unterhielt.

Die helle Sonne des prächtigen Herbstes kam voll durch die von buntfarbigen Blüten verstellten Fenster. Martin hatte sich nicht gesetzt, er stand vor der Hebamme und sog an seiner Pfeife, die Mütze hatte er erst in der Hand gehalten, nun hängte er sie auf den Messingknopf der Ofenplatte.

»Nun, Martin, willst nicht gratulieren?«

»Hab ichs noch nicht getan, Nachbarin?« entschuldigte er sich. Der Glückwunsch selbst blieb ihm in der Kehle stecken.

»Einmal«, fing die Brautmutter an, »mußte es ja kommen. Elsbe und Jürn, es ist ja schon lange im Gang. Elsbe hat die Jahre, und nach Dückerswisch muß eine Frau wieder hin, das sieht ein Blinder. Was sollen sie da noch länger warten? Die Hochzeit wird denn auch bald sein.«

»Ja, Nachbarin – ich tu eine dumme Frage. Es gab mal eine Zeit, wo ich mit Elsbe ging. Elsbe, ist die damit einverstanden, daß sie nach Dückerswisch kommt?«

»Martin«, erwiderte die Hebamme eifrig, »die Frage ist wirklich wunderlich. Natürlich ist Elsbe einverstanden. Elsbe weiß, daß ihre Mutter ihr Bestes will und ihr Bestes kennt.«

»Hat sie es gern getan? Entschuldigt, Nachbarin, ich frag so geradezu.«

»Matten, was sind das für Sachen? Da sollte ich eigentlich gar nicht darauf antworten ... Natürlich hat Elsbe Jürn Alpen gern genommen, eine bessere Partie gibts ja nicht im Dorf. – Ja, sie hat es gern getan.«

Als Frau Wulffen das gesagt hatte, da erwiderte Martin Uhrhammer fast wider Willen und mit Nachdruck: »Das glaub ich Ihnen nicht, Frau Nawersch!«

Die Wulffen sah ihn verdutzt an, Martin tat ein paar hastige Züge aus seiner Pfeife. Er hatte am Beilegeofen gestanden und den Arm darauf gestützt, nun ließ er sich auf den hinter ihm stehenden Stuhl fallen.

»Aber, Martin!« rief Frau Wulffen, »wie kannst du das sagen?«

»Man noch einen Augenblick, Frau Wulffen«. fuhr Martin Uhrhammer, ihren Einwurf nicht beachtend, fort. »Hat Elsbe nicht zu Ihnen gesagt, daß ich kommen würde und Sie was fragen?«

Frau Wulffen überlegte einen Augenblick, was sie sagen wolle. Dann gab sie der Wahrheit die Ehre und antwortete: »Ja, das hat Elsbe gesagt, aber das war vor der Verlobung mit Jürn, das war gleich nach Hans Jägers Jort. Aber es ging nicht an, Martin. Es konnte nicht so werden, wie du wünschtest, Elsbe hat es auch eingesehen. Martin, man kann im Leben nicht immer so, wie man möchte. Man muß nach Brot sehen. Und mitunter kommt da sonst noch was. Und Elsbe ist so vernünftig ... Und nun ist alles abgemacht.«

Martin Uhrhammer saß noch immer rauchend vor ihr auf dem Stuhl.

»Ja, Martin ... es nutzt nichts. Und ich glaub, es ist besser, du gehst. Du bist ein guter Mann, aber das mit Elsbe, das mußt du vergessen ... Ich seh, wie du gemeint hast, was du vorher sagtest. Und ich wills dir verzeihen. Du bist aufgeregt, hättest Elsbe gern gehabt. Aber da darfst du nicht mehr an denken. Und ist ja auch nicht schlimm. Sieh, du mußt eine Frau suchen, die Geld hat. Und du bist ja noch jung, und es gibt so viel Mädchen. – Und nun denn Adjüs!«

In die Höhe war Martin gekommen, aber es war ihm noch nicht ganz klar geworden, daß die vor ihm stehende Frau (die Hebamme stand vor ihm und streckte die Hand zum Abschiednehmen aus), daß die Frau mit dem sanften Gesicht und mit den feinen Händen ihm, wenn auch ganz fein, die Tür wies. Eine ganze Minute noch stand er und sah stumm in seine Mütze. Und dann erst tat er das, was er nach dem Ersuchen von Wiebke Wulffen tun sollte, er machte die Tür hinter sich zu, ohne von der dargebotenen Hand, die er wohl gar nicht gesehen hatte, Gebrauch zu machen.

 

Mit Martin Uhrhammer war nicht viel anzufangen. Er sprach nicht, er rauchte auch nicht..

Der Grummet war noch einzubringen. Der Sommer war trocken gewesen, das Gras kurz geblieben, deshalb nahm Martin zum Aufstaken die große Forke mit den weiten Zinken. Damit kann man einen Diemen, wenn er nicht zu groß ist, in einem Zug heben.

»Matten«, sagte die Großdeern von Altenhof, die das Heu auf dem Wagen verstaute. »Hest 'n Mund verlorn?« Der Aufstaker schwieg. »Dat givt na mehr schmucke Deerns as Elsbe Wulffen«, kam es weiter aus der Höhe. Als sie das gesagt hatte, bekam sie den Diemen halb ins Gesicht.

Vierzehn Tage später schichtete Martin Uhrhammer den Komposthaufen auf, der in der Hedeweide in der Ecke an Hans Struwes Kampkoppel lag. Hinter ihm auf dem Knick wuchsen junge Haseln und Birken, und der Wind philosophierte darin. Jedes Ding, sagte er, habe zwei Seiten, und was nicht zu ändern sei, das müsse man lassen.

Und mitten durch die Philosophie flog etwas Weißes hoch über Birken und Haseln und fiel schwer zu Boden. Es war ein an einen Stein gebundener Brief.

Martin Uhrhammer nahm ihn schnell auf, las, brach ungestüm durch die Haselbüsche und stand auf der Kampkoppel.

Auf dem Wall nach Karl Schott hin wiegte sich ein vielwissendes, aber nichtssagendes Bäumchen hin und her.

Nachdem Martin das Zettelchen gelesen hatte, kam die Tabakspfeife wieder heran. Man sah ihn nun öfters abends schmökend nach der Sterbrooker Wiese, wo noch immer die Jungpferde grasten, hinübergehen.

Vom Sterbrooker Damm führt ein tief in Brombeeren vergrabener Weg nach dem Triangel, einer kleinen, von hohen Knicken eingerahmten dreieckigen Koppel. Der Winkel ist ein dem Besitzer von Büngershof gehöriges Sprengstück mitten im Altenhofer Feld. Es ist einsam allda; wie sollte es auch von Büngershof just jemand im Herbst einfallen, nach dem Triangel zu gehen? Auch führt ein bequemer Hintersteig von Altenhof über die kleine Kuhweide dahin.

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