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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 26
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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4

Wenn man in Abwesenheit der Tochter die Dienste von Elsbes Mutter in Anspruch nahm, dann wurde der Schlüssel auf die Fensterbank gelegt, das Fenster blieb angelehnt, da konnte Elsbe leicht nehmen.

Sie ging allein nach Hause, Friech Gripp war ausdrücklich von ihr gebeten worden, sie nicht zu begleiten. Sie wollte es so, Martins wegen. Sie ging durch den Garten, kam vor die verschlossene Tür, fand den Schlüssel: die Mutter war geholt worden.

Auf der Diele war alles still, aus dem Kuhstall klang der Schwarzbunt leises Schnarchen. In der Stube hatte die Mutter eine Porzellankumme auf die Ofenplatte gestellt und drei Nüsse hineingelegt. Durch Kumme und Nüsse sprach sie mit ihrer heimkehrenden Tochter. Lag nur eine Nuß darin, so sagte sie: ›Ich bin im Dorf‹. Wenn zwei Nüsse drin lagen: ›Ich bin außerhalb, vermute aber kleine Fahrt‹. Drei Nüsse bedeuteten ›große Fahrt‹. Nun wußte Elsbe, daß ihre Mutter vor Tag nicht zurückkehren werde. Bei Fritz Otts Frau in Embüren war ein frohes Ereignis fällig. Die Mutter war gewiß zu Fritz Otts Frau geholt worden.

Elsbe zündete Licht an und dachte. Sie dachte an Martins Spukgeschichte. Er hatte so einfach und lebendig erzählt, das hatte bei ihr weggewischt, was zwischen ihnen lag. Das hatte ihr zugleich das Unwürdige, Martins Eifersucht wecken zu wollen, gezeigt. Wunderlich – aber noch wunderlicher, daß sie sich vor Eifersucht nicht zu lassen gewußt, als Martin vor ihren Augen von Dora Pahl geküßt worden war.

Nach Martins Gespenstergeschichte könne man nicht mehr ruhig zu Bett gehen, hatte Peter Gürck gesagt. Als sie nun einsam in der Sternkate saß, war es ihr auf einmal unheimlich, allein in dem abgelegenen Häuschen zu sein. Sie mußte immer an den hellen Glanz denken, der auf die Bettdecke gefallen war, an das Gesicht, das sich über den Kleinen gelehnt hatte.

Auf einmal... Sie springt auf und steht mit flackerndem Licht auf der Stubenschwelle. »Ist da wer?« ruft sie. Sie ruft es laut in die schwarze webende Finsternis hinein. Sie hat ein Geräusch auf der Diele gehört. Und als sie ruft, stöhnt es wie Klage von der Diele her. Und noch einmal schreit sie auf und läßt das Licht fallen .. Es erlischt – sie ist im Dunkeln. Es ist ihr gewesen, als ob ein Hauch ... ein weicher, haariger Hauch . .. etwas Unkörperliches, als wenn ein Gespenst an ihren Kleidern vorbei in die Stube geschlichen sei.

»Ich will fort, ich will fort, ich will hier nicht bleiben«, jammert Elsbe und tappt nach Reibhölzern, erst vergeblich, dann findet sie, gottlob ... Sie läßt den Funken aufflammen ... sie sammelt den Lichtstumpf auf... er wird wieder hell. Aber noch einmal schreit sie laut auf und faßt nach ihrem Herzen. Ein großes schwarzes Tier sitzt auf ihrem Stuhl und blinzelt sie mit glühenden Augen an.

»Miau, miau«, sagt das schwarze Tier und leckt sich mit roter Zunge... die Katze der Sternkate. Das also war das Gespenst! Musche Mau ist, als Elsbe mit flackerndem Licht auf der Schwelle stand, unter ihr weg in die Stube gekrochen.

»Musch, was hast du mich bange gemacht!«

Sie nimmt sie auf den Schoß, setzt sich in den Lehnstuhl und lacht... versucht wenigstens zu lachen.

Aber so gesund Elsbe sonst auch ist– es ist ein hysterisches Lachen. Sie ist aufgeregt, sie fühlt, daß an Schlaf nicht zu denken ist.

Aber sie weiß, was sie will. Sie will nach Büngershof gehen und Jägers bitten, sie über Nacht zu behalten.

Der Fußsteig von Büngershof nach Altenhof führt über den Reesenkamp. Der Reesenkamp ist früher Wald gewesen, aber eine umfangreiche Buschwiese geworden, zwar mit Vieh beschlagen, aber immer noch jungfräulich mit ausgerodeten Baumstümpfen und deren Schößlingen besät.

Der Himmel war, als Martin nach Hause ging, zwar klar, und der Mond in vollem Glanz; in den Gründen aber lagerten weiße, aus Dunst und Nebel gewobene Wolken. Der Fußsteig schlängelte sich auf dem Kamm des Geländes hin; so schritt Martin Uhrhammer wie auf Bergeshöhe einher. In dem weißen Nebel lag hier und da etwas Dunkles. Mitunter waren es Büsche und Baumstümpfe, mitunter Kühe, und Kühe und Büsche waren in Duft und Nebel und Schlummer versunken. Martin Uhrhammer erkannte nicht gleich und unterschied sie nicht gleich. Bald stand ein Busch verdrießlich vor seinem Schritt auf und ging brummend in den Nebel hinein – der vermeintliche Busch war eine Kuh. Bald blieb eine Kuh oder das, was Martin dafür gehalten hatte, liegen, weil es eben keine Kuh, sondern ein Busch war.

Nach dem Reesenkamp kommt ein Birkenwäldchen, nicht tiefer als zehn Schritt. Das steht schon auf Altenhofer Grund; bei Tage sieht man vom Saum aus die roten Dachziegel des Backhauses vom Hof. Auf das Birkenwäldchen folgt eine hohe, trockene Weide; dort lag der Mondschein wie dünner Graupelschnee am Boden. Und was sich darüber erhob, jeder Busch und jeder Strauch, schwang sich wie zum Äther empor.

So log und trog der Glanz der Nacht. Was vor ein paar Schritten noch wie aus dämmernden Fernen nach Form und Umfang gerungen, stellt sich plötzlich, wie aus Himmelshöhen herabgefallen, klar und nüchtern vor Martin hin.

Er nahm den Steg über einen Knick und fand sich auf gepflügtem Feld frisch gebrochener Roggenstoppeln. Die Ackerfurchen glänzten im Mondlicht wie verklärtes Land. Ein frommer Trug täuschte weiße Freude künftiger Jahre vor. Der Wall der folgenden Koppel lag sogar einer Wolke gleich in der Luft und war doch ebenen Schritts zu erreichen.

Nun fiel das Gelände in gefälligem Bogen nach einem schmalen Tal hinab, das der Ruhmesbach durchfloß. Martin Uhrhammer war noch auf der Höhe und stand still. Ringsum schwieg und atmete die Nacht, aber inmitten der schweigenden Nacht war ihm, als höre er leichte Tritte und sehe ein dunkles Etwas in der Richtung des Steigs. Aber Mondschein und Nebel verwehrten ihm das Festhalten von Linien und Form. Der Scheuerpfahl konnte es nicht sein, der stand weiter links. Es hoben sich auch immer deutlicher Schritte von der Stille ab. Und dabei ein Rauschen wie von Frauenröcken. Es war klar, es kam ihm jemand entgegen.

Und was noch vor einer Minute in webender Gestalt umgegangen war, wurde ein Mädchen und sprach als Elsbe Wulffen auf ihn ein. »Büst du dat, Matten?«

»Ja.«

»O, Matten, dat is schön, dat ik di drop. Ik bün so bang.« Und sie erzählte von ihrer Angst.

»Ja«, entgegnete Martin. »Ja, Elsbe, denn hilft das nicht: wer Schaden macht, muß Schaden bessern. Nun müssen wir sehen, wie wir es wieder zurechtbringen.«

Und beide gingen zum Bach hinab, auf dem Steg hinüber, bogen rechts nach der Sternkate ein dunkles Redder hinauf und kamen durch ein Drehkreuz in den Garten der Wulffen oder vielmehr in ein dazu gehöriges Tannengebüsch. Und unter dem Tannendach stand eine eichene Bank.

Als Martin und Elsbe unter den Tannen hingingen, fragte sie, wie sie bei Hans Jäger auf Büngershof gefragt hatte: »Matten, büst mi na dull?« Auf Büngershof hatte Martin Uhrhammer geantwortet, wie wir wissen, dort hatte ihn etwas Fremdes angekrallt, hier im Garten der Sternkate antwortete er gar nichts, setzte sich rasch auf die Bank, riß die, die ihn gefragt hatte: »Büst mi na dull?« auf sein Knie nieder, umfaßte sie mit langen, mageren, harten Armen, preßte sie an seine hagere Mannesbrust und küßte sie wild und stürmisch auf den Mund.

 

In den ersten beiden Stunden nach Mitternacht lag das weite Dorf in tiefer, durch nichts unterbrochener Ruhe. Zwar stieg hier und da ein Lachen auf, aber das unterstrich sie eher, als daß es sie störte. Einmal kam es von der Heckenreihe her, einmal aus der Richtung von Binsenbrooksdamm, es fiel aber rasch in die Stille zurück – die Lacher zweifelten an ihrem Recht, bei so später Stunde laut zu sein.

Die letzten Gäste von Büngershof waren zu Hause; nun verstummte alles, nur nicht die Stimmen und Rufe der Nacht.

Und noch immer schien und wanderte der Mond. Voll und satt – erst über das große Torfmoor, das nach Süden liegt, dann über die Wiesen hin nach dem Hechtsee zu. Und immer sah er gelb und still und ruhig nach der Sternkate hin, die Stubenfenster des Häuschens beleuchtend.

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