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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 24
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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2

Am folgenden Morgen spannte Martin an, nach dem Kirchdorf zu fahren und den Sack Grütze zu holen. Er nahm den gelben Kastenwagen, die beiden Schimmel und, weil Sonntag, das neue Silbergeschirr. Das Handpferd band er, da es jung und flüchtig war, an des Leitpferds Bug.

Er hatte als Feldartillerist gedient, war sogar Unteroffizier dieser Waffe, war groß und stark, wußte mit Pferden umzugehen. Flott rollte das Gefährt aus dem Hecktor, die Rosse wollten zum Galopp ansetzen, durften aber nur tanzen und sich die Schaumflocken auf den Rücken werfen. Licht und warm stieg der Tag herauf, durch die Gebüsche des Knicks leuchteten fernher die heimischen Wiesen im Sonnenglanz.

Bei Bock und Vollert ging es vorbei, nach wenigen Minuten (der Bauernhof Lust liegt am Rande) fuhr Martin in die Niederung hinab. Gradeaus der alte Fährdamm. Früher, als die Furt noch durch den Hechtsee ging, ein breiter Verbindungsweg, jetzt nur noch ein Heuweg. Seitdem die Aubrücke gebaut ist, fahrt man links unter der Höhe hin. Bei der Brücke mündet auch der über die Koppeln leitende Fußsteig.

Ein alter, langer, grader Mann stellt sich mitten im Wagengeleise auf, das ist Peter Bauervogt, der nun schon manches Jahrzehnt das Zepter in Händen hält. Er hat was Biblisches, was Prophetisches in Bart und Antlitz, hat ein lachendes, verwittertes, von Wind und Wetter und Gesundheit gedörrtes Faltengesicht. Er ist ein Allerweltskerl, heißt deshalb auch im ganzen Dorf ›Ohm‹.

»Dag, Matten, – wullt na Hamaschen?«

»Ja, Ohm.«

»Denn hest ari langn Weg!«

»A, dat's wull ni so stimm.«

»Wullt wiß œwer de Brügg.«

»Ja, wonem schull ik denn sünst oewer wulln?«

»Ja, min Jung, dat geit man ni.«

»Worum geit dat ni?«

»De Brügg is twei.«

»A wat!«

Und Peter-Ohm erzählte, wie die Brücke schon längst nicht mehr getaugt habe und daß es ein Wunder sei, wenn es ohne Unglück abgegangen. Heute Morgen aber, als Hinnerk Martens, der Maschinenmensch, mit seiner Lokomobile hinübergefahren, sei der letzte, am andern Ufer stehende Pfeiler eingeknickt.

Peter-Ohm zeigte genau, wie der Maschinenmann zur rechten Zeit auf die Pferde losgeschlagen und mit einem Ruck die Last aufs feste Land gebracht habe und wie hinter dem Gespann Bohlen und Better in die Tiefe gedonnert seien. Die Brücke habe ein ellenlanges Loch. Er habe den Weg gesperrt, damit kein Unglück geschehe, wolle auch dem Amt gleich Nachricht geben. »Verdommig!« flüchte Martin Uhrhammer.

»Ja, bat segg man mal«, fiel Peter ein und redete weiter. Der, den Peter-Ohm hatte, mußte Geduld haben.

Er hatte Vorliebe für Rechts- und Verwaltungsfragen, er bildete sich ein, als Vorsteher der Gemeinde klüger als mancher Advokat geworden zu sein. An Martin Uhrhammers Wagen stehend, vertiefte er sich in die Frage, wer die Reparatur oder gar den Neubau der Brücke zu zahlen habe, handschlagte mit der Rechten und legte, seine Rechtskenntnisse rühmend, die Linke auf die Wagenleiter. Er erzählte bei Darlegung seiner Vorzüge Geschichten, die Martin nicht zum ersten mal hörte. Wie schwer er seine Wirtschaft angefangen und daß er sich jetzt mit jedem im Kirchspiel messen könne, was für Zeiten er durchgemacht habe und wie er unter die Obrigkeiten gekommen sei.

Martin hob die Peitsche. »Es wird meine Zeit, Ohm, Mittag will ich zu Hause essen. Also, du meinst, da kann ich nicht durch?«

»O, du, was du dir einbildst, da kann keine Katz hinüber. Die Taglöhner von Steinberg machen alles fest zu. Sieh man mal!« Peter legte die Hand als Dach über die Augen.

Die Pferde hatten schon angezogen. Aber Martin Uhrhammer hielt wieder an, um selbst hinzusehen.

Drei Punkte, die Männer sein konnten, bewegten sich von der Brücke nach einem Hof zu, der nicht weit von der Brücke am Rande des Ackerfeldes lag.

»Und was ist das für einer, der übern Fußsteig gekommen ist? Er ist jetzt dicht bei der Brücke.«

Peter-Ohm prahlte mit seinem guten Gesicht. »Der Mann ist eine Frauensperson«, lachte er.

»Ja, wahrhaftig. Nun muß ich aber! – Adjüs, Ohm«.

»Gode Reis'!«

Zwanzig Schritte lagen schon zwischen ihnen, Martin schnalzte mit der Zunge und fuhr rasch davon, aber noch einmal rief er »Brr!«, brachte die Pferde zum Stehen und drehte sich nach dem Ortsmonarchen um.

Ihm war eingefallen, wie die Verbindung mit Hamaschen herzustellen sei, wenn die Militärmanöver auf dem Todendorfer Vierth anfingen, bevor die Brücke instand gesetzt sei.

»He!« rief er, und Peter-Ohm kehrte um.

»Peter-Ohm«, rief Martin, »Peter-Ohm!« Und er fing an und setzte seine Frage auseinander. »Wo soll man längs fahren, wenn die Brücke entzwei ist und wenn im Lager geschossen wird und man da auch nicht durch kann?«

Peter lachte. »Martin, wozu ist denn der Langweg da?«

Der sogenannte Langweg ging nach Osten durch den gleich hinter dem Dorf aufsteigenden fiskalischen Wald in einem großen Bogen über Embüren, Wiesbeck ... und so weiter.

»Ohm, du meinst, da ganz rum?« Und Martin schlug einen gewaltigen Bogen mit der Peitsche.

»Ja, Martin, weißt du einen andern?«

»Das sind ja fünf Stunden.«

»Das wird wohl so sein.«

»Da bedank ich mich vielmals für.«

»Nu, der Weg über Todendorf ist ja heut nicht gesperrt. Ich machs immer durch Bauerzettel bekannt.«

»Es könnte aber doch mal sein.«

»Das ist wahr. Unmöglich ist es nicht.«

»Wird die Brücke denn wenigstens bald gemacht?«

»Das weiß ich nicht, ich bin bang, da kriegen wir noch 'n Prozeß um.«

»Aber da kann das Machen doch nicht nach warten?«

»Ist auch meine Meinung, Martin. Und das Amt wird auch wohl sehen und anordnen. Aber bis das zurechtgeschrieben ist ... oha!«

Er lachte und redete mit beiden Händen in die Luft.

Martin Uhrhammer lachte auch ... »Bauervogt spielen ist auch nicht leicht, was, Ohm?«

Peter Bauervogt winkte nur noch mit ergebungsvoller Hand und mit heiter-kummervollem Gesicht.

 

Im Weiterfahren kratzte Martin sich den Kopf. War auch der Weg über Todendorf offen, das war zu weit, das wollte er nicht, umkehren noch weniger.

›Wie wäre es mit der alten Furt? Soll ichs wagen? Das Wasser steht nicht hoch, und das Wetter ist trocken. Da ist eigentlich gar nichts bei.‹ Und wie er das gedacht hatte, schnalzte er wieder und ließ die Pferde traben; erst wollte er nach der Brücke hin und sehen.

Aber er gewahrte schon von weitem, daß nichts zu machen war, so stark und roh war die Einfahrt mit Latten und Brettern vernagelt. Die Tagelöhner von Steinberg hatten ihre Sache gründlich gemacht. Und bei der Brücke vor der Sperre stand die Frauensperson, die über den Fußsteig gekommen war. Und als er näher kam ... sieh, eine großgewachsene, biegsame junge Bauerndeern. Und immer klarer trat die Gestalt und traten die Züge hervor. Nun wandte sie sich um, sah nach Martin Uhrhammer hin und ... lachte. Es war ein frisches Gesicht mit hochgeschwungenen Augenbrauen und einem weichen Mund . .. Ihr Haar war braun der Wind zauste es in der Schläfengegend auf.

»Elsbe!« rief Martin Uhrhammer.

»Martin!« antwortete sie.

»Wullt na Hamaschen?«

»Ik wull woll, awer de Welt is hier so mit Bräd tonagelt.«

»Ja, Elsbe, ik wull ok hin, denn könt wi ja tosam.«

So fand Martin Uhrhammer, als er einen Sack Grütze holen wollte, seine Herzenskönigin an der Steinberger Brücke.

Persönlich waren sie längst miteinander im Reinen. Früher war Elsbe einige male auf Dora Pahl eifersüchtig gewesen in der letzten Zeit ging es besser. Dora Pahl hatte auf Altenhof ausgeholfen, sie sah gut aus, war liebebedürftig und ein bißchen aufdringlich mit ihrer Liebe. Wenn Elsbe in Eifersucht verfiel, dann tanzte sie in Gelagen mit dem schmucken Schneidergesellen Friech Gripp. Einmal hatte Martin gleiches mit gleichem vergolten und Dora nach Hause gebracht. Das probierte er nicht wieder, es hatte schwer gehalten, das wieder zurecht zu biegen.

Mutter Wulffen wollte Elsbe lieber an den Bauern von Dückerswisch, einen reichen Witwer, verheiraten. Von der Seite war aber keine Gefahr, das Mädchen wollte ihn nicht. »Und wenn er in goldener Kutsche käme, den nähme ich nicht«, sagte sie.

›In goldener Kutsche.‹ Ganz weit hergeholt war das Bild nicht, denn die Verhältnisse auf Dückerswisch waren sehr günstig. Nicht so in Ordnung war es mit Jürn Alpens Ruf und mit seinem Ansehen. Er hatte den Beinamen ›Trostkloß der Witwen und Waisen‹, es traf sich nicht selten, daß er, wenn ein Ernährer weggestorben war, mit einer Forderung oder gar mit einem Papierchen kam, dessen Berichtigung von dem Verstorbenen vergessen worden war.

Mutter Wulffen meinte, Elsbe müsse vor allen Dingen auf eine gute Brotstelle sehen. Sie hatte zwar die Sternkate zu eigen, ihre Umstände waren aber nicht besonders. Ihr Mann hatte Ewerschiffahrt auf der Eider getrieben, war tüchtig und fleißig gewesen, hatte aber eine Schwäche für das Spiel gehabt. Vor jetzt vielleicht zwei Jahren ist seine Leiche im Fluß gefunden worden; es steht nicht einmal fest, ob sein Tod ein unfreiwilliger gewesen ist.

So stand es mit Elsbe Wulffen, die jetzt vor der mit Brettern zugenagelten Brücke mit Martin Uhrhammer sprach. »Dann können wir ja zusammen«, hatte Martin erwidert.

»Ja, wie denn?« hatte sie gefragt.

Das Schutzleder schlug Martin zurück und rückte zur Seite. »Komm, spring auf!«

»Sollte es gehen?«

»Warum sollte es nicht gehen?«

»Und denn übern Vierth?«

»Ich weiß einen näheren Weg. Hast schon mal von der Furt durch den See gehört?«

Elsbe wußte nichts, Martin erzählte.

Als die Brücke noch nicht gebaut war, ging die ordentliche Fahrt zwar über Todendorf; bei trockenem Wetter wurde aber eine Furt durch den Hechtsee gewählt, die mit Besenbaken abgesteckt war. Da ist gelber Sandgrund, nur einige Rinnen und Priele gehen tiefer hinein. Nach Herstellung der Brücke ist die Furt in Vergessenheit gekommen, und die Besenbaken sind von Wind und Wetter und Eis zerstört und weggetrieben. Aber der Grund ist noch der, der er war. Als Stine-Mersch sich nach Falkenstein, das hinter dem Hechtsee liegt, verheiratet hat, ist Martin (er war ein junger Knabe) zweimal mit seinem Vater durchgefahren, um sie in Falkenstein zu besuchen. Es ging ganz gut, das Handpferd fiel nur einmal in ein Loch, kam aber auch gleich wieder heraus.

»Elsbe, willst mit?«

»Ja, denn man zu!«

 

Eigentlich hätten sie bis zum alten Fährdamm bei dem Bauernhof ›Lust‹ zurückfahren müssen, Martin aber dachte: warum sollen wir uns vor Menschen zusammen im Wagenstuhl zeigen? Er kannte einen Richtweg über die Wiesen an der Au längs. Es war nur eine Servitut, eine Felddienstbarkeit der Nachbarn, und ein halbes Dutzend mal mußte Martin Uhrhammer absteigen. Schlagbäume und Hecktore zu öffnen und zu schließen. Dann kamen sie an den alten Fährdamm.

»Wat blänkert dor?« fragte Elsbe Wulffen.

»Wat meenst du?«

»Dat dor.«

Und sie zeigte mit der Hand geradeaus. Die Verlängerung traf ein Schiff im Eiderstrom, aber das meinte sie nicht, sie meinte etwas, das ganz nahe war, sie meinte den Hechtsee selbst.

Der Hechtsee ist eigentlich nichts als der zu einem breiten Becken ausgeweitete und vor einem Sandstreifen aufgestaute Austrom. Meilenweit läuft der runde Sandrücken vom Stadtfelde her durch die Niederung, seine gelben Wurzeln bilden in der Richtung der Furt in flachem Wasser einen reinlichen, harten, nur hier und da von Prielen durchzogenen Grund. Er ist von einem breiten Schilf- und Binsensaum eingerahmt, und aus Schilf und Binsen leuchtete das Wasser jetzt zu Martin und Elsbe herüber. Es glänzte wie dunkler Stahl, zuweilen liefen Funken darüber her, sprühten Diamanten und Sterne auf. Wie ein frommer, auf breiten Flügeln herabschwebender Engel war ein guter Wind vom Himmel gekommen und hatte, wie zu heiliger Zeit im Teich Bethesda, milde Wellen bewegt. Und vor dem See auf Hans Horns Bultwiese ragte auf dem rund abfallenden Sand eine kleine, windfeige, gichtbrüchige Eiche auf. Daran fuhren sie links vorbei und dann hinein – jawohl, hinein in den See.

»Ich erinnere das noch von Vater her, wir wollen es uns aber für künftige Fälle merken«, sagte Martin. »Links von der Eiche müssen wir hinein.«

Aber sie taten es noch nicht gleich, noch waren die Tiere auf der Rundung des Ufers, noch waren sie auf trockenem Land. Aber der Wind bog Schilf und Binsen nieder, und die Binsen verbeugten sich nach dem Wagen hin und winkten Martin und Elsbe zu, kamen wieder hoch und sagten: ›Man immer zu, es ist gar nicht gefährlich.‹ Im breiten, blinkenden Wasser rauschten und flüsterten kleine Wellen auf, und auch die kleinen, blinkenden Wellen ermunterten: ›Fahrt nur ruhig hinein!‹

Aber Martin Uhrhammer tat es noch nicht, er sagte »Brr!«, hielt noch einmal an und zeigte mit der Peitsche gerade über das Wasser weg. »Sieh, Elsbe! Ganz hinten, weit weg, da liegt die Kate. Sie hat vergangenes Jahr einen weißen Schornstein bekommen, und das ist gut, da sieht man sie besser. Da fahren wir immer gerade drauf zu, immer quer durch das Wasser, dann sind wir recht.«

Und nun gings hinein. Erst schnoben die Schimmel ein bißchen; als sie aber merkten, daß sie festen Grund unter den Füßen hatten, da war ihnen die Kühle, die von den Hufen heraufzog, ganz recht. Nach dem ersten Schritt in den Binsen sah man Linien an der Oberfläche des Wassers, wie sie entstehen, wenn Hechte pfeilschnell davonschießen. Die Räuber haben im Schilf und in den Binsen ihr Versteck, um auf die dummen Weißfische und auf die Gründlinge Jagd zu machen. Nun brachen auch noch zwei alte, schwere Enten mit großem Geschrei auf, flogen in die Luft und hätten den Schimmeln beinahe Angst gemacht.

»Verdommig«, sagte Martin, »hätt ich nu ein Gewehr!« Er hatte aber keines, er konnte nichts tun, als die Tiere, die sich wieder im Schilf niederließen, mit den Augen verfolgen.

Die Binsen und Schilfgräser waren hier noch nicht dick und auch nicht hoch, dazu lag zu viel Sand über dem Moor, sie waren dünn und spärlich aufgeschossen. Und gleich darauf wateten die Schimmel im klaren Wasser. Soweit Wagen und Pferde und Wellen den Spiegel nicht verdarben, sah der Grund weißgelb und eben und verklärt und frisch aus. Man hätte jeden Stein sehen können, es waren aber keine da, öfters sah man schon eine Süßwassermuschel im Sand. Dann und wann beugte sich Martin Uhrmacher nach der Mitte des Stuhles und visierte zwischen den Pferden über die Deichsel hin.

»Immer auf die Kate los, die den weißen Schornstein hat«, wiederholte er, »dann kommen wir recht. Ich weiß das von Vater her. Sieh, Elsbe, da liegt sie. Wir sehen sie ganz hell. Wenn wir aber weiter kommen, dann sinkt sie hinter Schilf. Dann müssen wir uns aufs Gefühl verlassen.«

Elsbe plierte auch und fand, daß alles in Ordnung sei.

»Wer wohnt in der Kate?« fragte sie. »Ist das die von Kassen-Ohm?«

Es war die von Kassen-Ohm Schröder und Stine-Mersch, aber Martin verspürte Lust, sein Mädchen zu necken, nannte das Haus Wischberg, ein Ohm von Dorten Pahl wohne dort, und wenn Elsbe mit ihm maule, fahre er Sonntags immer mit ihr hin.

»Junge, Junge!« drohte Elsbe und kitzelte Martin, daß er sich vor Lachen nicht bergen konnte.

»Deern, laß das!« rief Martin, »die Schimmel werden bang, und dann versaufen wir alle vier.«

»Mir ists recht«, sagte sie, »wenn du mit Dorten Pahl gehst, dann man immer rin ins nasse Vergnügen!«

Es war eine Lust, durch den See zu fahren.

Das Wasser und das Land ringsumher und der Himmel darüber her, auch die beiden im Wagenstuhl, alles war Glaube und Liebe und Hoffnung.

Die Räder mahlten so treuherzig über Kies und Muscheln, und die Wassertropfen sprangen so treuherzig funkelnd von den Pferdeläufen auf, der Wind wehte dem Mädchen so treuherzig ins Gesicht, und Elsbe Wulssen und Martin Uhrhammer sollten nicht lieb und nett und treuherzig sein?

Meistens hatte Martin die Zügel in beiden Händen, nun nahm er sie in die rechte allein, die linke suchte etwas unter dem Schutzleder und fand die warme Hand seines Mädchens.

Sie sagten nichts, sie schauten nur und freuten sich in das sprühende Freilicht der Landschaft hinein. Wie weit konnte man sehen! Näher, als sie wirklich waren, schienen die Binsen des anderen Ufers, sie ragten über das Wasser hinweg. Und über die Binsen bauten sich Holzungen und Hügel auf, da zog sich ein unbekanntes Land in großen, blauen Linien hin. Elsbe war alles unbekannt und neu, aber alles jauchzte ihr in stummem Einverständnis und in stummer Liebe zu, alles war oder schien emporgetragen, zuweilen war ihr, als hingen Wälder und Berge in hoher, vor Freude zitternder Luft.

Die Richtung, die sie inne hielten, leitete das Gefährt durch eine kleine, von grünem Gras überzogene Fläche. Martin führte die Rosse vorsichtig heran, ob der Grund auch fest sei. Er war es, und rüstig ging es durch das schwimmende Grasinselchen. Auf einmal sprangen die Pferde beiseite, ein großer unbekannter Vogel hatte sich lärmend und flügelschlagend vor ihnen in die Luft gehoben. Aber Martin beruhigte die Schimmel durch Anziehen der Zügel, durch Erheben der Peitsche, vor allen Dingen aber durch seinen versöhnlichen, tröstend klangvoll in die Höhe gehenden und väterlich dumpf, niemals erfolglos verhallenden Ruf.

Und gleich nach der Grasinsel kam die erste tiefe Stelle. Martin Uhrhammel war immer besonnen. Er redete den Pferden vernünftig zu, nannte sie bei Namen, lobte das Leitpferd und tadelte das Handpferd, aber in liebreichem Ton – da überwanden sie die Angst. Und es ging ganz gut, nur war Wasser in den Wagenkasten gestiegen und hatte die Sohle überschwemmt.

»Wir werden die Rückfahrt doch über Todendorf machen müssen, sonst wird uns die Grütze naß«, bemerkte Martin.

Sie waren über die Mitte hinaus und sahen bereits die Schraffierungen der Binsen am Ufer. Und immer zielte man über die Deichsel weg auf die schon halb durch den Schilfsaum verdeckte Kate los.

Die Pferde waren durstig geworden, oder die Klarheit des Wassers lockte sie, sie bogen den Hals nach dem blanken Element.

»Brr!« Martin Uhrhammer gab an Elsbe Wulffen die Zügel, stieg über das Wagenheck, ging zwischen den Pferden auf der Deichsel entlang und hakte die Trensen vom Bug. Das Gebiß wollte er nicht lösen, im Wasser läßt es sich schwer wieder antun. Die Pferde trinken dann auch nicht so hastig; das ist, dachte Martin, in jedem Betracht besser.

Als die Pferde satt waren, brachte er das Geschirr wieder in Ordnung, stieg in den Wagen und setzte sich neben Elsbe in den Stuhl. Die Rosse dachten, nun könne man weiterfahren, und Elsbe dachte es auch, aber das war nicht nach des Kutschers Sinn ...

Sie steckten tief in der Einsamkeit. Ein Volk Enten, das geschäftig auf dem Wasser schwamm, ein (der Himmel weiß wie?) hierher verschlagener, in trällerndem Fluge vorübergaukelnder Schmetterling brachte es den beiden in dem Kastenwagen so recht nahe.

Sie steckten tief darin, die Einsamkeit gluckste klang- und verheißungsvoll im Wasser auf.

Wie klar der Spiegel war! Elsbe konnte sich an dem feuchtverklärten Grund nicht satt sehen, die Läufe der Schimmel sahen unter Wasser so komisch geknickt aus.

Plötzlich sagte Martin: »Nu?« Er hatte den Kopf halblinks nach Elsbe hingewandt, hatte schon einige Zeit so dagesessen, blieb auch so sitzen und wiederholte: »Nanu?« Und als Elsbe ihn ansah, sagte er zum dritten mal: »Nanu? Hast du mich denn gar nicht ein bißchen lieb?«

»Nein, du Schlingel«, erwiderte Elsbe Wulffen, faßte ihn aber beim Kopf und küßte ihn.

»Mehr!« befahl Martin Uhrhammer. Da tat sie es wieder.

»Noch einmal!« kommandierte der Artillerist. Elsbe gehorchte, ließ ihn aber rasch aus den Armen.

»So, nun ist es genug. Nun fahr man weiter, Martin Uhrhammer. Bist ein Schlingel!« und wider ihr eigenes Wort kriegte sie den Schlingel noch einmal her und küßte ihn. »Döskopp«, sagte sie, »du bist wirklich ein guter Kerl. Und nun fahr zu!«

»So tu ichs noch nicht«, erwiderte Martin. »Du sollst mir erst was versprechen. Und wenn du das nicht tust, dann schmeiß ich um, mitten im Hechtsee.«

»Du bist ja fürchterlich. Was soll ich denn versprechen?«

»Du sollst mit mir von hier weggehen ... wohin, weiß ich noch nicht... aber von hier weg, wenn wir nicht zusammenkommen können. Und das sollst du mir zusagen, sonst schmeiß ich dich ins Wasser.«

»Dann muß ich wohl ›ja‹ sagen«, erwiderte Elsbe, »und tu es gern ... Wenn es sein muß, gehe ich mit dir in die weite Welt.«

 

Zwei Priele hatten sie noch zu passieren, es ging alles gut, und dann kam wieder Schilf. Zwanzig Schritte fuhren sie hindurch, und wieder verscheuchten sie Gründlinge und Hechte. Etwas waren sie zu weit nach rechts gekommen, aber sie gelangten auch an der gefundenen Stelle gut an Land.

Martin suchte nach einem Merkzeichen für künftige Fälle... »Man kann nicht wissen ...« Aber er fand nichts als einen Pfahl, der gleich hinter den Binsen stand und für das Vieh, wenn es hier weidete, hingesetzt war, die vor Staub und Grind juckende Haut zu scheuern.

Ein Damm war auch auf dieser Uferseite erkennbar, hier wie jenseits führte er durch Schlagbäume und Reckwerk. Den letzten Schlagbaum hatte Martin geöffnet, hatte den Wagen hindurchgezogen und den Verschluß wieder hergestellt. Er stieg aber noch nicht zu Elsbe auf den Wagen hinauf, er blieb bei den Pferdeköpfen und zeigte mit der Peitsche südwestwärts über Wiesen und über die Au hinweg nach einem blau verdämmernden Höhenzug, der zu dem Ackerfeld der heimischen Gemarkung gehörte.

»Kiek, Elsbe, wer wohnt da?« Das, wohin Märten zeigte, sah wie ein Bauernhof aus. »Kiek, wer wohnt da?« wiederholte Martin Uhrhammer.

Elsbe konnte sich nicht gleich zurechtfinden, war aber doch bald orientiert, lachte und sagte zu Martin: »Du bist 'n Schlingel.«

Der Schlingel sah noch eine Weile hin und dann zu Elsbe hinauf. »Und wenn es so kommt, daß man dich partu mit dem da verheiraten will, dann gehen wir zusammen in die Welt.«

»Dann gehen wir zusammen in die Welt.«

»Und müßten wir auch durch den Hechtsee.«

»Und müßten wir auch durch den Hechtsee!« schwur Elsbe ihm nach.

 

Es dauerte nicht lange, da bogen sie in die Hofstelle der Kate, die den weißen Schornstein hatte, ein.

Falkenstein gehörte zur Nachbargemeinde. Wo es lag, da fing das Koppelland, da fingen auch die Knickhagen wieder an.

Kassen-Ohm machte Augen, was da vom Hechtsee her angerollt kam. Er war ein flinker, vom Kopf bis zu den Füßen in verschlissenes Blauleinen gekleideter, alter Mann. Das Sonntagszeug pflegte Kassen Schröder-Ohm erst kurz vor Tisch anzulegen. Die Hautfarbe seines Gesichts war rot und glatt und glänzend, wie man bei alten, gesunden, mageren, von der frischen Luft ausgedörrten Leuten sieht.

»Hi, hoi!« Und er lachte und rieb sich im Lachen die Hände. »Wer kommt da? Das ist ein Durchbrenner. Wer durch den Hechtsee schwimmt, will weiter. Und allein in die Welt, das taugt nicht. Deshalb hat er sich was Junges, was Heißes mitgenommen. Ja, ja, ich sag ...«

Er riß das Dielentor auf und rief ins Haus hinein: »Stine... dor sünd Fremm ... mahl flink paar Kaffebohn dör; Stine, paar Bohn!«

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