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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 20
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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Und erlöse uns...

Für die, die ihn suchen ist der Tod ein bequemer Mann, in der wasserreichen Marsch zumal. Er sieht sie aus Graft und Graben mit blanken, ruhigen Augen an: ›Kommt her, Mühselige... kommt, Beladene! Bei mir ist Ruh, bei mir ist Schlaf... kommt!‹

Am besten machen es die großen Hauptkanäle, ›Wettern‹ genannt. In ihrem Riesenschlangenleibe dehnt sich der große, der nasse Tod: ,Ich bin zehn Meter breit und schwarz und tief, in der Mitte sogar zwanzig Fuß. Ich lösche alles aus, was brennt und quält, ich lösche jede Pein ... kommt!

 

Hinter Thies Thiessens Garten leuchtete ihr großer Wasserspiegel; ein Fußsteig, vom Kruge herkommend, lief am Ufer hin. Vor Jahren hatte der Bauer, als er mal spät daher gekommen, Lichtschein auf den Wellen gesehen. – Ein Licht, das auf Wasser brennt? Jedermann weiß, daß das ,›Tod in den Wellen‹ bedeutet. – Vor überirdischen Mächten hatte Thies Thiessen Angst. Ihm graute. Ging er früher schon selten nach dem Wirtshaus, so vermied er es jetzt ganz. Und um das unheimliche, gefahrdrohende Blinkfeuer nimmer zu sehen, pflanzte er im Garten einen kleinen Waldsaum von Busch und Dorn. Nur ein schmaler Steig führte durch das Gebüsch nach dem Steg hin, von dem aus man das Wasser für den Haushalt schöpfte.

Bauer Thies war ein guter, aber ein heftiger Mann. Sittliche Empörung wurde bei ihm zum Zorn ohne Maß. Er hatte Lust zum Studium gehabt; wegen eines Wutausbruchs gegen den Direktor war er von der Gelehrtenschule weggejagt worden. Da wurde er Bauer wie sein Vater und übernahm den Hof.

Er und seine erste unschöne Frau hatten sich nicht verstanden, das hatte harte Stöße gegeben. Sie war gestorben, da hatte er die junge, lustige Frieda Sassen, die bei ihm gedient, wieder genommen. Die erste Ehe war kinderlos gewesen, Frieda hatte ihm einen Sohn geboren.

Der kleine Junge sah der Mutter ähnlich, um so mehr liebte ihn Thies. Es war sein Fleisch und Blut, aber das Abbild ihrer Augen.

Die böse Wettern sollte ihn nicht bekommen. Deshalb hielt er darauf, daß den Zugang im Garten dort, wo man in das Gebüsch hineinging, immer ein großer Dorn versperrte, den der Kleine nicht heben konnte.

Frieda war sorgloser. Ihr Lachen, sonst sein Trost, machte ihm Verdruß, wenn sie es über seine Sorgen hinschallen ließ. Oft hatte er seine ganze Selbstbeherrschung nötig, den Unmut zu dämpfen. So zum Beispiel, wenn sie sagte: »Da brauchst du nicht bang zu sein. Vor dem Wasser hat Heini Angst wie ein gebranntes Kind vor Feuer. Ich hab ihn getauft.«

Sie hatte ihn vom Steg aus, als er zum ersten mal hinter ihr hergelaufen... einmal... zweimal... dreimal untergetaucht, damit er sehe, wie Wasser tue. Das nannte sie ›taufen‹.

 

Thies war ein paar Tage auf Reisen gewesen, oben nach dem Norden hinauf, Vieh für die Fettweide zu kaufen. Er kam spät am Abend nach Hause und war müde und abgespannt.

»Wie gehts dem Jungen?« Das war immer seine erste Frage.

»Gut, der schläft wie ein kleiner Bär!«

»Frieda!« fuhr er auf.

»Was, Thies?«

»Passe auf, daß er mir nicht ins Wasser fällt. Ich hab den ganzen Tag viel Unruh gehabt.«

»Ach was!« Und Frieda lachte wieder über seine Sorgen hin.

Am anderen Tage mußte er in aller Frühe wieder weg, weil das Landgericht sein Zeugnis forderte.

In der Nacht fand er wenig Schlaf, hatte schwere Träume. Die Wettern und das blanke Wasser, Frieda und Heini... wüste Bilder, nicht zu entwirren. Zuletzt trieb das Kind im Strom. Er wollte hinein, Frieda aber hielt ihn zurück; da schlug er um sich und schlug – auf die Kante seiner Bettstelle. Er fühlte Schmerzen und wachte auf.

Beim Kaffee erzählte er seinen Traum und empfand wiederum Verdruß, als Frieda lachte. Sie strich ihm Butterbrot für die Reise und merkte nicht einmal seinen Unmut.

»Es gibt Träume, die etwas bedeuten«, sagte er mit wichtigem Ton, »Träume, die Gott schickt.«

Sie lachte und entgegnete: »Aus dem Magen kommen sie. Hast gestern abend zu viel Tee getrunken, deshalb hast du so dumm geträumt.«

»Frieda!« rief er und sah sie grollend an.

Aber sie merkte nicht seinen Zorn oder wollte ihn nicht sehen – lachte, schaffte weiter und entgegnete: »Wenn Träume von Gott kämen, müßte ich einen Mann mit rotem Bart haben. Denn das hat mir oft geträumt, als ich noch junge Deern war. Und nun hab ich einen ganz schwarzen Kerl.«

Der Scherz erbitterte ihn, auf seiner Stirn brütete Gewitter und seine Stimme wurde laut und heiß und unrein: »Ich gäbe was drum, könnt ich zu Haus bleiben und selbst aufpassen. Es ist ein Unglück, eine Frau zu haben, die nicht ernsthaft sein kann. Die immer lacht. Aber ich muß fort, ich kann nur warnen. Es gibt doch Träume, die von oben kommen.« Er erhob drohend seine Hand, eine große, gewaltige Hand. »Aber das säge ich dir: nimm unsern Jungen in Acht!«

Sie begütigte: »Thies, lieber Thies! Wie kannst du nur alles so schwer nehmen! Quäl dich doch nicht! Ich werde auf Heini passen, gehört er ja mir wie dir.«

Bis zum Bahnhof war eine gute halbe Stunde, er mußte fort, sie zog ihm den Rock an und reichte ihm Hut und Stock. Dann ging sie mit ihm die Diele entlang. Noch vor der zweigeteilten Ausgangstür wollte er umkehren, den Jungen zu sehen. Sie aber bat, es nicht zu tun. Der kleine Bengel schlafe zu süß. Da verzichtete er, er hatte auch keine Zeit mehr.

Aber noch einmal trat der große, ungeschlachte Mann drohend hin vor seine Frau, ein unheimliches Leuchten in den Augen: »Komm ich zurück, und Heini ist was passiert, ich fordere ihn von dir, und ginge es um dem Leben!« Damit ging er.

»Guter Bullerjahn«, lachte Frieda hinter ihm her. »Ich bezahl alles, und koste es mein Leben.«

Der Abendzug, der den Verreisten aus der Stadt zurückbrachte, kam mit einer Stunde Verspätung. Und dessenungeachtet fand Thies Thiessen seinen Nachbarn Bruhn am Bahnsteig.

»Thies, verschreck dich nicht! In deinem Hause ist was passiert.«

Der Angeredete wurde bleich wie der Tod. »Mit Heini?« fragte er.

»Er ist ertrunken?« fragte er weiter, packte den Nachbarn am Handgelenk und sah ihm stier in die Augen. Seine Stimme war stumpf und schwer.

»Ja«, war die Antwort.

Boie Bruhn erschrak über Thies Thiessens Ahnung, noch mehr über dessen versteintes Angesicht. »Deine Frau«, fing er schüchtern an, »hat keine Schuld, sie hat vor der Tür nach dem Garten hin Zeug gewaschen und Heini hat sie bei sich gehabt. Da ist Dorten Reimers gekommen, ein Plättbolzen zu leihen. Die Mädchen haben nicht dazu gekonnt, es ist im Schrank eingeschlossen gewesen, Heini muß gleich hingelaufen sein.«

»Und der Dorn?« keuchte Thies.

»Der ... der«, stotterte Boie, »den hatte Frieda auf die jungen Erbsen gelegt.«

Thies Thiessen verstummte. Ein ungeheurer, bleicher, schwerer Zorn band ihm die Zunge. Er zerstörte viel in ihm, was ihm lieb gewesen war. In dem Augenblick aber empfand er ihn als Wohltat, denn er minderte seinen Schmerz. Thies wird ein Richter zum Grausen sein, und just so will er. Was er tun wird, weiß er noch nicht. Aber was auch geschehen wird, ihr kann kein Unrecht widerfahren. Wie ein Blutrichter ging er neben Boie her.

»Thies«, sagte der Nachbar, als er weg ging und den Freund allein in die Wohnung ließ, »ich weiß nicht, was du vorhast. Besinn dich, tu Frieda nichts zuleide!« Auch darauf antwortete Thies nicht.

Die Leiche war im Wohnzimmer aufgebahrt, da wollte Frieda ihren Richter empfangen. Den Kleinen hatte sie vielleicht noch mehr als er, hatte ihn auf ihre Weise geliebt. Was er auch über sie verhangen mochte, ihrer Last konnte kein Lot mehr hinzugetan werden.

Als er eintrat, wußte sie: das war das Ende. So schrecklich steinern sah er aus. Das betrübte sie nicht, aber ihren Mann, der so viel besser war als seine Taten, bedauerte sie.

Spiegel und Fenster waren verhängt, Lichter flackerten über die Leiche hin. Das Gesichtchen schien runder noch als im Leben, die Lippen zu einem Lächeln geschürzt. Die Mutter stand hinter der Bahre. Thies Thiessen sah nicht nach seinem Sohn, er sah nach seiner Frau. Und wie er sah, daß sie des Lebens quitt war, erhöhte es seinen stummen Zorn.

Er ging in schweren Stiefeln und mit langen Schritten auf sie zu. Der Fußboden erbebte, ein Porzellanmännchen auf dem Schrank klirrte. Und dann fing er an zu sprechen, und seine hohle Stimme hatte nichts Menschliches mehr: »Ich müßte es eigentlich tun und dich töten, ich will es aber nicht. Ich sage nur das eine: Keine Minute länger in meinem Hause!« Er öffnete die Stubentür und schrie, als sie zögerte, daß die Fenster klirrten: »Hinaus!«

»Schrei nicht so!« antwortete sie leise. »Heini schläft. Weck ihn nicht!« Und sie nahm ein Wolltuch, das an der Wand hing, schlug es um den Kopf und knotete die Zipfel unter dem Kinn. »Brauchst nicht so zu schreien«, wiederholte sie, »ich höre ganz gut.«

Und dann ging sie hinaus. Auf der Diele brannte eine trübe Küchenlampe. Er schritt seinem zur Gartentür gehenden Weibe nach, überholte sie und stellte sich ihr in den Weg. Und sein Zorn riet ihm, ihr einen Denkzettel mitzugeben und ihr ins Gesicht zu schlagen.

Sie blickte ihn an und erriet seine Gedanken und sah ihn an und zwang mit ihrem Auge die schon zur Faust geballte Hand, daß sie sich senkte. »Tu es nicht, Thies!« Sie sprach ganz leise, die alte, frohe Sanftmut noch immer im Ton. »Tu es nicht. Mir würde es nichts ausmachen, aber dir! Ich fürchte, du wirst ohnehin schwer an dieser Stunde zu tragen haben. Adjüs, mein Thies.«

Die Seitentür klappte hinter ihr zu, er hörte sie auf dem Steinpflaster, das das Haus umgab; dann wurden die Schritte dumpf, sie verhallten nach dem Garten hin.

Und dann saß Thies Thiessen in seiner Stube und starrte das tote Söhnchen an.

Es dauerte lange Zeit, bis ihm klar geworden war, was geschehen sei. Daß er allein sei ... ganz allein ... sein Sohn tot, sein Weib auf Nimmerwiederkehr gegangen.

Und wieder erinnerte er sich ihrer Schritte, wie sie nach dem Garten hin verklungen waren. Hinter dem Garten ist das große Wasser ... und auf einmal wurde es ihm klar, daß sie gegangen war, den Tod des nassen blanken Erlösers zu suchen.

Wie ein Schwert durchfuhr es seine Seele. Kein Wort, kein Seufzer kam über seine Lippen, und doch war ihm, als schreie er zu Gott, dem Herrn.

Er stürmte hinaus in die Nacht, nach dem Wasser hin, fand nur Kopftuch und Schuhe seiner Frau; – die Leiche barg man erst am folgenden Tag.

 

Als man die Toten bestattete, beklagte der Geistliche den tiefgebeugten Thies und verwies auf die Arbeit. Der aber dachte: ›Ich weiß was Besseres. Die Wettern ist tief und stumm, der Pastor ahnt nicht, was ich leide, kennt nicht die Größe meiner Schuld und nicht die Tiefe meiner Reue. Ich gehe denselben Weg, den sie gegangen ist.‹

Und die von den Adlerfängen seines Gewissens geschlagenen Wunden nahm er mit sich nach seinem öden Heim. Er wollte sterben, darin fühlte er sich fest und kostete vorweg die ihm geschenkte Erlösung.

Ein paar mal freilich schoß der Gedanke in ihm auf: »Wie? Wird mein Gewissen wirklich stumm sein? Wird alles aus sein? Oder hat der Priester recht? Ist Arbeit auch jetzt noch meine Pflicht, ist die meine Erlösung?«

Und er besuchte noch einmal alle Felder und Fennen des von ihm so sorgsam gepflegten Hofes. Aber dasselbe Ergebnis: ›Für mich bleibt nur das ... die Wettern.‹

Zum ersten mal vermißte er die harten Steine in der Marsch. Denn er wollte die Taschen seiner Kleidung vollstopfen, um rasch und tief hinab zu kommen. Er fand aber ein paar von der letzten Reparatur des Backhauses zurückgebliebene Ziegelsteine, zerschlug sie mit dem Beilrücken und steckte die Brocken zu sich. ›So wird es gehen.‹ Wenn er vom Ende des Steges wegsprang, kam er weit weg nach der Mitte zu, wo die schwarze Tiefe gähnt.

Aber als er aus der Seitentür ging, rieb er sich die Augen ... Es war ihm gewesen, als ob ein weißer Schatten vor ihm stehe und die Hand warnend erhebe ... Und als er vom Garten her, dort, wo früher der Dornbusch lag, bei dem Waldsaum angelangt war, sah er es wieder.

Aber es war nichts als Blendwerk. Wenn er die Augen rieb und fest hinsah, war nichts zu sehen. Er ging in den dunklen Pfad und entschloß sich, sobald er wieder im Freien sei, im vollen Lauf nach dem Steg hin und über den Steg hinweg zu stürmen.

Und er versuchte es auch, prallte aber zurück.

Denn vor dem Steg stand eine weiße Frau: seine Frau, ein Kind... sein Kind in der Linken, die Rechte hoch erhoben und mit der hocherhobenen Rechten nach dem Hofe weisend.

›So sühnt man keine Schuld. So macht man kein Gewissen stumm. Durch Schuld und Reue geht des Menschen Weg, das ist sein Los. Und Arbeit heißt sein Heiland und Erlöser.‹

Und aus Abend und Nacht ward Morgen und ein neuer Tag.

 

Und als er angebrochen war, streckte und dehnte sich der große Tod mit nassem Schlangenleib in den Wettern und gierte nach Thies Thiessen mit blankem Auge aus.

Der aber zog mit Roß und Pflug hinaus aufs freie Feld...

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